Bücherbrief

Schafe verstehen heißt Kultur verstehen

12.06.2017. Saleem Haddads Roman "Guapa" über ein Coming Out in Arabien, erschienen im kleinen Albino Verlag, hat viele Kritiker tief beeindruckt. Ebenfalls viel empfohlen: der "fulminante Spion- und Liebesthriller" "2017" von Olga Slawnikowa. Zu den meist empfohlenen Sachbüchern gehört Ulrike Guérots Streitschrift "Der neue Bürgerkrieg" über "das offene Europa und seine Feinde".
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Weitere Anregungen finden Sie der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Saleem Haddad

Guapa
Roman
Albino Verlag, Berlin 2017, 400 Seiten, 16,99 Euro

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Zerrissen zwischen revolutionärem Aufbruch und reaktionärem Rollback ist die Gesellschaft, die der in Kuweit geborene Autor Saleem Haddad in seinem Debütroman "Guapa" schildert. Zerrissen ist auch der Protagonist, der in einem nicht näher genannten Land im Nahen Osten mit seiner Homosexualität zurechtzukommen versucht. Komprimiert auf 24 Stunden gelingt es dem Autor, zugleich die Coming-Out-Geschichte eines jungen Arabers und einen hochpolitischen Roman über den arabischen Frühling und das Pendeln zwischen Militärdiktatur und islamischem Regime zu schreiben, staunt Katja Thorwarth in der FR. Haddad macht nicht nur begreiflich, welchen Repressalien Homosexuelle ausgesetzt sind, sondern vermag auch die inneren Konflikte seines Helden zu schildern, versichert Jonathan Fischer in der SZ: Wenn Rasa sich von dem Islamistenführer Ahmed angezogen fühlt oder von seiner Großmutter Teta entdeckt wird, verfolgt Fischer einen "Tanz um die eigene Scham", der mit keiner Coming-Out-Geschichte der westlich-liberalen Gesellschaft verglichen werden kann. So entwickelt das Buch "keinen harmlosen Sog, sondern einen Mahlstrom, der einem die letzte Träne entreißt, aber einen auch verzaubert lächeln lässt", wie Stefan Hochgesand in der taz beeindruckt feststellt.

Olga Slawnikowa
2017
Roman
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2016, 460 Seiten, 25 Euro

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Der Titel lässt eine aktuelle Zustandsbeschreibung vermuten, doch tatsächlich richtet sich Olga Slawnikowas Roman "2017" gleichermaßen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Im Original bereits 2006 erschienen, nimmt die Autorin darin die russische Geschichtspolitik aufs Korn, angesiedelt im Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution und satirisch bis zur Groteske überzeichnet. Es geht um einen einzelgängerischen Edelsteinschleifer, der von Usbekistan ins Zentrum der Riphäischen Berge kommt und dort in amouröse und politische Verwicklungen gerät, referiert Kerstin Holm (FAZ), die an dem "fulminanten Spion- und Liebesthriller" besonders den "barock ausufernden, durch sinnliche Überschärfe bestechenden Stil" schätzt. Wegen seiner zahlreichen Ausschweifungen und literaturgeschichtlichen Referenzen verleiht Ulrich M. Schmid dem Roman in der NZZ das Prädikat "für fortgeschrittene Leser", weist aber zugleich darauf hin, dass der wenig ausgeprägten inhaltlichen Stringenz eine außergewöhnlich stringente sprachliche Ebene gegenübersteht, weshalb Schmid besonders die "gediegene Übersetzung" dieses "Wortkunstwerks" durch Christiane Körner und Olga Radetzkaja hervorhebt. Weniger begeistert zeigt sich Gisela Erbslöh im SWR: Für sie ist die Lektüre trotz vergnüglicher Passagen insgesamt "weder packend noch berührend".

Lyonel Trouillot
Yanvalou für Charlie
Roman
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2016, 176 Seiten, 18 Euro

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Erstaunlich, welche Fülle Lyonel Trouillot in seinem schmalen Roman "Yanvalou für Charlie" auszubreiten vermag, reibt sich Tobias Lehmkuhl in der SZ die Augen: aus drei Perspektiven erzählt der Autor die Geschichte eines jungen Haitianers, dem der soziale Aufstieg gelingt, bis ihn seine Herkunft aus der Armut einholt. Bis zum tragischen und spannenden Finale gelingt es Troillot, "tempo- und abwechslungsreich" von Vergangenheit und Gegenwart, Stadt und Land und dem Gegensatz zwischen Arm und Reich auf Haiti zu erzählen, schwärmt Lehmkuhl. In der NZZ hebt Irene Binal die "schillernde, lyrisch durchtränkte Prosa" hervor, die den Roman zu einer "bittersüßen Liebeserklärung an das Land und seine Menschen" macht. Und Michi Strausfeld attestiert dem Roman auf Literaturkritik.de unumwunden "Weltniveau". In der FR lobt Andrea Pollmeier die ausgezeichnete Übersetzung von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz. Faust Kultur dokumentiert außerdem ein Gespräch, das Pollmeier im Rahmen des internationalen Literaturfestivals Berlin im Sommer 2014 mit dem Autor geführt hat und in dem es neben "Yanvalou für Charlie" über die Rolle von Schriftstellern und die Bedeutung von Literatur in Haiti geht.

Emmanuel Carrère
Ein russischer Roman
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2017, 282 Seiten, 22 Euro

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Einen Roman im engeren Sinne hat Emmanuel Carrère mit "Ein russischer Roman" nicht geschrieben, stellen die Rezensenten fest. Der Autor selbst kann sich über die Erwartungshaltung nur amüsieren: "Es heißt nicht: 'Ein russischer Roman'. Roman", zitiert ihn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in der Welt. Was ist es also dann? Kämmerlings beschreibt das Buch, in dem Carrère  schildert, wie er sich nach einer Russland-Reise mit dem familiären Trauma um den als georgischer Emigrant nach Frankreich geflohenen Großvater auseinandersetzt, der im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaborierte und nach der Befreiung spurlos verschwand, als "Autofiktion", als "Krisenbuch", "Reisereportage" und "Eifersuchtsdrama" und insgesamt definitiv "virtuos". Carrère verwandelt nicht nur Realität in Literatur und bringt sich dabei als schreibende Instanz mit ein, sondern greift hier in Form von "performativen Sprechakten" wiederum auf die Wirklichkeit zu, staunt Ijoma Mangold in der Zeit. Für Hanna Engelmeier (FAZ) handelt es sich bei dem Buch um Erzählprosa als offene Bekennerschrift, die sich, an der Grenze "zu Meditation, Essay und Reportage" bewegt - und jedenfalls eine "große Gabe" an seine Leserinnen und Leser.

Bandi
Denunziation
Erzählungen aus Nordkorea
Piper Verlag, München 2017, 224 Seiten, 20 Euro

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Literarische Zeugnisse aus Nordkorea sind ganz unabhängig von ihrer Qualität als Sensation einzustufen, so wenig dringt aus der restriktiven Diktatur nach außen. Tatsächlich ist der Band "Denunziation" des unter Pseudonym schreibenden Autors Bandi "das erste Buch, das von einem Autor, der noch in Nordkorea sich befindet, herausgetragen wurde", erläutert der Korea-Experte Eric Ballbach im Gespräch mit Frank Meyer im DLF Kultur. In den sieben zwischen 1989 und 1995 entstandenen Erzählungen eröffnet sich laut Markus Schwering (FR) eine "an Orwell und Kafka erinnernde Alptraumwelt", in der Menschen ihrem Führer und einem repressiven System huldigen, das sie allenthalben zermalmt. Auch Christiane Pöhlmann (taz) erhält kostbare Einblicke in ein absurdes System, in dem öffentliches Weinen als "Auflehnung" gilt und unter Todesstrafe steht, während am Todestag von Kim Il Sung öffentliches Klagen angeordnet war. Hannes Schwenger möchte von dem Hype hingegen nichts wissen. Er zweifelt im Tagesspiegel die Echtheit der Erzählungen an und findet die Erzählweise hölzern.


Sachbuch

Alexander Betts, Paul Collier
Gestrandet
Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet - und was jetzt zu tun ist
Siedler Verlag, München 2017, 336 Seiten, 24,99 Euro

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Als wichtigen, hilfreichen und lesenswerten Beitrag zur Flüchtlingsdebatte begrüßen die Rezensenten das Buch "Gestrandet" der Oxford-Professoren Alexander Betts und Paul Collier. Anstatt Asylanten mehr oder weniger wahllos ins Land zu lassen und dann dort in Heimen zu verwahren, plädieren die Autoren dafür, den Geflüchteten möglichst schnell zu Normalität und Selbständigkeit zu verhelfen, nicht zuletzt, damit sie möglichst schnell wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Den Vorschlag der Autoren, Sonderwirtschaftszonen für Flüchtlinge einzurichten und die damit verknüpfte Forderung, dass reiche Länder die Nachbarstaaten der Krisenländer politisch und wirtschaftlich unterstützen müssten, findet Barbara Dribbusch (taz) mit Blick auf die klug gewählten Beispiele, etwa das Jordanien-Abkommen von 2016, überzeugend. Dass auch "gut gemeinte Maßnahmen Schaden anrichten können, wenn sie nicht ausreichend durchdacht sind", macht der Band Friedemann Bieber (FAZ) bewusst, der insbesondere die Kernthese hervorhebt, dass die aktuelle Flüchtlingspolitik der EU die prinzipielle Fähigkeit der Gemeinschaft gefährde, Menschen in Not zu helfen. "Sehr empfehlenswert" findet auch Wolfgang Schneider im DLF Kultur diese "ungewöhnlich sachliche und luzide Analyse". Der Guardian hat einen Auszug aus dem Buch veröffentlicht. Und für die NZZ am Sonntag hat sich Claudia Mäder mit Paul Collier über die Flucht und Migration unterhalten.

Ulrike Guérot
Der neue Bürgerkrieg
Das offene Europa und seine Feinde
Propyläen Verlag, Berlin 2017, 96 Seiten, 8 Euro

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Die Krise Europas ist nun wahrlich keine originelle Diagnose, aber die radikalen Vorschläge, die die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot in ihrer Streitschrift "Der neue Bürgerkrieg" zur politischen Umgestaltung der EU unterbreitet, haben es in sich. Guérot sieht die Zukunft der Gemeinschaft in einer europäischen Republik, mit "gleichem Wahlrecht für alle EuropäerInnen", wobei je ein Abgeordneter pro eine Million Stimmen abgeordnet würde, fasst Hannes Koch in der taz die "stürmische Idee" der Autorin zusammen. In der Zeit freut sich Adam Soboczynski über den Schwung von Guérots Ausführungen und lobt die "glänzende" Analyse der neuesten Paradoxien parteipolitischer Lagerbildungen, etwa wenn Rechte sich für Industriearbeiter, Linke sich für die nationale Ehre einsetzen. Auch der dezidierten Ablehnung direktdemokratischer Verfahren kann Soboczynski nur zustimmen. Im DLF Kultur stört sich Ingo Arend zwar mitunter am Hang zu Pathos und Vereinfachung, dennoch hält er den Band für "eine gut begründete, leidenschaftlich vertretene Vision - und damit das Buch der Stunde". Für den Standard hat sich Lisa Nimmervoll, für den SWR Rainer Volk und für die taz Patricia Hecht mit Guérot über die Zukunft Europas unterhalten.

Eckhard Fuhr
Schafe
Ein Porträt
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2017, 136 Seiten, 18 Euro

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Die von Judith Schalansky bei Matthes und Seitz herausgegebene Buchreihe, die Naturphänomene kulturwissenschaftlich perspektiviert, ist längst zum Liebling von Publikum und Kritik avanciert. Der Beitrag des Welt-Redakteurs Eckhard Fuhr über Schafe reiht sich da nahtlos ein. Für Jochen Schimmang (taz) ist es ein "hinreißendes Buch", und zwar nicht zuletzt, weil hier das argrarökonomisch heute zwar marginalisierte Schaf als maßgeblicher Zivilisationsmotor kenntlich wird: Bei der neolithischen Revolution, als der Mensch sesshaft wurde und Viehzucht und Ackerbau zu betreiben begann, spielte das Schaf eine genauso wichtige Rolle wie in der Symbolbildung zahreicher früher Religionen und nicht zuletzt bei der Umgestaltung und Umwidmung der Nutzflächen im Zuge der industriellen Revolution, lernt Schwimmang. "Schafe verstehen heißt Kultur verstehen", stellt denn auch Hans von Trotha im DLF Kultur verblüfft fest. Olaf Velte (FR) begreift die komplette Nutzbarmachung des Schafs als "größten aller Menschheitsschritte", weshalb er mit dem emphatischen Aufruf schließt: "Gründen Sie eine genossenschaftliche Schäferei!"

Anke Fesel (Hg.), Chris Keller (Hg.)
Berlin Heartbeats
Stories from the wild years, 1990-present
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 256 Seiten, 29,90 Euro

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Berlin in den Neunzigern, das ist eine geradezu mythisch verklärte Phase der Freiheit, des Aufbruchs und der Möglichkeiten. Der von Anke Fesel und Chris Keller herausgegebene Bild- und Textband "Berlin Heartbeats" bedient diese Nostalgie, fügt aber auch ein paar neue Facetten hinzu, wie Michael Pilz in der Welt erfreut feststellt: Anstatt um westdeutsche Pioniere, die nach dem Mauerfall die brachliegende Berliner Mitte wieder urbar machten, geht es in den Texten überwiegend um die Perspektive derjenigen, die bereits dort waren. Ihre Freiheit, ihr Lebensgefühl war es, die die westdeutschen "Wirtschaftswunderkinder" im Osten suchten, weiß Pilz, und ihre Stimmen zu hören, bereichert für ihn das Genre "1990 ff." ungemein. Neben Fotos von Ben de Biel, Hendrik Rauch, Markus Werner, Rolf Zörner und Philipp von Recklinghausen enthält der Band Texte von Künstlern und Aktivisten der Neunziger, unter anderem Judith Hermann, Klaus Biesenbach, Sasha Waltz und Sven Marquardt. Harry Nutt (FR) kann sich beim Lesen und Betrachten dieser "sentimentalen Reise" einer "Empfindung des Verlusts" nicht erwehren. Im DLF Kultur schimpft Gerd Brendel hingegen auf die uninspirierte "Fabrikation der Legende 'Berlin'".

Primo Levi
So war Auschwitz
Zeugnisse 1945-1986
Carl Hanser Verlag, München 2017, 304 Seiten, 24 Euro

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Der gemeinsam mit dem Arzt Leonardo de Benedetti verfasste Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation im Konzentrationslager Monowitz kann als der Auftakt zu Primo Levis Werk angesehen werden. Zum dreißigsten Todestag des Autors erscheint der wenig bekannte Text, angereichert um zum Großteil unveröffentlichte Artikel, Ansprachen, Briefe und Zeugenaussagen aus über vierzig Jahren, erstmals auf Deutsch, wofür die Rezensenten den Herausgebern Domenico Scarpa und Fabio Levi sehr dankbar sind. Einmal mehr staunt Gustav Seibt (SZ), mit welcher "unzynischen, ruhig klagenden Wärme" Levi von seinen Erfahrungen in Auschwitz zu berichten vermochte, und erfährt Erschütterndes über die "höllische Binnenrationalität" des Lagers, wo die Inhaftierten durch Sklavenarbeit, Schlafentzug, Kälte, Hunger und Entzug der Hygiene zu einer mit Wunden bedeckten, "übelriechenden Biomasse reduziert" wurden. In der Welt hebt Marko Martin hervor, wie skrupulös Levi Selbsterlebtes von Gehörtem schied. Wie genau Levi sich an alles erinnert, belegt für Klaus Bittermann (taz) auch, wie wichtig ihm dieses Erinnern war, das bis in die Achtzigerjahre bei vielen Deutschen auf Ablehnung stieß.