Außer Atem: Das Berlinale Blog

Von der Kontemplation zur Agitation: Thunska Pansittivorakuls 'Terroristen'

Von Lukas Foerster
15.02.2011.

"Thank to all the terrorists". Mit dieser Texteinblendung endet der vielleicht verstörendste Film des Festivals. Thunska Pansittivorakuls "Terroristen" sind die "Rothemden", eine thailändische Protestbewegung, die sich 2006 formierte, nachdem ein Putsch den populären Präsidenten Thaksin Shinawatra aus dem Land gejagt hatte. Nach den Protesten der "Gelbhemden" (die im Film, und das werden ihm einige sicherlich, vielleicht nicht ganz zu unrecht, vorwerfen, gar nicht auftauchen) brachte ein zweiter Putsch 2008 eine konservative Regierung unter Führung Abhisit Vejjajivas an die Macht. Seither liefern sich die Anhänger Thaksins, die überwiegend den unteren sozialen Schichten Thailands entstammen, erbitterte, aber einseitige Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und Armee. Um die 2000 Rothemden starben seit 2009, ihre Anführer sitzen längst im Gefängnis.


"Thank to all the terrorists". Mit dieser Texteinblendung endet der vielleicht verstörendste Film des Festivals. Thunska Pansittivorakuls "Terroristen" sind die "Rothemden", eine thailändische Protestbewegung, die sich 2006 formierte, nachdem ein Putsch den populären Präsidenten Thaksin Shinawatra aus dem Land gejagt hatte. Nach den Protesten der "Gelbhemden" (die im Film, und das werden ihm einige sicherlich, vielleicht nicht ganz zu unrecht, vorwerfen, gar nicht auftauchen) brachte ein zweiter Putsch 2008 eine konservative Regierung unter Führung Abhisit Vejjajivas an die Macht. Seither liefern sich die Anhänger Thaksins, die überwiegend den unteren sozialen Schichten Thailands entstammen, erbitterte, aber einseitige Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und Armee. Um die 2000 Rothemden starben seit 2009, ihre Anführer sitzen längst im Gefängnis.

Thunskas Film enthält beängstigende Bilder eines Bürgerkriegs, der in Europa schon während seiner ersten Zuspitzung 2009 kaum und in der Folge praktisch gar nicht mehr in der Presse präsent war. Aber zuerst, am Anfang des Films, ist da nur ein Fischerboot. Zwei junge Männer werfen Netze ins Meer und sortieren nicht brauchbare Fische aus dem Fang aus. Dazwischen liegen sie ruhig auf den Holzplanken, die Kamera, die immer nur kleine Ausschnitte der Situation offenbart und keinen Überblick verschaffen will, tastet die nackten, im harten Licht der grobpixeligen Digitalbilder leuchtenden Oberkörper ausführlich ab. Dann folgt ein harter Schnitt auf einen nackten Mann, der von einem anderen Mann masturbiert wird. Und dann wieder ein harter Schnitt auf die Arbeit auf einer Kautschukplantage: Fast zehn Minuten lang nur Messer, die die Rinde der Bäume einritzen, damit der wertvolle Rohstoff austreten kann. Der Film (der einem in der Anfangsphase durchaus auch ein wenig auf die Nerven gehen kann) nähert sich hier einer Art Nullpunkt des Visuellen an: schwarze Schatten vor schwarzem Hintergrund. Zum ersten Mal tauchen außerdem - kurz dazwischengeschnitten - Fotografien von brutal zugerichteten Demonstranten auf.



Der Film wird auch im Weiteren nicht versuchen, seine verschiedenen Ebenen - die persönliche und explizite Auseinandersetzung mit schwuler Sexualität, die dokumentarischen Beobachtungen arbeitender Menschen und der wütende Bericht über die Gewalt gegen die Rothemden sind die wichtigsten, es taucht dann aber noch mehr auf im Laufe des Films - direkt aufeinander zu beziehen. Thunska lässt sehr unterschiedliche Intensitäten nebeneinander, manchmal sogar übereinander - ein Mann masturbiert, dazu Texteinblendungen zur Vorgeschichte der aktuellen politischen Situation in den Siebziger Jahren - stehen, er zieht keine Verbindungen nach, selbst dann nicht, wenn sie naheliegen, wie im Falle der Kautschukmesser und der verstümmelten Rothemden. Im Publikumsgespräch erzählt der Regisseur, dass er zunächst nur einen Film über den Alltag junger Arbeiter in der Provinz drehen wollte und dass die im engeren Sinne politischen Bilder sich direkt aus der Dynamik der Protestbewegung, der er selbst zunächst nicht angehört hatte (inzwischen ist er ein Rothemd mit Leib und Seele), ergeben habe. Man findet diese Beschreibung im Film wieder, als eine inhaltliche wie tonale Verschiebung, "The Terrorists" bewegt sich vom Land in die Stadt, von der poetischen Kontemplation zur Agitation, von Ansätzen der Fiktionalisierung zum roh Dokumentarischen. Hybride und formal in jeder Hinsicht unkonventionell bleibt der Film jedoch auch in der (in vieler Hinsicht interessanteren) zweiten Hälfte.

Thunska hat seinen Film gemeinsam mit Jürgen Brüning produziert, einem Fixpunkt der deutschen queeren Filmszene, der unter anderem das Pornfilmfestival Berlin ins Leben gerufen und auch schon mit der Ikone des schwulen Kinos Bruce LaBruce zusammengearbeitet hat. Die bei LaBruce immer etwas allzu smart und musterschülerhaft anmutenden Versuche einer Politisierung / Diskursivierung des Pornografischen lässt "The Terrorists" freilich weit hinter sich. Die nackten Körper sind im thailändischen Film nie etwas anderes als Ausdruck von individuell empfundenem Schmerz, von Begehren und Lust, es geht nicht um das subversive Potential von Homosexualität, sondern - vielleicht, der Film entzieht sich einer Analyse, die nach Zwecken und nach Funktionalität fragt, so konsequent wie wenige andere - um die Suche nach hochpersönlichen Affekten, die das Überleben im Angesicht einer hoffnungslosen Situation ermöglichen können.

Nach dem Film ringt der Regisseur mit den Tränen, während er versucht, die Situation in Thailand zu beschreiben. Fragen werden nicht viele gestellt, schon gar keine dummen. Vermutlich nicht deshalb, weil der Film für sich selbst gesprochen hätte (denn das tut er nicht immer und nicht in jeder Hinsicht), sondern, weil er in einer sehr eigenen Sprache spricht, auf die man nicht sofort und ohne zu zögern antworten kann. "The Terrorists" ist die Art von Film, die ich mir vom Forum meist vergeblich erhoffe - und, wage ich zu behaupten, auch genau die Art von Film, wegen der das Forum einst gegründet wurde.

"The Terrorists" ("Poo kor karn rai"). Regie: Thunska Pansittivorakul, Thailand 2011, 105 Minuten (Forum, Vorführtermine).