Zum morgigen Weltfrauentag erklärt
Annick Wibben,
Professorin für Gender, Peace und Security, im
Tagesspiegel-Gespräch, wie sich Krisen und Krieg auf die
Sicherheit von Frauen auswirken: "Frauen sind meist weniger mobil, ganz einfach weil sie sich aus dem Rollenverständnis heraus vielmehr um Kinder, Kranke und Alte kümmern. Insofern sind sie oft direkt von der ersten Welle der Gewalt betroffen, Männer können eher fliehen oder sind im Militär und können sich deshalb mit Waffen verteidigen. Obwohl Kinder und Männer das auch erleben, sind Frauen häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen. Auf der anderen Seite müssen die
höheren Rüstungsausgaben aber irgendwo herkommen, dabei wird oft bei
Sozialausgaben gekürzt und davon sind wiederum überdimensional häufig Frauen betroffen. Oft wird über die Auswirkungen von solchen Kürzungen, die sowohl kurz- als auch langfristige Effekte haben, zu wenig nachgedacht."
Das Land Berlin hat eine alte Tradition der DDR wiederbelebt und den 8. März, den
Tag der Frau zum Feiertag erklärt (der
Perlentaucher wird erscheinen). Die
taz bringt eine 52-seitige Frauen-
taz. Das Editorial stellt eine Frage zur
aktuellen deutschen Politik: "Vielsagend das erste Foto der wohl neuen Führungsriege der Union: mittelalte lächelnde Herren in Anzügen, die Ministerposten wollen -
ohne eine einzige weibliche Person am Tisch. Im nächsten Bundestag liegt der Frauenanteil bei gerade mal 32,4 Prozent und ist damit so niedrig wie seit 16 Jahren nicht. Queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Nichtakademiker*innen sind noch deutlicher in der Minderheit als zuvor. Das Patriarchat holt sich die Macht zurück."
Es gibt eine Menge
neuen Feminismus in der
taz-Beilage: Die Philosophin Antje Schrupp bringt die
unvermeidliche Frage ins Spiel, ob Frauen überhaupt "Frauen" sind, ob es sich hier nicht um eine
Zuschreibung handelt: "Die Zuschreibung von Weiblichkeit erfolgt nicht willkürlich, sondern anhand der Genitalien. 'Es ist ein Mädchen' wird über jene Babys gesagt, bei denen
kein Penis sichtbar ist, und zwar deshalb, weil das ein starker Hinweis darauf ist, dass sie vermutlich einen Uterus haben und später einmal schwanger werden können."
Die Zurichtung erfolgt dann nunter anderem über eine
Farbcodierung,
erzählt Luisa Faust : "'
Pink Globalization' nennt die Anthropologin
Christine Reiko Yano das Phänomen, das uns seit den Neunzigern begleitet. Sie meint, dass diese Form der Globalisierung, statt abzuflauen, immer weiter Fahrt aufnimmt. Bei den Kleidungsstücken, die in den Kinderabteilungen über den Verkaufstresen gehen, unterscheiden sich nicht nur die Farben und Muster, sondern auch die Schnitte. Für die Jungen gibt es Latzhosen, Jacken aus festem Stoff, für die Mädchen niedliche
feine Kleidchen aus Tüll, Miniröcke und Skinny Jeans. Wenn es nach H&M geht, wollen Mädchen der Welt schon ihre Beine präsentieren, wenn sie noch gar nicht richtig laufen können."
Silke Burmester
schreibt über die Wechseljahre. Katja Kullmann
schildert Sex in den besten Jahren. Bei Jasmin Kalarickal
geht es um obdachlose Frauen in Köln-Mülheim. Anne Fromm
spricht mit der Gynäkologin
Mandy Mangler über Frauengesundheit. Nichts über Frauen in
Afghanistan, Frauen im
Iran, nichts übers
Kopftuch, nichts über Gewalt gegen Frauen in aktuellen Kriegen wie im Sudan oder im Pogrom des 7. Oktober. Nichts übe den Streit zwischen dem
neuen und dem
alten Feminismus.
Birgit Schmid (
NZZ) führt zum Weltfrauentag indes ein
Interview mit dem Schriftsteller
Matthias Politycki über die "Rückkehr der
traditionellen Männlichkeit", die Politycki in seinem neuen Essay und im Interview verteidigt: "Im Lauf der Zeit verkrusten die meisten gesellschaftlichen Bewegungen ideologisch und erschöpfen sich irgendwann. So auch der Genderdiskurs, der in den vergangenen Jahrzehnten die Debatten bestimmt hat."