9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2023 - Kulturpolitik

Im Grunde habe er gar nichts gegen Preußen im Namen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, aber die Debatte sei trotzdem wichtig, sagt Hermann Parzinger im Gespräch mit Harry Nutt (Berliner Zeitung). Deutlicher wird Parzinger, der als Archäologe an der Ausgrabung der Skythen-Gräber beteiligt war, wenn es um die Plünderung des Skythen-Goldes aus einem Krim-Museum geht: "Auf der Webseite des ukrainischen Ministeriums für Kultur und Information kann man beinahe stündlich sehen, wie die Liste der zerstörten Kulturdenkmäler wächst. Es geht ganz offensichtlich um eine gezielte Vernichtung der ukrainischen Kultur. Es werden nicht nur Kirchen, historische Gebäude, Museen, Bibliotheken und Archive attackiert. Auch wertvolle Objekte sind verschwunden, etwa in Melitopol, einer Stadt, die zwischen Mariupol und der Krim liegt und deshalb strategisch von besonderer Bedeutung ist. Das Museum dort verfügt über bedeutende skythische Goldfunde. Es gab Hinweise, dass die Museumsverantwortlichen angeblich entführt wurden und der Schatz gestohlen worden sein soll. Es häufen sich Anhaltspunkte, dass neben gezielten Kulturzerstörungen auch Kunst- und Kulturgüter geplündert und illegal gehandelt werden, ganz ähnlich wie beim sogenannten Islamischen Staat in Syrien. Die Dimensionen sind derzeit noch nicht abzusehen. Wir müssen rasch handeln, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit der UNESCO und durch das Sensibilisieren von Zollbehörden."

Im Eilverfahren hatte die Unesco vergangene Woche bereits das historische Stadtzentrum von Odessa in die Rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes aufgenommen, meldet Ulrich M. Schmid in der NZZ: "Bereits kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurden Befürchtungen laut, dass Odessa ein wichtiges strategisches Ziel sein könnte. Etwa siebzig Prozent der ukrainischen Exporte über den Seeweg laufen über den Hafen von Odessa. Außerdem liegt die Region Odessa nahe bei Transnistrien, das politisch, militärisch und wirtschaftlich vollständig von Moskau abhängig ist. Nach einer Eroberung Odessas könnte Russland einen Landkorridor nach Transnistrien einrichten und die von der Moldau abtrünnige Republik annektieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2023 - Kulturpolitik

In der Debatte um die Benin-Bronzen bringt taz-ler Fabian Lehmann nun die Nachfahren afrikanischer Sklaven ins Spiel. Die in New York ansässige Restitution Study Group opponiert dagegen, ausgerechnet die Profiteure des Sklavenhandels zu restituieren, die Könige von Benin, anstatt ihre Opfer: "Denn ein Ausgangsmaterial für die Bronzegüsse waren aus Kupfer, Bronze oder Messing hergestellte Armreifen, sogenannte Manillas. Der Hof von Benin hatte die Manillas von europäischen Händler:innen erhalten, im Tausch gegen versklavte Afrikaner:innen, mit dem das Benin-Reich die Sklavenroute über den Atlantik fütterte. 'Portugiesische, britische, niederländische, amerikanische Händler:innen - so ziemlich alle, die im Sklavenhandel mit dem Königreich Benin involviert waren, bezahlten sie mit den Manillas. Wir nennen sie deshalb Blut-Metall', so Farmer-Paellmann im Gespräch mit der taz. Die Benin-Kunst nun an die Erben der Sklavenhändler:innen zurückzugeben sei geschichtsvergessen, sagt die Aktivistin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2023 - Kulturpolitik

Deutsche Institutionen sollten unbedingt menschliche Überbleibsel zurückgeben, die sie im Rahmen von Forschungen und Raubzügen nach Deutschland gebracht haben, schreibt Navid Kermani nach der Rückkehr von einer Reise durch Ostafrika in der Zeit. Vieles wäre noch zu klären, etwa, "die Kosten und auch die Umstände des Transports...: Fliegen Skelette beziehungsweise Skelettteile als Leichen oder als Gegenstände mit? Während die Stiftung Preußischer Kulturbesitz immerhin begonnen hat, Provenienzforschung zu betreiben, ignoriert die Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, gegründet 1869 von dem berühmten Arzt und 'Rassenkundler' Rudolf Virchow, bis heute sämtliche Anfragen der Nachfahren und ihrer deutschen Unterstützer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2023 - Kulturpolitik

Als "Waschzwang" kritisiert Claudia Schwartz in der NZZ die Entscheidung Annalena Baerbocks, das "Bismack-Zimmer" im Auswärtigen Amt umzubenennen und den Wunsch Claudia Roths das Wort "Preußen" aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu tilgen: "Man macht Geschichte nicht ungeschehen, indem man die Zeichen der Erinnerung abräumt. Allerdings entsteht hier ohnehin nicht der Eindruck, Baerbock oder Roth seien an deutscher Geschichte interessiert. Denn dazu gehörte eine eingehende kritisch-realistische Reflexion - auch des eigenen Blickwinkels."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2023 - Kulturpolitik

Etwas wolkig greifen die Denkmalpfleger Uta Hassler und Christoph Rauh in der FAZ in die Debatte um den möglichen Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie ein: "Was könnte ein erneuerter 'Musterbau Bauakademie' heute dennoch bewirken? Anknüpfend an ihre historische Bedeutung könnte die 'neue' Bauakademie zum Demonstrationsobjekt für eine experimentelle Wiederholung des verlorenen Baus und seiner Details werden - auch als Evokation des verlorenen Ideals einer Erneuerung des Bauwesens und als Schritt zurück in die Langlebigkeit der Konstruktionen selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2023 - Kulturpolitik

Während man sich in anderen Ländern immer häufiger Asche aufs Haupt streut, ist man in Großbritannien, der Kolonialmacht schlechthin, noch kaum geneigt, geraubtes Kulturgut zurückzugeben, notiert Gina Thomas in der FAZ. Das gilt zumal für die "Elgin Marbles", die ja eigentlich die Partehnon-Friese sind. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis soll zwar Sondierungsgespräche mit Granden des British Museum geführt haben. Der eigentliche Stein des Anstoßes sei aber "die Weigerung Griechenlands, den Besitzanspruch des Britischen Museums anzuerkennen. Mitsotakis, der kürzlich noch von einer 'Win-win'-Lösung sprach, hat in dieser Woche denn auch die Hoffnung seiner Landsleute auf eine baldige Rückkehr der Skulpturen gedämpft, als er sagte, dass eine Leihgabe nicht infrage komme, weil sie der Anerkennung des britischen Besitzanspruchs gleichkäme."

Wir stecken nicht zuletzt dank "überschießendem Regulierungswahn" und "immer absonderlicheren, kleinteiligeren, regional unterschiedlichen Baugesetzgebungen" in der größten Wohnungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, schreibt Gerhard Matzig in der SZ und denkt über Lösungen nach: "Die in Ungnade gefallenen, weil in der Nachkriegsära eilig und oft nicht sonderlich menschenfreundlich an den Stadträndern abgestellten Großsiedlungen wurden bald stigmatisiert und zum Tabu von Soziologie und Stadtentwicklung. Als hocheffiziente Typologie der Wohnraumentwicklung könnte man sie längst rehabilitieren. (…) Die postpandemische Stadt, die als Produkt der Digitalisierung zur Telepolis wird, kann zugleich die angestammten, allmählich verödeten Zentren für das Wohnen zurückerobern. Es wird weniger Parkplätze geben müssen, weniger Kaufhäuser, weniger Straßenraum, weniger Büroburgen. Unsere Städte müssen zugleich dichter besiedelte und grünere, menschenfreundlichere Städte sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2023 - Kulturpolitik

Der Historiker und Kulturpolitiker Christoph Stölzl ist im Alter von 78 Jahren gestorben und in der SZ verabschiedet Gustav Seibt "eine historische Figur, mit deren Tod eine ganze Epoche ins Grab sinkt". Als Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums im wiedervereinigten Berlin konnte der "elegante" und "grenzenlos gebildete" Stölzl mit historischen Einordnungen "als Salonlöwe wie mit Konfetti um sich werfen", erinnert Seibt: "Er war als Ausstellungsmacher eher ein Impresario und Theaterdirektor, der mit Knalleffekten und Kolophonium lieber hantierte als mit Bestandsverzeichnissen und geschichtsdidaktischen Strategien. (…) Als Politiker, erst für die FDP, später für die CDU, kam ihm seine Gabe zum historischen Assoziieren … störend in die Quere, so wenn er Berliner Wahlergebnisse mit Erdrutschsiegen der Dreißigerjahre verglich oder den Eintritt der Linkspartei in die Berliner Stadtregierung im Abgeordnetenhaus mit tonlosem Pathos als Machtergreifung des Kommunismus darstellte. Solchen Parallelen konnten nicht einmal seine eigenen Parteigenossen aus Reinickendorf oder Zehlendorf folgen, aus Mangel an historischer Bildung nämlich." Weitere Nachrufe unter anderem in Berliner Zeitung, Welt und Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2023 - Kulturpolitik

Harry Nutt resümiert in der Berliner Zeitung jüngste Debatten um koloniale Raubkunst. Selbst im British Museum, das diesen Debatten bisher mit stiff upperlipp begegnete, kann man sich der Forderungen nicht mehr ganz erwehren. In Deutschland kommt inzwischen dagegen die Meldung an, dass Geschichte komplexer ist als es sich postkoloniale Szenarien ausmalen. Nutt verweist auf auf die "Restitution Study Group", die die Rückgabe der Benin-Bronzen im Namen der vom Königreich Benin Versklavten kritisieren, und auf die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin (unser Resümee): "Wenn die New Yorker Restitution Study Group und Wissenschaftlerinnen wie Hauser-Schäublin richtig liegen, dann sind Annalena Baerbock und Claudia Roth in ein kulturpolitisches Dilemma hineingetappt, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen konnten, auf der richtigen Seite stehen zu wollen. Gegen die geschichtspolitisch aufgeladene Gefahr, verschiedene Opfergruppen gegeneinander auszuspielen, käme es nun aber darauf an, das historische Wissen über koloniale Regime ebenso zu erweitern wie die Zeit, die ihnen vorausging. Noch ein Historikerstreit also?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2023 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat viele Probleme, ihr Name ist darunter das kleinste, meint in der FAZ Klaus-Dieter Lehmann, ehemaliger Präsident der Stiftung, und fordert von Claudia Roth mehr als eine Minireform: "Nötig ist jetzt eine Öffnung hin zu gesamtstaatlicher Verantwortung, bei der das Zusammenwirken von Bund und Ländern zum Vorteil aller gelingen soll. Die Länder sollen die Stiftung nicht alimentieren, sondern selbst einen Nutzen haben. ... Bei den Museen könnte eine stärkere internationale Sichtbarkeit durch eine Agentur zur internationalen Museumskooperation ein Gewinn für die Museen in Deutschland sein, ebenso ein föderales Programm zur Unterstützung der Ausstellungstätigkeit durch fertig kuratierte Ausstellungen in den Ländern und ein Schaufenster der Länder in der Hauptstadt. Es geht um ein koordiniertes Vorgehen zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands und zur Dekolonisierung. Es geht um Austauschprogramme und um Fragen des Kulturschutzes. ... Es bedarf hierzu aber einer verlässlichen Struktur, die von den Beteiligten gleichermaßen als geeignete Grundlage angesehen wird."

Kehren 56 Teile des Parthenon-Frieses doch noch zurück nach Athen? Die Briten bewegen sich langsam ein ganz kleines bisschen, erzählt Jürgen Gottschlich in der taz. Von Rückgabe ist aber noch keine Rede, sondern nur von Rückverleihen: "Das aber, berichten wiederum griechische Zeitungen, könne von Athen nicht akzeptiert werden. London muss den Raub anerkennen, ist die Parole der griechischen Regierung. Denn der vom Museum behauptete Besitzanspruch für die sogenannten 'Elgin Marbles' ist äußerst umstritten und wird nicht nur von Athen, sondern auch von vielen Fachleuten abgelehnt. Schaut man sich die Umstände dieses 'Erwerbs' durch Lord Elgin genauer an, muss man feststellen: Der Raub der Friesplatten vom Parthenon auf der Athener Akropolis ist sozusagen die Mutter aller Kunstraube, die die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert im Orient begangen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2023 - Kulturpolitik

Die moralische Emphase, mit der die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben wurde, hält die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der FAZ für ziemlich heuchlerisch, nicht nur weil sie meint, dass mit der Rückgabe der Skulpturen auch ein wichtiger Handelspartner für Flüssiggas bedient wurde. Auch Annalena Baerbocks Vergleich mit der Gutenberg-Bibel sei verfehlt, die der Demokratisierung des Wissens gedient hatte: "Die Benin-Bronzen stehen für das absolute Gegenteil. Die Rückgabe, so argumentierte Frau Baerbock, gebe Nigeria einen Teil seiner Geschichte zurück, die 'geraubt und gestohlen' worden sei. Abgesehen davon, dass in Nigeria 250 verschiedene Ethnien leben, von denen jede ihre eigene konfliktreiche Vergangenheit hat, kommt es einer Geschichtsklitterung gleich, wenn die Geschichte der Bronzen auf die Konfiszierung der Königsinsignien durch die Briten und den Erwerb deutscher Museen von Teilen der Kriegsbeute reduziert wird. Die ans Larmoyante grenzenden Schuldeingeständnisse und Wiedergutmachungsanstrengungen der deutschen Politik verdecken die bluttriefende Vorgeschichte der Benin-Bronzen: Diese sind auf einem Berg von Leichen und durch Schiffsbäuche voller Sklaven - vom Königreich Benin in Kriegen gegen Nachbarvölker gejagt, versklavt, teilweise den bronzenen Herrscherköpfen als Blutopfer dargebracht und in Massen gegen Bronze-Manillen aus Europa verkauft - entstanden."