Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Independent

Grandios stoisch: David Zellners 'Kid-Thing'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2012

Ein ländlicher Vorort von Austin in Texas: hier lebt Annie, 10 Jahre alt, blond, sommersprossig, ein bisschen moppelig. Sie trägt ein immer gleiches weißes T-Shirt mit Airbrush-Motiv und isst ausschließlich regenbogenfarbene Industrienahrung. Als die Schule wegen eines Gaslecks geschlossen bleibt, erdenkt sich Annie ihre ganz eigenen 'extracurricular activities': sie stromert herum, beklaut Tante-Emma-Läden und behinderte Mädchen und lässt ganz allgemein ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Pulen und hauen und stechen und kratzen und reißen und schlagen und schleudern - das sind einige ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Kurz: Annie ist ein richtiger Satansbraten. Eines Tages stolpert Annie im Zuge ihrer Eskapaden über ein Loch im Waldboden, aus dem eine Frauenstimme um Hilfe ruft. Ob aber dieses Loch im Wald real oder imaginiert ist oder ob da unten vielleicht gar der Teufel persönlich residiert, das lässt "Kid-Thing" auf angenehme Weise offen und hält die Schwebe zwischen Realismus und Märchen.
Von Elena Meilicke

Grenzpornografisch, aber kompromisslos ehrlich: Joe Swanbergs Filme 'Silver Bullets' und 'Art History'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2011

Soviel Selbstreflektion findet man im Kino nicht alle Tage: In Joe Swanbergs "Silver Bullets" geht es um zwei unterschiedliche fiktive Filmdrehs, vor der Kamera zu bewundern sind sogar gleich drei Schauspieler, die im echten Leben eigene Filme drehen. In einer Nebenrolle taucht Larry Fessenden auf, ein Veteran des Independent-Kinos, dessen charakteristischer Quadratschädel auch schon bei Jim Jarmush, Martin Scorsese und Kelly Reichhardt mal kurz durchs Bild spukte. Im Zentrum stehen zwei andere, jüngere Filmemacher. Der Horror-Auteur Ti West ("The House of the Devil") spielt den Horror-Auteur Ben, der einen leicht prätentiösen Werwolfstreifen dreht und anschließend in einem Promo-Interview dessen komplexe Struktur erläutern möchte; sein Gesprächspartner fragt aber immer nur nach "Tits 'n Gore". Die Hauptrolle im Werwolffilm übernimmt Claire, deren Freund Ethan parallel einen anderen Film inszeniert. Ethans Rolle widerum spielt Joe Swanberg gleich selbst und Ethans Film sieht denn auch nach einem echten Swanberg-Film aus: narzisstisch und grenzpornografisch, intim und kompromisslos ehrlich, in vieler Hinsicht jenseits der Schmerzgrenze. Zu allem Überfluss spielt Ethan/Swanberg auch im Film des fiktionalen Ethan/Swanberg die männliche Hauptrolle. Und die weibliche übernimmt eine Freundin Claires, was natürlich für Ärger sorgt, erst recht, als Claire im Werwolfkostüm Ben gefährlich nahe…
Von Lukas Foerster