9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2695 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 270

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2025 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Für den eigenen Staat kämpfen, das will der Podcaster und "Sozialist" Ole Nymoen auch im Kriegsfall auf gar keinen Fall, wie er im SZ-Interview mit Thore Rausch erklärt: "Ich halte ein Kriegsszenario, in dem Deutschland direkt angegriffen wird, für unwahrscheinlich. Trotzdem ist die Vorstellung einer Besatzung beängstigend. Ich profitiere in Deutschland von vielen Freiheiten und als antimilitaristischer Sozialist hätte ich unter russischer Besatzung vermutlich kein gutes Leben. Aber ich lebe lieber in Unfreiheit, als für Freiheit zu sterben."

Wie steht es um die deutsche Erinnerungskultur? Eine Umfrage der Zeit zeigt: Nicht so gut, aber anders, als man denkt. Vor allem im konservativen und rechten Milieu, haben Relativierungen der NS-Herrschaft seit 2020 zugenommen: "Zulauf hat unter den Unionswählern derweil die Vorstellung gefunden, die NS-Herrschaft habe 'auch ihre guten Seiten' gehabt. Hier stieg die Zustimmung von 23 auf 25 Prozent. Unter den Anhängern der FDP nahm sie sogar von 10 auf 49 Prozent zu, im AfD-Milieu liegt sie stabil bei 58. Im sozialdemokratischen, linken und grünen Spektrum rangieren die Werte hingegen mit 21, 13 und 6 Prozent unter denjenigen von 2020." Anders jedoch "als die rechte Geschichtspropaganda übertragen sich die verbalen Ausschreitungen eines A. Dirk Moses und die tätlichen Attacken militanter Pro-Palästina-Extremisten nicht in die Breite eines ganzen politischen Milieus. Der lautstarke, auch gegen das Holocaustgedenken gerichtete Israel-Hass, der in Teilen einer sich als postkolonial verstehenden Linken grassiert, ist den Umfrageresultaten nach nicht repräsentativ für die Wähler links der Mitte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2025 - Gesellschaft

Es braucht jetzt einen "klugen Pazifismus" und nicht einen blinden, der letztlich nur den Autokratien in die Hände spielt, ruft die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR. Dabei gehe es bei der Frage der Aufrüstung nicht um "das 'Ob', wohl aber das 'Wie' zu diskutieren", zum Beispiel eine Wehrpflicht. "Ergänzend muss es um Diplomatie gehen. Europa täte gut daran, unabhängig von den USA Kontakte mit Russland aufzunehmen, um ein stummes Wettrüsten zu vermeiden. Zugleich müsste es neue Allianzen schmieden, um sich bei den USA und Russland Gehör zu verschaffen. Jenseits eines überkommenen Eurozentrismus wäre der globale Süden zu gewinnen, statt ihn dem russischen Einfluss zu überlassen, wie kürzlich in der Sahel-Zone geschehen."

Die jüdische Aktivistin Hanna Veiler hat sich entschlossen, Deutschland wegen des zunehmenden Antisemitismus' zu verlassen. Im FR-Interview mit Theresa Stoll erklärt sie ihre Beweggründe. Einerseits sei da der Fakt, dass in Deutschland Antisemitismus immer wieder "unter den Teppich gekehrt" wurde und wird. "Ich kenne viele junge Jüdinnen und Juden, die bereits vor dem 7. Oktober darüber nachgedacht haben. Doch seit dem Hamas-Angriff sind viele entschlossen, Deutschland zu verlassen. Das liegt einerseits am zunehmenden Rechtsruck. Aber vor allem auch daran, dass wir in den vergangenen Monaten an vielen Stellen von linken, progressiven Parteien und Strukturen im Stich gelassen wurden bzw. extremen Antisemitismus aus allen Gesellschaftsschichten erlebt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2025 - Gesellschaft

Die Columbia University, die den antiisralischen Protesten lange Zeit viel Raum gab, knickt nun vor der Trump-Regierung ein, die ihr androhte, 400 Millionen Dollar Bundeszuschuss zu streichen, berichtet Bernd Pickert in der taz: "Am Freitag, dem letzten ihr für eine Antwort zugestandenen Tag, veröffentlichte die Universität eine Stellungnahme, in der sie eine Neusortierung ihres Umgangs mit studentischen Protesten, die zukünftige Verwendung der IHRA-Antisemitismusdefinition und eine externe Aufsicht über das Institut für Regionalstudien zusagt. Dazu kommt der Aufbau einer eigenen Security-Einheit mit Befugnissen zur Festnahme protestierender Student*innen, die eng mit der New Yorker Polizei zusammenarbeiten soll."

Die Uni hat Trump auch versprochen, "die Nahost-, Südasien und Afrikastudien sowie das Zentrum für Palästina-Studien künftig gesondert zu beaufsichtigen", ergänzt Sofia Dreisbach in der FAZ: "Kritiker bemängeln, dass die Bundesregierung einer Universität die Organisation einer Abteilung nicht vorzuschreiben habe. Von der Columbia University hieß es jedoch, man habe die meisten Bedenken der Regierung geteilt. 400 Millionen Dollar sind angesichts eines Stiftungsvermögens von etwa 15 Milliarden Dollar kein Betrag, der die Institution zum Wanken brächte. Doch Trump hatte schon weitere Schritte angekündigt, sollte man nicht kooperieren."

Der irakisch-deutsche Autor Abbas Khider hat den Berliner Literaturpreis erhalten. In seiner in der FAZ abgedruckten Preisrede spricht er über sein Schreiben auf Deutsch, kommt dann aber doch auf politische Themen und erzählt, warum ihm beim Thema "Islamkritik" unwohl wird. Er träume von einer "neutralen, sachlichen Religionskritik". Überhaupt: "Wer sich zwischen westlichen ideologischen Denkmustern und islamischen Extremisten bewegt, gleicht einem Akrobaten auf einem gespannten Seil. Ein falscher Schritt, und der Sturz ist gewiss. Man muss Balance halten, den Blick schärfen, den Kopf klar bewahren - während man wortwörtlich in der Luft hängt, bedroht von Abgründen auf beiden Seiten." Er selbst bleibt im öffentlichen Diskurs daher lieber "zurückhaltend - nicht aus Feigheit, sondern aus Erkenntnis: Solche Diskussionen verderben nur die Laune".

Im November letzten Jahres kam es in Amsterdam zu schweren Ausschreitungen im Zusammenhang mit einem holländisch-israelischen Fußballspiel. Es wurde damals viel herumgerätselt, von welcher Seite die Unruhen ausgingen. Die Zeitungen machten israelische Fans als Mitschuldige aus - so etwa die FAZ (unser Resümee). Inzwischen hat sich in Prozessen zu den Ausschreitungen herausgestellt, dass es klare Absprachen gab, israelische Fans anzugreifen. Ahmad Mansour kommt in einem Twitter-Post darauf zurück: "Was jetzt vor Gericht ans Licht kommt, ist kaum in Worte zu fassen...  Denn der Hass war nicht spontan. Er war geplant, organisiert, systematisch. Ein Beispiel: Ein 27-jähriger Angeklagter wird laut Berichten zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Der Grund: Er verherrlichte den Holocaust in WhatsApp-Nachrichten, die bei ihm gefunden wurden. In einem Gruppenchat mit über 900 Mitgliedern - teilte er mit, wo sich Anhänger von Maccabi Tel Aviv aufhalten. Seine Botschaften: 'Ein toter Jude ist besser als ein lebendiger Jude.' Ein Bild von Anne Frank mit dem Satz: 'Lachgas ist für Schwache, ich benutze Zyklon B.'" Bei Jungle World berichtete Alexander Gruber bereits am Donnerstag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2025 - Gesellschaft

In der FR greift Michael Hesse den offenen Brief auf, in dem über 2.000 linke jüdische ProfessorInnen, darunter Peter Beinart, Omer Bartov und Nancy Fraser, Trump nach der Festnahme eines antiisraelischen Aktivisten vorwerfen, "Antisemitismus als politisches Instrument zu missbrauchen, um eine autoritäre Kampagne gegen Universitäten, kritisches Denken und politische Gegner voranzutreiben. Insbesondere verurteilen die Unterzeichner die Festnahme und Abschiebung von Studierenden und Wissenschaftlern unter dem Vorwand der Bekämpfung von Antisemitismus." Seyla Benhabib, Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie an der Yale University, erklärte: "'Ich habe diesen Brief unterschrieben, weil ich gegen die Manipulation von Antisemitismusvorwürfen bin, um legitime Meinungsverschiedenheiten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu unterdrücken, die von Fragen des Israel-Palästina-Konflikts bis hin zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Kritik an der Regierung Netanjahu reichen.' Weiter schrieb sie: 'Ich habe auch unterschrieben, weil ich für das Recht unserer Studenten und Kollegen eintrete, ihre Meinungsfreiheit friedlich auszuüben, ohne Repressalien und Abschiebung fürchten zu müssen.'"

Bei dem Aktivisten, der ausgewiesen werden soll, handelt es sich um den 31-jährigen Mahmud Khalil, der die Proteste an der Columbia University vor einem Jahr angeführt hatte - dabei kam es auch zu Angriffen gegen jüdische Studenten und Universitätspersonal. Auch Shai Davidai, Assistenzprofessor in Columbia, der als erster auf die Bedrohung jüdischer Studenten durch Pro-Hamas-Aktivisten aufmerksam gemacht hatte (unser Resümee), spricht sich auf Twitter gegen eine Ausweisung Khalils ohne faire Anhörung aus. "Es muss jedoch betont werden, dass Khalil vom Department of Homeland Security nicht festgenommen wurde, weil er seine Rechte gemäß dem ersten Zusatzartikel der Verfassung ausgeübt hat, er wurde festgenommen, weil er gegen die Bedingungen seiner Green Card verstoßen hat, namentlich wegen seiner Aktivitäten im Zusammenhang mit einer von den USA als terroristisch eingestuften Organisation." In der taz berichtet und kommentiert Bernd Pickert über Forderungen der Trump-Regierung an die Columbia University.

"Muslimische Frauen und Schwarze (sic) Menschen erleben besonders häufig Diskriminierung", stellt der Monitoring-Bericht des "Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors" fest. Die jährliche Studie zu diesen Fragen wird hier veröffentlicht. Der "Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor" (NaDiRa) gehört zum "Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung" (DeZim) und wird somit vom Familienministerium gefördert. "Wir konnten in den letzten Monaten beobachten, wie rassistische und antisemitische Ideologien nach und nach in die Parlamente einziehen - ein erschreckender Beweis dafür, wie gesellschaftlicher Hass politische Macht erlangen kann", sagt der Sozialwissenschaftler Cihan Sinanoglu, Leiter des Monitors im FR-Gespräch, in dem er auch die jüngste Migrationsdebatte scharf kritisiert: "Nicht alles, was migrationskritisch ist, ist auch gleich rassistisch. Aber wie darüber diskutiert wurde, war in einigen Teilen ganz klar rassistisch. Ein Beispiel: Nach dem islamistischen Anschlag in Solingen übertrafen sich nahezu alle Parteien in einem Überbietungswettbewerb bezüglich menschenverachtender Maßnahmen gegenüber Geflüchteten. So forderte die FDP in einem Fraktionspapier nur noch 'Bett, Seife, Brot' für ausreisepflichtige Geflüchtete, also die Rationierung von Sozialleistungen. Was ein islamistischer Anschlag zu tun hat mit den Bedingungen von Geflüchteten in Geflüchtetenheimen, wurde überhaupt nicht mehr gefragt."

Der Bericht des NaDiRa wird zur Zeit in allen Medien resümiert. In der taz schreibt Frederik Eikmanns: "Besonders betroffen sind muslimische und schwarze Frauen sowie schwarze Männer. Offene Diskriminierung, etwa eindeutige Beschimpfungen, Bedrohungen oder körperliche Angriffe kommen dabei seltener vor als subtilere Formen. Dabei geht es etwa um Fälle, in denen Betroffene unfreundlich behandelt, nicht ernst genommen, ignoriert oder angestarrt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2025 - Gesellschaft

Die FAZ bringt einen Text der Kulturwissenschaftler Anzhela Beliak und Felix Ackermann, die für das Dokumentationsprojekt "24.2., 5 Uhr morgens" an der Fernuni Hagen mit nach Deutschland geflüchteten Ukrainerinnen sprachen und auf deren Situation aufmerksam machen. Ihr Schutzstatus ist innerhalb der Europäischen Union zunächst bis zum März 2026 befristet, nur ein Drittel der Schutzsuchenden im erwerbsfähigen Alter kann sozialversicherungspflichtige Arbeit leisten, weil über die Hälfte der Frauen als Folge des Kriegs de facto alleinerziehend ist, so die Autoren: "Eine zusätzliche Herausforderung sind hierzulande die Mühlen der Bürokratie, die bei der Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen besonders langsam mahlen. Es fehlt ein Sonderprogramm zum Ausbau öffentlicher Verwaltungen, das den Einstieg von Fachkräften - nicht nur aus der Ukraine - auf dem deutschen Arbeitsmarkt beschleunigen würde. Abhilfe könnten Weiterbildungsprogramme und Angebote schaffen, die eine zügige Anpassung ukrainischer Abschlüsse an das deutsche System ermöglichten"

Auf den Natur- und Wissenschaft-Seiten der FAZ resümiert Gerald Wagner indes die Diskussion "10 Jahre nach der Flüchtlingskrise: Deutschland, Europa und die Asylsuchenden von 2015" am Berliner Wissenschaftszentrum, die insgesamt zu einer positiven Bilanz kam, etwa im Blick auf die Integration Geflüchteter am Arbeitsmarkt. Zu wenig erforscht ist hingegen der Zusammenhang von Migration und Kriminalität: "Der Vortrag von Tobias Singelnstein offenbarte, dass die Kriminologie tatsächlich wenig Belastbares über das Ausmaß der Kriminalität von Flüchtlingen in der Hand hat. Der Hinweis auf die Unterfinanzierung und die schwache institutionelle Verankerung des Fachs mag berechtigt sein, entkräftet aber nicht den Verdacht, dass die politische Nachfrage nach besseren Daten zur Aufhellung dieser Wissenslücke gering sein muss. Sonst hätte die Kriminologie genauso von den immensen Geldzuflüssen aus der Ressortforschung des Bundes für die Migrationsforschung profitieren können. Die schwache Nachfrage passt zum kommunikativen Beschweigen des Themas im Allgemeinen. Die Behauptung eines direkten Kausalzusammenhangs von Migration und wachsender Kriminalität in der deutschen Gesellschaft wird man so nicht entkräften können."

Der Bundestag hat der Grundgesetzänderung für hohe Kredite für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz zugestimmt - dieser Schuldenbeschluss ist notwendig, meint der Soziologe Armin Nassehi in der SZ. Wenn man aber nicht richtig mit dem Geld umgeht, könnte er der AfD massiven Zulauf bringen: "Im Osten Deutschlands wird gerne polemisiert, die 'etablierten' Parteien ähnelten jener Nationalen Front aus SED, den Blockparteien und den Massenorganisationen in der DDR, die intern nur geringfügige Unterschiede gelten ließ." Vielleicht "befördern diesen Eindruck auch die horrenden Kreditrahmen, die - jenseits der Verteidigungsausgaben - bald zur Verfügung stehen. Wenn das Geld eher dazu verwendet wird, Krisenfolgen unsichtbar zu machen und Partikularinteressen zu bedienen, statt Reformen zu ermöglichen, die die Ursachen der Krisen beseitigen, dann wird sich der Eindruck verstetigen, dass mit Kompetenz und Problemlösung nicht mehr zu rechnen ist."

Weitere Artikel: Der Philosoph Matthias Warkus liest für die FAZ die um ein 60-seitiges Vorwort erweiterte Neuauflage von "Mit Rechten reden", das allerdings nur von Per Leo und Daniel-Pascal Zorn, nicht aber von Maximilian Steinbeis gezeichnet wurde. Bei der Risikobewertung der AfD und ihres Umfelds gewichten die Autoren den Gewaltaspekt zu gering, meint Warkus: "In den siebeneinhalb Jahren seit Erscheinen haben sich mehrere rechte Terrorakte ereignet, es gab etwa 40 Tötungsdelikte mit rechtem Hintergrund, und die rechte Straßengewalt, insbesondere in der ostdeutschen Provinz, hat stark zugenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2025 - Gesellschaft

Was genau soll eigentlich jene "Zivilgesellschaft" sein, die so üppig gefördert wird und die nun durch eine umstrittene Kleine Anfrage der CDU in ein unbehagliches Licht gestellt wurde? Sehr kundig und mit Kritik an allen Seiten führt der Kulturwissenschaftler Tim Schanetzky in der FAZ durch die Idee der "politischen Bildung" in Deutschland - von der "Reeducation", von der noch die Bundeszentrale für Politische Bildung geprägt ist, bis hin zu Programmen wie "Demokratie leben", deren Volumen von 24 Millionen Euro im Jahr 2007 auf 182 Millionen Euro im Jahr 2024 wuchs. Diese Art der "Demokratieförderung" sollte vor allem Rechtsextremismus bekämpfen und war geprägt von den bürgerrechtlichen Protesten in der Ex-DDR und der Alternativbewegung im Westen, so Schanetzky. Aber auch die CDU übernahm sie. Dabei blieben Leerstellen: "Auffällig ist etwa, wie wenig politische Wirkung die sozialwissenschaftliche Fachdebatte über die 'dunklen Seiten der Zivilgesellschaft' (Roland Roth) entfaltete. Schon an der Jahrtausendwende deutete sie darauf hin, dass eine zivilgesellschaftliche Mobilisierung gegen die Demokratie beispielsweise der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorausgegangen sei. Und spätestens mit den Pegida-Aufmärschen hätte eigentlich offensichtlich werden müssen, dass nicht jede Form des zivilgesellschaftlichen Engagements auch als demokratiepolitisch akzeptabel gelten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2025 - Gesellschaft

Arbeiter fühlen sich von grüner Umweltpolitik meist nicht angesprochen. Verständlich, denn sie können sich das von Grünen empfohlene Biosteak meist nicht leisten. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht für Umwelt und Klima interessieren, meint Karen Bell, Professorin für Soziale und Umweltgerechtigkeit in Glasgow, die zum Thema forscht, im Gespräch mit Mitsuo Iwamoto von der taz: "Der erste Schritt ist, anzuerkennen, was die Arbeiter:innen für den Umweltschutz geleistet haben. Denn auch wenn grüne NGOs und grüne Parteien heute vor allem von Mittelschichtlern angeführt werden, waren es die Gewerkschaften und Arbeiter:innen, die sich über das ganze 20. Jahrhundert hinweg gegen den Einsatz von gefährlichen Chemikalien am Arbeitsplatz und die Verschmutzung der Umwelt durch sie eingesetzt haben. Nur weil sie ihre eigenen Studien durchführten, um die schädlichen Auswirkungen von Giftstoffen wie Arsen, Radium und Asbest nachzuweisen, konnten sie Politik und Unternehmen dazu zwingen, endlich zu handeln."
Stichwörter: Umweltschutz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2025 - Gesellschaft

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel beobachten nach der Bundestagswahl in den sozialen Medien, aber auch den Zeitungen, bei muslimischen und jüdischen Aktivisten den Trend, mit Auswanderung zu drohen, wie sie in der FAZ schreiben: "Eine Radikalität, die darin besteht, aufzugeben, weil ein Fünftel der Wähler völlig danebenliegt, ist oft nicht mehr als eine Pose. Heute wird man dafür auf Instagram und Tiktok mit vielen Likes belohnt." Ja, das Wahlergebnis war schockierend, aber "Auswanderung kann nicht die Lösung sein. Letztlich gibt es noch kaum ein westlich-demokratisches Land, in dem rechtspopulistische Parteien mit weniger als zwanzig Prozent abschneiden. Aktivistische Posen und leere Drohungen helfen nicht, um der AfD das Wasser abzugraben. Im Unterschied zu den AfD-Politikern sind nicht alle AfD-Wähler zwangsläufig rassistisch oder antisemitisch, auch wenn sie sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, wissentlich eine in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen. Die Tatsache, dass die AfD bei Arbeitern wie auch bei Arbeitslosen am besten abgeschnitten hat, zeigt vor allem die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen dieser Schichten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2025 - Gesellschaft

In der FR verteidigt Friedenspreisträgerin Aleida Assmann die Demonstrationen gegen rechts gegen Angriffe durch die CDU: "Durch die Mail eines mir unbekannten Mitbürgers wurde ich bald belehrt, warum die Omas gegen rechts, ich selbst eingeschlossen, von manchen als feindlich und gefährlich eingestuft werden: 'Diese sogenannte Zivilgesellschaft ist mitnichten repräsentativ für die Bevölkerung: Sie ist ein Sammelbecken Linker bis Linksaußen Aktiver. Es fehlt jedwede Abgewogenheit in deren Betätigungsfeld (...) Aus dem Grund ist es mehr als richtig Ihnen die Mittel zu entziehen.' Ich möchte nicht glauben, dass Herr Merz das auch so sieht. Aber ich hätte gern von ihm gehört, wie sich die Demokratie gegen den organisierten Frontalangriff vom ultrarechten Flügel verteidigen soll? So wie der Staat die Regierung als Stütze hat, braucht in einer Demokratie das Staatsvolk die Zivilgesellschaft als Organ der Artikulation, Mitgestaltung und Selbstverteidigung. Man sollte sie als politischen Akteur anerkennen und nicht unterschätzen."
Stichwörter: Assmann, Aleida

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2025 - Gesellschaft

Warum wählen so viele Arbeiter und Arbeitslose die AfD? Es gibt in dieser Bevölkerungsschicht ein starkes Gefühl der Kränkung, erklärt im Interview mit der SZ der Industriesoziologe Klaus Dörre: Viele hätten das Gefühl, dass ihre Abstiegsängste nicht ernst genommen würden. Aber dieses Gefühl "betrifft auch so etwas wie Wertorientierung, kulturelle Prägungen, Lebensformen. Es geht natürlich auch um Geld, aber subjektiv wiegt es manchmal schwerer, wenn die eigenen Vorstellungen vom guten Leben gesellschaftlich missachtet werden. ... Arbeiter in den 1950er-, 1960er-, 1970er-Jahren hatten so etwas wie proletarischen Stolz, Klassen-Selbstbewusstsein, verbunden mit einer kollektiven Aufstiegshoffnung. Das gehört zur demokratischen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, und das ist aus vielen Gründen massiv brüchig geworden."
Stichwörter: AfD