Grzegorz Rossolinski-Liebe

Stepan Bandera

Leben und Kult
Cover: Stepan Bandera
Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783835355927
Gebunden, 574 Seiten, 46,00 EUR

Klappentext

Mit 49 zum Teil farbigen Abbildungen. Grzegorz Rossolinski-Liebe beleuchtet das Leben einer heute mehr denn je umstrittenen Persönlichkeit, Stepan Bandera (1909-1959), und untersucht die Geschichte der gewalttätigsten ukrainischen nationalistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts: der Organisation Ukrainischer Nationalisten und ihrer Ukrainischen Aufständischen Armee. Der Autor analysiert die Umstände, unter denen Bandera seine Bewegung aufbaute und klärt auf, wie Faschismus und Rassismus deren revolutionären Nationalismus beeinflussten. Er zeigt, warum es Bandera und seinen Anhängern trotz ihrer ideologischen Ähnlichkeit mit der kroatischen Ustaša nicht gelang, einen kollaborierenden Staat unter der Schirmherrschaft NS-Deutschlands zu errichten und untersucht die Beteiligung ukrainischer Nationalisten am Holocaust und anderen Formen der Massengewalt. Der Autor bringt so einige der dunkelsten Aspekte der modernen ukrainischen Geschichte ans Licht und zeigt ihre Komplexität auf, wobei er dem sowjetischen Terror in der Ukraine und der Verflechtung der ukrainischen, jüdischen, polnischen, russischen, deutschen und sowjetischen Geschichte besondere Aufmerksamkeit widmet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.03.2025

Eine gute Einführung in das Leben Stepan Banderas und in die jüngere Geschichte des ukrainischen Nationalismus leistet dieses Buch schon, meint Rezensent Guido Hausmann, aber frei von Schwächen ist es nicht. Grzegorz Rossoliński-Liebe legt sein Buch laut Hausmann zwar als Bandera-Biografie an, tatsächlich aber kann man es auch als Beitrag zur Erforschung nationalistischer Strömungen in der Ukraine lesen, insbesondere geht es viel um die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), in die der zeitlebens nationalistisch gesonnene Bandera 1929 eintrat und die er, als begabter Redner, Taktiker und Organisator, bald leitete. Stark ist das Buch in seinen dichten Beschreibungen ukrainischer Nationalisten, ihrer zunehmenden ideologischen Radikalisierung und auch ihrer Brutalität, die sich vor allem Anfang der 1940er nicht nur gegen Polen, Russen und Juden, sondern auch gegen vermeintlich verräterische Ukrainer richtet, so der Kritiker. Weniger gut gefällt Hausmann, dass Rossoliński-Liebe sich kaum um die Gründe für den anwachsenden ukrainischen Nationalismus interessiert, auch kritisiert er, dass die ukrainische Bandera-Verehrung der Nachkriegszeit zu einseitig dargestellt wird, zum Beispiel erwähnt der Autor nicht, dass nicht nur Banderas Nationalisten, sondern auch exilierte ukrainische Sozialdemokraten gegen die Sowjetunion Stellung nahmen. Auch die Bandera-Renaissance nach 1991 hätte zumindest differenzierter dargestellt werden sollen, meint der mit dem Buch insgesamt gleichwohl nicht unzufriedene Rezensent, der selbst Historiker ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2025

Interessant, aber fordernd ist die Lektüre dieses Buches über Stepan Bandera laut Rezensent Oliver Schmitt. Grzegorz Rossoliński-Liebe beschäftigt sich hier freilich, anders als der Titel ankündigt, weniger mit dem Leben Banderas, als mit der politischen Bewegung, der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) mitsamt ihres bewaffneten Arms (UPA), stellt Schmitt klar. Entlang des Buches beschreibt er, wie die OUN unter Bandera gegen die polnische Herrschaft in der heutigen Westukraine kämpfte und dabei extreme nationalistische Positionen vertrat, die auf die Errichtung einer ethnisch homogenen Ukraine abzielten. Die Untaten der OUN/UPA während des Zweiten Weltkriegs, als die Organisation, die nach anfänglichen Sympathien auch den Nazis feindlich gesonnen war, gegen die Rote Armee kämpfte, verantwortete Bandera allerdings nicht direkt, stellt Schmitt mit Rossoliński-Liebe klar. Schließlich verbrachte er diese Zeit in deutschen Konzentrationslagern. Allerdings macht Rossoliński-Liebe Bandera insgesamt durchaus für die Brutalität der Organisation verantwortlich, da sein radikales Denken diese prägte. Auf die Nachkriegszeit, in der Bandera sich westlichen Geheimdiensten andiente und schließlich, was seinem Nachruhm zugute kam, vom russischen Geheimdienst ermordet wurde, geht das Buch laut Schmitt nicht allzu ausführlich ein. Insgesamt, so der Rezensent zum Schluss, entwirft Rossoliński-Liebe ein komplexes Bild der OUN/UPA, wobei die Lektüre für Nichtexperten durchaus anspruchsvoll ist, ein paar Kürzungen und eine klarere Struktur wäre von Vorteil gewesen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 06.02.2025

Ein starkes, brisantes Buch über Stepan Bandera legt der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe laut Rezensent Martin Sander vor. Entlang der Lektüre rekonstruiert der Kritiker, wie Bandera sich in jungen Jahren der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) anschließt und als deren Führer ab den 1930ern zu einem Vertreter des europäischen Faschismus wird, rassistisch und antisemitisch hetzt, das Ziel einer ethnisch einheitlichen Ukraine verfolgt. Kritiker wie auch Anhänger fallen seinem unnachgiebigen Führungsstil zum Opfer. In der Nachkriegszeit, nachdem die Sowjetunion die Westukraine besetzt hatte, gab er sich als geläuterter Demokrat und kooperierte mit westlichen Geheimdiensten, referiert Sander. Rossoliński-Liebe zeigt außerdem auf, wie Bandera von Russland für Gewalttaten gegen Ukrainer instrumentalisiert wird, lesen wir. Sander nimmt Rossoliński-Liebe diese detailliert dargebrachte Darstellung ab, spannend lese sich dieses quellenreiche Buch außerdem. Immer wieder "konfrontiert" der Historiker die Gewaltgeschichte Banderas mit der der Sowjetunion, was das Buch mit Blick auf Putins Propaganda und die Rolle, die Bandera in ihr spielt, für den Rezensenten hochaktuell macht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 04.02.2025

Seit der ehemalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk den radikal faschistischen ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera wieder als Nationalhelden in Erinnerung rief, ist er auch hierzulande Thema. Umso wichtiger findet Rezensent Matthias Bertsch dieses Buch des deutsch-polnischen Historikers Grzegorz Rossolinki-Liebe, der Leben und Nachleben Banderas des OUN-Führers nachspürt und auf die "dunklen Seiten" ukrainischer Geschichte blickt. Auf Grundlage viele Beispiele legt der Autor nicht nur dar, wie brutal die ukrainischen Nationalisten gegen alles kämpften, was nicht dem "Ideal eines ethnisch reinen Staates" entsprach und wieviele Juden und Polen ermordet wurden. Zugleich liest Bertsch, wie grausam die sowjetischen Machthaber gegen echt und vermeintliche OUN-Anhänger vorgingen, um die Ukrainische Aufständische Armee zu zerschlagen. Mit Unterstützung westlicher Geheimnisse und des BND ging Banderas Kampf in München, wo er unter falschem Namen lebte, allerdings weiter - bis er vom sowjetischen Geheimdienst 1959 ermordet wurde, erfahren wir. Ein eindringliches Buch, das den Bandera-Kult bis 2010 beschreibt, meint der Kritiker, der allerdings ein wenig enttäuscht ist, dass er hier kaum erfährt, wie sich dieser Kult nach dem Krieg gegen die Ukraine verändert.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.12.2024

Rezensent Klaus Hillenbrand findet beeindruckend, wie Grzegorz Rossoliński-Liebe dem "Bandera-Kult" den Wind aus den Segeln nimmt. Denn der in Berlin lehrende Historiker zeige anhand von einer "akribisch" recherchierten Faktenlage überzeugend auf, dass der Anführer der nationalistischen ukrainischen Bewegung OUN zwar nicht als Alleinverantwortlicher für sämtliche durch die OUN verübte Pogrome an Juden und Polen gelten könne, aber noch weniger eben als ukrainischer Nationalheld und Märtyrer, der mit Hitler nichts zu schaffen gehabt hätte und zu dem er trotzdem noch oft hochstilisiert werde. So stehe die Beteiligung an und eigenmächtige Veranlassung von Massakern an Juden im Zuge der deutschen Besetzung der Ukraine 1941 außer Frage, wie Rossoliński-Liebe Flugblättern und offiziellen Anweisungen entnimmt. Grund für die Kollaboration sei auch die Hoffnung gewesen, Hitler würde die Gründung eines Nationalstaats genehmigen, liest Hillenbrand. Und auch über anderweitige Gewalttaten der OUN gegen die zu "Feinden" erklärten "Moskowiter, Polen und Juden" lege Rossoliński-Liebes Buch erschreckendes Zeugnis ab. Für den Kritiker eine lobenswert differenzierte und materialgesättigte Studie, die für ihn eher eine Geschichte der OUN als eine Bandera-Biografie ist, darin aber völlig überzeugt.

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