9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2022 - Kulturpolitik

Niklas Maak versteht in der FAS die Welt nicht mehr. Vom Schloss-Spender Ehrhardt Bödecker sind Texte bekannt, in denen er gegen die "wissenschaftlich nachgewiesene Unrichtigkeit der behaupteten Zahl von sechs Millionen Opfern" des Holocausts zeterte oder behauptete, Deutschland leide unter der "Selbstvergottung der Sieger" nach 1945. Wie kann das Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte über eine solche Position "ambivalent" ausfallen? "Dort heißt es, 'antisemitische Topoi sowie die Tradition des antiwestlichen Nationalismus' seien bei Bödecker 'evident', zugleich finde sich 'die Ambiguität von deutlichen antisemitischen Klischees einerseits und der Konterkarierung antisemitischer Ressentiments andererseits'. "Ist jemand, der sagt, Juden seien allesamt üble Geschäftemacher, hätten aber durchaus unterschiedliche Nasenformen, kein Antisemit, weil er ein Klischee nicht bedient? Das wäre eine sehr nachsichtige Definition, mit der sich die Zahl deutscher Antisemiten fast auf null reduzieren ließe. Kein Satz, der klar sagt: Bödecker verfasste antisemitische Texte, Punkt. Es ist interessant, wie schwer sich Politiker, Wissenschaftler und Kommentatoren, die den Antisemitismus einiger Documenta-Teilnehmer sehr schnell benennen und - zu Recht - verurteilen konnten, bei ebenso klaren Fällen von innerdeutschem Antisemitismus tun. Und: Warum ist das Gutachten nicht öffentlich einsehbar? Warum reagiert der Gutachter nicht auf Presseanfragen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2022 - Kulturpolitik

Bei der Documenta 15 hätte sie härter durchgreifen müssen, sagt Claudia Roth im großen FR-Interview mit Lisa Berins nach einem Jahr als Kulturstaatsministerin. Auch auf die BDS-Resolution des Bundestages kommt sie zu sprechen, die sei ein "einfacher, d. h. politischer Beschluss" hält sie noch einmal fest: "Es geht nicht, in Deutschland öffentlich BDS zu propagieren. Wenn ein Künstler aber ein künstlerisch interessantes Werk schafft, was mit BDS nichts zu tun hat, ist das kein ausreichender Grund, ihn von einer Förderung auszuschließen. Was wir nicht wollen, das ist Werbung für den BDS. Was wir nicht brauchen, ist eine Gewissensprüfung. Meine Linie ist: Wir bekämpfen Antisemitismus in all seinen Formen, und ich bin gegen Boykotte, gerade gegen Kulturboykotte. Schon deswegen habe ich mich als Kulturstaatsministerin sehr deutlich geäußert, als BDS-Aktivisten und -Aktivistinnen offensiv interveniert haben und versucht haben, Boykotte beim Festival Pop-Kultur Berlin durchzusetzen. Das geht überhaupt nicht."

Roths erstes Regierungsjahr endet "mit relativ viel kulturpolitischem Stillstand, mit vielen großen Worten zu anderen Dingen (Krieg, Demokratie, Erinnern) und wenigen kleinen Taten auf dem eigentlichen Aufgabengebiet", bilanziert ein enttäuschter Dirk Peitz derweil auf ZeitOnline, etwa mit Blick auf die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "Nun will man den angeschlossenen Häusern wenigstens ein bisschen Autonomie gönnen von der Stiftung selbst, der Rest der Reformpläne erschöpft sich in Verwaltungskram, und alle Beobachter sind fassungslos wie zuvor und weisen aufs Ausland, auf den Louvre, das British Museum, den Smithsonian-Verbund - anderswo kriegt man große, schwere Museumsflotten flott, ansehnlich, beliebt gar. Nur in Deutschland segeln die halt nicht. Sie gehen unter, aus eigener Schwerfälligkeit und nicht nur, weil sie schwer an ihren Kunstschätzen und ihrem Kolonialerbe tragen."

Die Reform der SPK beschäftigt heute auch den Tagesspiegel. Dass die Generaldirektion einem sechsköpfigen Vorstand weichen soll, findet Nikolaus Bernau nicht besonders klug, immerhin "war diese oft der einzige Puffer gegen die Machtübergriffe der Politik und der Stiftungsspitze". Wesentliche Probleme werden indes übersehen: "Die Staatsbibliothek musste ihren in 300 Jahren eingehaltenen Universal-Bibliotheks-Anspruch, möglichst alle Zeugnisse des menschlichen Wissens sammeln zu können, aufgeben; die wissenschaftliche Arbeit in der Stiftung stützt sich ganz auf die Selbstausbeutung der Mitarbeiter, selbst bedeutende Sonderausstellungen wie jene über die Kunst in der Ukraine können nicht mehr übernommen werden." Auch Bernhard Schulz hätte gern mal Konkretes über künftige Finanzierungspläne gehört.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2022 - Kulturpolitik

Nach zwanzig Jahren verlässt Hortensia Völckers als Gründungsdirektorin die Kulturstiftung des Bundes. Im Tagesspiegel+-Gespräch mit Nicola Kuhn und Katrin Sohns beklagt sie mangelnden Dialog bei der Documenta 15, ihr "Unbehagen" gegenüber der eingesetzten Kommission und laviert herum, wenn es um den BDS-Beschluss des Bundestages geht, dessen Folgen sie für "unüberschaubar" hält: "Jetzt schon ist zu beobachten, dass es schwieriger wird, internationale Kandidatinnen für Leitungspositionen zu finden, weil viele international tätige Persönlichkeiten fürchten, hier in Deutschland ihre Karriere aufs Spiel zu setzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ resümiert Jörg Häntzschel das erste Jahr von Claudia Roth als Kulturstaatsministerin, das er etwas mutlos fand: Von der geplanten Großreform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist "nur noch das Minimum übrig", beim Humboldt Forum oder dem Museum des 20. Jahrhunderts, die ebenfalls neu aufgestellt werden müssten, taktiere sie vorsichtig: "Die einst impulsive Roth geht vor, als liege Sun Tzus 'Die Kunst des Krieges' auf ihrem Nachttisch." Und dann war da noch die Documenta-Debatte, in der sie vergeblich zu beschwichtigen suchte: "Die Documenta ist vorbei, doch neue Antisemitismus-Kontroversen flammen ständig auf. Sie selbst, die den BDS-Beschluss des Bundestags nicht mittrug, gehört oft zu den Mitangeklagten. Roth will sich mit einem Standpunkt schützen, der allen Parteien gleichermaßen den Wind aus den Segeln nehmen soll: kein Kulturboykott, nicht gegen Russland, nicht gegen Israel, aber auch nicht gegen die Israel-Boykotteure des BDS, fordert sie." Kurz: alle sollen irgendwie eingehegt werden. Ob das reicht?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2022 - Kulturpolitik

Schinkels Bauakademie gegenüber dem Stadtschloss muss unbedingt wieder aufgebaut werden, findet der Architekt und Historiker Peter Stephan in der FAZ. Wie das Rote Rathaus habe sie dem Schloss eine alternative, bürgerliche Architektur entgegengehalten. "Die zum Schloss formulierten Antithesen waren dialektischer Natur: klar, aber nicht konfrontativ, innovativ, aber auch integrativ. Von diesem dialogischen Prinzip wichen erst die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts ab."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist im Vergleich mit Institutionen wie dem Louvre oder der Smithsonian Institution unterbesetzt und unterfinanziert, und verstrickt sich in ihren verwirrenden Hierarchien. Vor drei Jahren hatte der Wissenschaftsrat eine Auflösung der Stiftung vorgeschlagen, resümiert Andreas Kilb in der FAZ. Stattdessen wurde eine Reformkommission gegründet, die nun ein Eckpunktepapier formuliert hat. Kilb ist bestürzt - das Papier gibt nun den Bundesländern wieder viel Mitsprache: "Dabei ist die Finanzlage klar: Der Bund trägt 85 Prozent des Stiftungshaushalts, das Land Berlin sechs Prozent, die Restsumme verteilt sich auf die übrigen fünfzehn Bundesländer. Dennoch zählen ihre Stimmen im Stiftungsrat nicht weniger als die des Bundes. Diesen Missstand sollte eine Reform der SPK als Allererstes beenden. Stattdessen wird er nun perpetuiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ möchte es Jörg Häntzschel kaum glauben: Claudia Roth will jetzt offenbar wirklich die nun auch schon wieder eine ganze Weile brach liegende Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angehen. Die Pläne, über die der Stiftungsrat am Montag berät, liegen der SZ vor: "Was Roth und ihre Leute jetzt gemeinsam mit den SPK-Einrichtungen vorschlagen, ähnelt stark dem, was unter Grütters schon einmal auf der Tagesordnung stand: An der Spitze soll künftig ein 'Kollegialer Vorstand' stehen, bestückt mit einer repräsentativen Auswahl von Leitern der Einrichtungen. Die Generaldirektion der Museen wird abgeschafft. Die meisten Verwaltungsaufgaben übernimmt eine 'Zentrale Serviceeinheit', die aber nicht über, sondern neben den Häusern steht. Das Regieren von oben nach unten soll aufhören, die einzelnen Häuser sollen mehr Autonomie über Personal, Finanzen und Programm erhalten."

Außerdem: Die FAZ kann von der Debatte um die Garnisonkirche nicht lassen. Heute versucht der Historiker Martin Sabrow eine mittlere Position zu beziehen. Die Gegner des Wiederaufbaus der Kirche bezichtigt er einer "eigentümlichen Verdinglichung des Bösen, indem sie dem Ort selbst eine inhärente Rechtsgerichtetheit" attestierten. Er fordert einen "souveränen Umgang mit der lastenreichen deutschen Vergangenheit" und "stadträumliche Erinnerungskultur", die die Gegensätze befrieden sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2022 - Kulturpolitik

In der Welt atmet Dankwart Guratzsch auf: Russland ist vom Präsidentenamt der Welterbekommission zurückgetreten. Wer in der Ukraine gezielt Kulturdenkmäler beschießt, hat in diesem Amt nichts zu suchen, findet er. "Zu den heftigsten Kritikern der russischen Präsidentschaft hatte von Anfang an die internationale Organisation World Heritage Watch (WHW) gehört, zu Deutsch: 'Welterbewache'. Sie hatte den Russen bescheinigt, nicht nur Kulturstätten der Ukraine dem Erdboden gleichzumachen, sondern indirekt auch dafür verantwortlich zu sein, dass Welterbestätten weltweit nicht mehr ausreichend geschützt werden konnten. Da sich westliche demokratische Staaten geweigert hätten, unter einem Präsidenten zu tagen, dessen Land einen Bomben- und Raketenkrieg führt, habe das Welterbekomitee 2022 nicht ein einziges Mal zusammenkommen können - was seinerseits dazu beigetragen habe, dass einige Staaten die 'Gunst der Stunde' genutzt hätten, Großprojekte voranzutreiben, die Welterbestätten gefährden." Dazu gehören laut Guratzsch die Autobahn durch die Nekropolen von Kairo, Hotelprojekte im indonesischen Komodo-Nationalpark, auf den Galapagos-Inseln und an den Viktoriafällen in Sambia und Simbabwe, der Autobahntunnel unter dem Megalithkreis von Stonehenge und die Zubetonierung der Akropolis von Athen.
Stichwörter: Welterbe, Simbabwe

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2022 - Kulturpolitik

In linken Künstlerkreisen mag die italienische Regierung unter Giorgia Meloni verhasst sein, aber nicht bei den Fürsten der Kulturinstitutionen, wie Luzi Bernet in der NZZ berichtet. Denn Kulturminister Gennaro Sangiuliano sei zwar kulturell etwas unbedarft aber nicht sein Staatssekretär Vittorio Sgarbi: "In der Schweiz ist Sgarbi kürzlich aufgefallen, weil er während Tagen in den Kanälen seiner sozialen Netzwerke die Tessiner Behörden beschimpfte. Er wurde gebüßt, weil er in seinem Dienstwagen unerlaubterweise mit Blaulicht auf der Autobahn zwischen Locarno und Chiasso unterwegs gewesen war. Solcherart präsentiert sich nun also die Spitze des italienischen Kulturministeriums: telegen und aufbrausend. Muss das schlecht sein für die Kultur? Eike Schmidt, der von Sangiuliano gemaßregelte Direktor der Uffizien, interpretiert die Ernennung so: 'Möglicherweise wollte Meloni erst einmal die Strukturen stören.' Es wäre dies für Schmidt gar nicht unerwünscht. Denn auch er tut sich, wie alle Gesprächspartner unisono, mit den eingefahrenen bürokratischen Strukturen des Kulturbetriebs schwer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2022 - Kulturpolitik

Museen sollen zwanzig Prozent Energie sparen, im Zeichen des Kriegs, aber auch des Klimawandels. Sabine Seifert trifft für die taz Nina Schallenberg, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und lernt: "Reisen, Transporte und Leihgaben reduzieren, Ausstellungsdesigns recyceln, wenn möglich variabler klimatisieren. Bislang galt in deutschen Museen eine Temperatur von 21 Grad in Innenräumen bei einer Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent als fester Standard. 'Die Regelung war lange auf das empfindlichste Objekt ausgerichtet', erklärt Schallenberg, wobei die Luftfeuchtigkeit entscheidender sei als die Temperatur. 'Papier zum Beispiel hat in dieser Hinsicht ein enormes Gedächtnis.'"