Da glänzt es schon in der Sonne, wenn auch nicht auf der Kuppel, um in aller Weltoffenheit (Monika Grütters) alle, "die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind", einzuladen, die Knie zu beugen. Foto: Justin Salisbury
Nach seinem gestrigen Gespräch mit dem Theologen Christoph Markschies (Unser Resümee) lässt Nikolaus Bernau heute in der Berliner Zeitung kein gutes Haar am Kreuz auf dem Humboldt Forum: "Welche Botschaft wird also verkündet, wenn die Bundesrepublik ein 17 Tonnen schweres goldenes christliches Kreuz nachschaffen lässt, um es auf ihr wichtigstes Museums- und Ausstellungshaus für animistisch, buddhistisch, hinduistisch, muslimisch oder sonstwie nicht-christlich geprägte Kulturen zu stellen? Ein Haus, in dem wesentlich Sammlungen gezeigt werden, die infolge des europäischen und deutschen Kolonialismus nach Berlin gelangten." Noch in der Ausschreibung 2006 sei der Bau der Kuppel lediglich als Option benannt worden: "Längst stand das Humboldt-Forum im internationalen Fokus von Erinnerungs-Debatten um die Folgen des Kolonialismus, längst kümmerten sich viele und auch die Berliner Museen kritisch um die eigene Vergangenheit. Doch völlig ungerührt von solchen Aufarbeitungsmühen suchten die Schlossfassaden-Nachbauer weiter nach Finanziers, um die Architektur der Kuppel sowie das Kreuz, ein ideologisches Symbol, und die Inschrift zu bezahlen. Die hatte der Bundestag nämlich in seiner Weisheit ausgeschlossen von der Finanzierungszusage. Leider fanden sich Finanziers."
Auch Andreas Kilb ist in der FAZempört über diese dem Projekt noch mal ganz zum Schluss untergejubelte reaktionäre Geste: "In einem Online-Dossier, das die Stiftung Humboldt Forum auf ihrer Website veröffentlicht hat, gibt Monika Grütters zu Protokoll, das Kuppelkreuz sei ein Symbol für 'Nächstenliebe, Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz'. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erklärt, das Kreuz sei 'Teil unserer Pluralität'. Haben die beiden die Umschrift nicht gelesen? Sie ist der Text, der das Symbol erläutert: als Insignie der Intoleranz."
In der Welt schaut der ehemalige Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann lieber nicht hoch zum Kuppelkreuz - das, was er beim Blick gen Osten zum Marx-Engels-Forum sieht, entsetzt ihn genug: "Ähnlichkeit mit dem Großparkplatz eines Einkaufszentrums" attestiert er dem Gelände. Zudem fehle jede Maßnahme, den Neubau in die Stadt einzubinden: "Es wird einem klar, dass der Berliner Senat mit diesem begrünten Denkmalensemble jede Form der Erinnerung an den Zusammenhang des Schlosses mit der einstigen Altstadt verhindern will." In der SZ denkt Karl-Markus Gauß derweil über nationale Massensymbole nach. (Alle Beiträge zur Debatte seit 2017)
Peter Strieder, ehemaliger SPD-Senator für Stadtentwicklung in Berlin hatte neulich in der Zeit eine Schleifung der Nazi-Skulpturen am Berliner Olympiastadion gefordert (unser Resümee): Dem widersprach erst Hans Kollhoff (unser Resümee). Gestern forderte der Architekt Volkwin Marg in der Zeit: "Weil heute wieder aus altem Nazi-Sumpf üble Blasen aufsteigen, ist es dringend geboten, nicht irgendwelche Skulpturen zu beseitigen, sondern endlich eine offensivere und aktive politische Aufklärung in einem größeren und leistungsfähigeren Dokumentationszentrum in der Langemarckhalle neu einzurichten und für öffentliche Aufklärungsarbeit personell aufzurüsten." Jetzt schließt sichMonopol-Autor Jens Hinrichsen einem Vorschlag des Grünen-Politikers Oliver Schruoffeneger an, der einen künstlerischen Gegenakzent setzen will: "Zeitgenössische Kunst als Kommentar zu totalitären Gesten: Dieses Konzept erscheint sinnvoller als Strieders Bildersturm-Ansatz. Man macht die Geschichte nicht ungeschehen, indem man ihre Artefakte löscht. Die Gefahr besteht sogar, dass die Entfernung der Werke die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte blockiert."
Die Kuppel, das Kreuz und die Inschrift sind eben auch Ausstellungsstücke, sagt der evangelische Theologe, Historiker und ehemalige Präsident der Humboldt-Universität Christoph Markschies im Gespräch mit Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) zur Debatte um das Kreuz auf dem Humboldt Forum (Unsere Resümees): "Unter der Kuppel und dem Kreuz wird ja eine buddhistische Höhle mit Wandmalereien inszeniert, die auch eine Rekonstruktion eines Objektes von der Seidenstraße mit Originalteilen ist. Es kommt immer darauf an, dass Betrachter im Museum die Objekte einordnen können. Da könnten also beispielsweise beim Humboldt-Forum außen Fernrohre stehen und dazu die notwendigen Erklärungen gegeben werden - sonst versteht die eine Hälfte der Besucher das Problem nicht und die andere Hälfte versteht es miss. In jedem Fall muss klar werden, dass es sich bei all dem um Teile einer Ausstellungsarchitektur handelt, nicht um die Bauzier einer Kirche und nicht um die Botschaft des Humboldt-Forums." In der taz kann Susanne Messmer wenigstens der Diskussion um das Kreuz etwas Gutes abgewinnen: "Es ist doch erstaunlich, wie ausdauernd die Architektur eines alten Gebäudes als produktive Reibungsfläche zu dienen in der Lage ist."
Das 17 Tonnen schwere Kreuz auf dem Berliner Humboldt Forum und die Inschrift an der Fassade (mehr hier) wurden unter anderem mit der Behauptung gerechtfertigt, wenn man schon nachbaut, dann konsequent. Das ist kein überzeugendes Argument, meint Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung: "Wären Kreuz und Inschrift erhalten, wären sie herausragende Symbole des preußischen Staatschristentums. Keiner würde die Abnahme verlangen, allenfalls eine Kommentierung. Jetzt aber wurden sie nachgebaut, und ein Nachbau ist immer die Folge einer Auswahl dessen, was die Nachbauer als wichtig betrachten. Im Fall des Humboldtforums wurde etwa entschieden, die Seite zur Spree hin nicht nachzubauen, sondern in heutigen Formen zu gestalten; auf dem Dach ist ein modern erscheinender Café-Pavillon weithin zu sehen. Es wäre keinerlei Problem gewesen, das Kreuz und vor allem die Inschrift nicht nachzubauen. Dass es trotzdem gemacht wurde, war eine Entscheidung, über die man Rechenschaft ablegen muss." Die Inschrift besagt bekanntlich, dass "im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind" - ein wahrhaft passender Willkommensgruß für ein Zentrum der Weltkulturen!
Vor drei Jahren tobte eine kurze und heftige Debatte über das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt-Forums (unsere Resümees, zurückblättern bis Juni 2017). An diesem Wochenende soll es bei günstigen Windbedingungen (die allerdings nicht angesagt sind) aufgesetzt werden. Und an der Fassade unter dem künftigen Zentralort der Entkolonisierung prangt der von Friedrich Wilhelm IV. höchstpersönlich verfasste Leitspruch: "Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.". Jens Bisky kommentiert in der SZ in schon fast verzweifeltem Ton: "Jetzt schon kann man sagen, dass jene symbolisch bedeutsamen Bauteile besonders sorgfältig rekonstruiert wurden, die, um eine königliche Formulierung zu variieren, den Ludergeruch der Reaktion verströmen. Der Einwand, da werde halt ein Bau-, ja ein Kunstwerk historisch getreu rekonstruiert, trifft nicht. Er verschleiert vielmehr, wie viele Einzelentscheidungen falsch und ohne große öffentliche Diskussion gefällt worden sind."
Und auch bei der "Einheitswippe" vor dem frommen Sinnspruch des Schlossportals ist jetzt Baubeginn, der wiederum bei Harry Nutt von der Berliner ZeitungUnbehagen auslöst: "Wenig jedenfalls scheint derzeit widersinniger als die Vorstellung einer feierlichen Eröffnung, zu der die geladenen Gäste unter Einhaltung der gebotenen Abstandsregeln darum bemüht sind, das symbolisch-interaktive Bauwerk in Schwingungen zu versetzen und so die demokratische Meinungsbildung zu veranschaulichen."
Jörg Häntzschel hat sich für die SZ in das Papier der Kulturminister der Länder vertieft, das "Eckpunkte für Eröffnungsstrategien" von Theatern, Opernhäusern und Konzertsälen vorgibt. Schön ist das alles nicht, aber wenn es sein muss. Immer noch besser als gar nicht öffnen, denkt sich Häntzschel. Etwas irritierend findet er allerdings den Ton des Papiers, wenn die Minister den Häusern "ungewohnt genaue" Vorgaben machen: "Als erstes seien 'kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien' denkbar. Auch sonst werden 'Freiluftaufführungen' und 'Formate in kleinerer Besetzung' empfohlen oder 'Mehrfachaufführungen kürzerer Programme". Das klingt ein bisschen nach kultureller Kriegswirtschaft. Zumindest scheinen die Minister wenig Vertrauen zu haben, dass die Häuser schon selbst in der Lage sein werden, neue Programme zu entwickeln, mit denen sich die Regeln einhalten lassen."
Außerdem: Im Tagesspiegelberichtet Sebastian Borger aus London, wo die Lockdown-Maßnahmen anhalten, was für die Kulturszene dort ein echtes Desaster ist. Und Eberhard Spreng berichtet über die Folgen der Coronakrise für die Kultur in Frankreich.
Im Standardberichten Stefan Weiss, Jan Michael Marchart und Theo Anders vom Rücktritt der Wiener Kulturstaatssekretärin und Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek, der es in der Coronakrise nicht gelungen war, ausreichende Hilfen für die Kultur zu organisieren: "In ihrer Rede bedauerte Lunacek, dass sie die kulturpolitischen Vorhaben aus dem Regierungsprogramm, vor allem das Bestreben der Grünen nach mehr sozialer Gerechtigkeit im Kulturbetrieb, nicht mehr umsetzen konnte ... Dabei habe gerade die Krise aufgezeigt, wie sehr die Kulturbranche unter prekärer Beschäftigung leide. 'Es wurde ein lange negiertes Problem offengelegt, über Jahrzehnte wurden prekäre Bedingungen von der Politik ignoriert.' Ironischerweise scheiterte die 62-Jährige nun gerade selbst an der Aufgabe, diese Nöte zu lindern."
In einem flankierenden Essay im Standardfragt Uwe Mattheiss, wie es eigentlich grundsätzlich um die kulturpolitischen Vorstellungen der Grünen bestellt ist. Warum tun ausgerechnet sie sich so schwer mit einem Betrieb, der ihnen eigentlich nahesteht: "Gibt es tatsächlich so etwas wie kulturpolitische Visionen, oder hat sich am Ende die Perspektive multikultureller Stadtteilfeste um 1990 nicht wesentlich weiterentwickelt? Sozialdemokraten hatten mal eine Vision, bevor ihnen der Arztbesuch empfohlen wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren hieß es 'Kultur für alle'. In der Ära Schröder/Blair war das Zauberwort 'creative industries', sie sollten das postindustrielle Arbeitsplatzwunder bewirken, das bekanntlich ausblieb. Schwarz/Türkis hat sehr wohl eine Vision. Man liest sie in der Regierungsübereinkunft: Kultur als Standortfaktor in der Globalisierung, der helfen soll, Edeltouristen und Fachkräfte ins Land zu bringen. Die grüne Handschrift liefert im Wesentlichen flankierende sozialpolitische Reparaturkonzepte."
In der taz-Kultur spricht Andreas Fanizadeh mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring Eckhardt, die mehr Hilfen einfordert: "Wir haben eine Kulturstaatsministerin, die zunächst nichts für die Künstlerinnen und Künstler tat. Der Druck kam aus der Opposition und aus der Kultur selber."
Peter Strieder, ehemaliger SPD-Senator für Stadtentwicklung in Berlin, setzte sich einst gemeinsam mit einer Kommission für den Erhalt von baulichen Hinterlassenschaften aus der Zeit des Faschismus und der DDR ein: Aufklärung müsse reichen, befand man. Beim Spaziergang durch das Berliner Olympiastadionrevidiert er seine Meinung heute in der Zeit: "Der Geist des Rechtsextremismus und des Nationalismus - wie er sich auf dem gesamten Olympiagelände manifestiert - ist fruchtbar noch! Die gesamte Anlage, alle Bauten, alle Benennungen, alle Skulpturen entsprangen der Ideologie der Nazis. Und wir sollten begreifen, dass dies die ideologische Symbolik ist, auf die sich heutige Akteure wie Höcke, Gauland und Kalbitz berufen. Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen."
Künstlern und Szenen, die auf Publikum angewiesen sind und sich nicht einfach so digitalisieren lassen, wird es langsam mulmig. Lars Fleischmann schildert in der taz die völlig unterschiedlichen Ansätze der Bundesländer, KünstlerInnen zu unterstützen, in denen das Land NRW besonders schlecht abschneidet. Hier haben KünstlerInnen einen offenen Brief verfasst um zu protestieren: "In NRW verweist das Ministerium in Düsseldorf auch auf die andere Möglichkeit eines 'vereinfachten Zugangs zu Leistungen der Grundsicherung'. Über den Umweg des Jobcenters, erfährt man auf der Seite der Arbeitsagentur, soll man durch einen einfachen Antrag 'finanzielle Engpässe überbrücken' können. Das hören die Unterzeichner*innen des offenen Briefs aber nur ungern: 'Uns nun auf das ALG II zu verweisen ist indiskutabel. Wir sind nicht arbeitslos!' Während Angestellte immerhin Kurzarbeitergeld erhielten, sei für Künstler*innen nun das Existenzminimum angesagt."
Im Interview mit Zeit online erklärt Leiter Hartmut Dorgerloh, warum das Humboldt Forum nach mehreren Verschiebungen jetzt auch im September nicht eröffnet werden kann: Die Lieferketten sind wegen Corona zusammengebrochen. Und auch die für die Eröffnung angesetzte große Elfenbein-Ausstellung kommt für September nicht zustande. "Die Kolleginnen und Kollegen vom Nationalmuseum in Kenia, mit denen wir für die Ausstellung zusammenarbeiten, dürfen nicht hierherkommen und wir nicht zu ihnen. Und bis auf Weiteres ruht auch erst mal der internationale Leihverkehr."
In der Berliner Zeitungunterhält sich Susanne Lenz mit Hetty Berg, der neuen Leiterin des Jüdischen Museums Berlin, die das Haus nach einem erbitterten Streit über israelkritische Debatten im Museum übernimmt. Sie möchte mehr Berliner ins Haus locken, sagt sie, und nennt überraschende Zahlen: "Rund 75 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher kommen bisher aus dem Ausland, 15 Prozent aus anderen Teilen Deutschlands. Aus Berlin kommen im Verhältnis also nur wenige. Schon vor Corona war es mein Ziel, mehr Deutsche und mehr Berliner in das Museum zu holen."
Außerdem: Im TagesspiegelunterstreichtMonika Grütters die Wichtigkeit von Kunst und Kultur für die Gesellschaft und freut sich über die großzügigen Hilfen, die die Politik bereits geleistet hat.
Im Interview mit Frederik Bombusch und Petra Kohse (Berliner Zeitung) erklärt Klaus Lederer, wie in Berlin jetzt den privatenTheatern, Clubs und Varietés geholfen werden soll: "In der kommenden Woche können private Häuser, die mehr als zehn Beschäftigte haben, bei der Investitionsbank Berlin Anträge einreichen. Ziel ist, dann bis Ende des Monats die Ausgabe der Mittel hinbekommen zu haben. Wir stellen zunächst 30 Millionen Euro für drei Monate bereit. Das ist eine ordentliche Summe angesichts der Tatsache, dass es nirgendwo sonst in der Bundesrepublik so eine Art von Programm gibt. Das Geld soll Liquidität erhalten, also helfen, laufende Kosten zu decken. Es dient nicht dem Zweck, sämtliche Einnahmeausfälle auszugleichen."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Nathan Devers: Gegen sich selbst denken Aus dem Französischen von André Hansen. Nathan war keine zehn Jahre alt, als er sich für das orthodoxe Judentum entschied. Aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus in Paris,…
Simon Mason: Das kalte Herz von Oxford - Ein Fall für DI Wilkins Aus dem Englischen von Sabine Roth. Für Rachel Clarke beginnen an einem strahlenden Sommertag in Oxford die dunkelsten Stunden ihres Lebens: Ihre vierjährige Tochter Poppy…
Caro Claire Burke: Yesteryear Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Natalie Heller Mills hat alles: eine malerisch renovierte Farm, fünf Kinder, die um ihre Liebe buhlen, und einen…
Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Worte Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Mit einem Vorwort bon Fania Oz-Salzberger. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. "Die Rechnung ist noch…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier