9punkt - Die Debattenrundschau

Fragezeichen! Im Ernst?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2020. Eine zweite Amtsperiode Donald Trumps könnte an der Coronakrise scheitern, hofft Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im Interview mit Zeit online. "Welche Israel-Kritik ist antisemitisch", fragt der israelische Philosoph Omri Boehm in der SZ anlässlich der Mbembe-Debatte. Ja, Grundrechte waren eingeschränkt, aber sie waren nie außer Kraft, schreibt die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff in der FAZ. Und Handauflegen wirkt bei Corona. Aber tödlich, muss hpd.de feststellen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2020 finden Sie hier

Ideen

Engels in der Hängematte: Bild aus der Ausstellung, Stadt Wuppertal


In Wuppertal wurde eine Ausstellung aus Anlass von Friedrich Engels' 200. Geburtstag eröffnet, die offenbar auch chinesische Touristen anziehen soll, denn davon kamen vor Corona 600.000 im Jahr nach Wuppertal, nur wegen Engels, und gaben laut chinesischem Botschafter 800 Euro pro Kopf aus, berichtet Max Florian Kühlem in der taz. Und zur Ausstellung: "Den aus heutiger Sicht schwierigen Spagat, den Engels zeitlebens ausführte, symbolisieren Ausstellungsstücke wie Schlittschuhe aus dem 19. Jahrhundert (schnürbare Lederriemen über verrosteten Kufen), ein Kartenspiel, ein Fechtdegen und eine Zeichnung, in der sich Friedrich Engels, der zur Zeit seiner Ausbildung gern mit Hängematte und Zigarre im leeren Kontor chillte, selbst karikiert und sein Lebensmotto beschreibt: 'Take it easy.' Dabei kann das eigentlich nicht so leicht gewesen sein: Früh gegen den kapitalistischen und religiösen Geist seiner Heimat aufzubegehren, Anfang des 19. Jahrhunderts frei und republikanisch zu denken, Revolutionär zu sein und gleichzeitig Unternehmer, der an der Börse spekuliert."

"Welche Israel-Kritik ist antisemitisch? Das ist keine unwichtige Frage, aber die Realität hat sich verändert und die Debatte über diese Frage wird sich ebenfalls ändern müssen", meint der israelische Philosoph Omri Boehm in der SZ anlässlich der Debatte um Achille Mbembe und skizziert das Dilemma pro-israelischer Deutscher: "Zwar misstraut die israelische Botschaft in Berlin der AfD, aber warum sollte die Partei nach Orbán und Trump nicht ebenfalls in Yad Vashem willkommen geheißen werden? Während die 'böse' EU eine Sanktionsliste gegen Israel wegen der Annexionen im Westjordanland vorbereitet, würde die AfD als Partei auftreten, die als einzige der deutschen Vergangenheit treu geblieben ist. Sie unterstützt Israels ethnischen Nationalismus aus vollem Herzen und pflegt keine scheinheiligen Vorbehalte gegen Annexionen oder verschiedene Rechtssysteme für Juden und Araber. Stattdessen stehen liberale Deutsche, die Israel kritisieren, als abstoßende Israel-Hasser da."

Wir rühmen uns in Europa zwar gern für unseren Individualismus, tatsächlich ist die westeuropäische Gesellschaft jedoch "durch Konformismus gekennzeichnet", meint der Ideenhistoriker Christian Marty in der NZZ: "Am Parteitag wird 'Geschlossenheit' propagiert. Am Arbeitsplatz ist 'Teamwork' angesagt. Und in einer Vielzahl von universitären Zirkeln herrscht eine geistlose Übereinstimmung der Ansichten - vor allem bei Fragen zur sozialen Gerechtigkeit, zur ökologischen Nachhaltigkeit oder zum Verhältnis der Geschlechter haben Intellektuelle in den meisten Fällen die genau gleiche Meinung. Ein gewitzter Soziologe aus Berlin hat unlängst gesagt, auch im Intellektuellenmilieu herrsche der 'Grokon', der große Konsens."
Archiv: Ideen

Gesellschaft

Außer dass sie seltener an Covid-19 sterben sind Frauen in der Coronakrise wesentlich schlechter gestellt, sagt Caroline Criado-Perez, Autorin des Buchs "Unsichtbare Frauen" in der taz: "Viele Pflegerinnen haben mir erzählt, dass ihnen die Schutzausrüstung im Krankenhaus nicht passt, denn auch diese wurde nach der männlichen Norm designt. Persönliche Masken gab es nicht, und die standardisierte passte vielen nicht, und das, obwohl ein Großteil der Pflegerinnen weiblich ist. Es sind also Frauen, die sich um uns kümmern sollen, aber wir kümmern uns gar nicht um ihre Sicherheit." Criado-Perez konstatiert einen "Gender Data Gap", aber auch so etwas wie einen "Race Data Gap", und fordert die Erhebung "intersektionalen Daten".

Ja, Grundrechte wurden eingeschränkt, schreibt die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff in der FAZ: "Das alles spielte und spielt sich aber, jedenfalls dem Anspruch nach, in dem ganz normalen Rahmen ab, den die Verfassung für verordnungsrechtliche Regelungen und für Grundrechtseinschränkungen auf gesetzlicher Grundlage vorsieht. Kein einziges Grundrecht ist außer Kraft gesetzt in dem Sinne, dass man sich nicht mehr wirksam darauf berufen könnte." Lübbe-Wolff verweist auf die gerade erschienene Habilitationsschrift Anna-Bettina Kaisers zum Thema "Ausnahmeverfassungsrecht".

Georg Diez zieht in seiner taz-Kolumne radikale Konsequenzen aus der Coronakrise. Die Einleltung zu seinem Artikel macht es schon klar: "Dass es nach Corona nicht weitergehen kann wie bisher, liegt auf der Hand. Es ist nur noch nicht klar, was danach kommt. Die Antwort muss komplex sein." In anderen Worten: Wir wissen nicht, wie's weitergeht, wir haben wirklich keine Ahnung. Und wir wissen nicht, was wir machen sollen. Im Text wird's etwas konkreter: "Es wäre die Chance, ausgehend von Corona grundsätzliche Gegebenheiten unseres Lebens, unseres Wirtschaftens, unserer Politik neu zu bedenken: weniger Egoismus, mehr für andere da sein, weniger kaufen, mehr teilen, weniger Gewinn, mehr Sinn, weniger Regieren als Reagieren und mehr Ambition und Aktion im Gestalten der Zukunft, eine andere Funktion des Staats."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Coronakrise, Corona, Race, Covid-19

Politik

Eine zweite Amtsperiode Donald Trumps könnte an der Coronakrise scheitern, hofft der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im Interview mit Zeit online. Vor allem weil die vom Kongress beschlossenen Hilfen unten gar nicht ankommen: "In den USA ist beispielsweise eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht gesetzlich vorgeschrieben. Inmitten einer Pandemie wollen sie nicht, dass kranke Menschen arbeiten gehen. Millionen von Amerikanern leben jedoch von der Hand in den Mund, sie besitzen keine Reserven. Im Kongress wurde deshalb eine obligatorische Lohnfortzahlung beschlossen, wenn jemand an Corona erkrankt. Die geballte Lobbymacht der großen Unternehmen hat es aber geschafft, dass alle Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern davon ausgenommen wurden. Mit anderen Worten: Für mehr als die Hälfte aller Beschäftigen in den USA hat das Gesetz keine Wirkung."

Trump kommt auch anderweitig unter Druck: Seine Lieblingsplattform Twitter erregte seinen Zorn, weil sie erstmal die Leser unter einem seiner Posts zum Fact-Checking aufforderte, berichtet unter anderem  Libération.





Und in der New York Times berichtet Kara Swisher über den Aufsehen erregenden Brief eines Witwers, der Twitter-Chef Jack Dorsey auffordert, eine Verschwörungstheorie, die Trump auf Twitter über seine Frau verbreitete, zu löschen.
Anzeige
Archiv: Politik

Medien

Christian Drosten hat die Kritik der Bild-Zeitung an seiner Corona-Studie ziemlich lässig gekontert. Auf Zeit online ärgert sich Corinna Schöps dennoch über die lieben Kollegen: Es sei "ein Irrsinn, was die Bild-Zeitung dem Virologen Drosten vorwirft: Eine kleine Studie seines Teams von Ende April - in der nebenbei eine kleine virologische Facette untersucht wurde - sei Schuld daran, dass die Kitas und Schulen geschlossen worden seien. Was sie übrigens seit März sind. So wird ein Wissenschaftler in seiner fachlichen Kompetenz und in seiner Redlichkeit diskreditiert, um Wissenschaft selbst zu diskreditieren. Was die Bild dazu inhaltlich zusammenträgt, ist in dieser Verkürzung und Interpretation nicht richtig." Die Bild legt heute nach.

Was Bild und der Redakteur Filipp Piatov da machen, ist nebenbei auch schlechter Boulevardjournalismus, schreibt Georg Streiter, selbst dreißig Jahre bei der Bild, auf Facebook: Denn "wenn Herr Piatov auch nur einen Hauch Ahnung hätte vom Boulevard-Journalismus, dann wüsste er: Was in der Schlagzeile steht, sollte auch im Text stehen. Da steht es aber nicht. Da steht nur die von Herrn Piatov selbst aufgeworfene FRAGE: 'Sind unsere Schulen und Kitas dicht, weil Drosten sich verrechnet hat?' Fragezeichen! Im Ernst?"
Archiv: Medien

Internet

Die Wikimedia-Stiftung gründet WirLernenOnline.de, eine Plattform und Suchmaschine für freie Bildungsinhalte. Julia Barthel hat für Netzpolitik mit Heike Gleibs gesprochen, die das Projekt leitet: "Wir haben größere Player, etwa Sender des öffentlich-rechtliche Rundfunks, deren Inhalte auch über unsere Plattform sichtbar werden. Gerade arbeiten wir daran, die Seite weiterzuentwickeln und Themen-Portale einzurichten. Das machen wir gemeinsam mit ehrenamtlichen Lehrkräften. Dann kann ich sehr gezielt zum Beispiel auf das Fach Deutsch gehen und finde dort ein redaktionell erstelltes Angebot."
Archiv: Internet

Religion

Corona und Religion. Folgende Geschichte aus Kamerun erzählt Hella Camargo heute bei hpd.de: "Statt mit Covid-19 diagnostizierte Personen zur Selbstquarantäne aufzurufen und die Gemeinde um Hilfen für die Erkrankten zu bitten, gab sich Pastor Franklin Ndifor als Prophet und Heiler aus, der Covid-19 mittels Handauflegen heilen könne. Nach dem Kontakt mit zahlreichen Infizierten erkrankte Ndifor schwer und verstarb letzte Woche 39-jährig in seinem Haus in Bonabéri bei Douala am Virus."
Archiv: Religion

Kulturmarkt

Bücher können kaum noch nach Amerika geschickt werden und umgekehrt, meldet das Branchenmagazin Buchmarkt: "Die Corona-Pandemie verursacht aktuell beim Versand von Paketen und Briefen ins Ausland deutliche Probleme. Nach Angaben des Weltpostvereins sei das globale Postnetz sogar 'kollabiert'.  Grund für die starken Einschränkungen seien Annahmestopps von Zielländern, aber auch Grenzkontrollen sowie mangelnde Transportkapazitäten in Flugzeugen."
Archiv: Kulturmarkt

Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Kaushik Roy daran, dass indische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine größere Rolle spielten, als ihnen oft zugebilligt wird. Und zwar auch von den eigenen Leuten, denn sie kämpften ja gewissermaßen für das Empire: Die Freiwilligenarmee, die die Briten in Indien aufbauten, "bestand zu fast 80 Prozent aus Soldaten, die zuvor als Bauern gelebt hatten. In dieser bäuerlichen Gesellschaftsschicht war der Nationalismus seinerzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Viele Landwirte begaben sich ohne weiteres in die Kolonialarmee und waren bereit, den Krieg der Imperialisten zu fechten - weil diese sie gut und regelmäßig bezahlten. Liebe zu den Briten trugen diese Soldaten nicht im Herzen, sie waren aus ökonomischen Gründen zur Armee gegangen, das hatte schon Gandhi geschrieben. Aber Tatsache bleibt, dass es zwischen 1939 und 1945 zu keinen namhaften Meutereien kam und die meisten Soldaten also einigermaßen zufrieden waren mit dem Dienst." Das änderte sich erst nach dem Krieg.
Archiv: Geschichte