Martin Geck

Bach

Leben und Werk
Cover: Bach
Rowohlt Verlag, Reinbek 2000
ISBN 9783498024833
Gebunden, 798 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Die Kunst Martin Gecks ist es, ein eigentlich wenig auffälliges Leben, wie es aus den spärlichen Quellen fassbar wird, nuanciert zu erzählen und mit einer geistvollen Analyse der Werke und Werkreihen dieses überwältigend schöpferischen Komponisten zu verknüpfen. Martin Geck schreibt für Kenner und Liebhaber der Musik Johann Sebastian Bachs, nicht zuletzt für Neugierige, die einen Blick in die Werkstatt eines Genies werfen wollen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.08.2000

In einer Sammelrezension beschäftigt sich Hans-Joachim Kreutzer mit drei Neuerscheinungen zu Johann Sebastian Bach:
1) Martin Geck: "Bach. Leben und Werk"
Von einem "schriftstellerischen Kardinalproblem", der jede Musikerbiografie ausgesetzt ist, schreibt der Rezensent: wie sollen Leben und Werk zusammen erzählt bzw. beschrieben werden? Dieser Autor hat beides "je für sich" betrachtet. Mit "Frische und Unverstelltheit" zieht er den Leser die ersten dreihundert Seiten mit sich durch das Leben des Komponisten. Er wundert sich, und der Leser mit ihm, über den Lebensweg Bachs, die Verhandlungen, die er von Amt zu Amt führt, die Pläne "Richtung Berlin und Dresden". Aber dann setzt auf den nächsten vierhundert Seiten etwas anderes ein: dort wird nämlich ein "musikanalytischer Geschultheitsgrad" beim Leser vorausgesetzt, dem gewiss nur ein Fachpublikum gewachsen ist, meint der Rezensent.
2) Arno Forchert: "Johann Sebastian Bach und seine Zeit"
Als idealen Leser dieser Bach-Biografie sieht Kreutzer den Gebildeten, "für dessen geistigen Haushalt die Musik unentbehrlich ist". Forchert hat sich insbesondere um die erst relativ spät in der Bachforschung in den Blick geratenen "sozialen Institutionen" gekümmert, an denen Bachs Lebensweg ablesbar ist: "Hof - Stadt - Kirche - Schule - Konzertsaal". Der zweite Teil ist eine "konzise Werkeinführung", in der der Autor durchaus "eigene Hypothesen" darbietet, z.B. die Analyse der Kantate "Der Streit zwischen Phoebus und Pan".
3) Christoph Wolff: "Johann Sebastian Bach"
Am unprätentiösesten von allen Neuerscheinungen zu Bach, so der Rezensent, kommt dieses Buch des amerikanischen Musikologen von Harvard daher. Die angelsächsische Distanz ist dem Blick auf die "kleinteilige europäische Kulturlandschaft" Thüringens gut bekommen, findet Kreutzer, und sowohl der "kennerische Liebhaber" als auch der Fachwissenschaftler werden gleichermaßen viel von ihm haben. Der englische Original-Untertitel "The Learned Musician" macht den roten Faden des Buches deutlich: es geht bei Bach um ein systematisches Steigern und Entfalten musikalischer und biografischer Möglichkeiten. Zwar ist Bach kein "Gelehrter" im traditionellen Sinne gewesen, so Kreutzer, aber "er kultivierte die systematische Logik der kontrapunktischen Kompositionsverfahren", d.h. seine Kenntnis und sein bewusstes Fortschreiten von Bekanntem zu Unbekanntem war ausserordentlich. Diese "unablässig experimentierende Gesamtstrategie" hat Wolff, so Kreutzer, "vorzüglich lesbar" nacherzählt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2000

In einer Sammelbesprechung untersucht Thomas Schacher zehn Bücher über Johann Sebastian Bach. Dabei sind die ersten fünf der besprochenen Bücher eher der musikwissenschaftlichen Literatur zuzuordnen, während die letzten fünf populärwissenschaftlichen Charakters sind. Schacher stellt fest, dass sich die Bilder über den Komponisten in diesen Büchern teilweise erheblich von einander unterscheiden, ja widersprechen. Diese Widersprüche stellt er selbst innerhalb der musikwissenschaftlichen Literatur fest, wofür er nicht zuletzt die spärlichen Quellen zu Bachs privatem Leben verantwortlich macht. Letztlich sei aber jegliche Erkenntnis über Bach immer nur eine vorläufige, die auch in Zukunft um neue Aspekte ergänzt werden wird.
1.) Martin Geck: "Bach. Leben und Werk" (Rowohlt Verlag)
Schacher hält es für einigermaßen mutig, dass Geck sich dem Komponisten und seinem Werk "aus der Sicht von heute" nähert. Diese Haltung scheint der Rezensent durchaus zu begrüßen, denn der Autor geht, wie er feststellt, dem heutigen Bedürfnis nach "Mythos" nach, dem Wunsch nach Identifikation, der gerade bei Bach - nicht zuletzt wegen der lückenhaften Quellen zu seiner Person - kaum zu erfüllen ist. Ein zweiter Aspekt, den Schacher betont, ist dass Geck das Denken des Komponisten "zwischen Alt und Neu" einordnet, also nicht - wie so viele seiner forschenden Kollegen - primär der Vergangenheit verhaftet sieht. Der Autor sieht in Bachs Musik sowohl Anzeichen eines mittelalterlichen "Ordnungsdenkens" als auch ein neuzeitliches "am Subjekt orientiertes Denken", so Schacher.
2.) Christoph Wolff: "Johann Sebastian Bach" (Fischer-Verlag)
Schacher betont ausdrücklich, dass der Autor durch intensives Quellenstudium "das Wissen über Bach auf den neuesten Stand der Forschung" gebracht hat. Dennoch zeigt sich der Rezensent ein wenig überrascht, dass Wolff den Komponisten in seinem Denken der Zeit vor der Aufklärung zuordnet. So sehe Wolff in Bachs Komponieren die "aristotelische Nachahmungslehre als ein Abbilden der Natur" und die mittelalterliche Vorstellung des Quadriviums aus Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie angestrebt.
3.) Konrad Küster (Hrsg.): "Bach-Handbuch" (Bärenreiter und Metzler)
An diesem Band hebt der Rezensent besonders den Beitrag von Hans-Joachim Hinrichsen hervor, der hier - wie Schacher feststellt - einen "fundierten Überblick über die Rezeptionsgeschichte der letzten 250 Jahre" gibt. Besonders interessant erscheint ihm dabei die Bach-Rezeption in den beiden deutschen Staaten. Während in der DDR Bach als fortschrittlich galt, um auch in das "marxistisch-atheistische Weltbild" zu passen, betrachtete man Bach in der damaligen Bundesrepublik primär als Kirchenmusiker und Komponisten religiöser Werke, so Schacher.
4.) Klaus Eidam: "Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach (Piper)
"Geradezu peinlich" findet es Schacher, dass der von ihm geschätzte Piper-Verlag ein Buch dieses Schlages herausgebracht hat. Die hervorstechendsten Merkmale des Bandes sind seiner Ansicht nach "Arroganz und Selbstüberschätzung" des Autors, was sich bereits im Titel ankündige. Der Rezensent zeigt sich geradezu abgestoßen von Eidams polemischen Angriffen gegen dessen Kollegen und die Bach-Forschung insgesamt. Seinerseits scheint Eidam jedoch nicht viel Neues zur Bach-Forschung beizutragen, jedenfalls erwähnt der Rezensent nicht einen einzigen Aspekt, der ihm interessant genug erschienen wäre.
5.) Arno Forchert: "Johann Sebastian Bach und seine Zeit" (Laaber-Verlag)
An diesem Buch lobt der Rezensent, dass es offenbar auch möglich ist, Bach als modern und aufgeklärt zu zeigen, ohne dabei zwangsläufig von "einer linken Ideologie geprägt zu sein" (Schacher bezieht sich mit dieser Anmerkung augenscheinlich auf die Bach-Rezeption in der DDR). Forchert habe bei der Beschäftigung mit Bach zahlreiche Hinweise gefunden, die darauf hindeuten, dass Bach durchaus Kontakt mit Vertretern "‘moderner‘ Lebensweise" gepflegt hat, wofür Schacher einige Beispiele aufzählt.
6.) Christoph Rueger: "Johann Sebastian Bach. Wie im Himmel so auf Erden" (Heyne)
Diesem Buch kann der Rezensent nicht wirklich etwas abgewinnen und deutet an, dass sich der ehemalige Thomaner Christoph Rueger offenbar sehr stark "mit seinem Gegenstand" identifiziert. Rueger lobt - so der Rezensent - bei Bach "innere Ordnung, Pflichterfüllung und Gemeinsinn", und möchte seinen Lesern diese Tugenden in den heutigen Zeiten von Werteverlust ans Herz legen. Schacher bemängelt dabei, dass der Autor unkritisch "sämtliche Klischees der Bach-Literatur" aufgewärmt habe.
7.) Günter Jena: "Das gehet meiner Seele nah" (Herder)
Auch hier macht Schacher eine starke Identifikation aus, allerdings im positiven Sinne. Der Rezensent weist darauf hin, dass Jena lange Jahre Kirchenmusikdirektor an St. Michaelis in Hamburg war und mit diesem Band seine Erfahrungen als Musiker weitergeben möchte. Schacher gefällt es, dass Jena "nicht belehren, sondern berühren" möchte. Dabei geht der Autor nach Schacher nicht nur auf rein musikalische Aspekte ein, sondern beispielsweise auch auf moderne Deutungen des Verrates von Judas (z. B. der Konflikt zwischen Treue und Ehrlichkeit zu sich selbst).
8.) Franz Rueb: "Achtundvierzig Variationen über Bach" (Reclam)
Nur beiläufig geht Schacher auf dieses Buch ein und weist darauf hin, dass der Titel des Buchs auf die 48 Präludien und Fugen des "Wohltemperierten Klaviers" anspielt. Dementsprechend habe der Autor seine Variationen mit "korrespondierenden Paaren wie `Vergessen` und `Erinnern`" betitelt.
9.) Maarten t‘Hart: "Bach und ich" (Arche)
Der Titel des Buchs erscheint dem Rezensenten zwar ein wenig "unbescheiden", dennoch kann er sich für diesen Band durchaus begeistern. Offensichtlich hat er nicht erwartet, mit welcher Sachkenntnis der Autor (der bisher vor allem durch Romane bekannt geworden ist), hier zu Werke gegangen ist. So staunt Schacher über das ausgiebige Quellen- und Literaturstudium des Autors ebenso, wie über die Tatsache, dass das "Wohltemperierte Klavier" nach Angaben des Autors zu dessen "täglichem musikalischen Brot" gehört. Dass t‘Hart anhand von Bachs Orgel- und Klavierwerken "seine eigenen Entdeckungsreisen nachzeichnet", scheint dem Rezensenten ausnehmend gut zu gefallen.
10.) Andreas Liebert "Mein Vater, der Kantor Bach" (Lichtenberg/Droemersche Verlagsanstalt)
Schacher weist darauf hin, dass es sich bei diesem Buch um ein fiktives Tagebuch von Bachs Tocher Catharina Dorothea handelt. Das findet der Rezensent durchaus "spannend zu lesen". Liebert habe einerseits zahlreiche überlieferte Anekdoten zusammengetragen, andererseits die vielen Lücken in Bachs Biografie mit Phantasie "ausgefüllt". Dass Liebert auch auf Themen wie "Frauenemanzipation" oder Normenkonflikte eingangen ist, erleichtert nach Ansicht des Rezensenten die Identifikation "für die Leserschaft der heutigen Zeit".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.07.2000

In einer gut lesbaren und sehr informativen Doppelrezension würdigt Hans-Klaus Jungheinrich zwei "flüssig geschriebene" Biographien über Johann Sebastian Bach, die sich seiner Ansicht nach methodisch stark unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen jedoch, wie er lobend anmerkt, dass der Leser am Ende der Lektüre "alles" über den Komponisten weiß.
1) Christoph Wolff: "Johann Sebastian Bach" (S. Fischer-Verlag)
Jungheinrich macht darauf aufmerksam, dass sich der Autor vor allem auf die Lebensgeschichte Bachs konzentriert und sich nur sehr begrenzt der Werkanalyse widmet. Das tut der Qualität des Buchs nach Ansicht des Rezensenten jedoch keinen Abbruch, denn Wolffs Stärke liegt, wie er feststellt, vor allem darin, Bachs Epoche, die uns so sehr entfremdet sei, lebendig darzustellen. So habe sich Wolff nicht nur ausführlich mit der Familie Bach beschäftigt, sondern auch mit den "politischen, dynastischen und wirtschaftlichen Verhältnissen". Besonders gefallen dem Rezensenten dabei die vielen Rubriken, in denen der Autor bestimmte Informationen systematisiert hat, was dem Leser ein umständliches Nachschlagen im Haupttext erspart. Als Beispiel dafür nennt er eine besonders informative Tabelle, die Aufschluss über den Geldwert zu Bachs Zeit gibt und die ein besseres Verständnis für Bachs wirtschaftliche Verhältnisse ermöglicht. Trotz einer sehr umfangreichen und geordneten Sammlung von Fakten hat Wolff, so der Rezensent, die musikästhetische Debatte in dieser Epoche "keineswegs ausgespart".
2) Martin Geck: "Bach - Leben und Werk" (Rowohlt-Verlag)
Anders als Wolff hält sich Martin Geck nur kurz mit der Lebensgeschichte Bachs auf und konzentriert sich dafür umso mehr auf dessen Kompositionen, so der Rezensent. So stelle er beispielsweise intensive Überlegungen an, inwiefern der Tod von Bachs erster Frau und die Trauer über diesen Verlust möglicherweise die Komposition der `Chromatischen Phantasie und Fuge d-moll` beeinflusst hat, ohne jedoch dabei den vermessenen Anspruch zu erheben, diese Frage auch wirklich beantworten zu können. Darüber hinaus macht Jungheinrich in diesem Band "Problem-Fäden" aus, die man in Biographien üblicherweise kaum lesen könne (wofür der Rezensent nicht zuletzt Gecks "beflügelten Protestantismus mit unverkennbarer Achtundsechziger-Einfärbung" verantwortlich macht, etwas, was er offensichtlich sehr reizvoll findet). In ästhetischer Hinsicht unterstreiche Geck Bachs "Universalismus", und der Rezensent schließt aus den Überlegungen des Autors, dass er Bach - anders als so manche anderen Autoren - keineswegs für einen "verbissenen Verfechter eines `alten Stils`" hält. Nicht zuletzt lobt Jungheinrich Gecks seriöse Beschäftigung mit dem "Mythos Bach" und seine genauen Untersuchungen zu Bachs Theologie.