Auch wenn die
israelische Soziologin Eva Illouz von den internationalen Gerichten seit dem 7. Oktober enttäuscht ist, wie sie in der
SZ schreibt, steht sie nach wie vor fest hinter der Unterschrift, die sie 2021 unter eine Petition setzte, mit der der Haager Gerichtshof aufgefordert wurde, Anschuldigungen von
Kriegsverbrechen im Westjordanland zu prüfen, die gegen israelische Soldaten erhoben wurden. Genau diese Unterschrift soll sie auf Drängen von Israels Bildungsminister
Yoav Kish zurückziehen, andernfalls werde ihr der von einem Wissenschaftskomitee verliehene
Israel-
Preis verweigert. Sie werde sich von dem "
autoritären Regime" in Israel nicht einschüchtern lassen, erklärt sie: "Ich werde weiterhin gegen die unmenschliche Behandlung
unschuldiger palästinensischer Zivilisten protestieren, genauso wie ich weiterhin gegen jenen
Antisemitismus protestieren werde, den Teile der Linken seit dem 7. Oktober an den Tag legen. Ich werde meine Unterschrift nicht zurückziehen, weil ich mich nicht dem Versuch beugen werde, Bürger, denen Israel am Herzen liegt, der Willkür eines Ministers zu unterwerfen. Ich werde sie nicht zurückziehen, weil ich mich nicht auf ein Quid pro quo einlasse, das die
Autonomie der Wissenschaft in einer Demokratie untergräbt. .... Die Zivilgesellschaft ist stärker als Sie und Ihre Regierung, Herr Minister Kish."
Derweil bringt die
FAZ auf ihren Bilder und Zeiten-Seiten die Stuttgarter Zukunftsrede, die
Illouz im dortigen Literaturhaus gehalten hat und in der sie sich der Frage widmet, "wie Gefühle fortlaufend von und mittels Technologie konsumiert und produziert werden."
Für Ambros Waibel
steht in der
taz außer Frage, dass es sich bei der Trump-Regierung um
Faschismus handelt, aber: "Es gibt keine flächendeckenden Pro-Trump-Fackelmärsche, nichts, was etwa der deutschen Hitler-Begeisterung 1933 ff. auch nur entfernt gleichkäme. Die Trump-Unterstützer:innen scheinen vom Feuerwerk, das er knallen lässt, nicht viel weniger überwältigt als wir. Ihre Überwältigung ist allerdings eine positive - für sie ist es so, als sei nach Jahren der Produktenttäuschung nun endlich jemand in der Hotline, dem man seine Probleme nicht nur schildern kann, sondern der auch tatsächlich zackig Lösungen anbietet. ... Der heutige Faschismus erscheint also gerade nicht als aktivistische Bewegung, sondern als eher
passive, auch speziell in Russland zutiefst eingeschüchterte, wenn nicht gleich eingesperrte
Ansammlung dumpfer Konsumenten, die auf Beschleuniger starren."
Im
SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger versucht die Militärexpertin und Zukunftsforscherin
Florence Gaub, die das Forschungszentrum des Nato Defense College in Rom leitet, trotz Krise der Demokratien und Trump-Wahnsinn Mut zu machen. Sie rät etwa zu ausgewählter Nachrichten-Lektüre, denn: "Das Tempo der Nachrichten hat sich verändert. Aber nicht das der Politik." Zudem plädiert sie für mehr Gelassenheit: "Gerade wenn es existenziell wird, mobilisieren sich Menschen stark. Und insofern ist eine Krise ein Moment, in dem auch Gutes entstehen kann. Wir sehen es beim Thema Sicherheit: Es war nie eine gute Idee, sich von anderen so abhängig zu machen. Nun haben wir das bemerkt und begonnen, es zu korrigieren. Und es scheint sogar die Bereitschaft zu wachsen,
sicherheitspolitisch voranzugehen - auch wenn wir aus historischen Gründen eine schwierige Beziehung zum Militärischen haben."
Ähnlich argumentiert Nils Minkmar ebenfalls in der
SZ, der dazu rät, sich gerade jetzt auf das Gute zu konzentrieren, was wir haben - die
EU: "In den Krisen der Staatsschulden, nach dem Brexit, der Pandemie und dem Überfall auf die Ukraine hat Brüssel effektiv reagiert, die Union wurde immer stärker. Die Rechtspopulisten konnten wenig dagegen ausrichten, haben ihre Forderungen nach dem Ausstieg aus dem Euro und der EU fast überall aufgegeben. Nun wird sogar Marine Le Pen, deren politische Karriere so gut wie beendet ist, gegen die Justiz ihrer Heimat den Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte anrufen - wenn das kein Beweis für die Macht Europas ist!" Konkreter wird Hubert Wetzel in der
SZ, der glaubt, Trump habe den Peak bereits erreicht: "Wenn Trump das Regelbuch verbrennt, wird es an anderer Stelle umso penibler geschrieben. Die EU erlebt eine noch
nie da gewesene Nachfrage nach Handelsabkommen, nach verlässlichen Partnerschaften. Indien, Australien, Südafrika, Lateinamerika - die Flucht in die Sicherheit der Verträge hat begonnen."
Finnlands Präsident
Alexander Stubb hat Trump gerade auf dessen Anwesen in Mar-a-Lago besucht. Sein Eindruck sei, "dass der Präsident der Vereinigten Staaten die
Geduld mit Russland und mit Präsident Putin verliert", sagt er im
Welt-Gespräch mit Ibrahim Naber: "Meine Empfehlung war, dass wir eine feste Frist für den Waffenstillstand setzen, nämlich den 20. April. Warum? Zwei Gründe. Erstens: Es ist Ostern. Und zweitens: Es ist der dritte Monat nach seiner Amtseinführung. Symbolisch wäre das also ziemlich nützlich. Aber das muss mit einem gewaltigen Sanktionspaket kombiniert werden, falls Russland sich nicht an einen vollständigen, bedingungslosen
Waffenstillstand hält. (…)
Putin respektiert Macht. Er hat Angst vor Macht. Wenn man ihm das zeigt, wird er sich fügen."
Shi Ming zeichnet in der
NZZ nach, wie sich das
Feindbild Amerika in China langsam aufweicht - gegen den Willen der Kommunistischen Partei: "Auch wenn der stramm autoritäre Leninist Xi Jinping die Zeit zurückdrehen will, die
sino-
amerikanische Symbiose ist mittlerweile ideell und materiell unentwirrbar geworden. Die Volkswirtschaften von China und den USA sind aufs Engste verzahnt, die Chinesen legen ihr Volksvermögen in amerikanischen Staatspapieren an. Weltgewandte und gut gebildete Chinesen können mit der KP und deren Antiamerikanismus immer weniger anfangen. Die
Rufe nach Freiheit und nach den universellen Menschenrechten werden lauter und kommen mitunter auch von 'oben'. An der prodemokratischen Charta 08, die online Ende 2008 veröffentlicht wurde, arbeiteten zahlreiche Vertreter der Zentralparteikaderschule mit. Auch elf Jahre ideologischer Verschärfung unter Xi Jinping haben diese ideelle Annäherung nicht gänzlich zu unterdrücken vermocht."