9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2025 - Gesellschaft

Kacem El Ghazzali (NZZ) hat in den populären arabischsprachigen Youtube-Kanal "Muslim Affairs" geschaut, der immerhin 1,6 Millionen Abonnenten hat - und in dem Muslime erzählen, weshalb sie den Westen verlassen, um in ein arabisches Land zurückzukehren (Ghazzali spricht von "freiwilliger Remigration", auch, weil "viele traditionelle Muslime genau jene Kritik an westlicher 'Dekadenz'" teilten, "die auch Neue Rechte und Rechtsextreme umtreibt"): "Die Testimonials dieser muslimischen Remigranten strotzen vor Hass auf die offene Gesellschaft, der sie ihr Aufenthaltsrecht verdanken. 'Der Westen ist das Paradies des Teufels', erklärt ein Mann, der Finnland für den Irak verließ. Seine Sprache ist von religiöser Inbrunst durchdrungen, musste er doch mit ansehen, wie 'zwei Frauen sich in der Öffentlichkeit vor den Augen der Kinder geküsst haben'. Blasphemie! Eine Frau berichtet, sie habe den Westen 'aus Angst vor der intellektuellen Entführung meiner Kinder' verlassen. Sie schreibt: 'Die Frau im Westen hat keinen Wert. Und die Menschen haben keine Moral, Männer heiraten Männer, Frauen heiraten Frauen.' ... Ein Familienvater, der nach dreißig Jahren in Europa nach Mauretanien zurückkehrte, erinnert sich mit Grauen an das deutsche Bildungssystem, in dem sich neunzig Prozent des Unterrichts um Homosexualität drehe. Seine Abscheu gipfelt in der Vorstellung, seine Kinder könnten westliche Werte verinnerlichen."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ denkt Thomas Ribi über die neue Lust an Untergangsszenarien nach, wie sie u.a. die Professoren Timothy Snyder, Marci Shore oder Jason Stanley, aber auch deutsche Bürger pflegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Gesellschaft

In der Zeit untersucht Robert Pausch die Brüche und Gemeinsamkeiten im rechtsradikalen Lager. Zum Beispiel in Deutschland, wo Alice Weidel Elon Musk zum Vorbild erhoben hat: "Das Ziel der AfD sei, so sagte es Weidel, 'die Menschen vom Staat zu befreien'. Die AfD kämpfe für 'Meinungsfreiheit' und 'Vermögensfreiheit'. Das wiederum rief Götz Kubitschek auf den Plan. Der wohl einflussreichste Vordenker der radikalen Rechten in Deutschland stellte sich offen gegen die AfD-Chefin: 'Diese Musk-Weidel-Linie (...) ist das Gegenteil von dem, was ein alternativer Entwurf sein sollte', schrieb Kubitschek auf seinem Blog. Denn: 'Das Libertäre kennt kein Abstammungs-Wir, keine Schicksalsgemeinschaft, kaum etwas Schon-Gegebenes. Es ist ein Erfolgreichenkonzept, eines für eine Leistungsgemeinschaft, die ahistorisch und ortlos denkt und agiert und auf zynische Weise 'den Markt' alles erklären und rechtfertigen läßt.' Der Riss innerhalb der radikalen Rechten vollzieht sich also nicht entlang taktischer oder strategischer Fragen. Es geht um die ganze Klaviatur der Ideologien. Das Menschenbild, das Staatsverständnis, die Zukunftsvorstellungen." Dass die Rechte an diesen Gegensätzen nicht zerbricht, liegt an dreierlei, meint Pausch: der autoritären Sehnsucht, dem Feindbild ("alles vermeintlich Gleichmacherische, Hierarchiefeindliche, Linke, Woke und so weiter") und drittens, einer "gewissen apokalyptischen Grundstimmung".

Befragt von Peter Neumann äußert sich Omri Boehm im Zeit-Gespräch zur Ein- und Wiederausladung als Redner in der Gedenkstätte Buchenwald (unsere Resümees). "Finstere Zeiten" für die freie Rede seien angebrochen: Er sieht die Erinnerung an den Holocaust bedroht, fürchtet aber auch eine Instrumentalisierung dieser Erinnerung, der es zu begegnen gelte: "Die Bedeutung der Nachkriegserinnerungskultur wird längst international infrage gestellt - und zwar nicht nur von Radikalen oder Antisemiten. Angesichts des israelischen Handelns in Gaza und der ambivalenten deutschen Haltung beginnen viele rückblickend zu fragen, ob diese Erinnerungskultur, so wie sie von Anfang an gedacht war, nicht im Kern ein westliches Ideologieprojekt ist. Und das geschieht in einem Moment tiefgreifender tektonischer Verschiebung. Europa taumelt: Nationalisten gewinnen an Einfluss und inszenieren sich zunehmend erfolgreich als die eigentlichen Hüter des Gedächtnisses. Kein Jude, der die Augen offen hat, kann naiv genug sein, das nicht zu erkennen." Die Bücher von Primo Levi, Imre Kertesz, Raul Hilberg, die Filme von Claude Lanzmann oder Marcel Ophüls, die die Erinnerungskultur in Europa wesentlich geprägt haben, wären also ein "westliches Ideologieprojekt"?

In der Welt ist Alan Posener froh, dass Omri Boehm seine Rede nicht in Buchenwald gehalten hat: "Wer behauptet, Israels Gesellschaft sei 'vollständig entmenschlicht', hat den Boden seriöser Kritik und intellektuell anspruchsvoller Diskussion verlassen", meint Posener. "Und nicht nur, weil Woche für Woche Tausende im Zentrum Tel Avivs - unter Polizeischutz - gegen die Regierung und ihre Kriegführung und für einen sofortigen Waffenstillstand protestieren. Sondern weil selbst unter den Männern und Frauen, die als Wehrdienstleistende, Reservisten oder Berufssoldaten in Gaza kämpfen, und es sind oft genug die Kinder der Angehörigen der Elite, die in Tel Aviv demonstrieren, der Moralkodex intakt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2025 - Gesellschaft

In der Welt macht sich Henryk M. Broder über einen mit Mehrheit verabschiedeten Antrag der Berliner Jusos lustig, der vorsieht den Begriff "Islamismus" zukünftig nicht mehr zu verwenden, sondern stattdessen von "religiös begründetem Extremismus" oder "islamischem Extremismus" zu sprechen - die begriffliche Nähe zum Wort "Islam" wirke "stigmatisierend": "Nun kann nicht bestritten werden, dass es eine 'begriffliche Nähe' zwischen Islam und Islamismus tatsächlich gibt. Ähnlich wie bei 'Alkohol' und 'Alkoholismus' kommt es vor allem auf die Dosis an. Zu viel ist ungesund. Das gilt auch für Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften, Christen, Juden und Nudisten; wobei nicht übersehen werden sollte, dass es nicht 'australische Austauschstudenten', katholische Pfadfinder oder jüdische Schachspieler sind, die für ein 'Kalifat' auf die Straße gehen, sondern vor allem Menschen, die zwischen Islam und Islamismus hin und her oszillieren. Schwer zu sagen, wo die Trennlinie verläuft, das eine aufhört und das andere anfängt, die Schnittmenge dürfte erheblich sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2025 - Gesellschaft

Michael Wolfssohn hat nichts gegen Omri Boehm und auch nichts gegen seine Rede, die die SZ gestern abdruckte (unser Resümee). Die Einladung zum Gedenktag in Buchenwald fand er dennoch unmöglich, erklärt er in der NZZ: Die meisten Juden empfänden Omri Boehms Positionen als provozierend. Ob sie damit recht haben, darüber kann man streiten, aber nicht an Tagen der Trauer, findet Wolfssohn. "Noch ungehöriger ist es, wenn Außenstehende am Trauertag die Mehrheit der Trauernden durch einen Trauerredner provozieren, von dem sie wissen, dass er von den meisten Trauernden als Provokation empfunden wird", meint Wolfssohn mit Blick auf Gedenkstättenleiter Wagner. Wer an so einem Tag "Trauernde vor den Kopf stößt und dabei gar belehren will, fühlt, denkt und handelt schamlos".

Auch Jürgen Kaube hat in der FAZ kein Problem mit Boehm oder dessen Rede. Aber das Schwammige seiner Argumentation, das gleichzeitig einem "moralischen Radikalismus" dient, fällt doch ihm auf: Boehm möchte "seinem Protest gegen die Geschehnisse in Gaza Impulse zuführen, die er aus der Betrachtung des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs zieht. Dessen Erfahrung habe zum Völkerrecht und den jüngeren Menschenrechtserklärungen geführt. Das 'Nie wieder!' beziehe sich auf sie. Man kann aber nicht, wie Boehm es ausdrücklich tut, den von beiden Kriegsparteien angestellten Vergleich der Vorgänge in Gaza mit der Schoa als irreführend bezeichnen und gleichzeitig fordern, die internationale Gemeinschaft müsse verhindern, dass sich Buchenwald dort wiederhole. Die Formulierung, der Vergleich mit dem Holocaust sei irreführend, enthalte aber 'ein Körnchen Wahrheit', ist eines Philosophen unwürdig."

Im Interview mit dem Stern verteidigt der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, seine ursprüngliche Entscheidung, Omri Boehm als Redner zum Gedenktag einzuladen: "Boehm hat Jerusalem als 'goldenes Kalb' und Yad Vashem als 'Waschmaschine' einer rassistischen Politik Israels bezeichnet. Der israelische Botschafter wirft ihm deshalb vor, das Holocaust-Gedenken zu verwässern. Hat er nicht recht?" fragt ihn Martin Debes. Das will Wagner, ohne konkret zu werden, nicht stehen lassen: "Omri Boehm ist ein streitbarer, aber immer fundiert argumentierender Wissenschaftler. Dieser Vorwurf ist politisch motiviert. Überhaupt wird die gesamte Debatte um Israel und Palästina von allen Seiten derart erbittert geführt und instrumentalisiert, dass sie inzwischen völlig vergiftet ist."

Wenn Behörden schon genderneutrale Sprache verwenden, können sie es dann nicht wenigstens korrekt tun, fragt Stefan Zahradnik, Verfasser des Buches "Geschlechtergerechte Rechts- und Verwaltungssprache", in der Welt und nennt einige besonders misslungene Beispiele, zum Beispiel den "Begriff 'Asylbewerbende'. Er kommt mehrfach in einem Beschluss zur Flüchtlingspolitik vor, der in einer Konferenz der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder im Jahr 2023 gefasst wurde. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie andere Behörden benutzen dieses Partizip Präsenz. Allerdings bewerben die betreffenden Personen nicht das Asyl, sondern sie bewerben sich um Asyl. Das Verb wird also reflexiv gebraucht. Korrekt müsste es daher 'sich um Asyl Bewerbende' heißen."

Weiteres: In der FAZ reiben Meron Mendel und Saba-Nur Cheema der israelischen Regierung ihre Heuchelei unter die Nase, wenn sie einerseits Eva Illouz den Israel-Preis verweigert, für den eine Jury sie ausgewählt hatte, und durch ihren Botschafter Ron Prosor die Ausladung Omri Boehms zur Buchenwald-Gedenkfeier fordert und andererseits einen Antisemitismuskongress mit ausgewiesenen Rechtsextremisten organisiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2025 - Gesellschaft

Die SZ druckt die Rede, die Omri Boehm zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung von Buchenwald gehalten hätte. Mit Kant argumentiert er für ein kompromissloses "Ideal des Friedens" trotz einer barbarischen Realität, wie sie beispielsweise Buchenwald darstellt: "Der Weg einer Menschheit, so Kants Warnung, die dem Ideal des Friedens nicht treu bliebe, führe unweigerlich in die Vernichtung. ... Wenn wir uns heute an die Schrecken Buchenwalds erinnern, wenn wir uns die unerträglichen Bilder noch einmal vor Augen führen, die hier aufgenommen wurden bei der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen, und wenn wir in die Augen der letzten Überlebenden blicken, die noch unter uns sind - einige von ihnen sind auf ebendiesen Bildern zu sehen -, dann muss ich an diese Warnung Kants denken und die Lehre der Propheten. Können wir das Vergessen jemals verhindern, wenn das Erinnern nicht von einem unbeirrbaren Engagement für den Frieden begleitet wird?" Ideal des Friedens klingt schön. Aber bedeutet das nicht auch zwangsläufig, dass die amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft und Buchenwald befreit haben, diesem Ideal leider nicht genügt haben? An anderer Stelle erinnert er an den "brachialen Angriffskrieg" Putins gegen die Ukraine, der die EU "zwingt..., ihren Schutz selbst in die Hand nehmen können, sich zu einer Militärgroßmacht hochzurüsten". Dann fordert er die Linke auf, eine Alternative zu entwickeln, "die versteht, warum wir der Versuchung widerstehen müssen, die von den neorealistischen Doktrinen ausgeht, die Menschenwürde und Frieden als naive, edle Lügen abtun und fordern, die Macht Europas auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit auszubauen. Doktrinen dieser Art werden uns ganz schnell von 'nie wieder' zu 'wieder' bringen." Was genau heißt das? Die EU ist zwar gezwungen, sich zu ihrem Schutz zu rüsten, aber wenn sie es tut, baut sie nur ihre Macht auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit aus und befördert so ein "wieder"? Boehms gewollte Unschärfe zeigt keinen Weg auf, wie man den Frieden angesichts eines gewaltbereiten und verhandlungsunwilligen Feindes bewahren kann. Sie zeigt nur, wie man als linker Intellektueller seinen Kuchen behalten und gleichzeitig essen kann.

"Boehm sprach also nicht", resümiert Klaus Hillenbrand in der taz. "Der israelische Botschafter Ron Prosor mag ob seines Sieges triumphieren. In Wahrheit ist er der Verlierer, ebenso wie der Staat Israel. Denn seine Forderung, einem Kritiker der israelischen Regierung das Wort abzudrehen, wirft ein Licht auf den Zustand der Vorstellungen von Demokratie unter der Regierung von Benjamin Netanjahu." Im Spiegel berichtet Ulrike Knöfel über die Gedenkveranstaltung. Auf Zeit online skizziert Thomas Assheuer die wesentlichen Theorien Boehms. In der Jüdischen Allgemeinen ist Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, froh, dass Boehm nicht gesprochen hat. In der Welt fragt Alan Posener, was in aller Welt Gedenkstättenleiter Wagner dazu gebracht hat, Boehm überhaupt erst einzuladen.

Bahnt sich beim Prozess zum Anschlag auf ein von Migranten bewohntes Haus in Solingen ein NSU-ähnlicher Skandal an? Vier Menschen waren bei diesem Anschlag vor einem Jahr ums Leben gekommen. Die Polizei hatte behauptet, es gebe keinen rechtsextremen Hintergrund - die Anwältin der Nebenklage Seda Basay-Yildiz stellt jetzt Anzeige gegen die Polizei, da sich immer mehr Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund des 40-jährigen Täters ergeben haben, berichtet Andreas Wyputta in der taz: "Schließlich geht es in dem Prozess nicht nur um die vier Toten der aus Bulgarien stammenden Familie - die Eltern wurden nicht einmal 30 Jahre alt, ihre Kinder wurden erst 2021 und 2023 geboren. Der Angeklagte muss sich auch wegen Mordversuchs an weiteren 21 Menschen verantworten. Darunter war auch ein Paar, das mit dem 18 Monate alten Sohn aus dem dritten Stock sprang, nachdem das hölzerne Treppenhaus des von ihnen mitbewohnten Altbaus nach Entzündung von mindestens einem Liter Benzin wie eine Fackel gebrannt hatte." Beim WDR gibt es ein Dossier mit mehreren Artikeln zum Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2025 - Gesellschaft

Genau wie Omri Boehm, mit dem er in engem Kontakt stehe, sei er "extrem empört" über den Druck, der durch die israelische Regierung gegen Boehms Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte Buchenwald ausgeübt worden sei (unsere Resümees), sagt deren Direktor Jens-Christian Wagner, der im Gespräch mit Susanne Lenz von der Berliner Zeitung auch berichtet, dass israelische Regierungsvertreter Holocaust-Überlebende anriefen: "Es ist einfach extrem bedauerlich, dass Überlebende in diesen Konflikt zwischen uns und der israelischen Botschaft hineingezogen wurden und instrumentalisiert zu werden drohten. Nur aus diesem Grund und nicht, weil wir dem Ansinnen von Vertretern einer Regierung, die zumindest teilweise rechtsextreme Mitglieder hat, nachgeben wollten, haben wir uns entschlossen, die Rede zu verschieben. Wir wollten nur die Überlebenden schützen. (…) Dass ich einmal gedrängt werden würde, den Enkel einer Holocaust-Überlebenden nicht sprechen zu lassen, das hätte ich mir im schlimmsten Albtraum nicht vorstellen können."

In der taz vermutet Ulrich Gutmair: "Der Angriff auf die Reputation des Philosophen dürfte mit dem Umstand zu tun haben, dass Boehm die Politik der derzeitigen israelischen Regierung kritisiert und den Vorwurf für plausibel hält, dass die israelischen Streitkräfte im Gazakrieg 'schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit' begangen haben. Er besteht auf der Universalität der Menschenrechte." Wagner muss "klar gewesen sein, dass die Einladung für Erregung sorgen würde", schreibt Tania Martini in der FAS: "Dass andererseits die israelische Botschaft unter Ron Prosor glaubt, zunehmend als Diskursrichter auftreten zu müssen, ist mindestens problematisch. Nicht nur weil eine rechtsradikale Regierung in Jerusalem genozidale Phantasien pflegt, sondern auch weil man dort kein Problem mit rechtem Antisemitismus zu haben scheint, wie man gerade beim Besuch Netanjahus in Ungarn beobachten konnte."

Da die akademische Welt nicht in der Lage war, gegen Antisemitismus an amerikanischen Elitehochschulen vorzugehen, muss die Trump-Regierung eingreifen, insistiert in der Welt der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Russell A. Bermann den Trump'schen Kulturkampf. Hinter dem Chaos an den Universitäten stecke der Iran, der auch plante, Trump zu töten, schreibt er: "Diese Sorge um die nationale Sicherheit ist sicherlich Grund genug für die Regierung in Washington, sich an den Universitäten zu engagieren. Aber es gibt noch zwei weitere Gründe. Die systematischen Angriffe auf jüdische Studenten und das Versäumnis der Universitätsverwaltungen, sie zu schützen, stellen einen Verstoß gegen die Verpflichtung zum Schutz der Bürgerrechte dar. Der Staat muss das in Ordnung bringen. Darüber hinaus vermittelte der ideologische Sumpf an den Universitäten umfangreiche Unterstützung für die Hamas - eindeutig ein illegaler Akt der Unterstützung einer offiziell als terroristisch eingestuften Organisation."

"Antisemitismus wird als Waffe eingesetzt in diesem Kampf", sagt indes der jüdisch-amerikanische Philosoph Jason Stanley heute im FAZ-Gespräch mit Frauke Steffens: "Und es gibt mittlerweile viele jüdische Professoren, die sich öffentlich dagegen wenden. Wir waren eine der größten Gruppen in diesen Demonstrationen gegen diesen Krieg in Gaza. Ich habe viele jüdische Studenten, die mitgemacht haben, und jetzt sind sie plötzlich nicht jüdisch, weil Trump sagt, ich bestimme, wer Jude ist." Zudem konkretisiert er auch nochmal, warum er die USA unter Trump "faschistisch" nennt: "Was Trump heute macht, haben wir in diesem Land sehr lange mit schwarzen Amerikanern gemacht. Wir nennen aber eine Struktur erst dann Faschismus, wenn man mit Weißen das macht, was Weiße sehr lange mit Schwarzen gemacht haben."

"Das Regime nutzt den unaufrichtigen, zynischen Vorwand, uns vor Antisemitismus zu schützen, als Rechtfertigung für das Verletzen der Rechte anderer Menschen. Wenn wir als Juden das zulassen, dann haben wir uns moralisch ruiniert", sagt auch die jüdisch-amerikanische Osteuropa-Historikerin Marci Shore, die wie Jason Stanley mit ihrem Mann Timothy Snyder Yale Richtung Toronto verlässt, im taz-Gespräch mit Stefan Hunglinger. Sie verlasse die USA aber aufgrund der Waffengewalt, die unter Trump noch mehr geduldet werde, erklärt sie, räumt aber ein: "Ich fühle mich unglaublich schuldig deswegen. Ich fühle mich, als würde ich abhauen. Ich fühle mich in gewisser Weise als neurotische Jüdin, die an 1933 denkt: besser früher das Land verlassen als später. Und ich sehe die Wut, die so viele meiner ukrainischen Freund:innen und Kolleg:innen auf die russische Opposition hatten, die geflohen ist. Sie haben alles gegeben und sind gescheitert. Und dieses Versagen ist vielleicht unverzeihlich und unheilbar, aber sie mussten raus aus dem Land. Ich habe definitiv das Gefühl, dass ich nicht besser bin als sie."

In der FAZ bringt der Schriftsteller Boris Schumatsky eine Chronik des Antisemitismus seit dem 7. Oktober: So erzählt er etwa, es werde seltener von "Gas" oder "vergasen" gesprochen, stattdessen höre man häufiger ein Zischen, das das Geräusch von Giftgas nachahme. Der neue Judenhass trete subtiler auf, meint er: "Die Erzählung über kindermordende Juden und ihre Opfer breitet sich heute nicht viel anders als QAnon aus, mit dem Unterschied, dass die Zeugen Palästinas nicht in ihren Echokammern und Internetblasen bleiben. Sie beeinflussen die internationale Politik und weltweit die Öffentlichkeit. Wie Chemtrail oder Flacherde hat dieser Kult kein Zentrum, keine Priester, es ist ein Netzwerk, in dem Judith Butler oder die Hamas-Führer gleichberechtigte Influencer sind. Er ist auch deshalb so erfolgreich, weil seine Glaubenssätze geschickt versteckt sind. Viele übernehmen die Parolen der Sekte oder binden sich ihre Symbole um, weil sie einfach gegen das Böse sind, gegen einen Genozid." In der taz gibt Gareth Joswig derweil einen Überblick über rechte Gewalt in Deutschland seit Jahresbeginn.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2025 - Gesellschaft

Der New Yorker Philosoph Omri Boehm sollte ausgerechnet zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung von Buchenwald in Weimar reden. Die Gedenkstätte sagte den Auftritt nach einem Protest der israelischen Botschaft ab (unser Resümee). "Die israelische Regierung, angeführt von einer radikalisierten Rechten, bekämpft inzwischen nicht nur Kritiker und Kritikerinnen im eigenen Land, sondern auch jene, die sich im Ausland für eine liberale Gesellschaft und für Ausgleich einsetzen", konstatiert Michael Hesse in der FR. Hesse betont, Boehm habe "sich nie in seinen Schriften oder Vorträgen gegen die Einzigartigkeit der Schoah ausgesprochen... Was er jedoch fordert - und das ist für manche offenbar bereits zu viel -, ist eine Erinnerungskultur, die sich nicht in ritualisierter Abwehr erschöpft, sondern ethisch und politisch fruchtbar wird. Das bedeutet für ihn: Die Nakba, so Boehm, müsse in Israel offiziell anerkannt und erinnert werden. Nicht weil sie der Schoah gleichzusetzen sei - das hat er nie gesagt -, sondern weil ohne diese Anerkennung ein gerechtes Staatsbürgertum in Israel nicht möglich sei. Das ist kein Vergleich, sondern ein politischer Vorschlag." Auch Andreas Platthaus wundert sich in der FAZ, "wieso ein derart um Ausgleich bemühter Denker Hassobjekt radikaler Zionisten ist. Weimar entgeht am Sonntag etwas."

Im ebenfalls von Michael Hesse geführten FR-Interview erklärt der jüdisch-amerikanische Philosoph Jason Stanley, warum er die Universität Yale Richtung Toronto verlässt. Amerikanische Universitäten ließen sich auf ein "mafiöses" Spiel ein, meint er: "In der Literatur über Faschismus - bei Hannah Arendt, bei Horkheimer und Adorno - taucht immer wieder das Bild des faschistischen Führers als Gangsterboss auf. Genau das sehen wir: Man verlangt Unterwerfung, Loyalitätsbeweise. Die Institutionen sollen den Ring küssen. Wer sich weigert, wird öffentlich gedemütigt. Oder inhaftiert. So zerstört man eine demokratische Kultur - langsam, aber wirkungsvoll. (…) Die Kultur der Lüge, die Dämonisierung von Gegnern, das Verbot von Komplexität, die Rückkehr der völkischen Rhetorik, der Angriff auf autonome Institutionen - all das ist da."

Dass gegen Antisemitismus an amerikanischen Elitehochschulen vorgegangen werden muss, steht für Mara Delius in der Welt außer Zweifel, aber "kann man das Problem beseitigen, indem man das Prinzip der akademischen Freiheit angreift", fragt sie. "Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die bis heute prägende Förderstruktur der Regierung, die Universitäten fördert, um Innovationen voranzutreiben. Wie diese aussehen, ist nun aber zumindest in Teilen Auslegungssache der Regierung, die ihre Gelder nach eigenem Ermessen verteilen oder streichen kann, sofern sie dabei einem gesetzlich geregelten Prozess folgt. (…) Vor zwei Wochen schrieb der Präsident der Princeton University, Christopher Eisgruber, in einem Artikel im Atlantic über die Vorfälle an der Columbia University: 'Wenn die Regierung Gründe für eine Untersuchung hat, sollte sie die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren anwenden und der Columbia University erlauben, sich zu verteidigen. Stattdessen benutzt die Regierung Zuschüsse, die für wissenschaftliche Fachbereiche bestimmt sind als Knüppel, um Veränderungen in anderen Fachbereichen zu erzwingen, die die Regierung offenbar als problematisch betrachtet.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2025 - Gesellschaft

Zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April wird eine Gedenkfeier stattfinden. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten, Jens Christian Wagner, hatte dazu den in New York lebenden Philosophen Omri Boehm eingeladen, eine Rede zu halten. Diese Einladung habe er wieder zurückgezogen, berichtet der Spiegel, anscheinend auf Druck der israelischen Regierung, die Boehm unter anderem Relativierung des Holocaust vorwirft, wie auf einem Statement der israelischen Botschaft auf X zu lesen war: "Die Entscheidung, mit Omri Boehm einen Mann einzuladen, der Yad Vashem als Instrument politischer Manipulation bezeichnet, den Holocaust relativiert und sogar mit der Nakba verglichen hat, ist nicht nur empörend, sondern eine eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer."

"Wagner hält Boehm nach eigener Aussage für einen integren Wissenschaftler, der um Vermittlung bemüht ist. Den Vorfall nannte er 'das Schlimmste, was mir in 25 Jahren Gedenkstättenleitung passiert ist'", schreibt dazu Quirin Hacker in der FR. "Er bezeichnete es als desaströs, dass dieser Vorfall droht, den 80. Jahrestag der Befreiung zu überschatten - besonders weil es wohl der letzte runde Jahrestag sei, an dem Holocaustüberlebende teilnehmen können. Die Gedenkstätte sei an einem offenen Diskurs interessiert, der hier von 'knallharter Geschichtspolitik' eingeschränkt werde." Die SZ zitiert in ihrer Meldung Wagner mit den Worten, er habe die Einladung auch zurückgezogen, um "das oberste Ziel, eine Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora zu gewährleisten, in der die Überlebenden im Mittelpunkt stehen, nicht eine von außen angestoßene Debatte". Da fragt man sich allerdings, warum er ausgerechnet Boehm eingeladen hat, dessen Forderung nach einem gemeinsamen Staat für Juden und Palästinensern spätestens seit dem 7. Oktober selbst von linken Israelis mit großer Mehrheit abgelehnt wird. In der Berliner Zeitung berichtet Susanne Lenz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2025 - Gesellschaft

Der 15. März soll in Berlin künftig jedes Jahr zum Aktions- und Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit werden, meldet der RBB. "Das teilten die Vorsitzenden der beiden Regierungsfraktionen im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh (SPD) und Dirk Stettner (CDU), am Montag anlässlich des muslimischen Zuckerfestes der Deutschen Presse-Agentur mit. Die schwarz-rote Koalition will in den nächsten Wochen einen entsprechenden Antrag ins Parlament einbringen. Wie viele andere Religionen sei der Islam ein fester Bestandteil Berlins, sagte Saleh. Stettner unterstrich, dass Berlin für Vielfalt und Zusammenhalt aller Religionen stehe. "Mit der Einführung des 15. März als festem Gedenk- und Aktionstag gegen Islamfeindlichkeit stärken wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt." Und kriegen die "vielen anderen Religionen" auch Gedenktage?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2025 - Gesellschaft

Donald Trump hat nicht das geringste Problem mit Antisemitismus, solange er ihm nützt, meint in der SZ der amerikanische Historiker Christopher Browning. Die Regierungskampagne gegen Antisemitismus auf dem Campus ist für Browning, der selbst kein Antisemitismusproblem an amerikanischen Universitäten erkennen kann, daher nur ein "scheinheiliger Vorwand" für einen Generalangriff auf die Universitäten: "Im Jahr 2016 schaltete Präsident Trumps Wahlkampagne zwei berüchtigte Anzeigen. Die eine zeigte Hillary Clinton vor einem Hintergrund aus Hundert-Dollar-Noten und einem Davidstern. Die andere versprach Schutz vor 'globalen Sonderinteressen' und zeigte die Porträts dreier jüdischer Finanziers, Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Beide Anzeigen waren unverhohlene Zitate der klassischen antisemitischen Verleumdung jüdischer Finanziers als Strippenzieher eines politischen Gegners. Im August 2017 veranstalteten Demonstranten bei der 'Unite the Right'-Kundgebung in Charlottesville, Virginia, einen Fackelzug im Nazistil mit Hakenkreuz- und Südstaatenflaggen. Sie skandierten Nazi-Slogans wie 'Blut und Boden' und 'Juden werden uns nicht ersetzen'. In seiner Reaktion auf diesen Vorfall stellte Trump fest, es gebe 'auf beiden Seiten gute Menschen'. ... Würde die Trump-Regierung Antisemitismus wirklich als Problem betrachten, könnte sie mit seiner Bekämpfung im eigenen Haus anfangen."