9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2023 - Kulturpolitik

Mit ihrem Vorstoß, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz umzubenennen (Unsere Resümees), versucht Claudia Roth die deutsche Geschichte "besenrein" zu machen, ärgert sich Florian Illies in der Zeit: "Nur Diktaturen sind eigentlich so naiv und selbstberauscht, dass sie glauben, die Vergangenheit nachträglich begradigen zu können. Ein sinnloses Unterfangen, denn über kurz oder lang brechen alle historischen Sollbruchstellen wieder auf, Europas Geschichte seit 1989 erzählt von nichts anderem. (…) Der Versuch, die Vergangenheit aus einem eigenen moralischen Überlegenheitsgefühl heraus zu optimieren, ist ein antiaufklärerischer Größenwahn, der sich nur als Demut tarnt."

In der NZZ wehrt sich die Philologin Melanie Möller gegen Versuche, die Altertumswissenschaften als weiß, sexistisch und rassistisch zu diskreditieren: "Heißt das, dass man historische Ungerechtigkeiten, die den Namen verdienen, totschweigen sollte? Gewiss nicht; aber es bedarf schon einer genauen Kenntnis der Kontexte und einer soliden Achtung vor den Toten, um sie nicht dem gleichen Missbrauch zu unterwerfen, den man ihnen vorwirft. Denn wenn Aufklärung bedeutet, dass unliebsames Altes, wie als sexistisch deklarierte Frauenbilder, als rassistisch gedeutete Menschendarstellungen und vieles mehr, durch Verweigerung der Reproduktion eliminiert werden soll, ist das nichts als dümmliche Geschichtsklitterung."

Außerdem: In der SZ befürchtet Peter Richter, dass die ohnehin schon "verödete" Friedrichstraße nun endgültig der "religiösen Raserei" der noch amtierenden Grünen-Verkehrssenatorin Bettina Jarasch, die eine Fußgängerzone plant, zum Opfer fällt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2023 - Kulturpolitik

Die Stadt Köln macht kulturpolitisch meist eher mit einstürzenden Stadtarchiven von sich reden. Da ist es ja vielleicht ein Glück, dass die Erweiterung des Wallraf-Richartz-Museums, die seit zwanzig Jahren geplant wird, bisher nicht zustande kam. Für Johannes Novy, der für die taz berichtet, ist das nur ein Beispiel für eine weithin verfehlte Stadtentwicklungspolitik: "Als die Stadt das dafür vorgesehene Grundstück neben dem bestehenden Museum und unweit des historischen Rathauses erwarb, gab es die D-Mark noch. Eigentlich hätte die Realisierung des Erweiterungsbaus, dessen Entwurf auf einen 2013 (!) entschiedenen Architektenwettbewerb zurückgeht, schon längst beginnen sollen, doch im August wurde bekannt, dass es dazu auch dieses Jahr nicht mehr kommen würde. Die Stadt sprach von bisher unbekannten Hohlräumen im Baugrund, die Kritiker davon, dass sie es schlicht versäumt hat, den Baugrund früher zu untersuchen - Zeit genug hätte sie ja gehabt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2022 - Kulturpolitik

Sehr böse schimpft FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ auf Claudia Roth, die zwar ihre Hausaufgaben zur Neuorganisierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht gemacht hat, dafür aber "Preußen" aus dem Namen der Stiftung tilgen will: "Vergangenheit, zu der ihr keine schlichte Geste einfällt, interessiert sie nicht. Erinnerung ist genau so lange gut, solange sie moralisch eindeutig ist. Aber Geschichte ist niemals moralisch eindeutig. Preußen ist Roth unangenehm, weil sie so viel Ungutes darüber gehört hat. Dass zu Preußen auch Kant und Humboldt, das Allgemeine Landrecht und die Schulpflicht, Schinkel und Menzel, Voltaire, E.T.A. Hoffmann und Fontane, ja Heiner Müller gehören, bremst ihren Affekt nicht."

Wäre die Linkspartei außerhalb der Stadt Berlin noch eine relevante politische Kraft, würde sie vielleicht die Berliner Staatssekretärin für Vielfalt und Antidiskriminierung Saraya Gomis zur Kulturministerin küren, die noch ganz andere Ideen hat als Claudia Roth: "Aus einer Antidiskriminierungsperspektive muss man sagen: All die Kulturgüter aus anderen Weltregionen gehören nicht uns, sie sind unrechtmäßig hier", sagt sie im Gespräch mit Anna Thewalt vom Tagesspiegel. "Ja, ich persönlich bin dafür, dass der Pergamonaltar und die Nofretete-Büste zurückgegeben werden. Aber darüber zu befinden und zu entscheiden haben andere."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2022 - Kulturpolitik

Hermann Parzinger spricht gegenüber der dpa von "Zuständigkeitsgerangel" bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Claudia Roth denkt erneut darüber nach, die SPK und das Humboldt Forum doch wieder enger aneinander zu koppeln und Klaus Lederer könnte sich vorstellen, die Ausstellung "Berlin Global" auszulagern, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel und fasst sich an den Kopf: "Gestern war Hü, heute ist Hott"? "Es kann nicht sein, dass mit jedem Regierungswechsel neue Humboldt-Forum-Konzepte auf den Tisch kommen und mehr als nur nachjustiert wird. Die Kosten für jede Neustrukturierung tragen die Steuerzahler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2022 - Kulturpolitik

Schön, dass über einen neuen Namen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz diskutiert wird (Unser Resümee), findet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Aber: "Mit der Reform hin zu mehr Autonomie und Attraktivität der Museen und einer flexibleren Verwaltung des 1900-Mitarbeiter:innen-Ladens geht es nur zäh voran. Die dringlichste Frage ist weiterhin offen: die der (Unter-)Finanzierung durch Bund und Länder, die allesamt im Stiftungsrat vertreten sind. Für eine Verschlankung müsste ein Bundesgesetz geändert werden. Da erscheint einem der Namensdisput - der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Historiker Hubertus Knabe werfen den Grünen Geschichtslosigkeit und Ersatzhandlung vor - wie ein Ablenkungsmanöver von den eigentlichen SPK-Baustellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2022 - Kulturpolitik

Bei Twitter war es der Aufreger der Weihnachtstage. Claudia Roth will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz umbenennen - Preußen soll raus. "Was haben Andy Warhol und Joseph Beuys mit Preußen zu tun?", zitieren sie Dirk Kurbjuweit und Christoph Schult im Spiegel. Die FAZ greift das Thema auf: "Preußen war nach Meinung vieler der Grund, warum Deutschland in den Abgrund von zwei Weltkriegen geraten war. Militarismus, Staatsvergottung, Gehorsams-Fixierung und Intoleranz", erläutert der anonyme Bericht. Und "auch der Präsident der SPK, Hermann Parzinger, fände einen anderen Namen besser. 'Wenn ich SPK sage, muss ich fast immer erklären, welche Institution ich vertrete', sagt er. Es sei nicht einfach, einen neuen Namen zu finden, gute Vorschläge nehme er gern entgegen. Noch gibt es aber keinen."

Auch die SZ zitiert Roth: "Der aktuelle Name bringe nicht 'die Weltläufigkeit der Kulturgüter zum Ausdruck', sagte Roth. 'Neben der umfassenden Strukturreform, die den einzelnen Institutionen jetzt mehr Autonomie und Handlungsfähigkeit verschafft, brauchen wir in einem zweiten Schritt auch einen attraktiven, zukunftsgewandten Namen.'" (Die "umfassende Strukturreform" war zwar bisher nur ein Minireförmchen, aber vielleicht hat Roth mit der Umetikettierung mehr Glück.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2022 - Kulturpolitik

In großen taz-Interview mit Andreas Fanizadeh spricht Kulturstaatssekretärin Claudia Roth über den Ukrainekrieg, die Krise des Kulturbetriebs und den Kulturpass gegen die Digitaldepression der Jugend. Hitzig wird es natürlich beim Thema Antisemitismus auf der Documenta. "Ich habe die Alarmglocke bei ihnen geläutet. Vielleicht nicht heftig genug, nicht öffentlich genug", antwortet Roth auf den Vorwurf, nicht energischer eingeschritten zu sein: "Einer der Hauptfehler war, dass niemand greifbar und verantwortlich war. Es herrschte eine kollektive Verantwortungslosigkeit. Das ist ein strukturelles Problem gewesen. Aber was auch nicht geht, ist, eine Gruppe, weil sie aus einem islamischen Land kommt, generell gleich unter Verdacht zu stellen, was im Vorfeld der documenta teilweise zu beobachten war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2022 - Kulturpolitik

Katrin Gänsler freut sich in der taz sehr, dass Außenministerin Baerbock persönlich die Benin-Bronzen nach Nigeria zurückgebracht hat. Es handelt sich nicht nur um die Rückgabe von Kulturgut, die Bronzen haben auch eine symbolische Dimension (unser Resümee), erläutert sie: "Anders als im Globalen Norden oft angenommen wird, sind die Bronzen nicht nur enorm kostbare Kunstwerke. Sie haben bis heute eine kulturelle und religiöse Bedeutung für zahlreiche Menschen. Diese lässt sich in Europa und in den USA kaum ermessen. Meist wird vergessen, dass die Bronzen bis zu ihrem Raub 1897 keine Museumsobjekte in Glasvitrinen waren, sondern Teil des täglichen Lebens und zentral für Zeremonien" - bei denen oft Kriegsgefangene hingerichtet wurden, wie man vielleicht auch nicht vergessen sollte (mehr hier).

Es gibt auch einen anderen Grund zur Freude, schreibt Gänsler in ihrem Bericht über die Übergabe, für den sich auch mit der Beninerin Doris Ogbeifun gesprochen hat: "Endlich steht Nigeria einmal nicht im üblicherweise schlechten Licht da. Bis vor einigen Jahren die Debatte über die unschätzbar wertvollen Bronzen einen Platz in der breiteren Öffentlichkeit in Europa fand, war Nigeria Synonym für Umweltverschmutzung im ölreichen Nigerdelta, die Terrorgruppe Boko Haram, die Tausende Mädchen und Frauen entführte, sowie Internetkriminalität. Benin City galt zudem als Drehscheibe des nigerianischen Menschenhandels. Es sei gut, dass die Stadt endlich mit etwas anderem in Verbindung gebracht werde, so Ogbeifun." Außerdem erzählt Susanne Mermania in der taz die lange Geschichte der verweigerten Rückgabe.

Wo (und ob) die zurückgegebenen Bronzen in Nigeria ausgestellt werden, soll die deutsche Politik nicht mehr kümmern, berichtet Bernd Dörries in der SZ: "Auch unter Vermittlung des damaligen Kulturbeauftragten des Auswärtigen Amtes, Andreas Görgen, entstand die Idee des Edo Museum of West African Art (EMOWAA), das mit einem deutschen Beitrag, aber auch Geld aus Nigeria gebaut und zu einer Attraktion in Benin-Stadt werden soll. Mittlerweile plant aber auch der heutige Oba sein eigenes Museum. Die Diskussion über die Museen spielte bei der Rückgabe keine große Rolle mehr. Der nigerianische Außenminister Geoffrey Onyeama sagte, man solle sich keine Sorgen machen, Nigeria habe auf die Masken jahrhundertelang ganz gut aufgepasst, bevor sie gestohlen wurden."

Die Gleichschaltung in Moskau geht weiter. Moskauer Bibliotheken haben Listen mit Büchern erhalten, die sie im Zeichen der neuen Anti-LGBT-Gesetzgebung nicht mehr anbieten sollen, meldet Kerstin Holm in der FAZ: "Zu den Werken, die auf dieser Liste stehen, gehören solche von Haruki Murakami, von dem britischen Humoristen Stephen Fry, dem irischen Bestsellerautor John Boyne, dem Amerikaner Michael Cunningham, der russischen feministischen Dichterin Oksana Wasjakina, aber auch von dem imperialistisch gesinnten Begründer der Nationalbolschewistischen Partei Eduard Limonow. Entfernt werden müssen ferner der Roman 'Besessen' von Antonia Susan Byatt sowie Lehrbücher in Sexualkunde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2022 - Kulturpolitik

Die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war ein "Befreiungsschlag", sagt Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, im FR-Gespräch mit Ingeborg Ruthe. Nun träumt er von weniger Bürokratie und einer "modernen Museumsinsel" am Potsdamer Platz: "Als Direktor der Neuen Nationalgalerie und des daneben entstehenden künftigen Museums der Moderne am Kulturforum möchte ich viel intensiver mit den benachbarten Staatlichen Museen, der Philharmonie, der Staatsbibliothek und der engagierten Kunstkirche St. Matthäus arbeiten. Es geht um die schon lange bestehende Vision eines gemeinsamen Standortes, aus der viel kritisierten Beton-und-Stein-Ödnis Kulturforum einen gefragten Stadtplatz in Gestalt eines grünen Museumsgartens zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ kommt Jörg Häntzschel nochmal auf das Gutachten zurück, das Hartmut Dorgerloh über die Großspender des Humboldt Forums, Ehrhardt Bödecker, dem Antisemitismus vorgeworfen wird, erstellen ließ. (Unsere Resümees). Warum überhaupt ein Gutachten erstellt wurde, ist Häntzschel nach wie vor ein Rätsel: "Erhoffte sich Dorgerloh einen Freispruch Bödeckers?" Unverständlich sind ihm auch die Konsequenzen der Stiftung nach dem Gutachten: "Einerseits sei es richtig gewesen, sich von Bödecker zu distanzieren. Andererseits, so erklärt sie, habe der Förderverein mit der Annahme der Spende nicht gegen die geltende Spendenrichtlinie verstoßen. Dennoch 'präzisierte' man gleich darauf diese Richtlinie so, dass eine Spende von Bödecker heute gegen diese verstoßen würde. Dass Bödeckers Familie die Veröffentlichung des Gutachtens verbietet, lediglich ein fünfseitiges Resümee ist zugänglich, macht die Sache noch obskurer."