Die Liebe vereinzelter Männer
Roman

März Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783755000396
Gebunden, 208 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Portugiesischen von Maria Hummitzsch. Camilos Vater arbeitet zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur als Folterarzt. Sein Job ist es, die Gefolterten länger überleben zu lassen. Eines Tages bringt er ein Waisenkind namens Cosme mit nach Hause. Cosme ist etwas älter als Camilo, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, genau weiß er es nicht. Er zeigt dem wohlbehüteten Camilo eine völlig neue Welt hinter den Toren des Grundstücks.Die beiden Jungen verlieben sich ineinander, bis ein Gewaltakt ihre zarte Intimität zerstört und Camilos Leben für immer verändert. Als Camilo Jahrzehnte später in seine Heimatstadt zurückkehrt, wird er von seiner ersten Liebe und dem langen Schatten der Militärdiktatur heimgesucht. Bei der Durchsicht alter Unterlagen stößt er auf ein schreckliches Geheimnis seines Vaters ...Victor Heringers Roman ist eine prägnante und schonungslose Analyse der brasilianischen Gesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit nie richtig aufarbeiten konnte, und eine fließende, queere Coming-of-Age-Geschichte. Er führt uns vor Augen, dass jedes kollektive Trauma aus der Summe individueller Schreckenserfahrungen besteht.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 22.02.2025
Rezensentin Sidney Kaufmann ist merklich berührt von Victor Heringers Roman über Camilo, zum Zeitpunkt der Erzählung Mitte 50, der schwul ist und seiner ersten großen Liebe Cosme hinterhertrauert. Camilo ist in Rio aufgewachsen, was Heringer sprachlich "zwischen Schmerz und Genuss zerrissen" schildert, Cosme kommt als Waisenkind in die Familie. Wie sich die beiden verlieben, wird als "Feier der Intensität" einer Liebe, die so nicht erlaubt ist, geschildert, mitreißend und vor dem Hintergrund der brasilianischen Militärdiktatur, so Kaufmann. Dass Heringer sich früh das Leben genommen hat, macht diese besondere Lektüre für die Rezensentin zum einen melancholischer, aber durch den "Akt des gemeinsamen Erinnerns", den das Lesen bietet, auch hoffnungsvoll.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.02.2025
Gern folgt Rezensentin Carolin Gasteiger den Erinnerungen an eine erste Liebe, von der Victor Heringers Buch erzählt. Hauptfigur des Romans, lesen wir, ist Camilo, seine erste Liebe heißt Cosme und ist ein schwarzer Junge, der von seiner Familie im Brasilien der 1970er Jahre, in der Zeit der Militärdiktatur, aufgenommen wird. Camilo, dem durch einen Geburtsfehler eine normale Jugend verwehrt bleibt, hat einen Hass auf die Welt, auch Cosme steht er erstmal feindselig gegenüber - bis er ihn von einem auf den anderen Moment zu lieben lernt, verrät Gasteiger. Das Paar wird von der Gesellschaft akzeptiert, aber die Tragik kommt noch in anderer Form, warnt die Kritikerin. Heringer lässt in den Text Bilder, Namenslisten und Ähnliches einfließen, unter anderem auch Widmungen an die ersten Lieben seiner Leserinnen und Leser. Insgesamt ist dem Autor ein Buch gelungen, das sich sehr persönlich anfühlt und außerdem von schönen, poetischen Wortschöpfungen geprägt ist - gleichzeitig zeichnet Heringer ein interessantes Bild der brasilianischen Gesellschaft. Eine lohnende Lektüre, findet Gasteiger.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2025
An die Werke des brasilianischen Schriftstellers Joaquim Maria Machado de Assis erinnert Florian Borchmeyer dieser Roman von Victor Heringer, der die Favelas Rio de Janeiros zwischen Gewalt und Zärtlichkeit so eindrücklich schildert, dass es dem Rezensenten fast den Atem nimmt. Im atmosphärisch dicht beschriebenen Sommer des Jahres 1976 bekommt der pubertierende, gehbehinderte Camilo von seiner Familie den 15-jährigen Waisenjungen Cosme vor die Nase gesetzt - aus anfänglichem Hass wird bald Liebe, erfahren wir. Bis zu dieser Stelle liest Borchmeyer die ebenso vielschichtige wie "poetisch-intime" Geschichte eines Coming Outs und einer Jugendliebe. Aber im Brasilien der Militärdiktatur und des Machismo wird Cosme bald brutal ermordet - während der Täter nie verurteilt wird, leidet Camilo ein Leben lang unter diesem Trauma, resümiert der Kritiker. Er liest hier allerdings keineswegs einen Krimi, sondern einen großen, rasenden Rio-Roman, ein Manifest der Liebe und der Hoffnung, das immer wieder durch Collagen von Fotos, Dokumenten und Zeichnungen durchbrochen wird. Dass sich der depressive Autor mit nicht einmal dreißig Jahren das Leben nahm, schmerzt den Kritiker umso mehr, hinterlässt er doch ein Werk, das zum "Schönsten" gehört, was die lateinamerikanische Literatur hervorgebracht hat.