Außer Atem: Das Berlinale Blog

Beängstigender Wald: Andreas Bolms 'Die Wiedergänge' (Perspektive Deutsches Kino)

Von Lukas Foerster
14.02.2013.

Wohin man auch blickt, überall Bäume auf dieser Berlinale: Besonders im Wettbewerb jagt ein Waldfilm den nächsten. Nina Hoss schlägt sich bei Thomas Arslan als Teil einer exildeutschen Reisetruppe durchs unwirtliche, grenzmystische Nadelholz. Tendenziell mindestens ebenso aggressiv (genauer gesagt: mindestens eine Bärenfalle aggressiver) gebärt sich der - gleichfalls kanadische - Wald, in dem Vic und Flo bei Denis Côté abhängen. Von der freundlichen Seite zeigt sich die Pflanzenwelt bei David Gordon Green: Obwohl er gleich zu Filmanfang abbrennt, bietet ein (wieder aufgeforsteter und dezent verzauberter) Wald Paul Rudd und Emile Hirsch Unterschlupf, hilft ihnen beim bonding und beim Verarbeiten von Liebesproblemen. Den Waldfilm to end all Waldfilme hat, wen wundert’s, James Benning gedreht: Gut zwei Stunden lang steht im Forumsfilm "Stemple Pass" eine Hütte im Wald herum; die Jahreszeiten wechseln, die Lichtverhältnisse aus, manchmal werden Texte des Unabombers Theodore Kaczynski verlesen, der sich jahrelang in einer ähnlichen Hütte verkrochen hatte, dann herrscht wieder minutenlang, viertelstundenlang Stille, gelegentlich tritt Rauch aus dem Schornstein der Hütte - aber der Wald, der bleibt.


Wohin man auch blickt, überall Bäume auf dieser Berlinale: Besonders im Wettbewerb jagt ein Waldfilm den nächsten. Nina Hoss schlägt sich bei Thomas Arslan als Teil einer exildeutschen Reisetruppe durchs unwirtliche, grenzmystische Nadelholz. Tendenziell mindestens ebenso aggressiv (genauer gesagt: mindestens eine Bärenfalle aggressiver) gebärt sich der - gleichfalls kanadische - Wald, in dem Vic und Flo bei Denis Côté abhängen. Von der freundlichen Seite zeigt sich die Pflanzenwelt bei David Gordon Green: Obwohl er gleich zu Filmanfang abbrennt, bietet ein (wieder aufgeforsteter und dezent verzauberter) Wald Paul Rudd und Emile Hirsch Unterschlupf, hilft ihnen beim bonding und beim Verarbeiten von Liebesproblemen. Den Waldfilm to end all Waldfilme hat, wen wundert’s, James Benning gedreht: Gut zwei Stunden lang steht im Forumsfilm "Stemple Pass" eine Hütte im Wald herum; die Jahreszeiten wechseln, die Lichtverhältnisse aus, manchmal werden Texte des Unabombers Theodore Kaczynski verlesen, der sich jahrelang in einer ähnlichen Hütte verkrochen hatte, dann herrscht wieder minutenlang, viertelstundenlang Stille, gelegentlich tritt Rauch aus dem Schornstein der Hütte - aber der Wald, der bleibt.

Der vielleicht eigentümlichste Waldfilm aber läuft in der Nebensektion "Perspektive Deutsches Kino". Andreas Bolms einstündiger "Die Wiedergänger" zeigt drei Menschen - nicht nur, aber sehr oft - im Wald, irgendwo in Norddeutschland: Ein älteres Paar, das sich in einem Haus eingerichtet hat, das von allen Seiten von Bäumen umgeben ist und das sein (langsam, ereignisarmes) Alltagsleben am Wald auszurichten scheint, Holz hackt, Äste zersägt, Blätter sammelt. Und einen jungen Mann, der alleine die Natur durchstreift, die Kamera dabei meist vor ihm positioniert (es gibt jedoch auch Einstellungen aus seiner Subjektiven), mit unlesbarem Blick ins Leere starrt, schließlich in einer Grube zwischen den Bäumen einen Unterschlupf, vielleicht auch eine provisorische Festung zu errichten versucht.

Der Wald hat etwas Destruktives an sich in "Die Wiedergänger", sein Wuchern hat nichts mit organischer Lebendigkeit zu tun, sondern zeigt eher an, dass es mit den anderen Formen des Lebens dem Ende entgegen geht. Pflanzenüberwachsene Computergehäuse liegen auf dem Boden, vage giftig wirkende Pflanzen strecken ihre Blüten der Kamera entgegen, einmal tut sich eine kreisrunde Lichtung aus, wie die Kultstätte einer längst vergangenen Zivilisation ausschaut. Auch die Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten, blank polierten Garagentoren, an die die Kamera einmal langsam vorbeigleitet, vermitteln nichts mehr vom Leben, das sich in sie zurückgezogen hat: die Vorhänge sind zugezogen, der Schlüssel zweimal herumgedreht.

Der Film zeigt die Menschen und den Wald so weit es geht unzugerichtet: Keine ausgefallene Bildbearbeitung täuscht über die Defizite der digitalen Aufnahmen hinweg, keine Erzählung, noch nicht einmal Dialoge brechen das stumpfe Schweigen im Walde auf. Statt dessen tritt eine zweite Ebene neben die ungeschönten, unbehauenen Waldaufnahmen: gelegentlich melden sich Voice-Over-Stimmen zu Wort, mal in Form von Radiomeldungen, mal in Form von Tagebucheinträgen, die von einer Katastrophe berichten, von einer Krise, die gleichzeitig ökologische und militärische Komponenten zu besitzen scheint: Es ist von bestimmten Pflanzensorten die Rede, die nicht mehr angebaut werden dürfen, außerdem von Militärflugzeugen, Männern in weißen Anzügen mit Gasmasken; später von einer Familiengeschichte, von den Eltern Ada und Volker, ihrem Sohn Fabian und einem Unglück, das mindestens einem Familienmitglied zustößt.

Man kommt dann bald darauf, dass die drei Menschen, die man im Wald begleitet hat, die Akteure eben dieser Familiengeschichte sind; und wenn Andreas Bolm, der Regisseur, dann plötzlich selbst in seinem Film auftaucht, Gitarre spielt und ein lakonisches Lied über verflossene Lieben singt, wendet sich die gesamte Anordnung ins Autobiografische. Diese (in sich widersprüchlichen) Wendungen hin zum Narrativen schließen den Film jedoch nicht auf, machen ihn im Gegenteil noch rätselhafter. Spiegelt sich da eine kaputte Familienpsyche nach außen, als brutale, alles verschlingende Natur? Oder ist doch die Natur das Vorgängige und sind die verschiedenen Katastrophen, die im Film ihre kryptischen Spuren hinterlassen, nichts als gespenstische Nachbilder - Wiedergänger ohne eigentliche Existenzgrundlage?

Man bekommt das alles nicht auseinander, nicht einmal ansatzweise. "Die Wiedergänger" ist gleichzeitig mindestens: ein melancholischer Geister- und Familienfilm, ein maximal abstrakter Science-Fiction-Endzeit-Thriller, ein visueller Essay über die herbe Tristesse Norddeutschlands. Auf jeden Fall: Einer der faszinierendsten Filme des Festivals, ein Film, der zumindest momenthaft, in einzelnen Einstellungen eine umwerfende Schönheit entfaltet.

Lukas Foerster

"Die Wiedergänger". Regie: Andreas Bolm. Mit Edda Bolm, Joachim Rüdig, Dominic Stermann u.a., Deutschland 2013, 62 Minuten (alle Vorführtermine)