Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 81

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - New York Times

Elon Musk versucht an die Kreuzung zurückzukehren, an der FDR Roosevelt mit seinem New Deal abbog, und Amerika in die entgegengesetzte Richtung zu führen, meint die Historikerin Jill Lepore. Und diese Richtung hat ihrer Meinung nach viel Ähnlichkeit mit der, die Musks Großvater Joshua Haldeman vertrat, "ein Cowboy, Chiropraktiker, Verschwörungstheoretiker und Amateurflieger, der als 'Flying Haldeman' bekannt war. Musks Großvater war ebenfalls ein aufsehenerregender Anführer der politischen Bewegung, die als Technokratie bekannt ist. Führende Technokraten schlugen vor, demokratisch gewählte Beamte und Staatsbedienstete - ja, die gesamte Regierung - durch eine Armee von Wissenschaftlern und Ingenieuren unter einem so genannten Technat zu ersetzen. Einige wollten auch Kanada und Mexiko annektieren. Auf dem Höhepunkt der Technokratie hatte ein Zweig der Bewegung mehr als eine Viertelmillion Mitglieder. Unter dem Technat würden die Menschen keine Namen mehr haben, sondern Nummern. Ein Technokrat nannte sich 1x1809x56. (Herr Musk hat einen Sohn namens X Æ A-12.) Herr Haldeman, der seine Farm in Saskatchewan während der Depression verloren hatte, wurde der Anführer der Bewegung in Kanada. Er war der Technokrat Nr. 10450-1. Die Technokratie erlangte 1932 erstmals weltweite Aufmerksamkeit, zersplitterte aber bald in rivalisierende Fraktionen. Technocracy Incorporated wurde von einem ehemaligen New Yorker namens Howard Scott gegründet und geleitet. Überall auf dem Kontinent gaben rivalisierende Gruppen von Technokraten eine Flut von Traktaten, Zeitschriften und Pamphleten heraus, in denen sie zum Beispiel erklärten, wie sich das 'Leben in einer Technokratie' völlig vom Leben in einer Demokratie unterscheiden würde: 'Auf Volksabstimmungen kann weitgehend verzichtet werden.' Die Technokraten argumentierten, dass die liberale Demokratie gescheitert sei. In einem Pamphlet der Technocracy Incorporated wurde erklärt, dass die Bewegung 'den Grundgedanken des demokratischen Ideals nicht teilt, nämlich dass alle Menschen frei und gleich geschaffen sind'. In der modernen Welt haben nur Wissenschaftler und Ingenieure die Intelligenz und die Ausbildung, um die industriellen Abläufe zu verstehen, die das Herzstück der Wirtschaft bilden. Herrn Scotts Armee von Technokraten würde die meisten staatlichen Dienstleistungen abschaffen: 'Selbst unser Postsystem, unsere Autobahnen und unsere Küstenwache könnten viel effizienter gestaltet werden'. Überlappende Behörden könnten geschlossen werden, und '90 Prozent der Gerichte könnten abgeschafft werden'."

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - New York Times

Im New York Times Magazine nimmt Charles Homans erstaunt zur Kenntnis, wie der Unabomber Ted Kaczynski an Popularität gewinnt: links, rechts, bei alten und bei jungen Leuten. Kaczynski, ursprünglich Mathematiker, hatte sich 1969 in die Wälder Montanas zurückgezogen, um ein Leben jenseits der Zivilsation zu führen. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er 16 Paketbomben und tötete mehrere Menschen, um das "System" zu stürzen, das die Natur zu zerstören drohte. Er wurde erst 1996 verhaftet und starb 2023 im Gefängnis. Was also fasziniert Menschen heute an ihm und seinem Manifest "Industrial Society and Its Future"? Seine Technologiekritik, an die Rechte wie Linke gleichermaßen andocken können, meint Homans. Kaczynski glaubte nicht, dass die auf moderner Technologie basierende Gesellschaft einen falschen Weg eingeschlagen hatte, "er glaubte vielmehr, sie sei falsch. ...Kaczynski, der sich auf populäre Bücher über Evolutionspsychologie stützte, argumentierte, dass dieses technologische System eine unvermeidliche Folge des darwinistischen Vorteilsstrebens sei, bei dem das Überleben des Einzelnen und der Gesellschaft gleichermaßen Innovationen erfordere, um seine Nachbarn zu übertreffen. Dies bedeute, dass das System nicht reformiert werden könne. 'Man kann nicht die 'schlechten' Teile der Technologie loswerden und nur die 'guten' Teile behalten', schrieb Kaczynski. Er schlussfolgerte: 'Es wäre besser, das ganze stinkende System wegzuwerfen und die Konsequenzen zu tragen.'" Für Kaczynski war die logische Folge, das die moderne Gesellschaft zerstört werden müsste. "Dies verschaffte ihm während seiner langen Haftzeit eine Reihe von Gefolgsleuten: zunächst radikale Umweltschützer und Anarchoprimitivisten, später Ökofaschisten, die Fraktion der weißen Nationalisten, die auf Hitlers Ansicht aufbauten, dass der Krieg der Ethnien für das Überleben in einer Welt mit endlichen Ressourcen notwendig sei." Heute erscheint ein Rückzug aus der technologischen Gesellschaft unmöglich denn je, so Homans. "Das Gefühl, dass es kein Entrinnen vor der Technologie und ihren Folgen gibt, hat das sehr lockere, sehr online geprägte Ethos gefördert, das als Doomerism bekannt ist, eine durch Ironie vermittelte Verbindung von Nihilismus und Utopismus, in der die Apokalypse unausweichlich ist, die Möglichkeiten auf der anderen Seite aber unermesslich sind, unbelastet von den Zwängen und engen Vorstellungen der Politik, wie wir sie kennen. Es ist vielleicht keine Überraschung, dass Kaczynski in diesem Milieu allgegenwärtig ist und in den sozialen Medien und Foren als Onkel Ted zitiert und verehrt wird. In diesem Kontext ist Kaczynskis Manifest weniger der Entwurf für den Widerstand, den er sich erhofft hatte, als vielmehr ein theoretischer Rahmen für das Verständnis der Dystopie, in der wir jetzt leben müssen und wie wir hierher gekommen sind."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - New York Times

David Leonhardt, "Senior Writer" der New York Times hat sich auf Migrationsthemen spezialisiert. Für eine sehr lange Magazin-Reportage besucht er Dänemark, wo er auch mit der Premierministerin Mette Frederiksen spricht. Sie ist bekanntlich Sozialdemokratin und hat es geschafft, mit einer rigiden Migrationspolitik die Rechtspopulisten in die Schranken zu weisen. Leonhardt stimmt ihr im wesentlichen zu: Sie habe nicht wirklich sozialdemokratische Prinzipien aufgegeben. Sie höre nur nicht mehr auf die Einflüsterungen der "Brahmanen-Linken", die in einer Allianz mit dem Neoliberalismus zu liberal in der Migrationspolitik waren. "Sie kam immer wieder auf die Idee zurück, dass die Sozialdemokraten ihre Position nicht aus taktischen Gründen geändert haben, sondern aus Prinzip. Sie glauben, dass eine hohe Einwanderung zu wirtschaftlicher Ungleichheit führt und dass sich Progressive vor allem um die Verbesserung der Lebensbedingungen der schwächsten Mitglieder ihrer eigenen Gesellschaft kümmern sollten." Hyggelichkeit ist also die Leitlinie: soziales Denken ja, aber für die Hiesigen (was die anwesenden Bürger mit Migrationshintergrund einschließt). Man müsse übrigens sehen, dass Migranten heute nicht mehr aus schierer Not kämen, es sei gerade das Gegenteil der Fall: "Migration in ein neues Land erfordert Ressourcen, die den Ärmsten der Armen fehlen. Heutzutage haben viel mehr Menschen das Geld und die Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Lese- und Schreibfähigkeit, um die Reise anzutreten, als früher. Moderne Autobahnen und Fluggesellschaften sind ebenfalls ein Faktor. Ebenso wie die sozialen Medien. TikTok-Videos von Migranten und Schmugglern geben Tipps, wie man die Reise durch Mittelamerika oder über das Mittelmeer antreten kann. Sobald die Menschen in einem neuen Land angekommen sind, können sie ihre Verwandten und Freunde über WhatsApp ermutigen, es ebenfalls zu versuchen."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - New York Times

Ende 2023 kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij an, die ukrainischen Streitkräfte im nächsten Kalenderjahr mit einer Million FPV-Drohnen auszustatten. Der Grund: zu viele verlorene Kämpfe, zu wenige Waffen. Und es gelang den Ukrainern, erzählt C.J. Chivers in seiner Reportage, für deren Lektüre man einen eisernen Magen braucht. Drohnen kosten weniger als andere Waffen und sie verringern für ihre Nutzer das Risiko, beim Einsatz zu sterben. Ihre Wirkung auf den Feind ist furchtbar, wie Chivers bezeugt. Das bringt ihn noch auf einen anderen Gedanken: "In der Vergangenheit hatten Drohnen, die von staatlichen Streitkräften eingesetzt wurden, in der Regel ein gemeinsames Merkmal: Es handelte sich um speziell angefertigte Waffen aus Ländern mit einer langen Geschichte der Waffenproduktion. Als die Ukraine sich kleineren bewaffneten Drohnen zuwandte, wurde eine andere Quelle angezapft: Hobby-Miniflugzeuge, die für Freizeitzwecke und Luftaufnahmen verkauft werden und zivilen Käufern weltweit zur Verfügung stehen. .... FPV-Drohnen - die bereits von Litauen, Großbritannien, der Tschechischen Republik, dem Sudan, Taiwan und syrischen Kampfgruppen eingesetzt wurden - haben sie bereits, und es scheint zweifelhaft, dass irgendeine Nation auf der Erde weiß, wie man ihnen in großer Zahl, geschweige denn in Schwärmen, begegnen kann. Darüber hinaus könnten kleine Drohnen in nicht allzu ferner Zukunft resistent gegen Störsender der elektronischen Kriegsführung sein, was eine der wichtigsten derzeitigen Verteidigungsmaßnahmen überflüssig machen würde, da Innovatoren FPV-Quadcopter testen, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. (Russland und die Ukraine haben auch FPV-Drohnen entwickelt, die mit ultradünnen Glasfaserkabeln betrieben werden, wodurch sie schwerer zu entdecken und unempfindlich gegen Störungen durch Funkwellen sind). Was würde das alles bedeuten? Das weiß noch niemand. Aber unter den Ukrainern, die sich mit dem Drohnenkrieg befassen, herrscht eine einheitliche Meinung vor. Im Jahr 2023 hatte die Ukraine die Wahl: Entweder sie setzte FPV-Drohnen in großem Stil ein oder sie hörte auf zu existieren, was eigentlich gar keine Wahl war. Die Ukraine hatte die Absicht, zu überleben, und da ihre Truppen weiterhin einem weitaus mächtigeren Militär die Stirn boten, betrachten sie das Ziel von einer Million Drohnen als Zeichen der Widerstandsfähigkeit des Volkes und des nationalen Erfolgs, und sie hoffen, so schnell wie möglich mehr Drohnen in mehr Funktionen zu haben. Jenseits dieser weit verbreiteten Ansichten herrscht Ambivalenz, und es gibt viele beunruhigende Fragen. Die niedrigen Kosten und die leichte Verfügbarkeit von Quadcoptern lassen befürchten, dass Streitkräfte, die sich nicht an die Gesetze für bewaffnete Konflikte halten, sie in gezielten Kampagnen gegen Zivilisten und zivile Infrastrukturen einsetzen könnten. Human Rights Watch beispielsweise hat den russischen Einsatz von FPV-Quadcoptern untersucht, um ukrainische Einwohner aus städtischen Gebieten zu vertreiben, indem sie Zivilisten zu Fuß, auf Fahrrädern oder in Autos angriffen, sowie Angriffe auf Feuerwehrausrüstung, Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel ausführten."

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - New York Times

Oliver Whang erzählt eine sehr sehr amerikanische Geschichte aus dem hintersten Hinterland des Staates Kentucky, der kleinen Stadt Louisa, die in einem jener County mit den meisten Drogentoten in ganz Amerika liegt. Man kann nicht gerade behaupten, dass diese Stadt wie ein Phoenix aus der Asche gestiegen sei, aber immerhin, die Todesrate ist um 20 Prozent gefallen, so Whang. Zu verdanken ist das maßgeblich der Firma Addiction Recovery Care (ARC), deren Geschäftsmodell "Crisis to Career" heißt. Das Unternehmen besitzt in der Stadt inzwischen eine Menge Untergliederungen, von Bäckereien über Rehab-Zentren bis zu Kirchen (ja, man ist sehr fromm) und Privatschulen. So einige Drogenkranke haben sich durch die Arbeit gefangen, so auch - scheinbar - Jackson and Kidd, zwei Frauen, die sich einen Wohnwagen teilen und die eine wichtige Rolle in Whangs Reportage spielen. Aber eine einfache erbauliche Moral ist aus der Geschichte nicht zu ziehen (was sie besonders lesenswert macht). Whang schildert etwa die gemischten Gefühle der Bewohner Louisas gegenüber der Firma: Man wirft ihr vor, die oft starke Motiviation von gerade den Drogen Entronnenen, aber noch längst nicht Geheilten auszubeuten: "Man kann auch von Arbeit süchtig werden", sagt einer. "Es gibt die Erzählung über das Unternehmen als Heilsbringer, wie sie Firmengründer Tim Robinson vertritt, aber unter anderen Louisanern herrscht bestenfalls eine gespannte Ambivalenz, und schlimmstenfalls offene Feindseligkeit. Die Beschwerden sind vielfältig: ARC ziehe Süchtige an; es dominiere kleinere Geschäfte und ruiniere sie; es erhöhe die Kriminalität in der Gegend; es profitiere von schwachen Menschen. 'Man kann nicht leugnen, dass die ARC viel Gutes bewirkt hat', sagt ein Louisaner, der aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen seitens des Unternehmens anonym bleiben wollte. 'Ich mag sie trotzdem nicht. Ich mag Robinson nicht. Ich glaube, er benutzt Religion und Sucht, um sich zu bereichern. Ich traue ihm nicht.' 'Sie haben keinen guten Ruf, das stimmt', sagte mir ein anderer. 'Aber ich wünschte, sie wären schon etwas früher gekommen, für meinen Bruder.' Er starb vor zehn Jahren an den Folgen seiner Sucht."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - New York Times

Der Bürgerkrieg in Äthiopien ist von der Weltgemeinschaft lange vergessen, stellen die Journalistin Alexis Okeowo und die Fotografin Malin Fezehai fest, die zwei Wochen durch das Land reisten und eine Bevölkerung vorfanden, die sich noch kaum vom Grauen des Konflikts erholt hat, in dem insgesamt etwa 600.000 Menschen starben und mehr als zwei Millionen in die Flucht getrieben wurden. 2018 wurde der Politiker Abiy Ahmed in die Regierung gewählt, nachdem die  "Volksbefreiungsfront von Tigray" (englisches Kürzel T.P.L.F.) drei Jahre lang eine brutale, repressive Politik gegen Oppositionelle geführt hatte. Die Wut der Bevölkerung gegen die T.P.L.F. steigerte sich zu Hass gegen die Bewohner der Region Tigray: Regierungstruppen verübten fürchterliche Massaker in der Region, Frauen berichteten von Folter und Massenvergewaltigungen. Allein in der Stadt Ab'alla wurden nach Schätzungen 500 Tigrayer umgebracht, berichtet Okeowo, als sich im Dezember 2021 plötzlich die muslimischen Afar gegen die christlichen Tigrayer wandten, mit denen sie noch vor Kurzem friedlich zusammengelebt hatten: "Ein 55-jähriger Arzt namens Hagos, dem häufig die Tränen in die Augen schossen, erzählte mir, dass er mit seiner Frau und seinen Kindern zu Hause in Ab'ala war, als die Eindringlinge kamen, sieben an der Zahl, mit Gewehren und Macheten. 'Man kann den Schock nicht beschreiben", sagte er. Bis zu diesem Tag hätten christliche Tigrayer und muslimische Afar Seite an Seite gelebt: 'Wir haben zusammen Landwirtschaft betrieben, wir haben zusammen gearbeitet, und wir waren zusammen bei Beerdigungen und Hochzeiten.' Hagos erkannte einige der Eindringlinge. Sogar die örtliche Polizei schien zu helfen, als die Gruppe ihn nach draußen zwang. Als seine Entführer ihn wegführten, vorbei an Leichen auf der Straße, trafen sie auf einen Afar-Mann, den er kannte. 'Er fragte sie, wohin sie mich bringen würden, und sie antworteten: 'Wir werden ihn töten'', erinnert sich Hagos. 'Er diskutierte mit ihnen, und ich überlebte." Die Schrecken des letzten Konflikts sind noch ganz frisch, da beginnt schon ein neuer: "Im Jahr 2022 begann die äthiopische Regierung, die offenbar die Macht der Milizen fürchtete, die Abiy bei der Bekämpfung des Krieges in Tigray eingesetzt hatte, Tausende von Menschen in Amhara zu verhaften. Im Frühjahr 2023 versuchte sie, die regionalen Sonderpolizeikräfte zu zwingen, sich aufzulösen und in die nationalen Sicherheitskräfte integriert zu werden. Bewaffnete Gruppen in Amhara leisteten Widerstand. Jetzt kämpft die Bundesregierung aktiv gegen eine mächtige Miliz in Amhara, die als Fano bekannt ist."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - New York Times

Amir Ahmadi Arian trifft sich in New York mit Mohammad Rasoulof, mehrere Monate nachdem der Regisseur, dem im Iran eine mehrjährige Haftstrafe drohte, sein Heimatland fluchtartig verlassen hatte. Arian rekapituliert noch einmal die thrillerartigen Umstände der Flucht und stellt Rasoulofs neuesten Film, "Die Saat des heiligen Feigenbaums", vor. Probleme mit dem autoritären Regime in Teheran sind für den Filmemacher freilich nichts Neues: "Während seiner letzten Gefängnisstrafe, wurde Rasoulof für eine Operation ins Krankenhaus gebracht. Während seiner einwöchigen Genesung bewachten ihn rund um die Uhr jeweils drei Wachen in seinem Krankenzimmer. (…) Während der ersten Schicht brachte einer der Wachen Rasoulofs Film 'Doch das Böse gibt es nicht' auf einem USB-Stick mit, und sie sahen sich den Film auf dem Fernseher in seinem Krankenzimmer an. Eine der Geschichten zeigt eine Gruppe von Wehrpflichtigen, die mit der Durchführung einer Hinrichtung durch Erhängen beauftragt sind. In einem Raum voller Etagenbetten kann ein junger Soldat, der seine erste Hinrichtung durchführen soll, nicht schlafen. Er ist erschüttert und ihm ist übel, er telefoniert immer wieder mit seiner Freundin und fleht sie an, ihm zu helfen. Die Gruppe junger Männer diskutiert leidenschaftlich über die Ethik ihrer Aufgabe. Einige argumentieren, dass sie lediglich dem Gesetz des Landes folgen. Andere sind der Meinung, dass Töten Töten bleibt und ein Mensch die Freiheit hat, Befehle zu verweigern, die er moralisch verwerflich findet. Im Krankenzimmer Rasoulofs sahen die Wachen den Film und dankten ihm überschwänglich für die ehrliche Darstellung ihres Lebens und ihrer Sorgen. Anschließend gaben sie den USB-Stick an die nächste Schicht weiter. Während seines gesamten Krankenhausaufenthalts musste Rasoulof seinen Film einmal täglich mit seinen Bewachern ansehen."

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - New York Times

Wenn die New York Times über Gaza berichtet, ist Vorsicht geboten. Wie bei den meisten ehemals renommierten linksliberalen Medien - Le Monde, der Guardian, BBC - gibt es in dem Konflikt immer nur einen Schuldigen, Israel, und das ist auch in Francesca Maris Reportage über multiresistente Keime im Krieg so. Wenn Kinder in Gaza an diesen Keimen verrecken, dann ist das nicht die Schuld der Hamas, sondern liegt daran, dass Israel keine Medikamente nach Gaza liefert und die Feinde, die es vernichten wollen, nicht ausreichend mit Wasser und Strom versorgt. Maris' Gewährsmann in der Reportage ist der plastische Chirurg Ghassan Abu-Sittah, ein Hamas-Fan, der im April hierzulande von sich reden machte, weil er zu dem von antiisraelischen Gruppen organisierten Palästina-Kongress nicht einreisen durfte. Abu-Sitta operiert in seiner freien Zeit verwundete Kinder in Gaza - eigentlich ist er Rektor der Universität von Glasgow. Nichts von alldem erwähnt Mari in ihrer Reportage, auch nicht, dass die Krankenhäuser in Gaza, wo desolate Bedingungen herrschen, zugleich Zentralen der Hamas waren. Dennoch ist ihr Artikel lesenswert, denn die eigentliche Information, die er bringt, ist, dass Kriege für die Entwicklung multiresistenter Keime wahre Brutkästen sind. Angefangen hat es allerdings angeblich lange, lange Zeit vor den aktuellen Kriegen, in der Zeit der Sanktionen gegen den Irak nach dem ersten Irak-Krieg. Herausgefunden habe das alles der irakische Anthropologe Omar Dewachi, der eng mit Abu Sitta zusammenarbeitet. Im Gespräch unterstreicht er, "wie die Sanktionen die Missstände der Diktatur noch verschlimmerten, indem sie dem Krankenhaussystem die Ressourcen entzogen, die Moral der Mitarbeiter zerstörten und wissenschaftliche Praxis untergruben. Ein irakischer Medizinprofessor - der aus Angst vor beruflichen Repressalien nicht namentlich genannt werden will - erzählt mir, dass sich Ärzte unter der Diktatur oft unter Druck gesetzt fühlten, ein schlechtes Ersatzmittel anzubieten, wenn die evidenzbasierte Medizin ein Medikament verlangte, das nicht verfügbar war, ohne einzugestehen, dass die Behandlung eigentlich falsch war … Dewachi ist der Ansicht, dass sich die medizinische Kultur auch Jahrzehnte nach dem Sturz Saddams und dem Ende der US-Besatzung noch nicht völlig verändert hat. Viele jüngere Ärzte im Irak berichteten ihm, dass sie unter Vorgesetzten arbeiten, älteren, abgestumpften Ärzten, die sagen, es sei angesichts der hohen Arbeitsbelastung und der begrenzten Ressourcen unmöglich, Verfahren zur Infektionsprävention und -kontrolle umzusetzen."

Noch viel unheimlicher ist, was der preisgekrönte Reporter William Langewiesche beschreibt: Ohne dass man es so direkt mitbekommen hat und ohne hinderliche Kontrollverträge, gibt es einen neuen Rüstungswettlauf zwischen China, Russland und den USA. "Der Schwerpunkt liegt jetzt auf kleineren, präziseren Atomwaffen, die den radioaktiven Niederschlag und die Zahl der Todesopfer in der Zivilbevölkerung begrenzen sollen - genau die Art von Sprengköpfen, die Länder in Versuchung bringen könnten, in einer konventionellen Schlacht einzusetzen, und die in Verbindung mit Cyberangriffen und fortschrittlichen Überwachungssystemen weltweit die Befürchtung wecken, dass insbesondere die Vereinigten Staaten eine praktische Erstschlagskapazität erreichen könnten. Ob berechtigt oder nicht, diese Bedenken sind destabilisierend. Sie machen die Gegner misstrauisch. Sie untergraben das Gespräch. Sie verdichten die Spirale. ... Die entscheidende Herausforderung besteht heute nicht darin, wie ein Überraschungsangriff abgewehrt werden kann, sondern wie eine Eskalation kontrolliert werden kann, die im Verborgenen stattfindet - zum Beispiel ein konventioneller Konflikt, der schief läuft und zu nuklearem Säbelrasseln führt, das zum ersten Einsatz einiger kleinerer Atomwaffen auf dem Schlachtfeld führt, was wiederum den Gegeneinsatz kleinerer Atomwaffen zur Folge hat, was wiederum dazu führt, dass ein Großteil der Welt unkontrolliert in die Auslöschung schlittert. Das beste verfügbare Modell eines solchen Ereignisses ist ein ultrageheimes Kriegsspiel des Pentagons aus dem Jahr 1983 namens Proud Prophet. Dieses Spiel war eine Art nuklearer Test und lieferte entscheidende Lehren, die auch heute noch wichtig sind. Es war insofern einzigartig, als dass es weitgehend ohne Drehbuch ablief, die höchsten Ebenen des US-Militärs und seine globalen Kriegsführungsbefehle einbezog und tatsächliche Kommunikationskanäle, Doktrinen und geheime Kriegspläne verwendete. Eine seiner großen Stärken war, dass es im Gegensatz zu allen anderen Kriegsspielen, bei denen die Möglichkeit des Einsatzes von Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft eine Rolle spielte, ungehindert ablief und zu seinem natürlichen Ende geführt werden konnte: der globalen Verwüstung. Das Ergebnis war ein Schock. Die daraus gezogene Lehre - dass ein Atomkrieg nicht kontrollierbar ist - wirkte sich jahrzehntelang auf die amerikanische Strategie und damit, in einer Welt der gegensätzlichen Spiegel, auf die globalen Strategien aus. Vielleicht wird eines Tages in der Zukunft ein Überlebender auf unsere Zeit zurückblicken und feststellen können, dass die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit darin besteht, dass diese Lektion von den derzeitigen Führern in Russland und den Vereinigten Staaten und vielleicht auch in anderen Ländern vergessen wurde."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - New York Times

Nyrola Elimä and Ben Mauk rekonstruieren die Leidensgeschichte Hasan Imams, eines Uiguren aus Xinjiang, der im Zuge der eskalierenden Repression der muslimischen Minderheit durch die chinesische Staatsmacht den Versuch unternahm, über die Südostasienroute die Türkei zu erreichen. Doch China macht den Uiguren nicht nur im eigenen Land das Leben zur Hölle, sondern übt auch Druck auf andere Länder auf, Flüchtlnge auszuliefern. Imam saß unter anderem jahrelang, unter menschenunwürdigen Bedingungen, in thailändischen Gefängnissen, bis ihm schließlich, nach einem erfolgreichen Gefängnisausbruch, doch noch der Weg in die relative Sicherheit - in die Türkei - gelang. Sein Schicksal ist keineswegs ein Einzelfall: "Niemand weiß, wie viele Menschen in den letzten 15 Jahren aus Xinjiang geflohen sind. Im Zuge unserer Berichterstattung gelangten wir an ein internes Dokument der chinesischen Regierung, das das Ausmaß des Exodus erahnen lässt: eine irgendwann vor 2018 erstellte Tabelle mit dem Titel 'High-Risk Individuals From Xinjiang Suspected of Crossing the Border Illegally' (Hochrisiko-Personen aus Xinjiang, die im Verdacht stehen, die Grenze illegal zu überqueren), die die Namen und persönlichen Daten von 17.743 Uiguren enthält - darunter viele unserer Interviewpartner und mehr als zwei Dutzend der derzeit in Suan Plu inhaftierten Männer. Auf ihrer jahrzehntelangen Suche nach einem sicheren Zufluchtsort außerhalb Chinas sind Zehntausende von Asylbewerbern mit Grausamkeit und Gleichgültigkeit konfrontiert worden. Weit davon entfernt, sie vor Abschiebung zu schützen, haben sich die Aufnahmeländer in Hunderten von Fällen den Forderungen Chinas nach Rückführung gebeugt. Tausende von ihnen wurden vor Ort inhaftiert, eingeschüchtert und anderen Formen der grenzüberschreitenden Unterdrückung unterworfen. Es gibt keine andere Bevölkerungsgruppe auf der Welt, die derart aggressiven Überwachungs- und Verfolgungstaktiken auf globaler Ebene ausgesetzt ist."
Stichwörter: Uiguren, Thailand, China

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - New York Times

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Ist Trump ein Faschist? Darum rankt sich schon seit einigen Jahren eine veritable "Fascism Debate", schreibt Elisabeth Zerofsky. Sie trifft für ihren sehr lehrreichen Artikel einen der ehrwürdigsten Experten, der sich denken lässt, den 92-jährigen Historiker Robert Paxton, der vor über fünfzig Jahren mit seinem Buch "Vichy France - Old Guard and New Order, 1940-1944" die "paxtonische Revolution" in Frankreich auslöste: Seit diesem Buch behauptet so gut wie niemand mehr in Frankreich, dass die Kollaboration in Frankreich aus Zwang erfolgt sei - im Gegenteil, sie war eine willige Unterwerfung, auch weil in Frankreich selbst Bedingungen für einen Faschismus herrschten. Paxton hat mit Blick auf Trump die Faschismus-Vokabel lange Zeit abgelehnt, erzählt Zerofsky. Nach dem 6. Januar 2021 änderte er seine Meinung und tat dies in einer heute berühmten Kolumne für Newsweek kund: "I've Hesitated to Call Donald Trump a Fascist. Until Now". Dennoch, so Zerofsky, ist Paxton bis heute mit dieser Totschlagvokabel ziemlich vorsichtig: "Ich glaube bis heute, dass das Wort mehr Hitze als Licht erzeugt", sagt er zu der Autorin. Die Ähnlichkeit, die Paxton schließlich doch zwischen Trump und dem Faschismus sieht, liegt nicht in Doktrinen und Programmen, sondern darin, dass sie gesellschaftlich bedingt sind: "Wie auch immer der Trumpismus sich selbst versteht, er kommt 'als Massenphänomen von unten, und die Führer rennen voran, um ihm zuvorzukommen', sagt Paxton. So seien auch der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus entstanden, als Mussolini und Hitler nach dem Ersten Weltkrieg aus der Unzufriedenheit der Massen Kapital schlugen, um an die Macht zu kommen. Paxton ist seit langem der Meinung, dass die Konzentration auf die Anführer vom Verständnis des Faschismus ablenkt. 'Was man untersuchen sollte, ist das Milieu, aus dem heraus sie entstanden sind', sagt er. Damit der Faschismus Wurzeln schlagen kann, muss es 'eine Öffnung im politischen System geben, einen Verlust der Bodenhaftung der traditionellen Parteien, da muss es einen echten Zusammenbruch geben.'" Zerofsky empfiehlt Paxtons Essay "The Anatomy of Fascism", das zu den maßgeblichen Theorien des Phänomens gehört.