Genau wie
Omri Boehm, mit dem er in engem Kontakt stehe, sei er "extrem empört" über den Druck, der durch die israelische Regierung gegen Boehms Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte
Buchenwald ausgeübt worden sei (
unsere Resümees), sagt deren Direktor
Jens-
Christian Wagner, der im Gespräch mit Susanne Lenz von der
Berliner Zeitung auch
berichtet, dass israelische Regierungsvertreter
Holocaust-
Überlebende anriefen: "Es ist einfach extrem bedauerlich, dass Überlebende in diesen Konflikt zwischen uns und der israelischen Botschaft hineingezogen wurden und instrumentalisiert zu werden drohten. Nur aus diesem Grund und nicht, weil wir dem Ansinnen von Vertretern einer Regierung, die zumindest teilweise rechtsextreme Mitglieder hat, nachgeben wollten, haben wir uns entschlossen, die Rede zu verschieben. Wir wollten nur die Überlebenden schützen. (…) Dass ich einmal gedrängt werden würde, den
Enkel einer Holocaust-
Überlebenden nicht sprechen zu lassen, das hätte ich mir im schlimmsten Albtraum nicht vorstellen können."
In der
taz vermutet Ulrich Gutmair: "Der Angriff auf die Reputation des Philosophen dürfte mit dem Umstand zu tun haben, dass Boehm die Politik der derzeitigen israelischen Regierung kritisiert und den Vorwurf für plausibel hält, dass die israelischen Streitkräfte im Gazakrieg 'schwere
Verbrechen gegen die Menschlichkeit' begangen haben. Er besteht auf der Universalität der Menschenrechte." Wagner muss "klar gewesen sein, dass die Einladung
für Erregung sorgen würde", schreibt Tania Martini in der
FAS: "Dass andererseits die israelische Botschaft unter
Ron Prosor glaubt, zunehmend als
Diskursrichter auftreten zu müssen, ist mindestens problematisch. Nicht nur weil eine rechtsradikale Regierung in Jerusalem
genozidale Phantasien pflegt, sondern auch weil man dort kein Problem mit rechtem Antisemitismus zu haben scheint, wie man gerade beim Besuch Netanjahus in Ungarn beobachten konnte."
Da die akademische Welt nicht in der Lage war, gegen
Antisemitismus an amerikanischen Elitehochschulen vorzugehen, muss die Trump-Regierung eingreifen, insistiert in der
Welt der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler
Russell A.
Bermann den Trump'schen Kulturkampf. Hinter dem Chaos an den Universitäten stecke der
Iran, der auch plante,
Trump zu töten, schreibt er: "Diese Sorge um die nationale Sicherheit ist sicherlich Grund genug für die Regierung in Washington, sich an den Universitäten zu engagieren. Aber es gibt noch zwei weitere Gründe. Die systematischen Angriffe auf jüdische Studenten und das Versäumnis der Universitätsverwaltungen, sie zu schützen, stellen einen Verstoß gegen die Verpflichtung zum
Schutz der Bürgerrechte dar. Der Staat muss das in Ordnung bringen. Darüber hinaus vermittelte der ideologische Sumpf an den Universitäten umfangreiche Unterstützung für die Hamas - eindeutig ein
illegaler Akt der Unterstützung einer offiziell als terroristisch eingestuften Organisation."
"
Antisemitismus wird als Waffe eingesetzt in diesem Kampf", sagt indes der
jüdisch-amerikanische Philosoph Jason Stanley heute im
FAZ-Gespräch mit Frauke Steffens: "Und es gibt mittlerweile viele jüdische Professoren, die sich öffentlich dagegen wenden. Wir waren eine der größten Gruppen in diesen Demonstrationen gegen diesen Krieg in Gaza. Ich habe viele jüdische Studenten, die mitgemacht haben, und jetzt sind sie plötzlich nicht jüdisch, weil Trump sagt,
ich bestimme,
wer Jude ist." Zudem konkretisiert er auch nochmal, warum er die USA unter Trump "faschistisch" nennt: "Was Trump heute macht, haben wir in diesem Land sehr lange mit schwarzen Amerikanern gemacht. Wir nennen aber eine Struktur erst dann Faschismus, wenn man mit Weißen das macht,
was Weiße sehr lange mit Schwarzen gemacht haben."
"Das Regime nutzt den unaufrichtigen, zynischen Vorwand, uns vor Antisemitismus zu schützen, als Rechtfertigung für das Verletzen der Rechte anderer Menschen. Wenn wir als Juden das zulassen, dann haben wir uns
moralisch ruiniert", sagt auch die jüdisch-amerikanische
Osteuropa-Historikerin Marci Shore, die wie Jason Stanley mit ihrem Mann
Timothy Snyder Yale Richtung Toronto verlässt, im
taz-
Gespräch mit Stefan Hunglinger. Sie verlasse die USA aber aufgrund der
Waffengewalt, die unter Trump noch mehr geduldet werde, erklärt sie, räumt aber ein: "Ich fühle mich
unglaublich schuldig deswegen. Ich fühle mich, als würde ich abhauen. Ich fühle mich in gewisser Weise als neurotische Jüdin, die an 1933 denkt: besser früher das Land verlassen als später. Und ich sehe die Wut, die so viele meiner ukrainischen Freund:innen und Kolleg:innen auf die
russische Opposition hatten, die geflohen ist. Sie haben alles gegeben und sind gescheitert. Und dieses Versagen ist vielleicht unverzeihlich und unheilbar, aber sie mussten raus aus dem Land. Ich habe definitiv das Gefühl, dass ich nicht besser bin als sie."
In der
FAZ bringt der
Schriftsteller Boris Schumatsky eine
Chronik des Antisemitismus seit dem 7. Oktober: So erzählt er etwa, es werde seltener von "Gas" oder "vergasen" gesprochen, stattdessen höre man häufiger ein Zischen, das das Geräusch von Giftgas nachahme. Der
neue Judenhass trete subtiler auf, meint er: "Die Erzählung über kindermordende Juden und ihre Opfer breitet sich heute nicht viel anders als QAnon aus, mit dem Unterschied, dass die Zeugen Palästinas nicht in ihren Echokammern und Internetblasen bleiben. Sie beeinflussen die internationale Politik und weltweit die Öffentlichkeit. Wie Chemtrail oder Flacherde hat dieser Kult kein Zentrum, keine Priester, es ist ein
Netzwerk, in dem
Judith Butler oder die
Hamas-
Führer gleichberechtigte Influencer sind. Er ist auch deshalb so erfolgreich, weil seine Glaubenssätze geschickt versteckt sind. Viele übernehmen die Parolen der Sekte oder binden sich ihre Symbole um, weil sie einfach gegen das Böse sind, gegen einen Genozid." In der
taz gibt Gareth Joswig derweil einen Überblick über
rechte Gewalt in Deutschland seit Jahresbeginn.