9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2025 - Gesellschaft

In der SZ überlegt der Literaturwissenschaftler Ansgar Mohnkern anlässlich des bevorstehenden Fußballspiels Kaiserslautern gegen Schalke, warum ausgerechnet in diesen beiden Städten so viele Bürger AfD wählen. "In vielem jedenfalls scheinen die sportlichen Niederlagen mit den AfD-Triumphen auf symptomatische Weise verflochten zu sein. Um beide Phänomene rankt jenes heikle Sentiment, das sich an den verdächtigen Erzählungen über eine Vergangenheit speist, wonach die Dinge, wie sie uns heute bloß noch als Schatten begegnen, einst in vollem Glanze standen. Ganz gleich, ob es sich um die ausgetrockneten Glücksoasen von Vaterland, Heimat oder Familie handelt, wie sie die AfD betrauert, oder eben um jene vergangenen Meisterschaften, die dem Schicksal kameradschaftlich abgerungen wurden: Hier herrscht die Figur vergangener Größe wie auch die unbedingte Sehnsucht, ihrer noch einmal zu gedenken."

Der französische Premierminister François Bayrou, einer der wenigen liberalen Politiker in Frankreich, gerät durch eine Missbrauchsaffäre an der katholischen Schule, auf die auch seine Tochter gegangen war, in Bedrängnis. Michaela Wiegel berichtet für die FAZ. Bayrou hatte seine Kinder auf die Privatschule in Notre-Dame de Bétharram in der Nähe der Pilgerstadt Lourdes geschickt, auch seine Tochter Hélène Perlant, die jetzt erstmals über den massiven Missbrauch von Kindern an diesem Institut sprach - Bayrou ist einer der wichtigsten Politiker der Region. Auch Perlant selbst habe Gewalt erlitten, aber ihr Vater, so sagt sie Paris Match, habe nichts davon gewusst. Ganze Bücher sind jetzt über die Gewalt an dem Institut erschienen, da geht es etwa um "den Fall des Schülers Marc Lacoste-Séris, der bei Minusgraden von einem Aufseher zur Strafe in der Nacht im Freien ausharren musste, nackt bis auf die Unterhose. Nur durch die Umsicht eines Mitbestraften gelang es, Hilfe von außen zu holen. Marc entging nur knapp einer Amputation, in der Notaufnahme war man bestürzt. Kurze Zeit später schlug ein Aufseher dem Jungen so sehr aufs Ohr, dass dieser sein Gehör verlor. Da reichte es dem Vater, er zeigte 1996 die Schule an und ging an die Presse. Bayrou war damals französischer Bildungsminister. Sein Sohn Calixte war in der gleichen Klasse wie Marc."

Wenn es im Zusammenhang mit Gewalt an Kindern ein Thema gibt, über das so gut wie nie gesprochen wird, dann ist das die Beschneidung von Jungen. Eva Matthes berichtet bei hpd.de über eine Tagung in der liberalen Ibn-Rushd-Goethe Moschee, in der das Thema aus medizinischer, aber auch religiös muslimischer und jüdischer Perspektive beleuchtet wurde. Es sprach unter anderem der Arzt Guido Hegazy, der sich in einem Verein gegen Beschneidung von Jungen engagiert. "Sein Lösungsansatz zur Reduzierung unnötiger Vorhaut-Entfernungen an kleinen Jungen in Deutschland (es sind jährlich circa 28.000) ist, die bereits bestehenden Regelungen und Gesetze wenigstens konsequent anzuwenden. Vor allem eine ausführliche ärztliche Aufklärung der Eltern und des Kindes vor dem Eingriff könnte sicherlich an vielen Stellen dafür sorgen, dass auf die OP verzichtet würde. Auch würde es helfen, wenn die Ärzteschaft sich an die bereits bestehenden Leitlinien hielte, was flächendeckend bisher nicht der Fall sei."

Ein junger Mann, der vor einer Oldenburger Diskothek randalierte, ist von der Polizei erschossen worden - von hinten (hier der taz-Bericht). Angeblich hatte er mit einem Messer gefuchtelt. Die Umstände müssen ermittelt werden. Der Kriminologe Tobias Singelnstein fordert im Gespräch mit Jasmin Kalarickal von der taz, dass für solche Ermittlungen eine unabhängige Behörde geschaffen wird: "Es ist menschlich unmittelbar nachvollziehbar, dass man vielleicht ein besonderes Verständnis hat für die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen. Das gilt auch für andere Berufszweige. Deshalb tut sich der Staat an der Stelle schwer, seine eigenen Amtsträger zur Verantwortung zu ziehen. Andere Länder wie Großbritannien haben schon lange die Konsequenz daraus gezogen, unabhängige Behörden zu etablieren, die in solchen Fällen dann ermitteln."

Der linke israelische Philosoph Omri Boehm wurde bekanntlich von der Gedenkstätte Buchenwald ausgeladen, weil der israelische Botschafter Ron Prosor seine Einladung als Festredner zum Jahrestag der Buchenwald-Befreiung in teilweise rechts drastischen Worten kritisiert hatte. In der FAZ spricht sich Prosor nochmal über seine Gründe aus. "Es zeigt sich ein Muster: Ein Jude, der Israel anklagt, ist nicht nur der beste Kronzeuge, sondern soll als Feigenblatt auch vor lästigen Antisemitismusvorwürfen schützen. Es folgte eine Debatte über Meinungsfreiheit. Ein Kategorienfehler, denn Boehm durfte seine Rede prominent in einer Tageszeitung platzieren und wird auch weiterhin als Redner auftreten, darüber habe ich mir nie Illusionen gemacht. Es ging nicht darum, dass er spricht, sondern wann und wo: zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald."

"Die Entkopplung des längst zur Floskel verkommenen, aber trotzdem unentbehrlichen 'Nie wieder' von dem Schicksal der weltweit wieder physisch bedrohten Juden ist natürlich kein neues Phänomen", meint in der SZ Zelda Biller. Das hat System, glaubt sie, solle es doch dazu beitragen, dem Staat Israel die Legitimationsgrundlage zu entziehen. Aber auch sonst erscheint ihr Omri Boehms Mahnung, das "nie wieder" gewissermaßen allgemeinmenschlich zu fassen (unser Resümee), überflüssig: "Die noch immer säkulare Mehrheit in Israel weiß, dass Jerusalem allen gehört, während sie gleichzeitig nicht vergisst, dass das 'Nie wieder' nur ihnen und allen anderen von den Nazis zum Tode Verachteten gehört. Wer dagegen - wie der Arendt-Epigone Omri Boehm, Demonstranten auf deutschen Straßen, Walter Ulbricht oder Plakatierer aus Eppendorf - dieses Symbol jüdischer Wehrhaftigkeit in einem Nebel aus Universalismus auflöst, lässt das Besondere dieses 'Nie wieder!' absichtlich im Allgemeinen verschwinden. Er verwischt den Unterschied zwischen Täter und Opfer und tut damit nicht nur Apologeten einen Gefallen, sondern er handelt im Kern antiaufklärerisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2025 - Gesellschaft

Laut einer neuen Forsa-Umfrage liegt die AfD erstmals um einen Prozentpunkt vor der CDU und ist damit stärkste Partei in Deutschland. "Mit Geschäftsordnungstricks im Bundestag, mit der Verweigerung von parlamentarischen Gewohnheitsrechten, die man weit kleineren Fraktionen ohne weiteres zugesteht", kommt man ihr offenbar nicht bei, denkt sich bei den Ruhrbaronen Frank Stenglein, Essener Lokalchef der WAZ. Die Brandmauer funktioniert offenbar nicht bei den Wählern. Vielleicht, weil sie so offensichtlich, nicht nur die AfD draußen halten soll, sondern SPD und Grüne drinnen. Sie verschafft den beiden kleinen Parteien "Machtoptionen, die die bei Wahlen erzielten Ergebnisse sonst gar nicht mehr hergäben. Im Schatten der Mauer kann insbesondere die SPD ziemlich bequem der Frage aus dem Weg gehen, warum eigentlich so viele ihrer früheren Wähler kein Interesse mehr an ihrem Politikangebot haben. Die Deutschen wählen mehrheitlich ziemlich konstant Mitte-Rechts und erhalten als Regierungspolitik ebenso konstant Mitte-Links. Nicht wenige der politischen Nutznießer scheinen zu glauben, das werde ewig so weitergehen. Wenn sie sich da nicht täuschen. Ein Teil der Politik-und Staatsverdrossenheit ist schon jetzt auf diese Dauer-Anomalie zurückzuführen."

Was könnte dem Erstarken der Rechten entgegenwirken, fragt Andrea Pollmeier im FR-Interview den Sozialwissenschaftler und Friedensforscher Daniel Mullis. Die Demokraten, so Mullis, müssten erklären, dass es ein "Weiter-so" nicht geben kann. Jedoch "fehlt ein Zukunftsmodell, das diese Erfahrung progressiv auffangen könnte. Den Parteien, Kirchen und Gewerkschaften gelingt es nicht, neue Perspektiven zu formulieren, die Zuversicht vermitteln. Das politische Begehren zielt darum jetzt primär darauf ab, den vorhandenen Status zu bewahren und Privilegien zu verteidigen. Genau hier setzt die extreme Rechte aktiv an. Soll hier gegengehalten werden, braucht es Bilder der Hoffnung und spürbare Veränderungen im Alltag: Etwa, dass der ÖPNV funktioniert, Brücken nicht einstürzen, Schulen saniert werden und soziale Sicherung trägt. Hinzu kommt, dass auch demokratische Beteiligung gestärkt werden müsste. Bürger wollen mitbestimmen. Ortsbeiräte könnten beispielsweise mehr Befugnisse bekommen, damit Beteiligung auch unmittelbar im Alltag Erfolge bringen kann."

Nicholas Potter unterhält sich für die taz mit dem jüdischen Studenten Lahav Shapira, der von seinem Kommilitonen Mustafa A. krankenhausreif geprügelt worden war. Im anschließenden Prozess wurde Mustafa A. zu drei Jahren Haft verurteilt, der Richter sprach in der Urteilsbegründung ganz klar von einer antisemitischen Tat. Shapira ist froh über das Ergebnis: "Antisemitismus ist nicht nur dieses Nazi-Zeug mit der 'Judenrasse'. Es gibt verschiedene Formen. Der israelbezogene ist einer von ihnen. Mustafa A. hat sich daran gestört, dass ich antisemitische Plakate an der Freien Universität abgerissen habe. Auf seinem Handy wurde ein Video aus der Tatnacht gefunden, mit dem Text 'Musti hat diesen Judenhurensohn totgeschlagen'." Auch in einem Gruppenchat von Lehramtsstudenten an der FU klang das nicht anders: 'Darin sieht man eine bunte Mischung: von 'Juden beherrschen die Welt' und es gebe zu viele Juden an der Uni bis hin zu der Behauptung, ich persönlich würde Whatsapp kontrollieren. Studierende haben eine Montage von mir mit Hörnern gemacht. Sie schrieben, ich fände es gut, dass Kinder sterben - und Babys insbesondere. Das LKA hat übrigens diese Chatverläufe nicht ans Gericht übermittelt, sie hätten keine Zeit gehabt, sie auszuwerten, hieß es. Am Ende haben wir sie als Beweismittel eingereicht. Als die Nachrichten im Gericht vorgelesen wurden, hat der Richter gefragt, ob das ernsthaft angehende Lehramtsstudierende sind, die andere so angreifen."

Unterdessen fordern die Grünen in Berlin, das Neutralitätsgebot abzuschaffen, berichtet Uta Schleiermacher in der taz. "'Das wäre ein Riesengewinn, wenn wir auch in Berlin Polizistinnen mit Kopftuch hätten', sagt Tuba Bozkurt. Sie ist Sprecherin für Antidiskriminierung der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus und treibt den Antrag maßgeblich mit voran. 'Musliminnen, die Kopftuch tragen, sind Teil der Gesellschaft und diese Normalität sollte sich auch auf den Straßen, in Schulen und in der Verwaltung abbilden', findet sie. Von der Gewerkschaft der Polizei hieß es auf Nachfrage, ihnen seien bisher keine Polizistinnen bekannt, die im Dienst ein Kopftuch tragen wollten. Das Gesetz gilt seit 2005 und verbietet es Landesbediensteten, öffentlich sichtbare religiöse oder weltanschauliche Zeichen zu tragen. Die Debatte dreht sich seitdem allerdings vor allem um das Kopftuch, besonders an Schulen."

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In Familien ist es mittlerweile selbstverständlich über die Verstrickung der Großelterngeneration in den Nationalsozialismus zu sprechen, erklärt der deutsch-französische Psychologe Louis Lewitan, der zusammen mit dem Journalisten Stephan Lebert ein Buch zum Thema geschrieben hat, im NZZ-Interview mit Claudia Schwartz. Doch auch die deutsche Demokratie müsse stetig überprüfen, ob sie die Lehren aus dem Nationalsozialismus und der Shoah gezogen hat. "Ein Staat, der Antizionismus und Antisemitismus gewähren lässt, verliert seinen demokratischen Charakter. (...) Aus jüdischer Perspektive erwarte ich im Grunde das, was jeder Demokrat erwarten sollte: dass der 8. Mai als Tag der Befreiung gefeiert wird, weil der Nationalsozialismus besiegt wurde. Solange die Deutschen nicht begreifen, dass es keine Schande ist, den Krieg verloren zu haben, sondern es das Beste ist, was ihnen widerfahren ist, so lange bleibt unsere Demokratie fragil."

Alle reden von Bürokratieabbau. Aber das fördert nur die Staatsverdrossenheit und hat oft genug extrem bürokratische Folgen, erklärt in der FAZ der Soziologe Stefan Kühl: "Bei aller Widersprüchlichkeit im Detail laufen die Maßnahmen der Kommission und der Koalition auf ein umfassendes Bürokratiewachstumsprogramm zum Bürokratierückbau hinaus. Als Lösung für die Bürokratieprobleme gibt man sich nicht mehr mit einer von der Regierungszentrale eingesetzten 'Entbürokratisierungs-Beauftragten', einer bei einem Ministerium angesiedelten 'Geschäftsstelle Bürokratieabbau' oder einem 'starken Normenkontrollrat' zufrieden, sondern richtet gleich ein Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ein, das als eine Art 'Bürokratie-TÜV' ein weiteres Wuchern der Bürokratie verhindern, das Regulierungsgestrüpp durchforsten und unnötige Regeln entfernen soll. Kurz - die Lösung für zu viel Bürokratie wird in einer konsequenten Bürokratisierung der Entbürokratisierung gesehen." Auch Soziologe Armin Nassehi verteidigt im Gespräch mit Heike Schmoll auf der "Bildungswelten"-Seite der FAZ die Bürokratie: "Auch das Gerede von der Überbürokratisierung muss man wissenschaftlich untersuchen, denn bürokratische Regeln haben immer mit Anspruchsberechtigungen zu tun. Die Regeln sind ja nicht um ihrer selbst willen gemacht worden, sondern um Funktionsfähigkeit zu sichern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Gesellschaft

Die größte Sorge für sehr viele Menschen in Deutschland ist das Wohnen. Die Politik konnte ihr Vorhaben, 400.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen, nicht annähernd verwirklichen: Zu viel Bürokratie, zu hohe Kosten, zu wenig Fantasie - und das ist vielleicht eines der Hauptprobleme, fürchtet Niklas Maak in der FAZ: "Es wird angesichts der Wohnungsnot viel zu selten darüber geredet, wie das aussieht, was gebaut wurde. Den neuen Wohnbauten im bezahlbaren Sektor sieht man die Panik der Politiker an, die auf Teufel komm raus 400.000 neue Wohnungen wollten. Das Ergebnis sind allzu oft trostlose Wohnkisten, die auf die Äcker gemetert wurden, mit Wärmedämmung beklebte Kartons zur Verstauung von Wohnungssuchenden, mehr nicht. Der Siedlungsbau der Nachkriegszeit, erschaffen aus Trümmerschutt, war im Detail liebevoller als das, was in den vergangenen zehn Jahren an Schlafstätten entstanden ist."

Als Sensation feiert Maak ein aus recycleten Baumaterialien erstelltes Bauprojekt des Basler Büros Parabase.

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Stichwörter: Wohnungsbau, Nachkriegszeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2025 - Gesellschaft

Im Jahre 2000 verweigerte der aus Sri Lanka stammende Theologe Stephan Anpalagan den Wehrdienst, vor allem wegen eines starken Rassismus-Problems in der Truppe, wie er auf Zeit Online schreibt. Heute würde er Deutschland mit der Waffe in der Hand verteidigen: "Die Bundeswehr ist heute eine andere, als sie es in den 1990er-Jahren war. Die Probleme innerhalb der Truppe sind nicht behoben, zumindest aber existiert mittlerweile ein Problembewusstsein. Der Militärische Abschirmdienst wird seit einiger Zeit von einer Frau geführt, die den Kampf gegen Rechtsextreme endlich ernst zu nehmen scheint. Der Bundesverteidigungsminister ist glaubwürdig in seinem Bemühen, die Bundeswehr zu modernisieren und für Frauen, Migranten und Menschen aller Couleur zu öffnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2025 - Gesellschaft

Jens Spahn wirbt dafür, die AfD "zu zivilisieren"- dabei wurde er doch gerade aus deren Reihen während der Covid-Pandemie hart angegangen, wundert sich der Historiker Volker Weiß in der SZ und skizziert Spahns politische "Wendigkeit", die immer populistischere Züge trägt." In der CDU weiß er, die Zöpfe des alten Konservatismus abzuschneiden und wahlweise in liberalen und populistischen Tonlagen zu spielen. Dabei konnte er schon viele Rollen ausfüllen, während sein eigentliches Profil stets unscharf blieb. In letzter Zeit überwog das populistische Element, während die Liberalität hauptsächlich in wirtschaftlichen statt in kulturellen Fragen zutage trat."
Stichwörter: Spahn, Jens, Weiß, Volker, CDU, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2025 - Gesellschaft

In Berlin sind Plakate aufgetaucht, die zum Mord an dem taz-Journalisten Nicholas Potter aufrufen: Aufgemacht sind sie wie Fahndungsplakate, mit der Überschrift "Wanted", dem Slogan "From the river to the sea" und einem Foto Potters unter einem roten Dreieck, ein Symbol, das Feinde der Hamas markieren soll. Gefunden wurden die Plakate in der Nähe des Gebäudes der Humboldt-Universität das vor kurzem besetzt war und seit Mittwoch erneut besetzt ist, meldet Claudia Reinhard im Tagesspiegel. Die Plakate rufen auf Deutsch, Arabisch und Englisch dazu auf, "'denjenigen, die den Völkermord in Palästina ideologisch ermöglichen, keine Sekunde der Sicherheit' zu gönnen. 'Sie kommen in unsere Stadt und glauben, keiner würde sie zur Rechenschaft ziehen. Sie sind normale Menschen, die bluten wie jeder andere auch und sie können erniedrigt und eliminiert werden', heißt es im Text der bislang unbekannten Verfasser." Laut Reinhard wird Potter angegriffen, weil er über die Plattform "Red" recherchiert hat, die russische Propaganda verbreiten soll. Aber es geht natürlich um Potters Meinung zum Gazakrieg, wie Jakob Hayner in der Welt schreibt: "Potter wird angegriffen, weil er als Einzel- und Gegenstimme in einer linken Zeitung wie der taz wahrnehmbar ist. Dort wies er den Vorwurf zurück, Israel würde in Gaza einen Völkermord begehen, eine Behauptung, die unter Palästinafreunden zum guten Ton gehört." Die Chefredakteurinnen der taz protestieren aufs Schärfste gegen die Bedrohung ihres Mitarbeiters. Das Stichwort linke Gewalt taucht in ihrem Statement allerdings nicht auf. Statt dessen versuchen sie den Vorfall in allgemeine Angriffe auf die Presse einzuordnen und stellen klar: "Eine solche Qualität der Bedrohung ist bislang überwiegend aus dem rechtsextremen Spektrum bekannt."

So sah ein Gebäude auf dem Campus der Humboldt-Uni aus, nachdem die Polizei es gestern geräumt hatte:


Außerdem: Die Transfrau und ehemalige Grüne Valerie Wilms hat gerade ihre Autobiografie "Meine zwei Leben" veröffentlicht. Im Interview mit der NZZ kritisiert sie scharf das von der Ampel verabschiedete Selbstbestimmungsgesetz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2025 - Gesellschaft

Christoph Heinemann und Tom Kroll berichten in einer Reportage für die Zeit vom Hamburger Al-Azhari-Institut, das als Treffpunkt von Islamisten gilt, und dem Auftritt des Predigers Ahmad Armih alias Abul Baraa ebendort: "Abul Baraa ist Sohn palästinensischer Eltern. Als Kind kam er mit seiner Familie aus dem Libanon nach Deutschland, heute lebt er in Berlin. Lange war er Imam in einer Moschee im Wedding. Gegen 21.15 Uhr betritt Abul Baraa den Saal. Er trägt ein fließendes Gewand, sein Bart reicht bis auf die Brust. 'Überall in der Stadt hängen die Schwulenfahnen', sagt er. 'Ich bemitleide euch, meine Brüder. Darf man die abreißen?'"

Anfang April veröffentlichte die Internationale Union Muslimischer Gelehrter (IUMS) eine Fatwa, in der "der bewaffnete Kampf (Dschihad) gegen Israel" zur individuellen religiösen Pflicht für jeden Muslim erklärt wird. Auch gegen Verbündete Israels soll der Dschihad ausgeweitet werden. Das Thema wurde in deutschsprachigen Medien kaum aufgegriffen. Die Organisation gilt als einflussreich und soll den Muslimbrüdern nahestehen. Ziemlich sarkastisch kommentiert Kamel Daoud vor einigen Tagen in Le Point: "Kurz gesagt, Katar finanziert die Theologen des Verbands der 'Gelehrten'. Diese fordern von den Palästinensern, zu sterben, damit der Krieg weitergeht, und rufen die Ärmsten der arabischen Welt auf, ihrem Elend durch Dschihadismus einen Sinn zu geben (kein Katarer wird nach Gaza gehen). Letztlich liefern sie Rechtfertigungen für die extreme Rechte Israels, um ihre Armee in einen endlosen Krieg und eine ausweglose Sackgasse zu führen. Was dagegen Palästinenser betrifft, die gegen die Hamas protestieren... Ihnen wird tausendfach vorgeworfen, gottlos, abtrünnig und verräterisch zu sein. Man findet, dass sie es nicht verdient zu leben, da sie nicht zu sterben wussten."

Dass es Irre in allen Religionen gibt, lernt man bei hpd, wo Oranus Mahmoodi die "Theo Bros" vorstellt, eine christliche Sekte in den USA, die das Wahlrecht für Frauen abschaffen will. "Die neuen Gotteskrieger rekrutieren sich vor allem online. Mit ihren Clips in den Sozialen Medien verbinden die 'Theo Bros' christliche Botschaften mit der Meme-Ästhetik der Internet-Subkultur. ... Sie glauben, dass ihre Nation (etwa die USA oder auch europäische Länder) ein christlicher Staat sein müsse, exklusiv für Christen, natürlich nur für weiße Christen. Frauen- und Minderheitenrechte sind ihnen ein Graus. 'Gehören Frauen in einer christlichen Nation überhaupt an die Wahlurne?', fragt rhetorisch etwa der texanische Pastor Joel Webbon - und antwortet selbst mit 'Nein'."

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In der Zeit unterhält sich Elisabeth von Thadden mit der Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas über deren Buch "Unverdiente Ungleichheit", das unsere Erbengesellschaft aufs Korn nimmt. Viel zu wenig bekannt sei, so Linartas, dass "Deutschland neben Ländern wie den USA und Mexiko zu einer der ungleichsten Demokratien der Welt zählt und sich von einer Leistungsgesellschaft zu einer Erbengesellschaft entwickelt hat, in der weniger als die Hälfte aller privaten Vermögen im Laufe des eigenen Lebens aufgebaut wurde. Der größere Teil des Vermögens besteht aus Erbschaften und Schenkungen. Es läge in einer Demokratie nahe, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen diese Ungerechtigkeit protestiert und dass sie wie die Wissenschaft nach Besteuerung oder Abgaben ruft. Aber das tut sie nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2025 - Gesellschaft

Gerade läuft ein weiteres Verfahren gegen Harvey Weinstein (taz-Bericht). Unter dem Eindruck seines Falls sind in vielen Ländern in Europa "Ja-heißt-Ja"-Regelungen erlassen worden. Wenn sich jemand nur passiv verhält, heißt das nicht, dass der Sex einvernehmlich war, erklärt die ehemalige Oberstaatsanwältin Sabine Kräuter- Stockton im Gespräch mit Lotte Laloire in der taz. Denn es muss eine Zustimmung geben und "diese muss frei und aufgeklärt, spezifisch, im Voraus und widerruflich sein". Gerichtsverfahren würden dann anders ablaufen, auch wenn nach wie vor das Opfer im Mittelpunkt stehe: "Von betroffenen Frauen würde dann nicht mehr wie bisher verlangt, sich gegen unerwünschte Sexualkontakte körperlich oder zumindest deutlich erkennbar zur Wehr zu setzen, um sie zu vermeiden. Schließlich läge es am Angeklagten, zu erklären, wie er auf die Idee kam, sie hätte zugestimmt. Verfahren würden weiterhin lange dauern und belastend sein. Aber die Fragen an die Beteiligten wären anders, und vor allem würde sich das Gefühl ändern, mit dem eine betroffene Person, ein Opfer, am Ende aus dem Prozess herausgeht."

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Lange Zeit herrschte in deutschen Familien über die Nazizeit, zumal wenn sie wie so oft verwickelt waren, das berühmte "kommunikative Schweigen". Das geht jetzt zu Ende, sagt der deutsch-französische Psychologe Louis Lewitan im Gespräch mit Harry Nutt in der FR - vielleicht auch weil die Täter nun gar nicht mehr leben? Jedenfalls ist es "heute legitim, Zweifel an den Erlebnisberichten der Väter und Großväter zu haben, etwa an der Behauptung, 'danebengeschossen' zu haben oder daran, dass die Großmütter und Mütter von 'alledem nichts gewusst haben'. Achtzig Jahre nach der sogenannten 'Stunde Null' können die in einer Demokratie aufgewachsenen Bürger und Bürgerinnen dieses Landes Fragen stellen, ohne als Verräter gebrandmarkt oder als Lügner abgestempelt zu werden. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Demokratie lebt." Zusammen mit Stephan Lebert legt Lewitan in diesen Tagen das Buch "Der blinde Fleck" vor.

Gestern hatten wir einen Tweet eingebettet, der behauptete, eine Straßburger Bäckerei sei von "propalästinensischen" Demonstranten als "israelisch" belagert worden. Ganz so war es nicht - die Straßburger Stadtverwaltung hat dementiert. Auch die Autorin des Tweets, die Gleichstellungsministerin Aurore Bergé, korrigiert. "Die Bäckerei wurde glücklicherweise nicht, wie es im Video schien, ins Visier genommen. Ich bedaure, es nahegelegt zu haben. Passanten haben dort Sicherheit gesucht. Sie wurden ins Visier genommen. Unter Geschrei - 'Diese Leute sind Kriminelle' - während einer Demonstration des 'Collectif Strasbourg Palestine'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2025 - Gesellschaft

Es ist nicht das erste Mal, dass der Gedenkort Buchenwald für ideologische Zwecke missbraucht wird, erklärt Anetta Kahane in der FR mit Blick auf die Ausladung Omri Boehms als Redner zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZs (unsere Resümees). Seine Theorie des radikalen Universalismus bezeichnet sie als "vergiftete Polemik" und schlägt den Bogen zur DDR: "Der Universalismus der kommunistischen Ideologie ignorierte die antisemitische Grundidee des Nationalsozialismus und erhob stattdessen den Klassenkampf zur universalisierten Erklärung für alles. Das war nicht nur ignorant gegenüber den Juden, die langsam aus der Erinnerung gedrängt wurden, und dem, was Antisemitismus bedeutet. Das war vor allem eines: Erinnerungsabwehr. Die Universalisierung der Opfer entlastet aus jeder Verantwortung. Wenn der Faschismus nur ein Produkt des Kapitalismus ist, dann ist Schuld keine menschliche Konsequenz barbarischen Handelns. Monopolkapitalisten im Westen waren schuld? Und nicht das Volk da unten in Weimar, wo Goethes Haus stets in Ehren gehalten wurde."

Auf das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania Josh Shapiro, der als demokratischer Präsidentschaftskandidat im Gespräch war, ist ein Brandanschlag verübt worden - er und seine Familie sind gerettet worden.


In Straßburg wurde eine Bäckerei von "propalästinensischen" Demonstranten belagert, weil sie angeblich "israelisch" ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2025 - Gesellschaft

Die Osteuropahistorikerin Marci Shore und ihr Mann Timothy Snyder haben einen Ruf ans Munk College in Toronto angenommen, und für ihren Weggang aus Amerika werden sie nun allenthalben als die ersten Exilanten des Trump-Regimes interviewt. Marci Shore sagt dazu im Gespräch mit Tania Martini von der FAS: "Die Munk School for Global Affairs an der Universität Toronto hat mich und meinen Mann schon vor fast drei Jahren angesprochen, und es gab viele gute Gründe, auch ungeachtet der aktuellen Politik, das Angebot anzunehmen. Ich habe es geliebt, in Yale zu unterrichten; es war ein Privileg." Angriffe der Trump-Regierung auf Timothy Snyder gab es allerdings tatsächlich. J.D. Vance hatte auf Twitter geschrieben, Snyder, einer der engagiertesten Unterstützer der Ukraine, sei eine "Schande für Yale". Was dann nicht geschah, dürfte die Entscheidung für Kanada begünstigt haben: "Die Uni schwieg. Weder die Verwaltung noch unsere Kollegen an der juristischen Fakultät, die meiner Meinung nach eine besondere Verantwortung haben angesichts der Rolle, die die Yale Law School im Allgemeinen und 'Tiger Mom' Amy Chua im Besonderen in der Erfindung von J. D. Vance gespielt haben - sie war seine Professorin -, haben Tim öffentlich verteidigt."

Auch Anne Applebaum äußert sich im Spiegel-Gespräch mit Jonas Breng und Katja Iken zur Geschichtspolitik Trumps eher vorsichtig zu den - nun ja - doch eher ausbleibenden Protesten an amerikanischen Unis: "Erstens sind nicht alle leise, zweitens ist es die akademische Welt schlicht nicht gewohnt, derart vehement angegriffen zu werden. Hinter den Kulissen gibt es viele Gespräche darüber, wie man sich am besten wehren kann. Was wir benötigen, sind gemeinsame Initiativen. Allein kann niemand etwas gegen diesen Wahnsinn ausrichten."