Und ich werde dich nie wieder Papa nennen

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN
9783462009422
Gebunden, 224 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Michaela Meßner und Grit Weirauch. Caroline Darian, Tochter von Gisèle und Dominique Pelicot, erhält am 2. November 2020 einen Anruf von ihrer Mutter. Ihr Vater wurde verhaftet. Fast zehn Jahre lang hat Pelicot seine Frau heimlich mit medikamentösen Substanzen betäubt, um sie im bewusstlosen Zustand zu vergewaltigen und knapp 70 fremden Männern zuzuführen. Auch von Caroline gibt es verhängnisvolle Fotos. Sie kann sich ebenso wenig erinnern wie ihre Mutter an die unzähligen Vergewaltigungen. Caroline Darian erzählt von dem Sturz ins Bodenlose. Tagebuchartig beschreibt sie, wie das Ausmaß des Jahrhundertverbrechens ihre Familie zerstört. Wie sie ihre Mutter beschützen will und zugleich mit Angstzuständen kämpft. Wie aus dem geliebten Vater ein brutaler Vergewaltiger wurde. Wie sie ihrem Sohn erklärt, dass er keinen Großvater mehr hat. Caroline versucht zu begreifen, wie es zum Unvorstellbaren kommen konnte.
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Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 30.01.2025
Eine harte, wichtige, teils unfassbare Lektüre ist das Buch Caroline Darians laut Rezensentin Marlen Hobrack. Die Autorin schreibt über ihre Mutter Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann vielfach betäubt, vergewaltigt und übers Internet anderen Männer zur Vergewaltigung angeboten wurde. Aber sie schreibt auch über diesen Mann, ihren Vater, Dominique Pelicot, über ihre Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, die sie trotz allem nicht los wird - nicht zuletzt über ihre Schuldgefühle der Mutter gegenüber. Vor allem aber wird die gesellschaftliche Seite des Skandals thematisiert, der Fakt, dass es so viele Mittäter aus allen Gesellschaftsschichten gab, dass Warnsignale den Gesundheitszustand der Mutter betreffend nicht bemerkt wurden oder dass Frauen überall mit dem Gedanken leben müssen, dass ihr eigener Ehemann sie heimlich vergewaltigen könnte, zählt Hobrack auf. Besonders ergreifen die Rezensentin jene Passagen, die die Möglichkeit thematisieren, dass auch die Tochter vom Vater in ähnlicher Weise wie die Mutter missbraucht wurde. Dass Gisèle Pelicot aktuell als Heldin gefeiert wird, tröstet die Kritikerin zwar: Dass die Scham generell die Seite vom Opfer zum Täter wechseln wird, bezweifelt sie allerdings nach wie vor.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.01.2025
Rezensent Nils Minkmar stellt den Fall Pelicot und dessen öffentliche Aufarbeitung in eine Reihe mit den Morden von Jack the Ripper oder der Manson Familie - derart grausame Verbrechen, dass sie die Öffentlichkeit nachhaltig erschütterten und noch lange beschäfigten, da sie uns etwas über eine bestimmte Zeit erzählen, vermutet Minkmar. Caroline Darian, Tochter von Dominique Pélicot, der über Jahre seine Frau und weitere Opfer betäubte, vergewaltigte und vergewaltigen ließ, erzählt von diesem Jahrhundertverbrechen nun aus ihrer Perspektive. Dabei geht es ihr nicht darum, die Abgründe der Seele des Mannes zu vermessen, den sie nicht mehr Vater nennen kann, oder die Hintergründe seiner Tat zu verstehen, gar eine irgendwie geartete Versöhnung herbei zu erzählen, erklärt Minkmar. Der "Horror" der Tat bleibt bestehen und "allen Deutungsversuchen entzogen", wie der Rezensent es ausdrückt. Stattdessen versucht Darian das Leben und ihre komplexen Gefühle vor, während und nach der Aufdeckung der Taten zu schildern, und sich so langsam "zurück ins Leben" zu schreiben. Ihr Blick ist also nach vorn gerichtet - auch auf die Frage, wie derartige Verbrechen verhindert oder früher erkannt werden können, wie eine besser Unterstützung der Opfer aussehen würde, denn, das stellt Darian ebenfalls in ihrem Buch fest: Auch durch die Institutionen hätte ihr und anderen Opfern viel Leid erspart geblieben werden können, erfährt Minkmar.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 17.01.2025
Rezensentin Valerie Catil kann sich nur verbeugen vor Caroline Darian und ihrem Buch, das im französischen Original bereits 2022 erschien. Darian ist die Tochter von Gisèle und Dominique Pelicot. Tagebuchartig und selbsttherapeutisch analytisch gibt die Autorin laut Catil Einblicke in ihre Psyche und ihre Perspektive auf das albtraumartige Geschehen. Irritierend erscheinen Catil in diesem Kontext die Szenen einer glücklichen Kindheit, die die Autorin auch aufschreibt. Wie die Ereignisse die Mutter-Tochter-Beziehung beeinflussen, gehört für die Rezensentin zu den fesselndsten Passagen im Buch, auch weil die Autorin all ihre Gefühle mit der Leserin teilt. Für Catil geht das Buch allerdings noch weit darüber hinaus, indem es Fehler im System der Opfersorge aufzeigt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.01.2025
Rezensentin Susanne Billig liest mit Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" ein "erschütterndes Dokument häuslicher, sexualisierter Gewalt". Wer sich davon Einblicke in die Taten selbst erhofft, wird - glücklicherweise, wie Billig findet - enttäuscht werden. Darian befriedigt die Sensationslust der Öffentlichkeit nicht. Stattdessen konzentriert sie sich auf zweierlei: Die komplexen emotionalen Folgen der Taten für sie selbst, für ihre Mutter und für das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Familie. Und auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem solche Verbrechen geschehen und so lange unaufgeklärt bleiben können. Denn der Fall Pelicot ist kein Einzelfall, wie sie mehrfach betont. Vieles kann und muss noch getan werden, um derartige Fälle zu verhindern oder schneller aufzudecken: Eine bessere Opferbetreuung etwa und eine engere Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen und Justiz, lesen wir. Darians Buch ist somit nicht nur ein schmerzhafter Bericht über ein unvorstellbar grausames Verbrechen, sondern auch ein dringender Appell, so die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2025
Beeindruckt ist Rezensentin Melanie Mühl von Caroline Darians Buch, das einen wenig spektakulären Titel trägt, aber von einem unerträglichen Verbrechen handelt. Darian ist die Tochter Gisèle Pelicots, die tragische Berühmtheit durch den Prozess gegen ihren Ex-Mann, Carolines Vater, erlangte. Dieser sedierte und vergewaltigte seine Frau über Jahre hinweg und überließ sie zahlreichen anderen Männern zur Vergewaltigung. Noch vor Beginn des vielbeachteten Prozesses gegen den Vater hat die Tochter dieses Buch geschrieben, so Mühl. Im Stil eines Tagebuchs notiert Darian darin ihre ohnmächtige Wut auf den Vater, mit dem sie gleichzeitig schöne Kindheitserinnerungen verbindet. Aber anders als zeitweise ihre Mutter, die vom Vater noch während dessen Inhaftierung manipuliert wird, weigert sich die Tochter, heißt es weiter, die vermeintlich schönen Zeiten ins Zentrum ihrer Erinnerung zu stellen. Tatsächlich zeichnet das Buch streckenweise nach, wie die Familie in unterschiedliche Lager zerbricht, den Verdacht der Tochter, dass auch sie selbst Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Vater geworden ist, will die Mutter nicht teilen. Ein starkes Buch über ambivalente Gefühle hat Darian geschrieben, schließt Mühl, und auch eines über die Strategien von Tätern, ihre Verbrechen zu vertuschen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 16.01.2025
Rezensentin Marlene Knobloch zeigt sich tief beeindruckt von dem Buch, das Gisèle Pelicots Tochter Caroline Darian über ihre "erschütternde Geschichte" verfasst hat: Es ist im französischen Original bereits 2022 erschienen und berichtet auf einfühlsame Weise davon, wie es sich anfühlt, in einem Polizeikommisariat zu stehen und die Fotos zu sehen, die der Vater von der betäubten, vergewaltigten, ohne ihr Wissen anderen Männern angebotenen Ehefrau gemacht hat. Auch von ihrer eigenen Angst, vom Vater missbraucht worden zu sein, erzählt sie hier. Zudem erfährt die Kritikerin bei Darian, wie es sich anfühlt, wenn sich eine sensationsgeile Presse auf das völlig zerstörte Familienleben stürzt. Statt "schmutziger Details" bekommt Knobloch hier einen ebenso schockierenden wie unmittelbaren Einblick in ein zerstörtes Familienleben, liest aber auch von den Mängeln der Opferbetreuung.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2025
"Ungeheuerlich", findet Rezensentin Birgit Schmid einiges, was Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pélicot, in ihrem Buch schreibt. Ungeheuerlich ist natürlich die Tat ihres Vaters, der seine Ehefrau betäubte und fremden Männern zu Vergewaltigung zuführte. Interessant findet Birgit Schmid aber auch das Verhältnis zur Mutter, das Darian beschreibt, denn diese verdränge ihr zufolge die Schwere der Schuld von Dominique Pélicot. Aus Selbstschutz finde sie immer wieder mildernde Umstände für den Mann, der sie so schwer hintergangen hat, schreibt Darian, deren Bewunderung für die Stärke der Mutter aber letztendlich doch überwiegt. Darian gibt laut Schmid auch den widersprüchlichen Gefühlen Raum, der gedankliche Spagat zwischen der Erinnerung an einen liebenden Vater und den monströsen Taten, die er beging, ist schwer machbar und auszuhalten, resümiert Schmid.