Außer Atem: Das Berlinale Blog

Untersucht den ungeklärten Tod zweier Roma: Philip Scheffners Dokumentarfilm 'Revision' (Forum)

Von Lukas Foerster
12.02.2012.

Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche scheinbar nebensächlichen Details, für auf den ersten Blick völlig kontingente Verbindungen, ist kennzeichnend für die Filme des außergewöhnlichen Dokumentaristen Philip Scheffner.


Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche scheinbar nebensächlichen Details, für auf den ersten Blick völlig kontingente Verbindungen, ist kennzeichnend für die Filme des außergewöhnlichen Dokumentaristen Philip Scheffner.

Schon zum dritten Mal ist er im Forum vertreten. "Halfmoon Files" aus dem Jahr 2007 war seine erste eigene Regiearbeit (Filme machte er schon seit Anfang der neunziger Jahre, Anfangs als Teil des Kollektivs dogfilm) und ist nach wie vor sein erstaunlichster Film: Eine Investigation über (neben vielem anderen) die deutsche Kolonialgeschichte, ausgehend von einem Berliner Klangarchiv. "Der Tag des Spatzen" von 2010 verband dann auf unnachahmliche Weise die Kartierung des militärischen Apparats des gegenwärtigen Deutschland mit Lektionen in Vogelkunde. "Revision" folgt klassischen Modellen des dokumentarischen Kinos, seiner archäologischen Methode bleibt Scheffner dennoch treu.

"Revision" geht aus von der Gegenwart des Weizenfelds und der Windräder. Eine Stimme aus dem Off referiert immer wieder - allerdings fortlaufend, nach dem jeweiligen Kenntnisstand, variiert - die Fakten: Am 19. Juni 1992 entdeckt ein Bauer auf dem Feld zwei angeschossene Männer, als die Polizei einige Stunden (!) später auftaucht, sind die beiden nicht mehr zu retten, außerdem tobt ein Feuer. Scheffner begibt sich auf der Suche nach Spuren dieser Fakten in der Gegenwart. Er landet dabei zum Beispiel in Rumänien, bei den Hinterbliebenen der beiden Toten, die ihm alte Fotografien zeigen und erzählen, unter welchen Schwierigkeiten die beiden jungen Roma damals in Deutschland ihr Geld verdienten. Er treibt den Bauern auf, der auf die Männer gestoßen war, er unterhält sich mit den Polizisten und den Notärzten, die damals zum Tatort gerufen wurden. Er folgt den Spuren einiger Zeugen des Vorfalls bis ins unweit gelegene Rostock, wo im August 1992, zwei Monate nach der Entdeckung der beiden Männer im Weizenfeld, ein rechtsextremer Mob unter freundlicher Duldung weiter Teile der einheimischen Bevölkerung, mehrere Tage lang ein Asylbewerberheim terrorisierte. Weniger offensichtliche Spuren führen zum Beispiel nach Polen, zu einem Hobbychronisten, der in seinem umfangreichen Privatarchiv einen ZDF-Beitrag über den Fall ausgräbt. Besonders in dieser Episode kommt Scheffners spezieller historiografischer Einsatz zum Tragen: jeder Zugang hat zuerst einmal dieselbe Berechtigung, keine Quelle - und erst Recht keine "offizielle" Quelle - wird bevorzugt.

Nur langsam kristallisiert sich heraus, wie ernst der Film seinen Titel nimmt. Es geht nicht einfach nur um einen "zweiten Blick", sondern um die filmische Revision eines historischen juristischen Prozesses: die mutmaßlichen Schützen - eine Gruppe Jäger, die die beiden Toten wohl, es ist kaum zu fassen, für Wildschweine gehalten hatten - wurden vor Gericht gestellt. Allerdings erst, nachdem die zuständige Staatsanwaltschaft den Fall jahrelang verschleppt hatte und kurz davor stand, ihn ganz zu schließen. Der Prozess wurde aufgrund von Schwierigkeiten in der Beweisführung schnell eingestellt, die Angehörigen der Opfer waren nicht vorgeladen, wurden nicht einmal über den Prozessbeginn informiert. "Revision" holt nun - freilich nur im Modus des ästhetischen Spiels, das Wissen um seine eigene Hilflosigkeit schwingt im Film mit, das verstärkt noch seine verheerende Wirkung - nach, was die deutsche Justiz damals versäumt hat: Zum Beispiel stellt der Film in der Kamera die Sichtverhältnisse zur Tatzeit nach, oder er inszeniert eine (im Prozess nie unternommene) Tatortbesichtigung mit allem verfügbaren "Originalpersonal".

Vor allem aber lässt er all die zu Wort kommen, die dazu im Laufe des kurzen Prozesses nicht oder nur unzureichend Gelegenheit hatten, besonders ausführlich die Angehörigen der Opfer. Die Interviews, die Scheffner zu diesem Zweck geführt hat und die einen Großteil der Laufzeit von "Revision" ausmachen, tauchen im Film nicht als Interviews auf, als eine Aneinanderreihung von talking heads. Statt dessen filmt Scheffner seine Gesprächspartner dabei, wie sie ihren eigenen Ausführungen lauschen, die vorher auf Tonband aufgezeichnet wurden. Der zusätzliche Informationswert dieser Inversion des klassischen Gesprächsformats hält sich in Grenzen - obwohl es durchaus interessant ist, zu beobachten, wie Menschen auf ihre eigene Stimme reagieren und an welchen Stellen sie gegen sich selbst Einspruch erheben. Vor allem aber scheint es darum zu gehen, die referierten Erinnerungen in die Form der Zeugenaussagen (in einem filmischen Prozess, der vom Weizenfeld ausgehend immer weiter greift - am Ende stehen längst nicht mehr nur ein paar Staatsanwälte und die im Film abwesenden Hobbyjäger auf der Anklagebank) zu überführen, sie bis zu einem gewissen Grad zu vergegenständlichen, ihnen damit jene quasimaterielle Existenz zu verschaffen, die es dem gesprochenen Wort im juristischen Prozess ermöglicht, Teil einer Beweiskette zu werden.

Lukas Foerster

"Revision". Regie: Philip Scheffner. Dokumentarfilm, Deutschland 2012, 106 Minuten. (Vorführtermine)