Ich möchte zurückgehen in der Zeit

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN
9783103977646
Gebunden, 160 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Judith Hermann folgt den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.03.2026
Rezensent Marc Reichwein verteidigt Judith Hermanns neues Buch gegen voreilige Kritik. Hermann nähert sich hier ihrem Großvater, der in der Waffen-SS und wohl an Massakern im polnischen Radom beteiligt war - muss aber feststellen, dass sie kaum etwas über diesen Mann herausfinden kann. Weder, im ersten Teil des Buches, beim einsamen Räsonieren am Schreibtisch, noch, im zweiten Teil, beim Gespräch mit Familienangehörigen. Der dritte und letzte Teil wendet sich schließlich einer Betrachtung der Zeit und ihres Vergehens schlechthin zu. Hermann, glaubt Reichwein, möchte hier gar keinen Beitrag zur Aufarbeitung von Zeitgeschichte leisten, vielmehr geht es ihr um Leerstellen in vor allem familiären Erzählungen. Nah an Karolina Kuszyk und Ilga Tokarczuk bewegt sich die Autorin dabei, glaubt Reichwein, der dieses essayistische Erinnerungsbuch gern gelesen hat.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 27.02.2026
"Das Protokoll einer fehlgeschlagenen Aufarbeitung" liest Jan Drees mit Judith Hermanns neuem autofiktionalen Roman, in dem die Autorin auf ganz überraschende, unbehagliche Weise ein Tabu der deutschen Gesellschaft offenlegt. "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" - steht als Mission am Anfang dieses Romans. Der eigenen Familie nachforschen, sich konfrontieren will Judith Hermann also, mit der deutschen Schuld und Schulverdrängung in dieser Familie, mit den Taten des Großvaters, der Verdrängung der Mutter. Schon bald jedoch stellt sie fest, dass dieser Großvater ein blinder Fleck für sie bleibt. Im polnischen Radom, wo der Vater ihrer Mutter höchstwahrscheinlich an NS-Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung beteiligt war, verfällt sie in eine seltsame Gemütsverfassung, eine sich steigernde Angst, eine Paranoia, eine "krankhafte Selbstzerfleischung", schreibt Drees. Statt von den Verbrechen ihres Großvaters zu erzählen, sich der Schuld zu stellen und um die Opfer zu trauern, vollzieht sie die psychosomatischen Effekte dieser Verbrechen auf die Täter nach, lesen wir. So wird ihr Roman zum Zeugnis einer Kapitulation vor einer unbegreiflichen Schuld, zum literarischen Reenactment jener Täter-Opfer-Umkehr, von der Hermann in der bekannten Studie von Margarete und Alexander Mitscherlich liest, oder anders gesagt: zur literarische Erfassung einer Fassungslosigkeit. Ob dieses entlarvende Scheitern literarisches Programm ist, scheint für den Rezensenten nicht entscheidend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2026
Rezensent Fridtjof Küchemann hält Judith Hermanns Buch "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" für ein leises, aber eindringliches Nachdenken über familiäre Schuld im Nationalsozialismus. Er betont, dass Hermann keine klare Tätergeschichte des Großvaters, der ein Mitglied der Waffen-SS war, rekonstruieren kann. Statt dessen zeige sie, wie die Erzählerin mit wenigen Dokumenten, einem Foto und der Suppenkelle nur zu einer vorsichtigen Überzeugung von seiner Täterschaft gelangt. Zentral ist für Hermann dabei die Frage, was "Literarisieren" in diesem Zusammenhang bedeutet, beziehungsweise warum Judith Hermann und ihre Erzählerin genau das nicht tun wollen, so Küchemann. Der Inhalt - die Reise der Erzählerin nach Radom und später zur Schwester nach Neapel - dient laut Kritiker vor allem als Rahmen, um zu zeigen, wie schwer es ist, mit bloßen Ahnungen von Verbrechen zu leben. Ob das für den unbeteiligten Leser interessant ist, lässt der Kritiker offen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 25.02.2026
Ein "unfertig wirkendes Buch" hat Judith Hermann vorgelegt, urteilt Rezensentin Judith von Sternburg. Die Autorin reist auf den Spuren ihres Großvaters - "überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der Waffen-SS""- ins polnische Radom, wo die Deutschen 33.000 jüdische Menschen in ein Ghetto pferchten. Doch statt dem Grauen wirklich nachzugehen, beschäftige sich die Erzählerin vor allem mit sich selbst, ihrem schlechten Schlaf und der Frage, ob der Großvater nicht doch woanders gewesen sein könnte, so von Sternburg. Am stärksten findet sie die Passagen, in denen Hermann als "blasse Deutsche in Wollpullover und Pulswärmern" durch Radom irrt. Das Scheitern sei zwar literarische Figur höchster Güte. Doch dieser Text könne mit seinem Scheitern letztlich nichts anfangen und "setzt sich ihm aus", schließt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2026
So ganz sicher ist sich Rezensentin Leonie C. Wagner nicht, was sie von Judith Hermanns neuem Buch halten soll: Um die SS-Vergangenheit ihre Großvaters aufzuarbeiten, führt die Autorin Gespräche mit der Familie, außerdem fährt sie in die polnische Stadt Radom. Dort errichteten die Nazis das zweitgrößte jüdische Ghetto, lesen wir, der Großvater ließ sich auf einem SS-Motorrad dort fotografien. Außerdem hat Hermann Alexander und Margarete Mitscherlichs psychoanalytische Schrift "Die Unfähigkeit zu trauern" im Gepäck. Sicher ist, dass Hermann wie immer einen "sprachlich schillernden" Text geschrieben hat. Entsprechend ihrem literarischen Stil ist ihr Werk aber auch auffallend uneindeutig, es gibt wenig konkrete Fakten, viele Abschweifungen. Der Großvater bleibt auch nach der Lektüre eine Leerstelle - ist diese Art der literarischen Umkreisung einem solchen Thema angemessen? Die Kritikerin ist unschlüssig: Eigentlich wünscht man sich schon Fakten, gibt die Kritikerin zu, auf der anderen Seite gerät sie am Ende doch in eine Art "literarischen Taumel", in dem alles Sinn zu machen scheint. Ein ambivalentes Urteil!
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.02.2026
Rezensent Tobias Rüther übt scharfe Kritik an Judith Hermanns neuem Buch, das sich zwischen Roman und Recherche mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters beschäftigt. Ihren typischen Sound, mit dem Hermann berühmt geworden ist, nämlich die "Präzision des Ungefähren", entfalte sie auch hier - aber diesmal ist das für den Kritiker ein moralisches Problem. Denn die tastende "Suchbewegung", die das Buch dabei beschreibt, die zaghafte Frage danach, was ihr Großvater da, im polnischen Radom im Jahr 1941, wie doch so eindeutig auf einem Foto vermerkt, wohl getan hat - eine Frage, die dann nicht einmal mit einem Fragezeichen, sondern mit einem prätenziösen Stil-Punkt versehen wird, entrüstet sich der Kritiker -, das wird für Rüther vor dem Hintergrund der harten Fakten zur Pose. Dass Hermann sich hier auf eine Position der Unsicherheit zurückzieht, eine Leerstelle regelrecht "fetischisiert", die keine ist, stößt dem Kritiker sehr unangenehm auf. Für Lebensweisen des 21. Jahrhundert ist diese "skrupulöse Prosa" ergiebig; für ein Porträt eines SS-Offiziers an einem Ort der Vernichtung schlicht "unangemessen", schließt Rüther hart.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 19.02.2026
Rezensent Adam Soboczynski ist durchaus Fan von Judith Hermann, deren neues Buch er eine Woche vor Erscheinen bespricht. Allein ihr Gespür für das Unheimliche, Schauerliche will zum Thema dieses Buches nicht passen, bemerkt der Kritiker: Ziemlich spät begibt sich Hermann hier auf die Spuren ihres Großvaters, ein im polnischen Radom stationierter SS-Mann, über den wenig bekannt ist - verließ er die Familie doch bereits als Hermanns Mutter gerade mal zehn Jahre alt war. Die Autorin reist nun selbst nach Radom und befragt zudem immer wieder ihre Mutter, die ihr allerdings vorwirft, den unbekannten Großvater zu "literarisieren". Und genau das tut Hermann, vor allem, wenn sie die Grenze zwischen Fakt und Fikton immer wieder verwischt oder das Rätselhafte, ja den Grusel, der den unbekannten Großvater umgibt, herausstreicht, meint Soboczynski. Das kann man durchaus "anstößig" nennen, schließt er.