Primo Levi

So war Auschwitz

Zeugnisse 1945-1986. Mit Leonardo De Benedetti
Cover: So war Auschwitz
Carl Hanser Verlag, München 2017
ISBN 9783446254497
Gebunden, 304 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Herausgegeben von Fabio Levi, Domenico Scarpa. Kurz nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 verfasste der Chemiker Primo Levi zusammen mit dem Arzt Leonardo De Benedetti im Auftrag der russischen Kommandantur einen Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation von Auschwitz III. Dieser erschütternde, wenig bekannte Text ist der Beginn von Levis weltbedeutendem Werk, das für ein Schreiben gegen das Vergessen und eine kritische Hinterfragung der Gegenwart steht. Neben dem "Bericht" versammelt "So war Auschwitz" zum Großteil unveröffentlichte Artikel, Reden, Briefe und Zeugenaussagen aus über vierzig Jahren. Ein in seiner dokumentarischen Dichte und chronologischen Breite einzigartiger Band, der eine neue Dimension von Levis Werk erschließt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.05.2017

Bewegt hat Rezensent Gustav Seibt den 2015 erschienenen und nun ins Deutsche übertragenen Band "So war Auschwitz" gelesen. Der Kritiker staunt einmal mehr, mit welcher "unzynischen, ruhig klagenden Wärme" Primo Levi von seinen Erfahrungen in Auschwitz zu berichten vermochte, die sich hier vor allem in dem gemeinsam mit dem Arzt Leonardo de Benedetti verfassten Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation im Konzentrationslager Monowitz finden: Erschüttert erfährt Seibt in diesem Text über die "höllische Binnenrationalität" des Lagers etwa, wie die Inhaftierten durch Sklavenarbeit, Schlafentzug, Kälte, Hunger und Entzug der Hygiene zu einer mit Wunden bedeckten, "übelriechenden Biomasse reduziert" wurden. Mit großem Interesse hat der Rezensent zudem die in diesem Band versammelten Ansprachen, Artikel und Zeugenaussagen für Prozesse gelesen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2017

René Scheu liest Primo Levis Lebenszeugnisse aus den Jahren 1945 bis 1986 und bekommt einen Einblick in Levis Erinnerungsarbeit, die mit der Rückkehr aus Auschwitz 1945 beginnt. Die Dialektik aus Vertiefung und Veränderung scheint Scheu darin erkennbar als werkbestimmend. Wie der Autor in den Texten und Notaten immer wieder um dieselben Episoden kreist (Partisanenzeit, Gefangeschaft, Lagerhaft in Italien, dann im Konzentrationslager), sie variiert und um Wahrhaftigkeit ringt, hat den Rezensenten tief bewegt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2017

Kaum ein Autor hat derart sachlich, geradezu "unerträglich" kühl und eindringlich über seine Erfahrungen in Auschwitz geschrieben wie Primo Levi, meint Rezensent Andreas Platthaus. Entsprechend dankbar ist der Kritiker über diesen von Domenico Scarpa und Fabio Levi herausgegeben Band mit teils unveröffentlichten und erstmals ins Deutsche übertragenen Berichten, Protokollen und Zeitungsbeiträgen des jüdischen Schriftstellers und Chemikers. Erschüttert liest Platthaus etwa, wie Primo Levi schildert, dass Fußlappen und Unterhosen der Häftlinge gelegentlich aus jüdischen Gebetsmänteln geschneidert wurden oder dass es die KZ-Aufseher nicht für nötig hielten, ihre Namen gegenüber den Häftlingen zu nennen. Neben Levis Eingabe zum Eichmann-Prozess aus dem Jahre 1960 liest der Rezensent auch mit großem Interesse die drei Artikel von Levis Mithäftling und Freund Leonardo de Benedetti, dessen "emotionaler" Erzählton sich deutlich von Levis "Röntgenblick" unterscheidet.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.04.2017

Mit großer Geste hebt Marko Martin an und erklärt erst einmal alles, was andere über Primo Levi geschrieben haben, für ganz und gar falsch. Aber dann preist auch er die Klarheit und die Sachlichkeit, die das Schreiben des Chemikers, Schriftstellers und Auschwitz-Chronisten bekanntlich ausmachten. Martin imponiert, wie Levi auf die Schönheit der einfachen Sprache pochte, auf die Darstellbarkeit und das praktische Denken, auch in der Auseinandersetzung mit Paul Celan etwa oder Jean Améry. Martin schreibt zu Levis dreißigstem Todestag und rühmt dabei vor allem die großen Werke "Ist das ein Mensch" und "Das periodische System". Aber auch den vorliegenden aktuellen Band erwähnt er, in ihm finden sich die Levis erste Berichte aus Auschwitz, die er kurz nach der Befreiung verfasste und in denen Martin bereits erkennt, wie skrupulös Levi Selbsterlebtes von gehörtem schied.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.04.2017

Pünktlich zu Primo Levis dreißigstem Todestag sind unter dem Titel "So war Auschwitz" diese zum Teil unveröffentlichten Zeugnisse aus den Jahren 1945 bis 1986 erschienen, informiert Rezensent Klaus Bittermann dankbar. Nur wenige Autoren haben, basierend auf eigener Erfahrung, das System der Konzentrationslager derart "durchdrungen" wie Primo Levi, der die Zeit im Arbeitslager Monowitz nur durch Glück überlebte, fährt der Kritiker fort. Levi beschreibt hier, wie die jüdischen KZ-Insassen möglichst zerlumpt, dreckig und aphatisch vorgeführt wurden, um in den Hitler-Jungen, die offenbar regelmäßig beim Appell dabei waren, jede Sympathie zu ersticken. Wie genau Levi sich an alles erinnert, zeigt dem Rezensenten auch, wie wichtig ihm dieses Erinnern war, das bis in die achtzigere Jahre bei vielen Deutschen auf Ablehnung stieß.