Außer Atem: Das Berlinale Blog

Dramatisch: Bruno Dumonts 'Claude Camille,1915' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh
13.02.2013.

Wenn in Bruno Dumonts "Camille Claudel, 1915" plötzlich ein Auto vorfährt, erschrickt man eine Sekunde über diesen Misston: Natürlich sind Autos im Jahr 1915 keine Neuheit mehr, doch bricht mit dem Auto jäh eine Ahnung der Außenwelt und der Moderne in diese bis dahin zugemauerte Welt, in der schon ein Salon im Stil des 19. Jahrhunderts wie ein Zugeständnis an den Zeitenlauf wirkt, dass man sich halb im Schock dazu zwingen muss, sich zu erinnern, dass dieser Film im frühen 20. Jahrhundert spielt.


Wenn in Bruno Dumonts "Camille Claudel, 1915" plötzlich ein Auto vorfährt, erschrickt man eine Sekunde über diesen Misston: Natürlich sind Autos im Jahr 1915 keine Neuheit mehr, doch bricht mit dem Auto jäh eine Ahnung der Außenwelt und der Moderne in diese bis dahin zugemauerte Welt, in der schon ein Salon im Stil des 19. Jahrhunderts wie ein Zugeständnis an den Zeitenlauf wirkt, dass man sich halb im Schock dazu zwingen muss, sich zu erinnern, dass dieser Film im frühen 20. Jahrhundert spielt.

Die Bildhauerin Camille Claudel (Juliette Binoche) ist in einer von Nonnen geführten Anstalt untergebracht. Die Umstände der Einweisung bleiben unklar - dass es sich um eine männerbündische Abschiebung handelt, wird zumindest sehr implizit angedeutet. Die Welt wirkt vom schweren Gemäuer abgeschlossen - so abgetötet wie die Körperlichkeit der Nonnen unter ihren Gewändern und Tüchern. Einmal führt eine Art Pilgerweg auf den Gipfel eines nahen Bergs, von dem aus weite Landschaften, aber keine Anzeichen von Zeitgenossenschaft zu sehen ist. Eine überkontrollierte, unter dem Alb der Vergangenheit liegende Umgebung, in der als Misstöne das Gejauchze und Gekluckse der Insassen, das schelmisch wahnhafte Grinsen oder der nervtötende Trommeltick beim Essen fast befreiend wirken. In Steven Sodeberghs Wettbewerbsfilm "Side Effect", in dem pychiatrische Anstalten ebenfalls eine große Rolle spielen, heißt es, eine Depression sei das Unvermögen, für sich selbst eine Zukunft zu sehen oder zu konstruieren. Was Soderberghs Film an ästhetischer Eindringlichkeit diesbezüglich fehlt, wird in "Camille Claudel, 1915" körperlich spürbar.



In einer Waschungsszene zu Beginn wird Binoche als zerbrechlicher Körper eingeführt. Das Laken, in das sie anschließend gehüllt wird, füllt zunächst das ganze Bild. Nicht nur, um Binoches nackten Körper vor gaffenden Blicken zu schützen, sondern auch, um ihn als Projektionsfläche einzuführen: Über weite Strecken ist "Camille Claudel, 1915" im Close-Up auf Juliette Binoches Gesicht gefilmt, selbst die Totalen finden über mise-en-scène und Kamerabewegungen oft zurück zu Binoches Gesicht. Zweimal - wenn Binoche mit der Außenwelt kommuniziert - fährt die Kamera noch weiter auf sie zu. Je öder die Außenwelt, um so dramatischer wirkt Binoches Gesicht: Jede Träne in den Wimpern, jeder nervöse rote Fleck in den Augenwinkeln, jedes Zucken der Muskulatur um ihren Mund herum wird zum Ereignis.

Dass Binoches Körper Schauplatz einer Auseinandersetzung ist, die weit über die Grenzen dieser Gemäuer reicht, ahnt man immerhin. Irgendwo draußen bohrt sich der Erste Weltkrieg ins Weltgeschehen ein, alte, von mittelalterlichen Vorstellungen geprägte Männer verfügen über Frauen und deren emotionale Realität. Das alte Europa, das hier letztmals für sich historische Gültigkeit behauptet, liegt bald in Trümmern.

Thomas Groh

"Camille Claudel". Regie: Bruno Dumont. Mit Juliette Binoche, Jean-Luc Vincent u.a. , Frankreich 2012, 97 Minuten (alle Vorführtermine)