9punkt - Die Debattenrundschau

Theoretisch sehr brillant

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2018. "Wer die 'Gelben Westen' beleidigt, beleidigt meinen Vater", sagt Edouard Louis in den Inrocks (und deutsch in Zeit online). Auch Annie Ernaux erklärt in der Zeit ihre Sympathie für die Bewegung. Die Kräfte, die von der Straßengewalt profitieren, können nicht nur Frankreich in den Abgrund stoßen, warnt dagegen Natalie Nougayrède im Guardian. Das "Zentrum für politische Schönheit" hat seinen soko-chemnitz-Pranger vom Netz genommen. Die Nachtkritik findet die Aktion gut.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2018 finden Sie hier

Europa

Im Interview mit der Zeit ist die französische Schriftstellerin Annie Ernaux voller Sympathie für die Proteste der Gilets jaunes, der Gelbwesten. Zwar sind es nicht die ganz Armen, die hier protestieren, aber doch Menschen, die sich abgehängt fühlen und nicht respektiert: "Es gibt einen Graben zwischen denen, die weiterhin vom Liberalismus profitieren, die in Zukunftsberufen arbeiten, und den Leuten, die Dienstleistungsberufe haben, als Krankenschwester, als Sekretärin und auch Arbeiter. Sie haben das Gefühl, festzustecken und nicht voranzukommen. ... Ich bin davon überzeugt, dass die französische Verfassung nicht mehr zeitgemäß ist mit ihrer Form der Präsidialdemokratie. Die Demokratie müsste sich den Bürgerbewegungen annähern. Doch das wird in der Nationalversammlung von den Macronisten blockiert."

"Jeder, der eine Gelbweste beleidigte, beleidigte meinen Vater", klagt auch der französische Schriftsteller Edouard Louis in einem Aufruf bei Les Inrockuptibles, den Tobias Haberkorn für Zeit Online übersetzt hat. Die Bewegung gibt jenen Stimmen, die sonst in die "Unsichtbarkeit verbannt" werden und zwingt die Bürgerlichen, "ihre soziale Verachtung" für die untere Klasse direkt auszudrücken, schreibt er: "Ein großer Teil der medialen und politischen Sphäre will uns glauben machen: Gewalt ist, wenn Autos brennen. Wenn eine Politik das Leben Tausender Menschen zerstört und verelendet, gilt das nicht als Gewalt. Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren, in Gesundheit zu leben oder einfach nur zu überleben, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist."

Einige Wochen vor den "Gilets jaunes" war Macrons Innenminister Gérard Collomb zurückgetreten. Im Gespräch mit Le Monde analysiert er, wie Macrons Politikstil die Krise begünstigte: "Er dachte, dass es Momente in der französischen Geschichte gebe, wo nur die Zentralgewalt das Land verändern kann, während wir doch im Wahlkampf für ein girondistisches, stärker dezentralisiertes Frankreich gefochten haben. Ich glaube - und ich habe es ihm gesagt -, dass es eine stärkere Kooperation zwischen dem Staat und den Gemeinden geben muss." Collomb kritisiert auch, "dass die Kabinette ein zu großes Gewicht haben mit jungen Leuten, die theoretisch sehr brillant sind, aber keine alltägliche Lebenserfahrung haben."

Im Tagesspiegel meint auch Anna Sauerbrey, Macron, Merkel und Clinton seien aufgrund ihrer "politischen Nicht-Kommunikation" zu "Hassfiguren" geworden: "Um das Grundbedürfnis des Menschen nach persönlicher und politischer Wirksamkeit und Wahrnehmung beschreiben, sind schon viele Metaphern gefunden worden. Der Zeitdiagnostiker Hartmut Rosa hat das Phänomen als 'Resonanz' bezeichnet. Der Begriff beschreibt das Verhältnis des Menschen zur Welt. Der Mensch definiere sich über die Frage: Wenn ich handle oder etwas sage, antwortet die Welt dann - oder bleibt sie stumm? Eine stumme Welt macht Menschen wütend."

Daniel Cohn-Bendit, einer der prominentesten Unterstützer Macrons hat unterdessen in France Culture (laut Libération) jeden Vergleich mit 1968 brüsk zurückgewiesen: "Im Jahre 68 kämpften wir gegen einen General an der Macht, die gelben Westen fordern einen General an der Macht."

Das ganze wäre nicht passiert, wenn nicht Facebook Anfang des Jahres seine Algorithmen geändert hätte, um lokale News zu privilegieren, schreibt Ryan Broderick in Buzzfeed.com. Das ganze entstand zunächst durch lokale Facebook-Gruppen. Diese Gruppen haben die Change.org-Petition einer kleinen Kosmetikunternehmerin gegen höhere Benzinsteuern nach oben katapultiert: "in weniger als zwei Wochen, geschah Folgendes: Eine Change.org-Petition mit weniger als 1.500 Unterstützern wird auf einem lokalen Radiosender diskutiert. Der Radioauftritt wird von einer lokalen Nachrichtenseite aufgegriffen. Der Artikel wird auf einer lokalen Facebook-Seite veröffentlicht. Dank einer Algorithmenänderung, die nun die lokale Diskussion betont, dominiert der Artikel das Gespräch in einer Kleinstadt. Zwei Männer aus demselben Vorort verwandeln die Petition dann in ein Facebook-Event."

An die Adresse auch der linken Macron-Kritiker à la Ernaux oder Louis schreibt dagegen Natalie Nougayrède im Guardian: "Die sozialen Probleme in Frankreich sind real und müssen angegangen werden. Aber die Kräfte, die von der Straßengewalt profitieren, werden uns in einen Abgrund stürzen."

Das katalanische Problem ist ungelöst, und es war übrigens auch schon eine der Ursachen des Bürgerkriegs in den dreißiger Jahren, schreibt Rainer Wandler in der taz zum vierzigsten Geburtstag der spanischen Demokratie: "Die Verfassung von 1978 löste dies mit den autonomen Regionen nur vorübergehend. Eine dauerhafte Lösung, etwa ein föderales System, galt als unmöglich. Die franquistischen Kräfte und Apparate wie Armee und Polizei standen drohend im Hintergrund. Das 'Regime von 1978' wurde so aus der Angst geboren."
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Gesellschaft

"Rechte und auch linke Gruppierungen sammeln längst Daten übereinander und veröffentlichen sie im Netz", schreiben Sophie Diesselhorst und Esther Slevogt in der nachtkritik und danken dem "Zentrum für politische Schönheit" dafür, dass sich Zivilgesellschaft, Medien und Politik nun öffentlich zum Thema Rechtsextremismus positionieren müssen. Kritik an "Soko Chemnitz" wischen sie vom Tisch: "Würde man dem Maler George Grosz vorwerfen, er habe damals zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen? In den 1920er Jahren, als er das gruselige Personal seiner Zeit wie säbelrasselnde Militärs, korrupte gierige Kapitalisten und frühbekennende Nazis karikierend, überspitzt und gar nicht ausgewogen auf Papier und Leinwand bannte, lange bevor sie der Republik den Garaus machten."

Das ZPS hat die Aktion derweil beendet, melden Dlf und Tagesspiegel. Die Aktion sei ein "Honeypot" gewesen, eine Falle, um einen "riesigen Datenschatz" anzulegen, erklärte ZPS-Gründer Philipp Ruch dem epd. 1.500 Beteiligte an den rechten Demonstrationen in Chemnitz seien identifiziert worden: "'Das ist das Relevanteste, was es an Daten in Sachen Rechtsextremismus in Deutschland aktuell gibt', erklärte Ruch weiter. Dafür könnten sich auch zahlreiche Behörden interessieren."

Im Interview mit Joachim Frank (Berliner Zeitung) spricht der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering über rechte Rhetorik und die Reaktionen darauf, die sich auf Empörung beschränken anstatt die "ideologischen Denkmuster" dahinter zu analysieren: "Ein auffallender Grundzug in der Rhetorik der Rechten ist die im Wortsinn völkische Suggestion, es gebe eine verbindende 'Wesensart', an der alle Deutschen teilhätten und die sich auswirkte auf Lebensführung, Weltanschauung, Umgangsformen. Das aber ist nicht nur eine reine Fiktion, sondern gemeingefährlicher Unsinn. (…) Gemeingefährlich ist es, weil es am Ende immer auf ein biologisches Substrat hinausläuft. Also auf rassistische Annahmen. Was heute als verbindende Kultur 'der Deutschen' behauptet werden kann, das reduziert sich bei genauerer Betrachtung auf die gemeinsame Sprache - im Grunde auf das, was Frau Özoguz 2017 gesagt und was Gaulands Hassausbruch veranlasst hat."

Der Architekt Patrik Schumacher, Leiter des Büros der verstorbenen Zaha Hadid, hat im Interview mit der Zeit keine Angst, seine libertären Ideen zu verfechten: "Der Neoliberalismus muss jetzt radikalisiert werden", ruft der 57-jährige ehemalige Marxist, neben dem Emmanuel Macron wie ein christlicher Sozialarbeiter aussieht: "Ich bin gegen die geplante Mischung sozialer Milieus in Wohnbauprojekten. Empirische Studien belegen, dass die verordnete Mischung die intendierte soziale Mobilität nicht geliefert hat, sie fördert vielmehr Konflikte zwischen den Milieus. Auch das könnte der Markt besser regeln. Es müssen nicht alle Einkommensgruppen im Stadtzentrum sitzen. Meine Mitarbeiter sollten hier im Zentrum wohnen, weil sie in die Ausstellungen, in den Pub, in Kulturinstitutionen gehen müssen, um sich weiterzubilden. Die Sicherheitsleute und das Reinigungspersonal haben andere Prioritäten, haben andere Karriereentwicklungen, die brauchen doch nicht in der Stadt zu wohnen. Die arbeiten weniger hart; wenn die eine Stunde länger in der Bahn sitzen, ist das nicht tragisch. Da gehen weniger Produktivitätskapazitäten verloren."
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Politik

Ein israelisches Regierungsdokument fordert, dass deutsche Organisationen, die Geld von der Regierung, den Kirchen oder Parteistiftungen bekommen, aufhören, israelkritische NGOs zu unterstützen, berichtet Jannis Hagmann in der taz.  Selbst dem Jüdischen Museum in Berlin wird vorgeworfen, "regelmäßig Veranstaltungen und Diskussionen mit prominenten BDS-Unterstützern" zu organisieren. Und "das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt fördere Initiativen wie Coalition of Women for Peace, die Boykottkampagnen gegen Israel unterstützten. Auch die Linken-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung, das katholische Hilfswerk Misereor sowie die Hilfsorganisationen Medico International und Kurve Wustrow sind von der Beschwerde betroffen. Aufgelistet sind auch Förderprogramme des Entwicklungsministeriums und des Auswärtigen Amts. Betroffene zeigten gegenüber der taz Unverständnis für die Anschuldigungen." Und wenn die taz ihnen mal auf den Grund ginge?
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Stichwörter: Israel, Israelkritik

Wissenschaft

In der Zeit hat Thomas Assheuer Alpträume, China könne seinen Überwachungswahn mit Gentechnik kombinieren: "Durch gezieltes Gen-Dressing ließe sich auch eine Elite hochwertiger Leistungsträger herstellen, denen eine Klasse naturbelassener Standardarbeiter gegenüberstünde. Das allerdings wäre der letzte Schritt in eine autoritäre Eugenik: Crispr würde nicht mehr nur negativ, also beim Kampf gegen schwere Leiden, eingesetzt, sondern zur positiven Merkmalsveränderung. Der Staat bastelt sich seine Wunschkinder und synchronisiert System und Subjekt. Für Eltern, die ihre Nachkommen freiwillig einem gentechnischen Upgrade unterziehen, gibt es Bonuspunkte." Dem entkommen wir seiner Meinung nach nur, wenn wir jedes Human-Genome-Editing verbieten.
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Religion

Ein Großteil der Diasporajuden lebt säkularisiert, zudem führt die innerjüdische Spaltung zur Distanzierung von Israel, schreibt der in Israel geborene Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ und fragt: "Was, außer der jüdischen Situation, ist an den meisten Diasporajuden demnach im religiösen, kulturellen oder historischen Sinne jüdisch?" Jüdische Identität sei meist fremdbestimmt durch negative Erfahrung, fährt er fort: "Das Faktische hat für die meisten Diasporajuden das Wesensmäßige ersetzt. Das ist die eine Seite. Die andere: Da, wo das Dasein der Juden unjüdischen Charakter annimmt, ist es Teil der allgemeinen Verweltlichung moderner Gesellschaften. Wie jede moderne Gemeinschaft wurde auch die jüdische von ihr erfasst. Die meisten Diasporajuden haben sich von der Religion weitgehend entfernt. Für Deutsche, Engländer oder Franzosen ist die Verweltlichung keine substanzielle Gefahr, wohl aber für Juden. Deutsche bleiben mit oder ohne Säkularisierung Deutsche."
Archiv: Religion
Stichwörter: Wolfssohn, Michael