In vielen afrikanischen Ländern brodelt es: Die Jugend begehrt gegen die korrupten Eliten auf, berichtet Samuel Misteli in der NZZ. In "Kenia, Nigeria, Ghana, Togo, in Moçambique, Uganda, im Sahel in allen möglichen Ecken des Kontinents haben junge Leute genug" von Politikern, die sich bereichern und autoritär regieren, ohne jungen Menschen Zukunftsperspektiven zu bieten. Es "wirkt zunehmend wie Krieg. Einer, den die Alten nicht gewinnen werden. Denn die Jungen sind mehr. 400 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. 'Sie können uns nicht alle töten', sagen die Demonstranten in Kenia. Das klingt pathetisch. Es ist aber auch schlicht ein demografischer Fakt. Einer, der Veränderung unausweichlich macht. Entweder im Guten oder im Schlechten. Afrika hat ein riesiges Reservoir an begabten Leuten - und eine politische Klasse, die vieles tut, damit sich dieses Potenzial nicht realisiert. 10 Millionen junge Afrikanerinnen und Afrikaner kommen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Nur 3 Millionen von ihnen finden formelle Jobs. Der Rest schafft sich seine eigenen Stellen. Afrika ist ein Kontinent von Millionen junger Selfmade-Unternehmer. Man muss das nicht romantisieren. Denn die meisten kommen gerade so durch."
Die Regierungen in arabischen Ländern wie Jordanien, Katar, Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben nicht das geringste Interesse daran, der Hamas zu helfen, deren Ideologie sie fürchten, schreibt Majd El-Safadi in der FAZ. Ihren Bevölkerungen dürfen sie das allerdings nicht so deutlich sagen, die im Gazakrieg oft genug ihre Wut auf die eigenen repressiven Regierungen in Wut auf den Westen ummünzen: "Doppelmoral und Heuchelei sind die häufigsten Vorwürfe, die dem Westen gemacht werden. Westliche Staaten würden sich das Völkerrecht 'passend' machen - sodass es ihren Interessen diene. Gerade vor dem Hintergrund des spannungsgeladenen, diffizilen Verhältnisses zwischen arabisch-islamischer und westlicher Welt verfestigt sich bei Muslimen weltweit ein Katalog der Kränkungen. Sie folgern: Internationales Recht gilt nicht für alle gleichermaßen. Arabisches und muslimisches Leben ist dem Westen nichts wert, die universellen Menschenrechte gelten für sie nicht."
In der tazberichtet Serena Bilanceri von israelischen Siedlertrupps im Westjordanland, die immer wieder Palästinenser angreifen und systematisch vertreiben. "Etwa eine halbe Million Siedler leben in mindestens 141 Siedlungen und 270 Außenposten im Westjordanland. Außenposten werden in der Regel ohne vorherige Genehmigung errichtet." Noch im Mai habe die israelische Regierung 22 neue Siedlungen genehmigt. "Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich, selbst Siedler, hatte bereits im Mai 2023 angekündigt, die Anzahl der Siedler im Westjordanland zu verdoppeln. Smotrichs Ziel ist es, die Entstehung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Und, wie in der New York Times geleakte Aufnahmen zeigten, eine 'stille' Annexion der Westbank. ... Justizminister Yariv Levin hat jüngst die Regierung aufgefordert, die Annexion voranzubringen. Letztes Jahr hat Israel laut NGOs zehnmal so viel Land im Westjordanland konfisziert wie im Durchschnitt der letzten Jahre. Die israelische Regierung, konfrontiert mit diesen Zahlen, antwortete der taz auf diese Vorwürfe bisher nicht." Die jüdische Bevölkerung des Westjordanlandes und aus Ostjerusalem war vor 1967 von Jordanien vertrieben worden.
In der FRdenkt die Juristin und Autorin Paula Macedo Weiß über "demokratische Veranwortung" im XXL-Format nach. Sie fordert eine Politik, die "Umwelt-, Sozialverantwortungs- und Governance-Politik zusammenführt, eine Umgestaltung der Wirtschaft vorschlägt und den Aufbau einer integrativen, ethischen und ökologisch nachhaltigen Welt beinhaltet" und dies "nicht nur auf der Grundlage eines aufklärerischen Universalismus, sondern auf der eines Mosaiks von Epistemologie, basierend auf einem Pluriversum, einem Konzept, das der zapatistischen Erklärung entnommen ist: 'Die Welt, die wir wollen, ist eine Welt, in die viele Welten passen'. (...) Hier einige konkrete Fälle, um meine Argumentation zu veranschaulichen: subsidiäre und extraterritoriale Haftung bei Umweltverbrechen von deutschen Muttergesellschaften, wie im Fall des Dammbruchs in Brumadinho, Brasilien 2019; Haftung in der Lieferkette, wie im Fall des Unternehmens Zara, das Baumwolle auf illegal abgeholztem Land im Amazonasgebiet anpflanzte".
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Die jetzige Phase markiert keine Nachkriegs-, sondern eher eine weitere Vorkriegszeit", schreibt der iranische, im deutschen Exil lebende Journalist Ali Sadrzadeh in der taz. Der Autor einer Khamenei-Biografie schildert, wie das Regime im Grunde etwas planlos auf die israelischen und amerikanischen Militärschläge zu reagieren scheint. Zugleich kursiert ein Brief von Universitätsprofessoren an den Präsidenten Massud Peseschkian: "Der eigentliche Adressat des Briefes heißt nicht Peseschkian. Doch, ihn, Khamenei, Stellvertreter Gottes auf Erden, darf man nicht direkt belehren. Die Wissenschaftler zählen unmissverständlich auf, was in dieser historischen Situation geschehen müsse. Zunächst setzen sie sich dafür ein, 'die territoriale Integrität des Landes zu bewahren'. Dann fordern sie ein garantiertes Recht auf 'Meinungs- und Redefreiheit'. Die 'Freilassung der politischen Gefangenen und ein Ende der Hausarreste'. Das 'Ende des Monopols einer kleinen Gruppe auf Radio und Fernsehen'. Die 'Neuorganisation des gesamten Sicherheitsapparats' sowie ein 'gründliches Umkrempeln der Wirtschafts-, Handels- und Währungspolitik, damit die systematische Korruption ein Ende findet'. Am Ende ihres Briefes formulieren die Wissenschaftler sehr deutlich: Ohne echte Beteiligung der Bevölkerung und ohne eine völlige Änderung der Außenpolitik lasse sich keines dieser Ziele realisieren."
In Japan sind die Schüler so gestresst und verängstigt von der Schule, dass sie lieber nicht mehr hingehen (unser Resümee). Gleichzeitig erleben rechtsextreme Parteien in Japan einen Aufschwung und brechen die jahrzehntelange Dominanz der rechtsliberalen Regierungspartei LDP im Oberhaus, erzählt Thomas Hahn in der SZ. Scheinbar konzentriert man sich in der Schule auf das Falsche. "Streitkultur und Eigenverantwortung werden an Japans Schulen kaum trainiert. Es geht dort um die Werte der Harmoniegesellschaft, Fleiß, Selbstlosigkeit, Unterordnung. Gleichzeitig war Japans Politik lange ein schwer zugänglicher Betrieb, in dem vor allem Erbparlamentarier und Karrierefunktionäre Stammwähler und Firmen bedienten. Das ging gut, solange die Wirtschaft halbwegs lief und es kaum Alternativen zur LDP gab. Aber jetzt spürt die Nation die Inflation, die mit globalen Zusammenhängen zu tun hat. Selbst Reis ist plötzlich teuer, unter anderem weil der Klimawandel Ernten beeinträchtigt hat. Viele Leute sind unzufrieden, aber kennen die demokratische Auseinandersetzung nicht. Und manche rennen zu Populisten und Vielfaltsverächtern, die einfache Erklärungen bieten."
Nun folgt ein Porträt über Zohran Mamdani, den hippen New Yorker Bürgermeisterkandidaten der Demokraten, nach dem anderen. Am Samstag in der FAS (unser Resümee), heute in der taz. Sebastian Moll schildert geradezu Euphorie in New York. "Der New Yorker Schriftsteller Joseph O'Neill, der seit Langem von innen die Lethargie und Verkalkung der Demokratischen Partei kritisiert, sagt bei einem Gespräch in einem Café in SoHo, die Linke habe in Mamdani 'ein totemisches Behältnis' gefunden. Für O'Neill ist Mamdani ein Fetisch, der aus der Verdrossenheit und Lähmung des Augenblicks heraus zu führen scheint. Das gelinge ihm laut O'Neill zum einen durch sein Charisma. Sein Aussehen, sein Stil, seine Klugheit und Wortgewandtheit." Dass Mamdani Aktivist der "Students for Justice in Palestine"die nach dem 7. Oktober durch ihre antiisraelischen Proteste an amerikanischen Uni auffielen, und Befürworter des Israel-Boykotts ist, spielt für Moll keine Rolle: "Immer wieder hat Mamdani öffentlich betont, dass er sich gegen die Politik Israels stelle - und zugleich gegen Antisemitismus sei."
Die verhasste ehemalige Kolonialmacht Frankreich zieht sich aus Westafrika zurück und überlässt das Terrain anderen Kräften. Nun übergibt Frankreich seine letzte Militärbasis im Senegal, berichtet Helena Kreiensiek in der taz: "Frankreichs Abzug aus Senegal erfolgt in einer sich verschlechternden Sicherheitslage in der Region. Als am 1. Juli die islamistische Terrorgruppe Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimîn (JNIM) im Westen Malis mehrere schwere Angriffe verübte, ließ das in Senegal die Alarmglocken schrillen. 'Dschihadistische Attacke vor Senegals Haustür', titelte eine Zeitung. JNIM hatte sieben Orte ins Visier genommen, darunter auch die Großstadt Kayes, einen wichtigen Verkehrsknoten unweit der senegalesischen Grenze. Dass gerade mal zwei Kilometer von der Grenze zu Senegal Schüsse fielen, kam für Bakary Sambe vom Timbuktu Institut in Dakar wenig überraschend. 'Wir haben es vorhergesagt', sagt der Experte. In einem im Mai veröffentlichten Bericht hatte sein Friedensforschungsinstitut analysiert, dass JNIM nach Mali, Niger und Burkina Faso nun auch Mauretanien und Senegal zu infiltrieren versucht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die AutorinMaryam Aras hat mit "Dinosaurierkind" ein Buch über die politische Geschichte ihres Vaters geschrieben, der gegen den Schah protestierte und 1964 den Iran verließ, wie wir in der FAS lesen. In einem längeren Essay schildert Aras, wie sie die kürzlichen Bombardierungen durch Israel erlebte. Begrüßt sie nun die Intervention der Israelis nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund?". "In den Tagen nach dem 13. Juni las ich diese Formulierung aus den Jahren des 'War on Terror' immer wieder in Texten und Postings politischer Freunde aus dem In- und Ausland: Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund! Weder das islamische Regime als pseudoantiimperialistische Macht noch Israel und die USA als Befreier. Den Grundsatz einer Politik der dekolonialen Selbstbestimmung und menschenrechtlichen Gerechtigkeit, wie Parastou Forouhar (iranische Künstlerin und Aktivistin, Anm. d. Red.) es nennt, zu verteidigen, scheint mir nur konsequent. Aber ich weiß, dass Freundschaften und Familien an diesen Linien zerbrechen."
In der SZ äußert sich Ronen Steinke angesichts der Ankündigungen der israelischen Regierung, die Bevölkerung von Gaza in einem Camp in Rafah unterzubringen, zu Euphemismen in der Politik. So verschleiert die Rhetorik der israelischen Politiker die eigentlichen Umstände: "'Humanitäre Stadt', so will die israelische Regierung das nennen, was sie gerade im Süden des Gazastreifens plant. In den Überresten der zerbombten Stadt Rafah. Kurz gesagt: Die israelische Regierung will, dass zwei Millionen Menschen dort hingehen. Menschen, die sich bisher großteils noch an anderen Orten des Gazastreifens befinden. Richtiger gesagt: Die israelische Regierung will diese Menschen dorthin zwingen. Denn der Rest des Gazastreifens wird ja weiterhin beschossen und bombardiert. Und seien wir genau: Wenn man jemanden vor die Wahl stellt, entweder beschossen und bombardiert zu werden oder das zu tun, was man ihm 'empfiehlt', dann ist das keine Empfehlung, sondern Zwang. Vis absoluta heißt das im Juristenlatein. Übersetzt: Gewalt, die keinen freien Willen mehr lässt."
In der FAS sammelt Frauke Steffens Stimmen zum umstrittenen New Yorker Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani. Auch die jüdische Community ist gespalten, lesen wir, "die Bandbreite jüdischer Politiker im Land reicht von dem lauten Israelkritiker Bernie Sanders bis zu dem rechten Abgeordneten Max Miller aus Ohio, der nach dem 7. Oktober sagte, Gaza müsse 'ausgelöscht' und 'in einen Parkplatz verwandelt' werden." Es "gebe nicht die eine jüdische Meinung zu Mamdani, sagt auch Andrew Silverstein, der den Wahlkampf für das jüdische Magazin Forward beobachtet hat. (...) In der Nachbarschaft in Queens leben Menschen aus vielen Kulturen und sozialen Schichten, und hier fand Silverstein Stoff für viele verschiedene Perspektiven auf Mamdani, erzählt er im Gespräch. Viele junge Juden seien begeistert von dessen politischen Vorschlägen; Mamdani sei eine inspirierende Figur für sie, wie sie die Demokraten lange nicht hatten. Andere, oft Ältere, hätten Angst davor, dass er Spannungen anfachen und Judenhasser ermutigen könnte. 'Manche denken bei Intifada eben an Kinder, die aus Verzweiflung Steine auf einen Panzer werfen, aber viele andere Menschen denken an Busse, die von Bomben in die Luft gesprengt werden', sagt Silverstein."
In Syrien werden Angehörige der drusischenMinderheit von islamistischen Beduinenstämmen angegriffen und getötet. Für Ronya Othmann in der FAS bestätigt das nur, was viele seit dem Sturz des Assad-Regimes denken: Die Erzählung von den "gemäßigten Islamisten" war und ist ein Märchen: "Jetzt haben wir Mitte Juli, und die Einheiten unter dem Befehl Damaskus' sind in dem überwiegend drusischen Suwaida im Süden den Landes eingefallen. Ich sehe Videos von alten drusischen Männern, denen die Islamisten die traditionell drusischen Schnurrbärte abrasieren. Diese Bilder der Erniedrigung sind kaum zu ertragen. Eine Aktivistin, die ich Anfang des Jahres in Suwaida kennengelernt habe und die auch schon bei den Protesten gegen Assad aktiv war, schreibt mir: 'Ich hoffe, dass du unsere Stimme übermitteln wirst, dass Suwaida einem Vernichtungskrieg ausgesetzt ist, dass Massaker an der Zivilbevölkerung verübt werden, Anhänger des Regimes stehlen und zerstören und dass wir internationalen Schutz für die Zivilbevölkerung fordern.'"
In der NZZerklärt der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll den Glauben der Drusen, deren Auslegung des Islam auf Toleranz aufbaut: "Die religiöse Lehre der Drusen weicht erheblich von anderen muslimischen Richtungen ab, weshalb viele - vor allem fundamentalistische - Muslime die Drusen nicht mehr zu den islamischen Völkern zählen. Von daher besteht die ständige Gefahr aggressiver Übergriffe gegen Drusen vonseiten strikt religiöser Muslime sowohl des sunnitischen wie des schiitischen Lagers. In der Tat beginnen die Abweichungen bereits an der Basis der koranischen Lehre und erlauben es den Drusen, im Unterschied zu den meisten religiösen Muslimen, andere Religionen zu akzeptieren, etwa Christentum, Buddhismus, Hinduismus und Judentum. Gleichermaßen tolerant verhalten sie sich gegenüber philosophischen Richtungen wie dem Platonismus, und es spricht gemäß ihren Auffassungen auch nichts dagegen, mit Andersgläubigen - der Koran kennt diesen Begriff nicht - in Frieden zusammenzuleben."
Während der Süden Syriens von Gewalt beherrscht wird, kehren immer mehr Menschen, die vor dem Assad-Regime flohen, in den syrischen Norden zurück, wie wir in einer FR-Reportage von Marine Caleb und Philippe Pernot lesen. Die Rückkehrer sehen sich schweren Bedingungen ausgesetzt: "Die Bäume sind das Symbol Syriens, seit zwölf Jahren verlassen oder geplündert - und Azzam will ihnen neues Leben einhauchen. Doch wie Millionen anderer zurückkehrender Geflüchteter sieht er sich einer ausgetrockneten Landschaft und rissigem Boden gegenüber. Syrien leidet laut der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren mit 40 bis 50 Prozent weniger Niederschlägen im Winter als in den Vorjahren. Dank eines Brunnens im Garten kann Azzam jedoch die Bäume gießen - einige sehen bereits besser aus. Unter der blendenden Sonne wachsen sogar Granatäpfel."
Richard C. Schneider erklärt in der NZZ das Bündnis Israels mit der Minderheit der Drusen und seine neue Politik in Syrien, die vor allem darauf abzielt, sichere Grenzen zu behalten. "Auf diese Weise versucht Jerusalem Kontrolle auszuüben, ohne eigene Truppen auf syrischem Boden längerfristig zu stationieren. Die Luftangriffe auf Damaskus waren in diesem Sinne eine Warnung. Wer die Drusen angreift und damit die Region an der Grenze destabilisiert, muss mit israelischer Intervention rechnen. Der Schlag gegen das syrische Regime ist allerdings keine Kriegserklärung, sondern ein gezieltes Warnsignal. Präsident al-Sharaa wurde unmissverständlich vorgeführt, dass militärische Gewalt gegen Autonomiebestrebungen nicht ohne Kosten bleibe." Einen sehr interessanten Hintergrundbericht über die Lage der Drusen in Syrien schreibt auch Lisa Schneider in der taz.
Der so erfolgreiche israelische Angriff auf den Iran muss einen schalen Nachgeschmack bei den Postkolonialisten hinterlassen haben, vermutet der Politologe und MilitärhistorikerEdward Luttwak in der NZZ: Sie "haben nur angelernte Verachtung übrig für die alten Europäer, die in ihren zerbrechlichen kleinen Schiffen aufbrachen, um die Welt zu entdecken und zu erobern. Diese Generation ist irritiert darüber, dass sich beim militärischen Kräfteverhältnis so wenig geändert hat." Aber dieser Erfolg eines westlichen Landes über eine "oberflächlich modernisierte" Theokratie ist kein Zufall, so Luttwak: "Der Kern der westlichen Fähigkeit, Kriege zu gewinnen, ist die Bereitschaft, Fehler und Niederlagen anzuerkennen - und so deren Wiederholung zu vermeiden." Eine Eigenschaft, die bei Autokraten eher selten ist. Ebenfalls in der NZZverweist Lucien Scherrer auf die Historikerin Izabella Tabarovsky, eine Spezialistin für die Geschichte des Antizionismus, besonders sowjetischer Prägung, der sich quasi eins zu eins in den Diskursen der Postkolonialen wiederfindet (unsere Resümees).
Die beiden Antisemitismusforscher Norman J.W. Goda und Jeffrey Herfprüfen in der Washington Post die Genozidvorwürfe gegen Israel - aber die Geschehnisse passen weder in die ursprüngliche Genoziddefinition von 1948, noch in einen erweiterten Genozidbegriff, wie ihn etwa Amnesty International zu etablieren sucht, damit Israel hineinpasst, meinen die beiden Forscher: "Seit Beginn dieses schrecklichen Konflikts haben die israelischen Politiker sehr deutlich gemacht, dass ihr Krieg gegen die Hamas gerichtet ist, nicht gegen die Bevölkerung von Gaza. Am 29. Dezember 2023 brachte Israels Rechtsvertreter Tal Becker in seiner Eröffnungsrede vor dem Internationalen Gerichtshof Argumente vor, die diejenigen, die das Wort Völkermord in den Mund nehmen, ignorieren. Diese Argumente verdienen es, wiederholt zu werden. Die Hamas, so Becker, verfolge 'eine verwerfliche Strategie, die darauf abzielt, den Schaden für die Zivilbevölkerung sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite zu maximieren, während Israel versucht, ihn zu minimieren'. Er fügte hinzu: 'Wenn es Handlungen gegeben hat, die als Völkermord charakterisiert werden können, dann wurden sie gegen Israel verübt.'" Zur langen Geschichte der Genozidvorwürfe gegen Israel empfehlen wir Godas Studienpapier "The Genocide Libel: How the World Has Charged Israel with Genocide" (unser Resümee).
Auch wenn er vorher geschrieben zu sein scheint, liest sich Godas und Herfs Artikel wie eine Antwort auf einen jüngst veröffentlichen Meinungsbeitrag des Holocausthistorikers Omer Bartov in der New York Times mit dem etwas flapsigen Titel: "Ich bin Genozidforscher - ich erkenne ihn, wenn ich ihn sehe." Für ihn sind ausgerechnet die von Israelis erzwungenen Bevölkerungsverschiebungen in Gaza, die laut der iraelischen Armee das Terrain für ihren Kampf gegen die Hamas freizuräumen, Zeichen von Israels genozidaler Gesinnung: "Bis Mai 2024 hatten die israelischen Streitkräfte etwa eine Million Palästinenser, die in Rafah - der südlichsten und letzten relativ unbeschädigten Stadt des Gazastreifens - Zuflucht gesucht hatten, aufgefordert, in das Strandgebiet von Mawasi zu ziehen, wo es kaum oder gar keine Unterkünfte gab. Anschließend zerstörte die Armee einen Großteil von Rafah, was bis August weitgehend abgeschlossen war. Seit diesem Punkt kann man kaum mehr leugnen dass das Vorgehen der israelischen Streitkräfte mit den Äußerungen israelischer Politiker übereinstimmte, die in den Tagen nach dem Angriff der Hamas ihre Absicht bekundet hatten, einen Völkermord begehen zu wollen."
Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert erzählt die simbabwische Aktivistin Loveness Mudzuru, wie sie es geschafft hat, nicht nur selbst einer Zwangsheirat mit sechzehn Jahren zu entkommen, sondern auch für die Rechte anderer Frauen zu kämpfen: "Ich war wütend und ich hatte Angst. Ja, meine Triebfedern waren Wut und Angst. Ich hatte Angst um meine Tochter und um meine kleine Schwester. Ich wollte verhindern, dass Ihnen einmal das Gleiche geschehen würde. Also sammelten wir Geld, es kam langsam zusammen, und im Januar 2016 nahm der Constitutional Court unsere Klage an. Die öffentliche Meinung war geteilt, aber viele junge Leute unterstützten uns. Durch die sozialen Medien bekamen wir viel Rückendeckung. Als dann der Verfassungsgerichtshof das Urteil verkündete, kam sogar die zuständige Ministerin. Und wir konnten mit ihr sprechen. Ich glaube, sie war glücklich, weil sie das Gerichtsurteil als Unterstützung empfand für ihren Kampf um Gleichberechtigung. Das Urteil besagte, dass es für unter 18-Jährige keine Zwangsehe mehr geben durfte. Das war ein positives Signal für meine gesamte Generation. Und so begann meine Arbeit. Ich fuhr zu den jungen Frauen aufs Land, ich begann, Treffen zu organisieren und sie über ihre Rechte aufzuklären. Das war das Wichtigste: Die Informationen über ihre Rechte."
Ob ein "Regime Change" im Iran möglich ist, wäre die eine Frage: Richard Herzinger ist in seiner Perlentaucher-Kolumne skeptisch. Aber als Negativbeispiele die westlichen Interventionen in Afghanistan, Irak und Libyen wäre falsch. Denn "ist die Bilanz der westlichen Interventionen überhaupt so gänzlich verheerend, wie es meist dargestellt wird? Wer das behauptet, suggeriert, dass das Fortbestehen monströser Diktaturen wie der Saddams im Irak, der Taliban in Afghanistan und Gaddafis in Libyen dem heutigen Zustand vorzuziehen gewesen sei, hätten diese doch immerhin zur 'Stabilität' in der Region beigetragen. Das kommt jedoch einer Verharmlosung dieser Regime gleich, die zu den brutalsten und gefährlichsten Despotien der neueren Geschichte zählten."
Im Zeit-Online-Interview mit Lenz Jacobsen und Nils Markwardt spricht der palästinensische PhilosophSari Nusseibeh über die Lage der Palästinenser, die sich von zwei Seiten bedrängt sehen, die einen dauerhaften Frieden verhindern. "Heute ist nicht mehr der Zionismus das Problem, sondern das extremistische Judentum. Vor 20, 30 Jahren waren wir in der Lage, uns mit dem politischen Zionismus zu arrangieren, denn der Zionismus erwies sich als eine praktische, eine, wenn man so will, realistische Ideologie. Aber das extremistische, messianische Judentum ist eine göttliche Ideologie, und es ist unmöglich, damit Frieden zu schließen." Vertreter des "extremistischen Judentums" sind unter anderem die israelischen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich, denen heute in der NZZ ein Artikel gewidmet wird. Auf der anderen Seite die Terrororganisation Hamas: "Die palästinensische Handlungsfähigkeit wurde von der Hamas gekapert für ihren gewalttätigen Kampf. Die normalen Palästinenser können im Moment wenig tun, sie sind gefangen zwischen der Gewalt der Hamas und der Untätigkeit und Unfähigkeit der palästinensischen Autonomiebehörde. Erst, wenn es wieder Wahlen gibt, können die Palästinenser wieder handlungsfähig werden und eine Regierung bekommen, die so vernünftig ist, Frieden mit Israel schließen zu wollen, und zugleich für jene Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, nach der sich die Palästinenser schon so lange sehnen."
Mit Erstaunen wird zur Kenntnis genommen, dass die Trump-Regierung alle Verschwörungstheorien zum Fall Jeffrey Epstein und seinen angeblichen Kundenlisten begraben zu wollen scheint, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ: "All dies wird nun Stoff neuer Verschwörungstheorien - eine davon hat Elon Musk nach seinem Abgang aus dem Weißen Haus formuliert: 'Zeit, die richtig dicke Bombe platzen zu lassen: Trump ist in den Epstein-Akten', postete er - und löschte die Nachricht, als Trump drohte, Regierungsverträge für Musks Firma Space X zu kündigen."
Seit einigen Wochen gibt es Überlegungen in der EU, das Assoziierungsabkommen mit Israel auszusetzen, berichtet Thomas Thiel in der FAZ. Grundlage ist ein interner EU-Bericht über die Lage in Gaza. Welche Bereiche konkret betroffen sein könnten, ist noch unklar. Doch: "Die Wissenschaft könnte am Ende aus dem einfachen Grund zum Leidtragenden werden, dass sie leichter zu sanktionieren ist und keine Handelsinteressen im Wege stehen. Für den Ausschluss [des EU-Forschungsprogramms] Horizont Europa reicht eine qualifizierte Mehrheit von mindestens fünfzehn EU-Staaten, die mehr als 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren, was anders als die Aufhebung des gesamten Abkommens durchaus möglich erscheint. Die bittere Pointe wäre, dass damit ausgerechnet eine Instanz zur Verantwortung gezogen würde, die für eine liberale, kritische Haltung steht." Wie die EU außerdem erklären will, "warum sie Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern nicht mit akademischen Boykotten bestraft", steht laut Thiel noch in den Sternen.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit Pascal Mercier ist nun in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu entdecken: Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal…
Sighard Neckel: Katastrophenzeit In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Sighard Neckel das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen…
Jannis Brühl: Disruption Man muss die Tech-Oligarchen des Silicon Valley als Avantgarde verstehen. Eine Handvoll Männer mit Milliardenvermögen, futuristischer Technologie und einer Vorliebe für Science-Fiction…
Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier