Bücherbrief

Wie ein Donnerschlag in der Welt

10.02.2025. Jonas Lüscher traumwandelt in seinem neuen Jahrhundertroman so virtuos wie visionär von Flandern bis nach Neu-Kairo und denkt über das Verhältnis von Mensch und Maschine nach. Ursula Krechel lotet mit drei Frauen aus, wie schnell Zivilisation in Barbarei umschlagen kann. Victor Heringer schreibt über die Liebe zweier Männer zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Und Laszlo Földenyi erzählt, wie die Guillotine zum Gestaltungsprinzip der Moderne wurde.
Willkommen zu den besten Büchern des Monats! Sie wissen ja: Wenn Sie Ihre Bücher in unserem Buchladen eichendorff21 bestellen, ist das nicht nur bequem für Sie, sondern auch hilfreich für den Perlentaucher, denn eichendorff21 ist unser Buchladen.

Den Bücherbrief in seiner vollen Pracht können Sie auch per E-Mail betrachten. Dazu müssen Sie sich hier anmelden. Weiterempfehlen können Sie ihn natürlich auch.

Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Jonas Lüscher
Verzauberte Vorbestimmung
Roman
Carl Hanser Verlag, 352 Seiten. 26 Euro

(bestellen)

Die Kritiker knien reihenweise nieder vor dem neuen Roman von Jonas Lüscher: Wie ein "Donnerschlag" in der Welt der Literatur erklingt das Werk für den FAZ-Rezensenten Andreas Platthaus, während sich Wiebke Porombka im Dlf gar fragt, ob sie es hier mit einem "Jahrhundertroman" zu tun hat. Worum es im Roman geht, ist dabei gar nicht einfach zu sagen, denn Lüscher durchquert die Jahrhunderte und Schauplätze wie in einem Fiebertraum, hält etwa Iris Radisch in der Zeit fest: Er führt uns von der industriellen Revolution bis in die nahe Zukunft, von Flandern und Böhmen bis nach Ägypten. Zudem geht es auch um das komplexe Verhältnis von Mensch und Maschine, das Lüscher, der durch eine Corona-Erkrankung zu den ihn am Leben erhaltenden Apparaten ein ganz persönliches Verhältnis entwickelte, in verschiedenen Variationen durchspielt. Ein literarisches Highlight ist für Andreas Platthaus eine futuristische Episode in der Planstadt Neu-Kairo, in der sich eine Komödiantin und ein weiblicher Cyborg begegnen - die "szenische Virtuosität", die Lüscher an den Tag legt, gepaart mit "visionär-melancholischer Verspieltheit", setzt für Platthaus literarisch ganz neue Maßstäbe. Es geht aber auch um den Schriftsteller und Maler Peter Weiss, aus dessen Leben der Autor insbesondere zwei Episoden ins Zentrum stellt, wie Lothar Müller in der SZ erzählt: Zum einen die Flucht vor den Nazis in jungen Jahren, zum anderen den Besuch in einem Nest bei Lyon, das Weiss 1960 aufsuchte, um ein Bauwerk des Außenseiterkünstlers Ferdinand Cheval zu besichtigen. Etwas "Traumwandlerisches" attestiert eine ebenfalls begeisterte Judith von Sternburg in der FR diesem komplexen Text, dessen Handlung und Sprache sich fast "organisch" aus sich selbst heraus entwickeln. In der NZZ schließt sich Paul Jandl dem Lob an.

Caroline Darian
Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 224 Seiten. 22 Euro

(bestellen)

Im vergangenen Herbst gab es kaum einen Tag, an dem nicht neue Nachrichten über das schreckliche Gewaltverbrechen an Gisèle Pelicot die Öffentlichkeit erschütterten (unsere Resümees). Gisèle Pelicot, die ihr Mann immer wieder betäubt und von fremden Männern hatte vergewaltigen lassen, entschied sich für radikale Offenheit, vor allem mit dem Ziel, dass die Scham die Seite wechseln sollte: Weg vom Opfer hin zum Täter. Der Fall offenbarte aber jenseits der Brutalität der Verbrechen auch Mängel in der Opferbetreuung und verkannte Gefahren, wie jene durch "chemische Unterwerfung", wie Pelicot-Tochter Caroline Darian im FAS-Gespräch erklärte (unser Resümee). Auch deshalb ist ihr Buch wichtig, gerade weil es den Lesern nichts erspart, wie Marlene Knobloch in der Zeit erklärt. Auch von ihrer eigenen Angst, vom Vater missbraucht worden zu sein, erzählt Darian. Die Kritiker sind so erschüttert wie beeindruckt: Welt-Rezensentin Marlene Hobrack hebt hervor, dass hier auch die gesellschaftliche Seite des Skandals thematisiert wird: Etwa der Fakt, dass es so viele Mittäter aus allen Gesellschaftsschichten gab oder dass Warnsignale den Gesundheitszustand der Mutter betreffend nicht bemerkt wurden. taz-Rezensentin Valerie Catil liest beeindruckt, wie die Ereignisse die Mutter-Tochter-Beziehung beeinflussen, während Susanne Billig im Dlf Kultur das Buch auch als dringenden Appell für eine bessere Opferbetreuung empfiehlt. Kontroverser besprochen wurde "Monique bricht aus" (bestellen), der neue Mutter-Roman von Edouard Louis, in dem der französische Literaturstar erzählt, wie er seine Mutter aus der Ehe mit einem prügelnden Alkoholiker "befreit": FAS-Rezensent Tobias Rüther verdankt dem Buch "globale" Erkenntnisse über Armut und Gewalt, ein "rührendes" Buch, urteilt Tilman Krause in der Welt, während Johanna Adorjan in der SZ genervt abwinkt: Ein bisschen weniger Louis und Bourdieu würde sie sich für die Zukunft wünschen.

Ricardas Gavelis
Vilnius Poker
Roman
S. Fischer Verlag. 688 Seiten, 32 Euro

(bestellen)

In Litauen gehörte Ricardas Gavelis zu den wichtigsten Schriftstellern des Landes, auf Deutsch ist der 2002 verstorbene Autor nun mit diesem im Original bereits vor 35 Jahren erschienenen Roman zu entdecken, den die Kritiker als monumentales Meisterwerk preisen. Erzählt wird die Geschichte des Bibliotheksangestellten Vytautas Vargalys, der als Widerständler gegen die Sowjets gefoltert und in ein Arbeitslager in Sibirien deportiert wurde. Wieder frei, aber dem Verfolgungswahn verfallen, streunert er durch Vilnius, vertieft sich in eine Literatur der Angst und begibt sich auf die Fährte einer vermeintlichen Verschwörung, in die Kommunisten ebenso verstrickt sind wie Nazis und in der auch der Tod Albert Camus' eine Rolle spielt. Das alles ist nicht leicht zu lesen, geben die Kritiker zu angesichts der sexuellen Eskalationen und brutalen Szenen aus Lagern, in denen Menschen wie Tiere behandelt werden; auch dem Erzähler sei nicht über den Weg zu trauen: Eventuell ist er ein brutaler Frauenmörder, mindestens jedoch misogyn und durchweg delirierend. Und dennoch legen sie uns die Lektüre unbedingt ans Herz: Im DLF rühmt Jörg Plath die erzählerische Wucht dieses Textes, der immer auch von Menschlichkeit erzähle. In der taz beschreibt Jens Uthoff den Roman als "experimentelles Musikstück" von großer Sogkraft.

Victor Heringer
Die Liebe vereinzelter Männer
Roman
März Verlag. 208 Seiten. 24 Euro

(bestellen)

Für den FAZ-Kritiker Florian Borchmeyer gehört dieses Buch zum "Schönsten", was die lateinamerikanische Literatur hervorgebracht hat. Dabei liest sich die Geschichte zunächst so tragisch wie das Leben ihres Autors, des Brasilianers Victor Heringer, der sich, an Depressionen erkrankt, mit nicht einmal dreißig Jahren das Leben nahm. Zunächst begleiten wir den pubertierenden, gehbehinderten Camilo im Rio de Janeiro des Sommers 1976: Von seiner Familie wird ihm der 15-jährige Waisenjunge Cosme vor die Nase gesetzt - aus anfänglichem Hass wird bald Liebe. Bis zu dieser Stelle liest Borchmeyer die ebenso vielschichtige wie "poetisch-intime" Geschichte eines Coming Outs und einer Jugendliebe. Aber im Brasilien der Militärdiktatur und des Machismo wird Cosme bald brutal ermordet - während der Täter nie verurteilt wird, leidet Camilo ein Leben lang unter diesem Trauma. Zudem lüftet er das schreckliche Geheimnis seines Vaters, der als Folterarzt für die Diktatur arbeitete. Vierzig Jahre später kehrt Camilo in die Heimat zurück und adoptiert den Enkel des Mannes, der ihm einst Cosme nahm. Der Roman ist keineswegs ein Krimi, versichert Borchmeyer, sondern ein großer, rasanter Rio-Roman, ein Manifest der Liebe und der Hoffnung, das immer wieder durch Collagen von Fotos, Dokumenten und Zeichnungen durchbrochen werde. In der SZ empfiehlt Carolin Gasteiger den Roman als intimes Buch voller poetischer Wortneuschöpfungen und Gesellschaftspanorama Brasiliens.

Ursula Krechel
Sehr geehrte Frau Ministerin
Roman
Klett-Cotta Verlag. 368 Seiten. 26 Euro

(bestellen)

Leichte Kost ist auch der neue Roman von Ursula Krechel nicht, warnen uns die Kritiker - aber lesenswert ist er nicht zuletzt wegen seiner Aktualität, wie in der Zeit Adam Soboczynski versichert. Er hat sich mit der "Grande Dame", wie er schreibt, in Berlin getroffen und unter anderem über ihre Abneigung gegenüber autofiktionalem Schreiben und natürlich den neuen Roman gesprochen. Drei Frauen bilden das Zentrum: Eine namenlose Justizministerin, die Drohbriefe bekommt, die schwer kranke Lateinlehrerin Silke Aschauer und die neuerdings arbeitslose Einzelhandelskauffrau Eva Patarak, die mit ihrem spätpubertären, schweigsamen Sohn zusammenlebt. Die Geschichte, in die auch das Schicksal von Agrippina, die durch ihren Sohn Kaiser Nero ermordet wurde, eingebunden ist, läuft auf ein Attentat hinaus. Als "Thriller" möchte Soboczynski den Roman dennoch nicht bezeichnen, kreiert Krechel die Spannnung doch eher über ihre raffinierte Erzählweise, mit der sie ein Verbrechen rekonstruiert, als durch den Plot, erklärt er. Imponiert hat ihm außerdem, wie der Roman nachzeichnet, wie schnell die "Zivilisation in Barbarei" umschlagen kann, vor allem dann, wenn die Rechtsstaatlichkeit bedroht ist. Ein kluges Buch, das in seiner filigranen Konstruktion so manchen autofiktionalen Roman alt aussehen lässt, lobt Andreas Platthaus in der FAZ.


Sachbuch

Stephan Lamby
Dennoch sprechen wir miteinander
Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde
C.H. Beck Verlag.  248 Seiten. 25,00 Euro

(bestellen)

Im Zeit-Online-Gespräch sorgte sich der Dokumentarfilmer Stephan Lamby vergangenes Jahr um den Journalismus, der seine klassische Stellung als Gatekeeper zwischen Fake News und seriösen Nachrichten zunehmend einbüße. (Unser Resümee) In seinem aktuellen Buch setzt er sich mit der Verführungskraft von Demagogen auseinander - und überzeugt die Zeit-Rezensentin Elisabeth von Thadden dabei mit Genauigkeit und Fairness. Lamby hat sich nicht nur mit seinem amerikanischen Cousin Martin zusammengesetzt, der beim Sturm auf das Kapitol beteiligt war. Er reist auch zu weiteren Verwandten, quer durch die USA bis nach Argentinien, um zu verstehen, warum Menschen, die er schätzt und mag, auf Populisten hereinfallen. Allein wie Lamby die Grenzen von Vertrautem und Fremdem auflöst, indem er sich Zeit nimmt, aber den "moralischen Kompass" stets im Blick behält, beeindruckt die Kritikerin. Schließlich begegnet dem Autor sogar Javier Milei, den Lamby auch von einer anderen Seite kennenlernt, nämlich als Wissenschaftler, der gern ernst genommen werden würde. Wie der Autor jenseits des lärmenden Populistenorchesters für Verständnis sorgt, dafür bedankt sich die Kritikerin.

Manfred Koch
Rilke
Dichter der Angst - Eine Biografie
C.H. Beck Verlag. 560 Seiten. 34,00 Euro

(bestellen)

2025 ist nicht nur Thomas-Mann-Jahr, auch Rainer Maria Rilke würde seinen 150. Geburtstag im kommenden Dezember feiern. Gleich zwei monumentale Biografien sind aus diesem Anlass erschienen - und für die FAZ hat sich der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel die insgesamt tausend Seiten vorgeknöpft. So viel vorab: Sowohl "Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben" (bestellen), die Biografie der Leiterin des Literaturarchivs in Marbach Sandra Richter als auch das Werk des Germanisten Manfred Koch lobt Kiesel nicht nur für den gleichermaßen wertschätzenden und kritischen, sowie wissenschaftlich genauen und "emphatischen" Zugang, sondern auch für kenntnisreiche Sichtung der Materialfülle - und neue Erkenntnisse. So liest der Rezensent etwa, wie Rilke seinen Leidensweg in Kreativität überführte, seiner Mutter-Thematik nicht selten an jüngeren Frauen abarbeitete oder sich selbst hervorragend im Literaturbetrieb vermarktete. Koch und Richter reichern ihre Texte zudem mit vielen Zitaten und Zeugnissen an, lobt der Rezensent. Dennoch würde er Kochs Werk den Vorzug geben, nicht nur weil hier das für Rilke nicht unwesentliche Thema "Onanie" ausführlicher behandelt wird. Was er an Kochs knapp 120 Seiten längerer Biografie vor allem schätzt, ist die ausführliche Textanalyse, die das Buch für Kiesel zu einer "psychologisch und ästhetisch feinfühligen, überaus gehaltvollen" Beschreibung von Leben und Werk macht. Im Dlf Kultur empfiehlt auch Michael Opitz Bergs Biografie. Sandra Richter spricht ebenda über ihre Rilke-Biografie.

Laszlo Földenyi
Der lange Schatten der Guillotine
Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts
Matthes und Seitz. 302 Seiten. 28 Euro

(bestellen)

"Disruption" ist das Modewort der Stunde. Ob es um Trump geht, um KI oder um die weltpolitische Gesamtsituation, man ist sich einig: Die Ära der Disruption hat begonnen und wir sind mittendrin. Für den ungarischen Schriftsteller und Kulturtheoretiker Laszlo Földenyi ist das nicht Neues, denn für ihn fängt das Zeitalter radikaler Umbrüche schon viel früher an - nämlich 1791 mit der Erfindung der Guillotine in Frankreich. In seiner Ideengeschichte, die FAZ-Kritikerin Tania Martini "brillant assoziiert" findet, spannt der Autor den Bogen vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis in die Postmoderne: Die öffentlichen Hinrichtungen auf der Pariser Place de Grève waren ein Spektakel, das bis zum Marketing (man konnte Operngläser kaufen und Miniguillotinen als Ohrringe) fast schon das 21. Jahrhundert vorwegnimmt. Als besonders "human" galt das Fallbeil zunächst, das während der französischen Revolution eine so verhängnisvolle Rolle spielen sollte, aber, so macht Földenyi der ebenfalls begeisterten Welt-Rezensentin Marianna Lieder klar, ihr "langer Schatten" reicht über das Schafott weit hinaus: das Prinzip Guillotine wird zum "prägenden Gestaltungs- und Wahrnehmungsprinzip" aller gesellschaftlichen Bereiche, auch von Kunst und Kultur, das heißt "scharfe Schnitte", Fragmentarisches und Zusammengestückeltes. Auch das ziellose Umherstreifen der Flaneure stellt der Autor in diesen Kontext, so Lieder, genau wie den radikalen Umbau von Paris durch Baron Haussmann. Methodisch folgt der Essay, geprägt durch sprunghaftes Abwechseln zwischen Assoziationen, Beschreibungen und Analysen selbst einer guillotineartigen Struktur, findet die Rezensentin. Jedenfalls wurde noch nie "so abgeklärt charmant und originell" über Disruption geschrieben, wie in diesem Band, schwärmt sie.

Grzegorz Rossolinski-Liebe
Stepan Bandera
Leben und Kult
Wallstein Verlag. 574 Seiten. 46,00 Euro

(bestellen)

Seit der ehemalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk den radikal nationalistischen Ukrainer Stepan Bandera wieder als Nationalheld der Nation in Erinnerung rief und dessen persönliche Beteiligung an Verbrechen der OUN, der Organisation ukrainischer Nationalisten, leugnete, ist Bandera auch hierzulande Thema (unsere Resümees). Nun legt der Osteuropa-Historiker Grzegorz Rossolinski-Liebe eine umfangreiche Studie vor, die der taz-Kritiker Klaus Hillenbrand nicht nur aufgrund der "akribisch" recherchierten Faktenlage lobt: In der differenzierten Studie liest er, dass der OUN-Führer zwar nicht als Alleinverantwortlicher für die durch die OUN verübten Pogrome an Juden und Polen gelten kann, aber noch weniger als ukrainischer Nationalheld und Märtyrer taugt. Außer Frage steht für Rossoliński-Liebe nach Sichtung etwa von Flugblättern nicht nur Banderas Beteiligung, sondern auch seine eigenmächtige Veranlassung von Massakern an Juden im Zuge der deutschen Besetzung der Ukraine 1941. Vor allem hoffte er, Hitler würde die Gründung eines Nationalstaats genehmigen, erfährt Hillenbrand. Im Dlf empfiehlt auch Matthias Bertsch diese Biografie: Auf Grundlage vieler Beispiele lege der Autor dar, wie brutal die ukrainischen Nationalisten gegen alles kämpften, was nicht dem "Ideal eines ethnisch reinen Staates" entsprach. Bertsch liest aber auch, wie grausam die sowjetischen Machthaber gegen echte und vermeintliche OUN-Anhänger vorgingen, um die Ukrainische Aufständische Armee zu zerschlagen und sich das Land einzuverleiben. Ein eindringliches Buch, das den Bandera-Kult bis 2010 beschreibt, meint der Kritiker, der allerdings ein wenig enttäuscht ist, dass er hier kaum erfährt, wie sich dieser Kult nach dem Krieg gegen die Ukraine verändert.

Robert Pursche
Umkämpftes Nachleben
Walter Benjamins Archive 1940-1990
Wallstein Verlag. 427 Seiten. 49,00 Euro

(bestellen)

Daran, dass Walter Benjamin einer der größten und wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts war, dürfte heute niemand zweifeln. Doch die enorme Bedeutung, die Benjamins Schriften für die Nachwelt haben würden, war zunächst überhaupt nicht abzusehen: Als Benjamin am Ende einer kräftezehrenden Flucht vor den Nazis in der spanischen Grenzstadt Port-Bou Selbstmord beging, waren seine Schriften überall in der Welt verstreut und sein Name in der geistigen Welt eher Eingeweihten bekannt - einige Jahrzehnte später war aus ihm eine global bekannte, intellektuelle Ikone geworden. Der Literaturwissenschaftler Robert Pursche hat die chaotische und erstaunliche Rezeptionsgeschichte des benjaminschen Werks rekonstruiert und damit bei den Kritiker erneut ein Benjamin-Fieber ausbrechen lassen: Mit Begeisterung beschreibt der ehemalige Hanser-Lektor Wolfgang Matz in seiner FAZ-Rezension die "säkulare Wundererzählung von literarischer Auferstehung", die Pursche  hier vor den Leser ausbreitet. Man wundert sich fast, so Matz, dass dieses Buch nicht schon längst existierte - es wird zum Standardwerk, da ist sich Matz jetzt schon sicher. Dann erzählt er die komplexe Geschichte der Wiederentdeckung Benjamins nach dem Krieg: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und Gershom Scholem sind da die wichtigsten Akteure. Sie alle liebten Benjamin, aber nicht immer den gleichen, und sie liebten nicht einander. Auch später sollten mit Benjamin immer unterschiedliche Ideen und Projektionen verknüpft werden, weiß der Rezensent: Die einen wollten einen "esoterischen" Benjamin, die anderen sahen den "marxistischen" als den wahren Benjamin. Und nicht selten beschuldigte man die jeweils andere Seite den wahren Benjamin zu unterdrücken. Das Gute an Pursches Buch, so Matz: Er steht drüber. Er "überspringt die Frontlinien, indem er sie analysiert". Und sein Buch ist zudem noch hervorragend geschrieben, versichert der angeregte Rezensent. "Ungemein spannend" findet auch Herbert Debes bei Glanz&Elend Pursches Werk.

Beliebte Bücher

Norbert Gstrein. Im ersten Licht - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2026.Norbert Gstrein: Im ersten Licht
Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes…
Jana Hensel. Es war einmal ein Land - Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau Verlag, Berlin, 2026.Jana Hensel: Es war einmal ein Land
In ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun…
Robert Menasse. Die Lebensentscheidung - Novelle . Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Robert Menasse: Die Lebensentscheidung
Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.…