Außer Atem: Das Berlinale Blog

Kosmologische Sinnsuche in Terrence Mailcks "Knight of Cups" (Wettbewerb)

Von Lukas Foerster
08.02.2015.


Niemand ist leichter zu parodieren als Terrence Malick: Eine junge Frau tänzelt den Strand entlang, umspült von Wellenschaum, sie trägt lediglich einen wallenden Hauch von Nichts und wird verfolgt von einer schwebend-schlingernden Kamera. Dazu ein raunender Voice-Over: "Life! Ahhhh..." Nun folgt daraus allerdings nicht, dass Malicks Filme kitschig oder sonstwie unwürdig wären - sondern lediglich, dass er in seiner aktuellen Werkphase offensichtlich eine prägnante, einzigartige (und eben deshalb: nachahmbare) Form gefunden hat. "Knight of Cups" setzt konsequent fort, was die beiden Vorgänger begonnen haben; insbesondere zu "The Tree of Life" verhält der Film sich fast wie ein Sequel.
 
Denn es gibt in dem Magnum opus aus dem Jahr 2011 einen Handlungsstrang (wenn "Handlungsstrang" überhaupt die richtige Bezeichnung ist für jene Segmente, in die Malick seine Erzählwelt aufsplittert; spätestens jetzt, bei "Knight of Cups", muss man sich eine andere Bezeichnung überlegen), der vor lauter daddy issues in Texas, Dinosaurierzärlichkeit und "dort oben ist Gott" leicht zu übersehen ist: Jene Szenen, in denen die erwachsene Version des Hauptdarstellers, verkörpert von Sean Penn, weltverloren zwischen verspiegelten Hochhausfassaden herumsteht und sich nach der verlorenen Zeit sehnt. "Knight of Cups" faltet diese paar Bilder zu einem Langfilm auf.
 
Sean Penn hat sich in Christian Bale verwandelt. Der spielt in "Knight of Cups" den Hollywoodstar Rick, der sich in einer Dauerlebenskrise befindet. Die professionelle Dimension dieser Krise lässt sich nur erahnen - zwei-, dreimal steht Rick in einem gewaltigen Studioset, das sehr nach Old Hollywood ausschaut, herum und lässt sich über neue Filmprojekte aufklären. Sein Liebesleben nimmt weitaus mehr Raum im Film ein: Eine Frau nach dem anderen tritt in sein Leben - und verlässt es wieder, ohne dass gezeigt würde, wie (lediglich Cate Blanchett erhält eine Abschiedsszene). Das emotionale Zentrum des Films allerdings ist - da wird der Anschluss an "The Tree of Life" besonders deutlich - Ricks Verhältnis zu seinem Vater.
 
Soweit der Versuch, die Handlung zu rekonstruieren. Allein: Über den Film ist damit gar nichts ausgesagt. Der braucht den narrativen Rahmen lediglich als Verfügungsmaterial für jene große, kosmologische Sinnsuche, die Malicks Filme inzwischen mit ziemlicher Ausschließlichkeit sind - und die, das wird von Film zu Film deutlicher, eben keiner christologischen Teleologie unterworfen ist, sondern konstitutiv unabgeschlossen bleibt: In "Knight of Cups" erklärt eine der zahlreichen Voice-Over-Stimmen: "es hat begonnen" - allerdings tut sie das nicht etwa nur am Anfang des Films, sondern andauernd, und auch noch ein paar Minuten vor Schluss, wenn längst klar ist, dass der Film seine motivischen Bögen gar nicht zu Ende denken will, dass jedem möglichen Abschluss (zum Beispiel einer Liebesbeziehung) ein neuer Anfang in die Quere kommt.
 
Es geht nicht darum, was am Ende der Reise steht, sondern um das, was unterwegs abfällt. Es zeigt sich noch mit jedem neuen Film, dass Malicks Sinnsuche gerade nicht in die vergeistigte Einsamkeit des Autorenfilmersubjekts führen, sondern ganz im Gegenteil hinaus ins Chaos der Welt. Wo wäre das Kino der Gegenwart neugieriger als bei Malick? Süchtig scheinen seine Filme zu sein nach immer neuen Bildern, immer neuen Sinneseindrücken, immer neuen Stimmen, sie verschlingen die Attraktionen, die Affekte, auch das gestische Potential ihrer Darsteller regelrecht. (Der großartige Hauptdarsteller Bale wiederum ist eigentlich kaum mehr als ein Gefäß, in das das alles irgendwie rein muss.)
 


"Knight of Cups" ist Malicks erster urbaner Film überhaupt - weite Teile spielen in Los Angeles, auch andere Städte tauchen auf (unter anderem, besonders toll, Las Vegas), wenn Rick sich ab und zu in die erhabene Western-Einsamkeit der amerikanischen Wildnis zurückzieht, dann hat das lediglich rhythmische Gründe: Mal durchatmen, herunterkommen, Anlauf nehmen für den nächsten urbanen Exzess. Denn das ist die Stadt für Rick, für Malick: Ein einziger emotional-libidinös-kinematografischer Ausnahmezustand, zu dem sich der Film in einer Art frenetischen Ambivalenz verhält: Der gesuchte Sinn wird in den kapitalgesättigten Oberflächen mit Sicherheit nicht zu finden sein, aber: Oh, wie sieht das alles super aus. Die Artefakte des hochgerüsteten Kapitalismus amalgamieren mit Softporno-Tagträumereien - wenn Malick zwischendurch auch einfach einmal eine Blondine filmt, die auf einem Balkon stehend nackt telefoniert: wer wollte ihm böse sein, der Mann folgt halt seinen Interessen und er findet tatsächlich ein hocherotisches Bild.
 
Was nicht heißen soll, dass Malicks Stadtbild eindimensional oder auch nur in sich stabil wäre, übergangslos wechselt der Film immer wieder auf die andere Seite der Stadt (obszön werden manche jene Bilder finden, in denen eine von Bales Gespielinnen vernarbte Obdachlose behandelt - in meinen Augen zeigt sich in solchen Szenen lediglich, dass Malick neben allem anderen auch noch ein großer ethnografischer Filmemacher ist). Potentiell ist jedes Bild ein Kipppunkt, direkt neben den Poolpartys in Hollywood lauern die mean streets, einmal wird (glaube ich wenigstens ) auf der Tonspur sogar Travis Bickle zitiert.
 
Die Prämissen der Malick"schen Sinnsuche mag man trotz all dem immer noch problematisch finden. In seiner Welt sollen, da kommt man nicht drum herum, die Frauen die Männer erlösen - und zwar nicht durch die Liebe, sondern durch ihr besonderes Weltverhältnis (das Tänzeln!). Andererseits: Will man diesem poetischen Ansatz tatsächlich vorwerfen, dass er nicht allen Formen sozialer Existenz gerecht wird? Was für eine Idee von Kunst wäre das? Was für eine Praxis von Kunst vor allem wäre die Konsequenz dieser Idee?
 
Terrence Malick: "Knight of Cups". Mit Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman. USA 2014, 118 Minuten (Vorführtermine)