9punkt - Die Debattenrundschau

Das Wort heißt "unter dem Volk"

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2019. Die New York Times bringt all jenen, die in China das Erbe der Dissidenz hochhalten, eine Hommage dar. In Le Monde erzählt der Sinologe Sebastien Veg, wie die Minjian-Intellektuellen auch dreißig Jahre nach dem Tienanmen-Massaker eine Geschichte von unten schreiben. Hubertus Knabe zeigt in seinem Blog am Beispiel Taiwans, wie Vergangenheitsbewältigung in China aussehen könnte. Im Guardian schreibt Ai Weiwei über die Angst vor Fakten. Wir bringen einen Schwerpunkt. Außerdem: Frauen in der deutschen Politik und Krise der Sozialdemokratie.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2019 finden Sie hier

Politik

Schwerpunkt: Das Massaker auf dem Tienanmenplatz am 4. Juni 1989 und chinesische Dissidenten heute

Die Göttin der Demokratie sah am Platz des Himmlischen Friedens dem großen Mao-Porträt in die Augen. Foto: Wikimedia, CC-Lizenz.
Ian Johnson bringt in der New York Times all jenen, die die Erinnerung an den 4. Juni 1989 hochhalten, eine Hommage dar. Und das sind gar nicht so wenige, schreibt er, es gebe eine ganze Bewegung der "inoffiziellen Geschichte": "Es handelt sich um Autoren, Filmemacherinnen, Dichter, Künstler, Singer-Songwriter und Intellektuelle. Manche arbeiten am Rand der Gesellschaft, ihre Werke werden schnell verboten und oft nur außerhalb Chinas gezeigt und publiziert. Andere stehen mit einem Fuß im Mainstream und versuchen, ihre Ideen in China zu verbreiten, meist mittels sozialer Medien. In den letzten Jahren habe ich über einige dieser Leute geschrieben, etwa den Künstler Hu Jie oder den Gelehrten Ai Xiaoming, die bahnbrechende Dokumentationen über politische Verfolgungen herausgebracht haben."

Den Begriff der "inoffiziellen Geschichte" bezieht Johnson von dem französischen Sinologen Sebastian Veg, der in der Columbia University Press ein ganzes Buch über das Phänomen veröffentlicht hat, "Minjian - The Rise of China's Grassroots Intellectuals". Diese Autoren betreiben eine Art Geschichte von unten, die etwa mit "Müllarchiven" arbeite, Archiven aus Firmen oder Familien, die von der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung nicht beachtet werden. Im Gespräch mit Frédéric Lemaître von Le Monde erklärt Sebastian Veg, wie sich die Minjian-Intellektuellen definieren: "Das Wort heißt 'unter dem Volk', man kann es mit 'inoffiziell' oder 'populär' übersetzen. Dieser heikle Begriff bezeichnet die nicht staatliche Sphäre, hat aber auch eine Konnotation von 'nicht Elite'. Diese Intellektuellen zeichnen sich durch vier Merkmale aus: Ihre Interventionen sind spezifisch, das heißt, sie sprechen über konkrete Probleme. Sie definieren sich über Randgruppen. Sie drücken sich in öffentlichen Foren aus, und sie stehen weder auf der Seite des Staats, noch auf der Seite des Markts." Allerdings wird dieser Gruppe schon seit Jahren heftig zugesetzt, seit 2015 sind etwa viele Anwälte, die eine wichtige Rolle in dieser Bewegung spielen, inhaftiert worden, erzählt Veg.

An Taiwan kann man sehen, wie Vergangenheitsbewältigung in China aussehen könnte, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog. Die heutige Regierung hat sich für die Verbrechen des Chiang Kai-Shek-Regimes entschuldigt. Zwei Museen widmen sich diesen Verbrechen: "Die Ereignisse bilden einen zentralen Bezugspunkt für die nationale Identität. Selbst junge Taiwanesen können in der Regel genau sagen, was sich vor mehr als siebzig Jahren zugetragen hat."

Ai Weiwei schreibt im Guardian zur Unterdrückung der Geschichte in China: "Warum fürchten autokratische und totalitäre Regimes - eigentlich alle Formen der Macht - Fakten? Der einzige Grund ist, dass sie ihre Macht auf ungerechte Fundamente gestellt haben. Sobald die Fakten wiederhergestellt sind, wird die Gerechtigkeit einziehen." Ai Weiwei solidarisiert sich in dem Artikel mit Julian Assange.

Und die Journalistin und Buchautorin Rowena Xiaoqing He macht ebenfalls im Guardian klar, dass es in China eine Menge Leute gibt, die sich den Mund nicht verbieten lassen: "Trotz des Drucks Pekings auf die Hongkonger Presse produzierten Journalisten, die 1989 die Tiananmen-Bewegung in Peking berichteten, kürzlich ein Interviewprogramm mit dem gemeinsamen Titel: 'Ich bin Journalist - Meine Geschichte vom 4. Juni'. Es ist ihr Beitrag, das kollektive Gedächtnis am Leben zu erhalten."

Die öffentlich-rechtlichen Radiosender erinnern mit einer Vielzahl von teils sehr intensiven Features an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Matthias Boelinger erzählt im BR die Geschichte eines protestierenden Studenten, dessen Vater zu diesem Zeitpunkt Parteisekretär war. Ein SWR-Feature befasst sich damit, wie das historische Ereignis in China aus dem Gedächtnis getilgt wird. Im Dlf Kultur werfen Axel Dorloff und Steffen Wurzel ihrerseits einen Blick auf die Tabuisierung des Erinnerns. Außerdem hatte der Sender mit dem Schriftsteller und Dissidenten Liao Yiwu gesprochen.
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Ideen

Wer ist eigentlich "das Volk", fragt sich Robert Misik in der NZZ. Offenbar nicht die Bevölkerung. Aber warum sind manche - der "kleine Mann" - mehr Volk als andere? "Schon die Redewendung vom einfachen Volk kommt ohne ein gewisses Ressentiment nicht aus, also ohne Abgrenzung: Das andere muss gar nicht explizit angesprochen sein, es konstituiert das einfache Volk. Ohne 'die da oben' kein einfaches Volk. Gäbe es nicht diese weitverbreiteten (Selbst-)Bilder vom einfachen Volk, wäre die Rhetorik des Populismus ja einfach nur absurd. Der schwingt sich zur 'Stimme des Volkes' auf, zu dessen 'eigentlicher' Vertretung. Parteien, die bei Wahlen oft nur 12, 18 oder 25 Prozent der Stimmen erhalten, können sich so als die Stimme des Volkes bezeichnen, das nicht gehört wird. Obwohl also objektiv allenfalls eine Stimme einer Minderheit, wird diese Minderheit als etwas verstanden, was das Ganze repräsentiert, und umgekehrt kann jemand, der eigentlich die Zustimmung der Mehrheit hinter sich hat, im Extremfall sogar als Feind des Volkes hingestellt werden. Das wäre ja eine völlig irrsinnige rhetorische Operation, gäbe es nicht die unausgesprochene Vorstellung, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung das Volk ist und alle anderen eben nicht."
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Stichwörter: Volk, Populismus

Europa

So weltoffen und tolerant wie ihr Ruf ist, sind die Dänen gar nicht mehr, erklärt der Schriftsteller Carsten Jensen in der FAZ mit Blick auf den Aufstieg der rechten bis rechtsradikalen Parteien in Dänemark. Er findet dafür vor allem psychologische Gründe: "Die drei skandinavischen Wohlfahrtsdemokratien Norwegen, Schweden und Dänemark haben eine Reihe identischer historischer Voraussetzungen. Kleine, ethnisch homogene Bevölkerungen haben soziale Ungleichheit hässlich sichtbar werden lassen und den egalitären Gedanken gestärkt. Im Geist der protestantischen Ethik, die Fleiß höher bewertet als alle anderen Tugenden, stand zur Schau gestellter Reichtum unter Verdacht. Durch das moralische Gefühl der Überlegenheit ließ sich fremder Einfluss als korrumpierend zurückweisen. Die skandinavische Persönlichkeit ist geprägt von einer paradoxen Haltung. Bescheiden, beinahe anonym in ihrer Erscheinung, ist der Skandinavier gleichzeitig von einem Größenwahn besessen, der ihn und seine eigenen Tugenden emporhebt und dadurch jedes Zusammenleben mit fremden Kulturen erschwert.

Der Umgang mit Frauen in der deutschen Politik: Das ist generell ein Trauerspiel, meint Cerstin Gammelin auf süddeutsche.de nach dem Rücktritt von Andrea Nahles: "Wie weit Sexismus reicht, haben in Deutschland alle Frauen an der Spitze der Volksparteien erfahren: Nahles musste sich abschätzige Bemerkungen gefallen lassen, weil sie eben mal im Bundestag ein Lied anstimmte. Sie wurde für ihre Kleidung kritisiert und für ihre Neigung, gelegentlich ins Prollige zu gleiten. Wann ist jemals einem Mann sein ewig schwarzer Anzug oder ein derber Witz so grundsätzlich angekreidet worden? In der CDU sieht es übrigens kaum besser aus. Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihre Kleidung umgestellt, statt Kleidern trägt sie Jackett, um souveräner zu wirken. Ihre Faschingswitze haben ihr Spott und Häme eingetragen. ... Der komplette Rückzug einer so leidenschaftlichen Politikerin wie Nahles aus allen Funktionen führt nachdrücklich vor Augen, dass in Deutschland noch viel zu tun ist, um die verkrusteten Strukturen des Patriarchats aufzubrechen. Eine Merkel macht noch keine Moderne."
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Internet

Apple will Itunes abschaffen. Hannes Schrader erklärt der Generation Z in Zeit online noch einmal, was es damit auf sich hatte: "Als iTunes 2001 vorgestellt wurde, war es eine App, um die eigene Musiksammlung zu sortieren.  Als Apple dann den iPod vorstellte, wurde die Musik mit iTunes auf den iPod übertragen. Anschließend kam der iTunes Music Store, in dem man Musik kaufen konnte, Podcasts wurden integriert, und Hörbücher."
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Stichwörter: Apple, Itunes

Gesellschaft

Barbara Dribbusch beschimpft in der taz den "abgewanderten Wähler oder abgewanderte Wählerin der Sozialdemokraten", kurz ASW, der mit seinem Egoismus und seinem Anspruchsdenken der wahre Schuldige am Niedergang der Sozialdemokratie sei: "Diese Ironie hast du geschaffen, ASW: Genau die Partei, die sich den Kampf gegen Ungerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, wird von dir am ungerechtesten behandelt. Dabei haben sie streckenweise durchaus ordentliche Arbeit geleistet. Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte: Frauenwahlrecht, Bildungsreform, Tarifrecht, Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. All die Sachen, warum das Ausland Deutschland für eine Art beschützte Werkstatt hält, gehen zu großen Teilen auf das Konto der Partei, die du, ASW mal gewählt hast, bevor du in der politischen Regression versankst."

Kommerzielle Spionagesoftware für Handys wird am liebsten von Männern eingesetzt, die damit ihre Partnerin überwachen, die davon oft gar nichts ahnen, berichtet auf Spon. "Auswertungen von Vice zufolge hatte allein die Spionagesoftware FlexiSpy mindestens Tausend deutsche Kunden - etwa 80 Prozent davon Männer. 'Die Beratungsstellen berichten uns zunehmend von Fällen, bei denen Spyware oder konkret Spionage-Apps auf dem Smartphone eine Rolle spielen', sagt Anna Hartmann vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff). Auch in einer Umfrage unter bff-Beratungsstellen von 2017 warnte eine Beraterin vor Spionagesoftware: 'Das häufigste Problem ist, dass Frauen, die von häuslicher Gewalt oder Stalking betroffen sind, jetzt auch davon ausgehen müssen, dass sich auf ihrem Smartphone Spyware befindet.'"
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Weiteres

Demnächst wird die Post teurer: 80 Cent statt 70 soll künftig ein Brief kosten. Aber das gilt nur für Privatleute, Selbständige und Kleinunternehmer. Große Kunden und Behörden bekommen einen ordentlichen Rabatt, und das von einem Unternehmen, das immer noch zu 21 Prozent dem Staat gehört, ärgert sich Benedikt Müller auf süddeutsche.de. Gleichzeitig wird der Service immer schlechter: "Kunden beklagen etwa, dass die Post in einzelnen Straßen tage- oder gar wochenlang keine Briefe ausgetragen habe - vor allem montags oder samstags nicht. Dass Sendungen in der Folge zu lange unterwegs seien. Oder dass die Post ihre Briefkästen immer seltener oder immer früher am Tag leert. Keine Frage: Politik und Gesellschaft sollten diskutieren, wie schnell ein Brief in der digitalen Welt wirklich ankommen muss; ob es noch zeitgemäß ist, dass die Post laut Gesetz an allen Werktagen zustellen muss. Doch solange derlei Verordnungen noch gelten, sollte es sich der Staat nicht gefallen lassen, dass ein Post-Konzern regional Tatsachen schafft und phasenweise die Arbeit einstellt. Es ist deshalb richtig, dass der Bund derzeit Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Postdiensten diskutiert." (Übrigens wird auch das Porto für Büchersendungen ab dem 1. Juli deutlich teurer!)
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Stichwörter: Porto, Büchersendung

Medien

Der Springer Verlag will sich bekanntlich von dem Finanzinvestor KKR kaufen lassen. Allerdings wird die Mehrheit von Friede Springer, Mathias Döpfner und zwei Springer-Enkeln gehalten, über deren Verkaufsbereitschaft nichts bekannt ist. Gelingt die Übernahme, stellt Peter Weißenburger den Zeitungen Bild und vor allem Welt in der taz keine gute Prognose, denn Investoren verlangen in der Regel, dass defizitäre Unternehmensbereiche abgestoßen werden: "Das Geschäft mit den gedruckten Zeitungen ist verlustreich, weil Abonnements und Kioskverkäufe zurückgehen und ebenso die Preise von Anzeigen. Schon im Frühjahr hatte der Konzern angekündigt, die Auflage der werktäglichen gedruckten Welt zurückzufahren. Nun könnte es schon viel schneller dazu kommen, dass dieses Produkt eingestellt wird. Es wäre die erste der großen deutschen Tageszeitungen, die diesen Weg geht."
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