Spätaffäre

Besser vergessen, was einmal normal war

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
17.03.2014. Aljazeera erinnert an die Deportation der Krimtataren durch Stalin vor siebzig Jahren. Die New York Times verfolgt mit Sorge die allmähliche Privatisierung der Wissenschaft in den USA. Arte würdigt Violette Leduc mit einem Porträt. Und Zadie Smith verfällt beim Blick aus dem Fenster in Melancholie.

Für die Augen

Mit "Thérèse und Isabelle" schuf Violette Leduc in den fünfziger Jahren einen Klassiker der homoerotischen Frauenliteratur. Arte würdigt die Autorin mit einem Dokumentarfilm. Hier in der Mediathek. (57 Min.)

Zur Zeit wird in Berlin Enno Poppes empfehlenswerte musikdramatische Aktion "IQ" aufgeführt (mehr hier). Die Aktion handelt von Intelligenztests und ist trotz witziger Einfälle des Librettisten Marcel Beyer mnachmal leicht überflüssig - oder umgekehrt: Manchmal hat man das Gefühl, dass sich Poppes fantasievolle Musik hinter der Aktion versteckt, obwohl sie interessanter ist als diese selbst: Man denke etwa an das wunderschöne Duett für zwei Bassklarinetten! Jedenfalls macht das Stück Lust, mehr von Poppe zu hören. Das Orchester, mit dessen Namen Pierre Boulez sämtliche Hasser von Nasalen quälte, nämlich das Ensemble intercontemporain, das aber ausgezeichnet spielen kann, führt hier Poppes "Speicher III, IV et V" (knapp 30 Minuten) auf und zeigt, dass seine Musik alleine stehen kann. Auch hier übrigens wieder, wie in "IQ", Poppes charakteristische Neigung zu Glisssandi, bei denen einem manchmal ein bisschen weich in den Knien wird.



"Die russischen Soldaten kamen in der Morgendämmerung. Sie gaben den Tataren 15 Minuten, um ihre Häuser zu verlassen". Während der mehrwöchigen Zugfahrt nach Zentalsien verreckten viele von ihnen, weil ihnen die Soldaten kaum Nahrung gaben. Diese Aljazeera-Dokumentation erzählt die Geschichte der Krimtataren, die von Stalin 1944, nach der Wiedereroberung der Krim, als "Verräter" deportiert wurden (45 Min.).


Für die Ohren

Auf der Leipziger Buchmesse ist Saša Stanišić gerade für seinen Roman "Vor dem Fest" mit dem Buchpreis ausgezeichnet worden. Auszüge daraus und aus anderen nominierten Romanen kann man bei den "radioTexten" des Bayerischen Rundfunks hören: Hier. (31 Min.)

Vor einem Jahr inszenierte Milo Rau im Moskauer Andrei-Sacharow-Zentrum das Gerichtsdrama "Moskauer Prozesse", in dem er reale Gerichtsverfahren - etwa jenes gegen Pussy Riot - von russischen Juristen und Kunstschaffende neu verhandeln ließ. Der Deutschlandfunk widmet dem Projekt ein interessantes Feature: hier zum Anhören (45 Min.), hier das pdf zum Download. Der gleichnamige Film zum Stück kommt am Donnerstag ins Kino.

Für Sinn und Verstand

In der NYT beschreibt William J. Broadmarch ein Problem der amerikanischen Forschung: Die massiven Kürzungen von staatlichen Geldern in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass immer öfter superreiche Amerikaner einspringen und wissenschaftliche Projekte fördern. Eigentlich eine gute Sache, weil sie oft effizienter arbeiten als staatliche Forschungsprogramme. Aber diese schleichende Privatisierung der Wissenschaft löst auch einiges Unbehagen aus: "Auf dem Spiel steht, so Kritiker, der Sozialvertrag, wonach Wissenschaft der Allgemeinheit zugute kommen soll... Historisch betrachtet ist die Erforschung von Krankheiten besonders anfällig für ungleiche Aufmerksamkeit entlang der ethnischen und ökonomischen Linien. Ein Blick auf die größten Projekte legt nahe, dass Philantropen mit ihrem Krieg gegen Krankheiten diese Kluft noch vergrößern. Einige der Projekte, getrieben von persönlicher Not, richten sich gezielt gegen Krankheiten, die mehrheitlich Weiße heimsuchen - Mukoviszidose, Hautkrebs und Gebärmutterkrebs. Öffentliches Geld finanziert immer noch den Hauptteil der besten Forschung in Amerika - in bemerkenswerter Tiefe und Vielfalt. Unklar ist aber, wie weit oder schnell sich diese Balance verschiebt, denn niemand, weder inner- noch außerhalb der Regierung, hat je umfassend das Ausmaß und die Auswirkung privater Wissenschaft verfolgt."

Im Magazin der NY Times lotet Yiren Lu das Altersgefälle im Silicon Valley aus und stellt fest, dass junge IT-Nerds nicht auf Grundlagenentwicklung stehen und alte Hasen oft nicht smart genug sind und sich nicht für Apps interessieren. Leicht handhabbare Programmierschnittstellen und -tools machen es möglich, ohne großartige Programmierkenntnisse erfolgreiche Start-ups zu gründen, sorgen aber auch dafür, dass die Programmierung und Herstellung der Web-2.0-Infrastruktur an den weniger coolen, meist älteren Typen hängen bleibt. "Natürlich gibt es Ausnahmen, doch im Ganzen scheinen die Jungen rastloser, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, auch weil die Start-ups diese Haltung fördern; daher die Wanderbewegung von Yahoo zu Google zu Facebook und weiter zu jüngeren, hipperen Unternehmen ... Auf der anderen Seite gibt es immer noch Apple, alte Garde, aber nicht uncool. Cool ist da, wo smarte Leute, Geld und ein verlockendes Produkt zusammenkommen."

In der NYRB macht sich Zadie Smith Sorgen um den Klimawandel. In England, schreibt sie, hat sich das Wetter jedenfalls massiv geändert. "Menschen in Trauer tendieren zu Euphemismen, ebenso die Schuldigen und Beschämten. Der melancholischste aller Euphemismen ist: 'Die neue Normalität.' Es ist 'die neue Normalität', denke ich, wenn ein geliebter Birnbaum, halb ertrunken, seine Verankerung in der Erde verliert und umstürzt. Die Bahnlinie nach Cornwall ist weggewaschen - die neue Normalität. Wir könnten nicht einmal mehr das Wort 'unnormal' laut aussprechen: Es erinnert uns daran, was vorher war. Besser vergessen, was einmal normal war, die Art, wie Jahreszeit auf Jahreszeit folgte, mit einem temperierten Charme, den nur die Dichter zu schätzen wussten."