Intervention
Nicht ohne Erfolge
Von Richard Herzinger
15.07.2025. Ob ein "Regime Change" im Iran möglich ist, ist die eine Frage. Die andere Frage ist, wie über die vergangenen Interventionen des Westens in Afghanistan, dem Irak und Libyen gedacht wird: Ist deren Bilanz überhaupt so gänzlich verheerend, wie es meist dargestellt wird? Wer das behauptet, suggeriert, dass das Fortbestehen monströser Diktaturen wie der Saddams im Irak, der Taliban in Afghanistan und Gaddafis in Libyen dem heutigen Zustand vorzuziehen gewesen sei, hätten diese doch immerhin zur "Stabilität" in der Region beigetragen. Das kommt jedoch einer Verharmlosung dieser Regime gleich, die zu den gefährlichsten der neueren Geschichte zählten.Angesichts der Schwächung des iranischen Regimes durch die Luftangriffe Israels und der USA ist in Deutschland eine Debatte darüber entbrannt, ob ein von Außen erzwungener "Regime Change" im Iran möglich und wünschenswert sei. Meist wird diese Zielsetzung mit dem Argument verworfen, dies werde zu nur noch mehr Chaos, Gewalt und Instabilität in der Region führen (mehr dazu hier).
Als Beleg dafür gelten dabei die westlichen Interventionen in Afghanistan, Irak und Libyen. Doch ergeben diese hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und ihres Verlaufs kein durchweg einheitliches Bild. In Afghanistan wurde das Taliban-Regime 2001 durch eine Allianz einheimischer Mudschahedin-Verbände besiegt, deren Offensive von den USA massiv aus der Luft und durch Spezialkommandos am Boden unterstützt wurde. Nach der Vertreibung der Taliban von der Macht wurden in dem Land von den UN mandatierte NATO-Schutztruppen stationiert.
Im Irak 2003 handelte es sich um eine - von den UN nicht gebilligte - direkte Invasion des Landes durch Bodentruppen einer von den USA angeführten "Koalition der Willigen", die das Regime von Saddam Hussein militärisch in die Knie zwang und zerschlug. Wie in Afghanistan begann die Besatzungsmacht daraufhin, eine neue, demokratische staatliche Ordnung aufzubauen - anfangs durchaus nicht ohne Erfolge.
Ein solches Vorgehen ist gegenüber Iran jedoch so gut wie ausgeschlossen. Weder Israel noch die USA, von den Europäern ganz zu schweigen, denken im Entferntesten daran, das Land zu besetzen und dort "Nation Building" zu betreiben. Eine auf "Regime Change" zielende Militärstrategie könnte allenfalls darin bestehen, das dort herrschende System durch weitere Luftangriffe so stark zu destabilisieren, dass dies einen Putsch aus den Reihen des Machtapparats oder einem Volksaufstand begünstigt.
Ein solches Vorgehen würde am ehesten dem in Libyen ähneln, wo die Luftschläge der USA, Frankreichs und Großbritanniens 2011 maßgeblich zum Sturz des Autokraten Muhammad Gaddafi beitrugen, der Westen das Land dann aber weitgehend sich selbst überließ. In der Folge versank es in bis heute anhaltende Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen. Allerdings war "Regime Change" auch nicht die von vornherein explizit erklärte Absicht der westlichen Intervention in Libyen gewesen. Vielmehr bestand ihr unmittelbares Ziel darin, das Gaddafi-Regime an einem akut drohenden genozidalen Massaker zu hindern.
Die iranische Gesellschaft ist indes ungleich weiter entwickelt und gefestigter als die libysche - und hat daher deutlich bessere Aussichten, aus eigener Kraft und ohne westliche Anleitung eine freiere und humanere staatliche Ordnung zu schaffen.
Ist denn aber die Bilanz der westlichen Interventionen überhaupt so gänzlich verheerend, wie es meist dargestellt wird? Wer das behauptet, suggeriert, dass das Fortbestehen monströser Diktaturen wie der Saddams im Irak, der Taliban in Afghanistan und Gaddafis in Libyen dem heutigen Zustand vorzuziehen gewesen sei, hätten diese doch immerhin zur "Stabilität" in der Region beigetragen. Das kommt jedoch einer Verharmlosung dieser Regime gleich, die zu den brutalsten und gefährlichsten Despotien der neueren Geschichte zählten.
Dagegen sind etwa die Verhältnisse im heutigen Irak zwar alles andere als erfreulich und weit von der funktionierenden Demokratie entfernt, die sich Washington einst für das Land erträumt hatte. Der Realität unter dem totalitären Terrorregime Saddams, das zweimal benachbarte Länder überfallen, Giftgas gegen die irakischen Kurden eingesetzt und den Besitz von Massenvernichtungswaffen angestrebt hat, sind sie jedoch allemal vorzuziehen.
Die negativen Folgen westlicher Interventionen sind zudem zu einem großen Teil nicht diesen selbst, sondern dem übereilten Rückzug des Westens aus der Verantwortung geschuldet. So war es den USA nach Jahren grauenvoller Gewaltexzesse 2007 endlich gelungen, den dschihadistischen Terror im Irak zu besiegen. Dann aber kündigte Obama den raschen US-Abzug aus dem Land an. In dem Machtvakuum, das die USA damit schufen, wuchs einerseits der Einfluss Irans massiv an und breitete sich andererseits die Terrormiliz IS explosionsartig aus.
In Afghanistan hatten sich, ungeachtet aller Misserfolge beim "Nation Building", unter dem Schutz der internationalen Truppen immerhin beachtliche zivilgesellschaftliche Strukturen herausgebildet, die Anlass zur Zuversicht auf eine langfristige demokratische Entwicklung gaben. Das von Donald Trump miserabel ausgehandelte faktische Kapitulationsabkommen und der darauf folgende, von seinem Nachfolger Joe Biden zu verantwortende fluchtartige Abzug der US-Truppen aber ebneten den Taliban 2021 den Weg zurück an die Macht. Jetzt aber, da diese erneut ihre totalitäre Herrschaft errichtet haben, wird schmerzlich sichtbar, wie kostbar die freiheitlichen Errungenschaften der afghanischen Gesellschaft gewesen sind, die vom Westen leichtfertig preisgegeben wurden.
Mit dem Sturz des iranischen Regimes wäre die Hauptquelle von Terror und Instabilität in der Region beseitigt. Doch gegenüber euphorischen Hoffnungen auf dessen unmittelbar bevorstehenden Kollaps und eine sich daran automatisch anschließende demokratische Entwicklung im Iran ist Skepsis angebracht. Und das nicht nur, weil es dort zwar eine hoch motivierte zivilgesellschaftliche Freiheitsbewegung gibt, die politischen Oppositionsgruppen jedoch organisatorisch zersplittert und programmatisch uneins sind. Sondern vor allem, weil das angeschlagene Regime mit Russland und China (und Staaten wie Nordkorea im Hintergrund) nach wie über potente Verbündete verfügt, die es mit ganzer Kraft dabei unterstützen werden, sich mittels noch weiter verschärfter Repression an der Macht zu halten.
Der Kampf gegen die iranische Diktatur darf daher nicht isoliert geführt werden. Er ist Teil der weltweiten Konfrontation zwischen der demokratischen Zivilisation und den autokratischen Mächten, die sie zerstören wollen. In diesem Sinne muss "Regime Change" immer ein Imperativ demokratischer Außenpolitik gegenüber aggressiven und expansiven Diktaturen sein. Die westlichen Demokratien müssen im eigenen Überlebensinteresse alle Hebel in Bewegung setzen, um die Phalanx der Autokratien im Ganzen zu Fall zu bringen.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Als Beleg dafür gelten dabei die westlichen Interventionen in Afghanistan, Irak und Libyen. Doch ergeben diese hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und ihres Verlaufs kein durchweg einheitliches Bild. In Afghanistan wurde das Taliban-Regime 2001 durch eine Allianz einheimischer Mudschahedin-Verbände besiegt, deren Offensive von den USA massiv aus der Luft und durch Spezialkommandos am Boden unterstützt wurde. Nach der Vertreibung der Taliban von der Macht wurden in dem Land von den UN mandatierte NATO-Schutztruppen stationiert.
Im Irak 2003 handelte es sich um eine - von den UN nicht gebilligte - direkte Invasion des Landes durch Bodentruppen einer von den USA angeführten "Koalition der Willigen", die das Regime von Saddam Hussein militärisch in die Knie zwang und zerschlug. Wie in Afghanistan begann die Besatzungsmacht daraufhin, eine neue, demokratische staatliche Ordnung aufzubauen - anfangs durchaus nicht ohne Erfolge.
Ein solches Vorgehen ist gegenüber Iran jedoch so gut wie ausgeschlossen. Weder Israel noch die USA, von den Europäern ganz zu schweigen, denken im Entferntesten daran, das Land zu besetzen und dort "Nation Building" zu betreiben. Eine auf "Regime Change" zielende Militärstrategie könnte allenfalls darin bestehen, das dort herrschende System durch weitere Luftangriffe so stark zu destabilisieren, dass dies einen Putsch aus den Reihen des Machtapparats oder einem Volksaufstand begünstigt.
Ein solches Vorgehen würde am ehesten dem in Libyen ähneln, wo die Luftschläge der USA, Frankreichs und Großbritanniens 2011 maßgeblich zum Sturz des Autokraten Muhammad Gaddafi beitrugen, der Westen das Land dann aber weitgehend sich selbst überließ. In der Folge versank es in bis heute anhaltende Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen. Allerdings war "Regime Change" auch nicht die von vornherein explizit erklärte Absicht der westlichen Intervention in Libyen gewesen. Vielmehr bestand ihr unmittelbares Ziel darin, das Gaddafi-Regime an einem akut drohenden genozidalen Massaker zu hindern.
Die iranische Gesellschaft ist indes ungleich weiter entwickelt und gefestigter als die libysche - und hat daher deutlich bessere Aussichten, aus eigener Kraft und ohne westliche Anleitung eine freiere und humanere staatliche Ordnung zu schaffen.
Ist denn aber die Bilanz der westlichen Interventionen überhaupt so gänzlich verheerend, wie es meist dargestellt wird? Wer das behauptet, suggeriert, dass das Fortbestehen monströser Diktaturen wie der Saddams im Irak, der Taliban in Afghanistan und Gaddafis in Libyen dem heutigen Zustand vorzuziehen gewesen sei, hätten diese doch immerhin zur "Stabilität" in der Region beigetragen. Das kommt jedoch einer Verharmlosung dieser Regime gleich, die zu den brutalsten und gefährlichsten Despotien der neueren Geschichte zählten.
Dagegen sind etwa die Verhältnisse im heutigen Irak zwar alles andere als erfreulich und weit von der funktionierenden Demokratie entfernt, die sich Washington einst für das Land erträumt hatte. Der Realität unter dem totalitären Terrorregime Saddams, das zweimal benachbarte Länder überfallen, Giftgas gegen die irakischen Kurden eingesetzt und den Besitz von Massenvernichtungswaffen angestrebt hat, sind sie jedoch allemal vorzuziehen.
Die negativen Folgen westlicher Interventionen sind zudem zu einem großen Teil nicht diesen selbst, sondern dem übereilten Rückzug des Westens aus der Verantwortung geschuldet. So war es den USA nach Jahren grauenvoller Gewaltexzesse 2007 endlich gelungen, den dschihadistischen Terror im Irak zu besiegen. Dann aber kündigte Obama den raschen US-Abzug aus dem Land an. In dem Machtvakuum, das die USA damit schufen, wuchs einerseits der Einfluss Irans massiv an und breitete sich andererseits die Terrormiliz IS explosionsartig aus.
In Afghanistan hatten sich, ungeachtet aller Misserfolge beim "Nation Building", unter dem Schutz der internationalen Truppen immerhin beachtliche zivilgesellschaftliche Strukturen herausgebildet, die Anlass zur Zuversicht auf eine langfristige demokratische Entwicklung gaben. Das von Donald Trump miserabel ausgehandelte faktische Kapitulationsabkommen und der darauf folgende, von seinem Nachfolger Joe Biden zu verantwortende fluchtartige Abzug der US-Truppen aber ebneten den Taliban 2021 den Weg zurück an die Macht. Jetzt aber, da diese erneut ihre totalitäre Herrschaft errichtet haben, wird schmerzlich sichtbar, wie kostbar die freiheitlichen Errungenschaften der afghanischen Gesellschaft gewesen sind, die vom Westen leichtfertig preisgegeben wurden.
Mit dem Sturz des iranischen Regimes wäre die Hauptquelle von Terror und Instabilität in der Region beseitigt. Doch gegenüber euphorischen Hoffnungen auf dessen unmittelbar bevorstehenden Kollaps und eine sich daran automatisch anschließende demokratische Entwicklung im Iran ist Skepsis angebracht. Und das nicht nur, weil es dort zwar eine hoch motivierte zivilgesellschaftliche Freiheitsbewegung gibt, die politischen Oppositionsgruppen jedoch organisatorisch zersplittert und programmatisch uneins sind. Sondern vor allem, weil das angeschlagene Regime mit Russland und China (und Staaten wie Nordkorea im Hintergrund) nach wie über potente Verbündete verfügt, die es mit ganzer Kraft dabei unterstützen werden, sich mittels noch weiter verschärfter Repression an der Macht zu halten.
Der Kampf gegen die iranische Diktatur darf daher nicht isoliert geführt werden. Er ist Teil der weltweiten Konfrontation zwischen der demokratischen Zivilisation und den autokratischen Mächten, die sie zerstören wollen. In diesem Sinne muss "Regime Change" immer ein Imperativ demokratischer Außenpolitik gegenüber aggressiven und expansiven Diktaturen sein. Die westlichen Demokratien müssen im eigenen Überlebensinteresse alle Hebel in Bewegung setzen, um die Phalanx der Autokratien im Ganzen zu Fall zu bringen.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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