Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 16

Magazinrundschau vom 09.01.2007 - Point

In "American Black Box", dem dritten Band seines Tagebuchs Theatre des operations (das nach seinem Rauswurf bei Gallimard nun bei Albin Michel erscheint), rechnet der nach Kanada ausgewanderte Schriftsteller Maurice G. Dantec mit dem "masochistischen" Westen und seinen "modernistischen" Auswüchsen ab. In einem recht vollmundigen Interview spricht der bekennende Reaktionär über seine politischen Überzeugungen und den neuen Band. "In meinem Buch nenne ich den Islam eine 'Götzenverehrung des einzigen Gottes'. Der Islamismus ist nichts weiter als eine orthodoxe Auslegung der Korangesetze, die systematische Anwendung der religiösen, ethischen und politischen Vorschriften des Islam. Man kann dennoch eine klare Differenzierung zwischen einem Muslim machen, der zum Dialog mit den 'Ungläubigen' bereit ist, und einem Muslim, für den diese 'Ungläubigen' ausgelöscht oder versklavt werden sollten. Man konnte sogar 1940 deutscher Nationalist sein, ohne Nazi zu sein."

In seinen Bloc-notes lässt Bernard-Henri Levy gewohnt eigenwillig das Jahr 2006 Revue passieren. Beispiel: "Es ist das Jahr, in dem sich Peter Handke, seine Serbenliebe (serbitude) bis zum Erbrechen zur Schau tragend, endgültig entehrt hat."

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Point

Im Interview mit Manuel Carcassonne bringt der japanische Nobelpreisträger Kenzaburo Oe eine kleine Hommage auf die exception culturelle und das französische Modell in der Weltpolitik dar. Ihm gefällt - neben der notorischen Hassliebe zu Amerika - das Selbstbild Frankreichs als eines Asyllandes, das sich von Exilanten auch kulturell befruchten lässt: "Frankreich liebt den kulturellen Kreislauf, der vor allem von Flüchtlingen gespeist wird. Das galt vor allem vor dem Krieg. Wenn Japan gegenüber den anderen Ländern Asiens, also China, Korea, den Philippinen, eine solche Kreuzung der Kulturen darstellen könnte, dann wäre unsere Stellung eine ganz andere. Wir müssen bei uns über den Wiederaufbau einer spezifischen intellektuellen Kultur nachdenken, Korea steht hier viel besser da als wir, es ist erfinderischer, attraktiver. Von der Explosionskraft Chinas gar nicht zu reden! Wir Japaner sind heute gefährlich isoliert."

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Point

In seinen Bloc notes beklagt Bernard-Henri Levy, es sei eine Schande für Chile und die ganze Welt, dass Pinochet straffrei in seinem Bett sterben konnte. Aber es gebe noch einen zweiten Diktator, der, im Gegensatz zu Pinochet, bisher noch nicht einmal Gegenstand des Versuchs einer Anklage geworden sei: Fidel Castro. Levy schreibt: "Auf, Kameraden und Freunde! Ein bisschen Zusammenhalt! Noch einmal anstrengen bitte, um sich als wahre Demokraten und Republikaner zu erweisen! Es bleibt euch, uns, nur sehr wenig Zeit, um im Namen aller Folteropfer sämtlicher süd- und mittelamerikanischen Diktaturen zu wünschen, dass Fidel Castro für die gleichen Verbrechen wie die von Pinochet einstehen möge."

Vorgestellt wird außerdem ein Band mit von Elisabeth Levy moderierten Gesprächen zwischen dem Philosophen Alain Finkielkraut und dem ehemaligen Präsidenten von Medecins sans frontieres Rony Brauman: "La discorde : Israel-Palestine, les juifs, la France" (Mille et Une Nuits).

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - Point

Anlässlich des Erscheinens der französischen Übersetzung seines Buchs "Im Weltinnenraum des Kapitals" ("Le palais de cristal") erklärt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview mit Elisabeth Levy, wie die Globalisierung durch die großen Entdeckungen am Ende des 15. Jahrhunderts ausgelöst wurde. "Das entscheidende Merkmal der frühen Moderne war die weltweite Vernetzung, ausgelöst durch die Expansion der Europäer. Sie begannen die Welt ernst zu nehmen - zunächst als ein Objekt, auf dem man sich frei bewegen und das man erforschen kann, aber zugleich als ein Objekt, das sich erobern und ausbeuten lässt. Europa war also der Ausgangspunkt dieser 'Eroberung der Welt', was durch das Wechselspiel von Aktion und Reaktion zu einer Welt führte, wie wir sie heute kennen: ein Universum, in dem das Gesetz des 'Handelns aus der Distanz' regiert - Telekommunikation, Telekonflikt, Telegewalt, Teleobszönität, Telehilfe, Telebarmherzigkeit. Nur ein telerealistischer Gedanke kann eine solche Welt interpretieren, bilden und reformieren."

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Point

In seinen Bloc-notes verwehrt sich Bernard-Henri Levy gegen die verbreitete Ansicht, der Prozess gegen Saddam Hussein sei "stümperhaft" geführt worden. "Hitler hat sich umgebracht, Stalin und Mao sind in ihren Betten gestorben, Mengistu verlebt in Zimbabwe ruhige Tage. Die Opfer von Pinochet oder Pol Pot haben Jahrzehnte - ein Leben lang - warten müssen, bis man daran dachte, ihre Peiniger zur Rechenschaft zu ziehen. Saddams Opfer hatten seit seinem Sturz den bescheidenen Trost eines Ansatzes von Gerechtigkeit. Und Saddam Hussein selbst wurde jenes Recht zuteil, das er den unzähligen Männern und Frauen, die er ermordet hat, 24 Jahre lang verweigerte: Anwälte, Be- und Entlastungszeugen, Diskussionen - kurz: ein Anhörungsprozess, der quasi live im gesamten Irak gesendet wurde und der, ob man nun will oder nicht, formalen Regeln und Verfahrensweisen unterlag. Er war der erste seiner Art in der arabischen Welt und in gewisser Hinsicht in der Geschichte gefallener Diktaturen überhaupt."

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Point

In einem Interview erklärt der israelische Historiker Elie Barnavi, warum der Westen endlich aufhören solle, sich für sich selbst zu schämen. Wenn wir unsere Werte auch nicht mit Gewalt exportieren können, argumentiert er in seinem neuen Buch "Les religions meurtrieres" (Die mörderischen Religionen), müssten wir doch imstande sein, sie in unseren Ländern zu verteidigen. "Der Islamismus gewinnt Terrain, aber das Spiel hat er nicht gewonnen. Man muss sich auf die große Masse der Muslime berufen, die diese Radikalisierung ablehnen. Bei den anderen dürfen wir keinerlei Kompromisse machen, zur Not müssen wir auch Zwang anwenden. Es geht nicht darum, den Schleier auf der Straße zu jagen, sondern auf eine Klubsprache zu bestehen. Wir gehören zu einem Klub, der allen offen steht, aber er hat seine Regeln: Hier wird Schach gespielt. Wer Dame spielen will, soll das anderswo tun."

Bernard-Henri Levy entschuldigt sich ironisch "für einen Augenblick" von der innerfranzösischen Fixierung auf die dortigen Präsidentschaftswahlen und die Favoritin Segolene Royal abzusehen. Stattdessen erinnert er an die Bedeutung der Zwischenwahlen in den USA. "In der heutigen Welt ist dies eine Wahl von Weltbedeutung - von der nicht weniger abhängt als Krieg und Frieden zwischen den Nationen, mit der sich die Zukunft des Nahen Ostens entscheidet (...) und die äußerst konkrete Zukunft unseres Planeten (siehe das Kyoto-Protokoll und Bushs Weigerung, es zu ratifizieren)."

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - Point

In einer bisher noch eher unverbundenen Debatte scheinen derzeit wieder länderspezifische Unterschiede im Umgang mit Verboten, Kontrollen und Gesetzen auf. Die Engländer mögen es nicht, wenn eine andere Religion in Frage gestellt wird, die Franzosen stellen die Leugnung des Holocaust oder des Völkermords an den Armeniern unter Strafe. In einem kontroversen Interview mit der Journalistin Elisabeth Levy über Integration und den Umgang mit dem Islamismus räumt der britisch-niederländische Schriftsteller Ian Buruma dem Multikulturalismus neue Chancen ein. Gleichzeitig spricht er sich gegen die "Wachhundmentalität" des Westens und allgemein für mehr Respekt gegenüber dem Islam als Religion und den Gläubigen aus. "Im Namen des Prinzips 'gleiches Recht für alle' wird im französischen Diskurs absichtlich die Existenz von Unterschieden geleugnet. Was den klassischen Multikulturalismus betrifft, lässt dieser sich auf einen Satz bringen: Leben lassen. Ob sie in die Moschee gehen oder ihre eigene Kultur entwickeln: So lange sie das Gesetz anerkennen, müssen wir uns nicht überschneiden."

In seinen Bloc-notes plädiert Bernard-Henry Levy wiederum erneut für ein Gesetz, das das Leugnen des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellt. Implizit geht er dabei auf eine Polemik des britischen Historikers Timothy Garton Ash ein, der vergangene Woche im Guardian das Gesetz kritisiert und den Standpunkt bezogen hatte, im Zuge der Meinungs- und wissenschaftlichen Forschungsfreiheit müsse selbst der Holocaust geleugnet werden dürfen. Levy fragt - so ähnlich wie Buruma in bezug auf den Islam -, ob nicht eine "Dosis politischer Korrektheit" zu begrüßen sei. Er bezieht sich auf ein jüngst von Claude Lanzmann in den Temps modernes vorgebrachtes Argument: "Lanzmann erinnert daran, dass die Negation im Fall der Shoah schon Teil des Verbrechens war. Das Töten und das Verwischen der Spur des Tötens waren ein und dasselbe. Ich glaube man muss dieses Argument einem Negationismus entgegenstellen, der im Prinzip genau wie das Verbrechen selbst funktioniert."

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Point

Bernard-Henri Levy kommt noch mal auf den Mord an Anna Politkowskaja zurück, schlägt vor, dem Präsidenten Putin die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion abzuerkennen und ihn bei jedem politischen Treffen mit dem Fall zu konfrontieren: "Man darf ihn nicht mehr in Frieden lassen, bis diese Tagödie ins letzte Detail aufgeklärt wurde. Es darf keinen Gipfel, keinen Staatsbesuch, keine Pressekonferenz mehr geben, ohne dass ihm die Frage gestellt wird: 'Nun? Wie sieht's aus? Was können Sie heute über die Auftraggeber dieses Verbrechens sagen, das unter Ihren Augen geschah?' Anna Politkowskaja war das Gewissen Russlands. Sie muss das schlechte Gewissen seines Präsidenten werden, der Geist, der ihn heimsucht, sein Gewissensbiss."

Magazinrundschau vom 10.10.2006 - Point

In seinen Bloc-notes beschäftigt sich Bernard-Henri Levy heute mit dem Fall des französischen Gymnasiallehrers Robert Redeker, der sich wegen eines Artikels im Figaro mit islamistischen Todesdrohungen konfrontiert sieht. Für Levy gibt es hinsichtlich einer Reaktion keinerlei Zweifel: "Man diskutiert nicht mit einem Mann, der am Boden liegt, man hilft ihm auf... Ich pfeife darauf zu wissen, ob das, was Redeker gesagt hat, dumm oder besonnen war; ich will mich nicht fragen müssen, ob er ein guter oder schlechter Lehrer ist... Monsieur Redeker, über dessen Kopf seit seinem Text eine Art Fatwa schwebt, in Ländern, in denen die Menschrechte und die Rechte Voltaires gelten, verdient eine restlose Unterstützung, unbestritten und ohne Einschränkung." Für Levy zeigen Karikaturenstreit, der Eklat um die Papst-Rede und die vorauseilende Absetzung des "Idomeneo" in Berlin, dass "die geringste Schwäche in dieser Debatte, die geringste sprachliche oder gedankliche Reserve gegenüber dem unveräußerlichen Recht ... ein schreckliches Geschenk wäre, das man dem Gegner mitten in der gerade tobenden großen Schlacht macht".

Zu lesen ist in Le Point außerdem ein Porträt des inzwischen 82jährigen Mittelalterexperten Jacques Le Goff, der mit einem Buch für Kinder und Jugendliche versucht, sein Wissen der "Generation PlayStation" nahezubringen. ("Le Moyen Age explique aux enfants", Seuil)

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - Point

"Der Papst hatte Recht", zu diesem Schluss kommt Bernard-Henri Levy in seinen Bloc-Notes. Und außerdem schreibt er: "Nicht nur nicht hinnehmbar, sondern beunruhigend ist der geistige Terrorismus - jawohl: Terrorismus -, der einem Nicht-Muslim auch noch den geringsten Kommentar zum Islam verbieten will... Und nicht nur beunruhigend, sondern schlicht lächerlich sind jene Leute, die hier im Westen diese Argumentation verinnerlichen und im Voraus verteidigen oder die schlimmsten Auswüchse der Paranoia verstehen oder entschuldigen... Und nicht nur lächerlich, sondern widerlich ist das Spektakel all der Stammtischkommentatoren, die die notorische 'arabische Straße' als einen Gerichtshof betrachten, dessen Urteile man zu antizipieren hätte."

Unter der Schlagzeile "Ein neuer Religionskrieg" beschäftigt sich Le Point auch in seinem Titelthema mit der Affäre. In einem beigestellten Interview mit dem Philosophieprofessor Remi Brague erklärt dieser, dass beide Religionen über die Vernunft sprächen, allerdings nicht in gleicher Weise.

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Ökonomen, Wirtschafts-Nobelpreisträger und Vordenker der Globalisierungskritik Joseph Stiglitz, der in seinem neuen Buch "Un autre monde. Contre le fanatisme du marche" (Fayard) ein "echtes Programm zur 'Demokratisierung' der Globalisierung" entwerfe.