Außer Atem: Das Berlinale Blog

Mit schwerem Akzent: Axel Steins Horrorfilm "Tape_13" (Perspektive Deutsches Kino)

Von Thomas Groh
12.02.2014.


Ohne Medien kein Horror. Und erst recht kein Horror ohne das Rauschen von Medien und unterbrochene Informationsflüsse. Im Rauschen und in den Leerstellen des Medialen wesen die Geister und Dämonen ganz wunderprächtig. Entsprechend wimmelt es im Horrorfilm von Briefen und Inschriften, von Fotografien, Video- und Fernsehbildern, von allerlei technischem Gerät, von medial induzierten Verzerrungen und desorientierenden Uneindeutigkeiten. Auch für die Form gilt das: "Dracula" ist ein aus Briefen und Tagebucheinträgen zusammengestelltes Dossier, Lovecraft legte seine Geschichten oft als persönlichen Bericht an, weite Teile von Stephen Kings "Carrie" bestehen aus Nachrichtenmeldungen und Protokollen aller Art.

Mit Ruggero Deodatos Meisterwerk des grindigen Feel-Bad-Kinos "Cannibal Holocaust" kam das "Found Footage" 1980 in den Horrorfilm, wenn hier auch noch in gerahmter Form. "Blair Witch Project" gab sich 1998 dann komplett als Dossier mit dem - zunächst erfolgreich behaupteten - Anspruch aus, echtes Handkamera-Videomaterial in seiner rohen, unheimlichen Belassenheit zu präsentieren. Zuletzt feierte die Form wahre Urständ, sodass das ursprünglich mal ziemlich tolle Spiel mit den horriblen Latenzen eines vermeintlich authentischen Mediendokuments mittlerweile nicht nur nervt, sondern auch ziemlich ausgelutscht ist.

Der beste Zeitpunkt also offenbar, nun endlich auch in Deutschland einen Horrorfilm dieser Machart zu produzieren. Mit der Eifel hat man schließlich auch eine Kulisse vor der Haustür, in der auch "Blair Witch Project" gut hätte entstehen können. Die Geschichte ist denn auch denkbar einfallslos: Ein junges Touristenpärchen fährt in die Natur, der Wagen kommt zum Erliegen, man kommt bei prolligen Altersgenossen in einer entlegenen Ferienhütte unter, abends gibt es Partyspaß aus der okkultistischen Mottenkiste und dann wird es gruselig. Hach ja.

Wobei das mit dem deutschen Horrorfilm eh so eine Sache ist. Das Pärchen spricht Englisch, und weil auch die durch die Bank schauderhaft unsympathischen Dorfheinis des Englischen überraschend mächtig sind, unterhalten sich eben auch alle, und wahrscheinlich schon aus internationalen Vermarktungsgründen, auf Englisch mit deutschem Akzent.

Das ist noch verzeihlich, schlimmer ist aber, dass es Axel Stein, den man vor allem als Darsteller aus wenig lustigen Film- und Fernsehkomödien kennt, für sein Regiedebüt schlicht an Ideen und Talent mangelt. "Tape_13" ist hochgradig epigonal, was im formell ohnehin oft redundanten Horrorfilm noch nicht per se schlecht sein muss, solange man sich beim Nachstellen größerer Vorbilder entweder deren Qualitäten wenigstens annähert oder die Vorgaben im Detail interessant variiert oder vielleicht sogar kommentiert. In "Tape_13" wirkt aber alles so aufgesagt und nachgeplappert wie das Englisch der deutschen Darsteller - und man fragt sich nach der x-ten willkürlich eingeschobenen Großaufnahme von Details wie Fliegen und anderem Zeug was dieser armselige Kindergeburtstag eigentlich soll. Atmosphärisch dicht oder gruselig ist das alles jedenfalls nicht.

So roh und belassen "Found Footage" als Form im Horrorkino auch wirkt, umso wichtiger ist es, dass man sich als Regisseur genau über das Informationsmanagement des Film bewusst. Die Form ist notgedrungen fragil - belädt man die einzelnen Szenen zu stark mit Informationen für den Zuschauer, scheitert die Form an sich selbst; hält man zuviel an Informationen zurück, entsteht der Eindruck, dass man sich wahllos und ohne narrativen Bogen durch uninteressante Youtube-Videos klickt. Auch was das betrifft: Kaum Souveräntität. "Tape_13" plätschert selbst für seine Laufzeit von gerade mal 80 Minuten strapaziös lange, hält sich den wesentlichen Teil seiner Dauer mit schlicht Uninteressantem auf und horrifiziert sein Szenario so zögerlich und kraftlos, dass sich weder Spannung noch eine unheimliche Stimmung einstellt, sondern am ehesten noch die Sehnsucht nach der Erlösung versprechenden Tür des Kinosaals.

Oft und mit Nachdruck wurde zuletzt ein "deutscher Genrefilm" eingefordert. Rein grundsätzlich ist daran nichts falsch. Im Detail verbirgt sich dahinter dann eben doch nur die Vorstellung, dass man die Äußerlichkeiten des Genrekinos ohne größeren Reflexionsprozess nur in ein deutsches Setting zu transponieren braucht. Was damit - außer kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen und ein paar Derivaten mehr - gewonnen sein soll, bleibt mehr als fraglich. Ein Genrekino, das kein Gespür für sein Setting hat, für dessen Sprache und Kultur, für dessen Raum und Geschichte, und kein Verhältnis zu den Vorbildern - auch im Sinne einer Distanzierung oder eben Variation - aufbaut, ein solches Genrekino braucht nun wirklich kein Mensch. Weitaus besser macht es "Der Samurai", - ebenfalls in der "Perspektive Deutsches Kino".

Thomas Groh

"Tape_13". Regie: Axel Stein. Mit: Nadine Petry, Lars Steinhöfel, Pit Bukowski, Sonja Gerhardt, Cristina do Rego. Deutschland 2013, 80 Minuten. (Perspektive Deutsches Kino, alle Vorführtermine)