Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

795 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 80

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - New York Times

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Ted Conover, Autor eines Buchs über den Staat Colorado, geht der trüben Realität nach, die hinter Donald Trumps Instrumentalisierung der Zustände in der Stadt Aurora bei Denver liegt. Cindy Romero, venezolanischen Ursprungs, hatte per Video festgehalten, wie eine kleine Gang von Kriminellen, ebenfalls venezolanischen Ursprungs, in ihr Wohngebäude einbrach. Es kam zu einer Schießerei, das Video kursierte. Trump leitete daraus ab, dass ganz Aurora in der Hand einer venezolanischen Gang war und begründete darauf seinen Gewaltakt der Ausweisung hunderter illegaler Immigranten. Die Sache ist, dass Aurora zwar nicht in der Hand einer Gang ist - aber Conover schildert Gewaltszenen in der Stadt, die wiederum von Trumps Gegnern eher totgeschwiegen wurden. "Je mehr Aurora im Zentrum von Trumps Anti-Einwanderungsrhetorik stand, desto größer wurde die Versuchung unter demokratischen Politikern und Aktivisten, die Berichte über Bandenkriminalität in der Stadt als Halluzinationen der Rechten abzutun. Aber ihre Weigerung, die Gewalt anzuerkennen, die einige Einwohner mit eigenen Augen sahen, wirkte nicht beruhigend, sondern wie eine Ausblendung. Bei der Kundgebung bezeichnete sich Romero als 'ehemalige lebenslange Demokratin' und erklärte, dass die Leugnungen sie gegen die Partei aufgebracht hätten. Sie dankte Trump vor allem dafür, 'dass er mir geglaubt hat'."

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - New York Times

C.J. Chivers erzählt, wie die achtzigjährige Ukrainerin Liudmyla Zarutska, genannt Liuda, in ihrem Plattenbau im 9. Stock ums Leben kam. Eine russische Shahed-Drohne schlug ein. Zarutska überlebte die von der Drohnen freigesetzten Metall-Kugeln, die im Beton ihrer Wohnungswände steckenblieben. Aber als nächstes setzte die Drohne einen Feuersturm frei, der in alle Zwischenräume drang und auch den Hausflur hinabraste und alle Möbel in Brand steckte. "Liuda überlebte auch das. Aber Flammen versperrten ihr den Weg zum Ausgang, so dass sie sich in ihrem Schlafzimmer verstecken musste, das durch eine Holztür vom brennenden Flur getrennt war. Luft strömte durch zerbrochene Fenster und fachte das Inferno an. Ihr Zufluchtsort wurde zu einem Betonofen. Die Zeit war knapp, sie hatte kaum Optionen. Außer einem Sprung auf den neun Stockwerke tiefer liegenden Spielplatz gab es keinen unmittelbaren Fluchtweg. Nachrichten von den Drohnenangriffen verbreiten sich schnell. Noch als die Flammen aus den Fenstern schlugen, alarmierte ein Nachbar Liudas Sohn Mykola über den Angriff. Er rief seine Mutter dreimal an. Sie nahm nicht ab. Sie konnte nicht. Umgeben von einem orangefarbenen Feuerschein stand sie am Fenster ihres Schlafzimmers und schrie, während sie verbrannte." Das ist der Anfang dieser teilweise kaum zu ertragenden, aber großartig erzählten und recherchierten Reportage, in der Chivers auch eine Menge Informationen über die Drohnen zusammenträgt: Sie werden inzwischen in Russland produziert, auch wenn nach wie vor iranische Teile verbaut werden. Anfangs setzte Russland 38 pro Woche davon ein, jetzt, nach Trumps Telefonaten mit Putin, über 1000 Stück pro Woche. Eine Drohne kostet 50.000 Dollar, im Gegensatz zu 2 Millionen Dollar für eine Iskander-Rakete. Diese Drohnen fliegen tief, sie sind schwarz, in der Nacht kaum auszumachen. Sie wechseln die Flughöhe und fliegen unberechenbare Bahnen, bevor sie ihr Ziel erreichen. Kurz: "Diese Waffen kosten wenig, sie fliegen weit und machen die Schlafenszeit in der Ukraine zu einer Zeit der Angst."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - New York Times

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Was Trump betreibt, ist eine Privatisierung des Politischen. Er öffnet der Korruption die Schleusen, und es entsteht eine Flut, die ganz Amerika (und nicht nur Amerika, nebenbei bemerkt) nach unten reißt, schreibt Ben Rhodes, Autor des Buchs "After the Fall - The Rise of Authoritarianism in the World We've Made", in einem Essay für die New York Times. Ist der Damm einmal gebrochen, lässt er sich nicht einfach wieder aufbauen, das Gelände ist zerstört. Gelernt hat es  Trump bei Orban und nutzt Schwächen aus, die die Demokratien sehenden Auges haben entstehen lassen. Allein: "Was Trump von einem Orban oder sogar einem Putin unterscheidet, ist die immense wirtschaftliche, technologische und militärische Macht des Unternehmens, das er jetzt leitet: die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Land hat mehr Einfluss auf die Weltwirtschaft. Durch die Einführung von Zöllen für alle Länder der Welt hat Trump diese Macht personalisiert. Zölle geben ihm die Macht, Märkte zu bewegen. Er kann den Hebel nach oben oder unten betätigen. Er hat den Kongress umgangen und Versuche, ihn einzuschränken, als antiamerikanisch abgestempelt und 'USA-Hasser' in einem Handelsgericht attackiert, das versucht hatte, seine Zollbefugnisse einzuschränken. Das schafft unbegrenzte Gewinnmöglichkeiten."
Stichwörter: Rhodes, Ben, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - New York Times

Elon Musk versucht an die Kreuzung zurückzukehren, an der FDR Roosevelt mit seinem New Deal abbog, und Amerika in die entgegengesetzte Richtung zu führen, meint die Historikerin Jill Lepore. Und diese Richtung hat ihrer Meinung nach viel Ähnlichkeit mit der, die Musks Großvater Joshua Haldeman vertrat, "ein Cowboy, Chiropraktiker, Verschwörungstheoretiker und Amateurflieger, der als 'Flying Haldeman' bekannt war. Musks Großvater war ebenfalls ein aufsehenerregender Anführer der politischen Bewegung, die als Technokratie bekannt ist. Führende Technokraten schlugen vor, demokratisch gewählte Beamte und Staatsbedienstete - ja, die gesamte Regierung - durch eine Armee von Wissenschaftlern und Ingenieuren unter einem so genannten Technat zu ersetzen. Einige wollten auch Kanada und Mexiko annektieren. Auf dem Höhepunkt der Technokratie hatte ein Zweig der Bewegung mehr als eine Viertelmillion Mitglieder. Unter dem Technat würden die Menschen keine Namen mehr haben, sondern Nummern. Ein Technokrat nannte sich 1x1809x56. (Herr Musk hat einen Sohn namens X Æ A-12.) Herr Haldeman, der seine Farm in Saskatchewan während der Depression verloren hatte, wurde der Anführer der Bewegung in Kanada. Er war der Technokrat Nr. 10450-1. Die Technokratie erlangte 1932 erstmals weltweite Aufmerksamkeit, zersplitterte aber bald in rivalisierende Fraktionen. Technocracy Incorporated wurde von einem ehemaligen New Yorker namens Howard Scott gegründet und geleitet. Überall auf dem Kontinent gaben rivalisierende Gruppen von Technokraten eine Flut von Traktaten, Zeitschriften und Pamphleten heraus, in denen sie zum Beispiel erklärten, wie sich das 'Leben in einer Technokratie' völlig vom Leben in einer Demokratie unterscheiden würde: 'Auf Volksabstimmungen kann weitgehend verzichtet werden.' Die Technokraten argumentierten, dass die liberale Demokratie gescheitert sei. In einem Pamphlet der Technocracy Incorporated wurde erklärt, dass die Bewegung 'den Grundgedanken des demokratischen Ideals nicht teilt, nämlich dass alle Menschen frei und gleich geschaffen sind'. In der modernen Welt haben nur Wissenschaftler und Ingenieure die Intelligenz und die Ausbildung, um die industriellen Abläufe zu verstehen, die das Herzstück der Wirtschaft bilden. Herrn Scotts Armee von Technokraten würde die meisten staatlichen Dienstleistungen abschaffen: 'Selbst unser Postsystem, unsere Autobahnen und unsere Küstenwache könnten viel effizienter gestaltet werden'. Überlappende Behörden könnten geschlossen werden, und '90 Prozent der Gerichte könnten abgeschafft werden'."

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - New York Times

Im New York Times Magazine nimmt Charles Homans erstaunt zur Kenntnis, wie der Unabomber Ted Kaczynski an Popularität gewinnt: links, rechts, bei alten und bei jungen Leuten. Kaczynski, ursprünglich Mathematiker, hatte sich 1969 in die Wälder Montanas zurückgezogen, um ein Leben jenseits der Zivilsation zu führen. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er 16 Paketbomben und tötete mehrere Menschen, um das "System" zu stürzen, das die Natur zu zerstören drohte. Er wurde erst 1996 verhaftet und starb 2023 im Gefängnis. Was also fasziniert Menschen heute an ihm und seinem Manifest "Industrial Society and Its Future"? Seine Technologiekritik, an die Rechte wie Linke gleichermaßen andocken können, meint Homans. Kaczynski glaubte nicht, dass die auf moderner Technologie basierende Gesellschaft einen falschen Weg eingeschlagen hatte, "er glaubte vielmehr, sie sei falsch. ...Kaczynski, der sich auf populäre Bücher über Evolutionspsychologie stützte, argumentierte, dass dieses technologische System eine unvermeidliche Folge des darwinistischen Vorteilsstrebens sei, bei dem das Überleben des Einzelnen und der Gesellschaft gleichermaßen Innovationen erfordere, um seine Nachbarn zu übertreffen. Dies bedeute, dass das System nicht reformiert werden könne. 'Man kann nicht die 'schlechten' Teile der Technologie loswerden und nur die 'guten' Teile behalten', schrieb Kaczynski. Er schlussfolgerte: 'Es wäre besser, das ganze stinkende System wegzuwerfen und die Konsequenzen zu tragen.'" Für Kaczynski war die logische Folge, das die moderne Gesellschaft zerstört werden müsste. "Dies verschaffte ihm während seiner langen Haftzeit eine Reihe von Gefolgsleuten: zunächst radikale Umweltschützer und Anarchoprimitivisten, später Ökofaschisten, die Fraktion der weißen Nationalisten, die auf Hitlers Ansicht aufbauten, dass der Krieg der Ethnien für das Überleben in einer Welt mit endlichen Ressourcen notwendig sei." Heute erscheint ein Rückzug aus der technologischen Gesellschaft unmöglich denn je, so Homans. "Das Gefühl, dass es kein Entrinnen vor der Technologie und ihren Folgen gibt, hat das sehr lockere, sehr online geprägte Ethos gefördert, das als Doomerism bekannt ist, eine durch Ironie vermittelte Verbindung von Nihilismus und Utopismus, in der die Apokalypse unausweichlich ist, die Möglichkeiten auf der anderen Seite aber unermesslich sind, unbelastet von den Zwängen und engen Vorstellungen der Politik, wie wir sie kennen. Es ist vielleicht keine Überraschung, dass Kaczynski in diesem Milieu allgegenwärtig ist und in den sozialen Medien und Foren als Onkel Ted zitiert und verehrt wird. In diesem Kontext ist Kaczynskis Manifest weniger der Entwurf für den Widerstand, den er sich erhofft hatte, als vielmehr ein theoretischer Rahmen für das Verständnis der Dystopie, in der wir jetzt leben müssen und wie wir hierher gekommen sind."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - New York Times

David Leonhardt, "Senior Writer" der New York Times hat sich auf Migrationsthemen spezialisiert. Für eine sehr lange Magazin-Reportage besucht er Dänemark, wo er auch mit der Premierministerin Mette Frederiksen spricht. Sie ist bekanntlich Sozialdemokratin und hat es geschafft, mit einer rigiden Migrationspolitik die Rechtspopulisten in die Schranken zu weisen. Leonhardt stimmt ihr im wesentlichen zu: Sie habe nicht wirklich sozialdemokratische Prinzipien aufgegeben. Sie höre nur nicht mehr auf die Einflüsterungen der "Brahmanen-Linken", die in einer Allianz mit dem Neoliberalismus zu liberal in der Migrationspolitik waren. "Sie kam immer wieder auf die Idee zurück, dass die Sozialdemokraten ihre Position nicht aus taktischen Gründen geändert haben, sondern aus Prinzip. Sie glauben, dass eine hohe Einwanderung zu wirtschaftlicher Ungleichheit führt und dass sich Progressive vor allem um die Verbesserung der Lebensbedingungen der schwächsten Mitglieder ihrer eigenen Gesellschaft kümmern sollten." Hyggelichkeit ist also die Leitlinie: soziales Denken ja, aber für die Hiesigen (was die anwesenden Bürger mit Migrationshintergrund einschließt). Man müsse übrigens sehen, dass Migranten heute nicht mehr aus schierer Not kämen, es sei gerade das Gegenteil der Fall: "Migration in ein neues Land erfordert Ressourcen, die den Ärmsten der Armen fehlen. Heutzutage haben viel mehr Menschen das Geld und die Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Lese- und Schreibfähigkeit, um die Reise anzutreten, als früher. Moderne Autobahnen und Fluggesellschaften sind ebenfalls ein Faktor. Ebenso wie die sozialen Medien. TikTok-Videos von Migranten und Schmugglern geben Tipps, wie man die Reise durch Mittelamerika oder über das Mittelmeer antreten kann. Sobald die Menschen in einem neuen Land angekommen sind, können sie ihre Verwandten und Freunde über WhatsApp ermutigen, es ebenfalls zu versuchen."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - New York Times

Ende 2023 kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij an, die ukrainischen Streitkräfte im nächsten Kalenderjahr mit einer Million FPV-Drohnen auszustatten. Der Grund: zu viele verlorene Kämpfe, zu wenige Waffen. Und es gelang den Ukrainern, erzählt C.J. Chivers in seiner Reportage, für deren Lektüre man einen eisernen Magen braucht. Drohnen kosten weniger als andere Waffen und sie verringern für ihre Nutzer das Risiko, beim Einsatz zu sterben. Ihre Wirkung auf den Feind ist furchtbar, wie Chivers bezeugt. Das bringt ihn noch auf einen anderen Gedanken: "In der Vergangenheit hatten Drohnen, die von staatlichen Streitkräften eingesetzt wurden, in der Regel ein gemeinsames Merkmal: Es handelte sich um speziell angefertigte Waffen aus Ländern mit einer langen Geschichte der Waffenproduktion. Als die Ukraine sich kleineren bewaffneten Drohnen zuwandte, wurde eine andere Quelle angezapft: Hobby-Miniflugzeuge, die für Freizeitzwecke und Luftaufnahmen verkauft werden und zivilen Käufern weltweit zur Verfügung stehen. .... FPV-Drohnen - die bereits von Litauen, Großbritannien, der Tschechischen Republik, dem Sudan, Taiwan und syrischen Kampfgruppen eingesetzt wurden - haben sie bereits, und es scheint zweifelhaft, dass irgendeine Nation auf der Erde weiß, wie man ihnen in großer Zahl, geschweige denn in Schwärmen, begegnen kann. Darüber hinaus könnten kleine Drohnen in nicht allzu ferner Zukunft resistent gegen Störsender der elektronischen Kriegsführung sein, was eine der wichtigsten derzeitigen Verteidigungsmaßnahmen überflüssig machen würde, da Innovatoren FPV-Quadcopter testen, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. (Russland und die Ukraine haben auch FPV-Drohnen entwickelt, die mit ultradünnen Glasfaserkabeln betrieben werden, wodurch sie schwerer zu entdecken und unempfindlich gegen Störungen durch Funkwellen sind). Was würde das alles bedeuten? Das weiß noch niemand. Aber unter den Ukrainern, die sich mit dem Drohnenkrieg befassen, herrscht eine einheitliche Meinung vor. Im Jahr 2023 hatte die Ukraine die Wahl: Entweder sie setzte FPV-Drohnen in großem Stil ein oder sie hörte auf zu existieren, was eigentlich gar keine Wahl war. Die Ukraine hatte die Absicht, zu überleben, und da ihre Truppen weiterhin einem weitaus mächtigeren Militär die Stirn boten, betrachten sie das Ziel von einer Million Drohnen als Zeichen der Widerstandsfähigkeit des Volkes und des nationalen Erfolgs, und sie hoffen, so schnell wie möglich mehr Drohnen in mehr Funktionen zu haben. Jenseits dieser weit verbreiteten Ansichten herrscht Ambivalenz, und es gibt viele beunruhigende Fragen. Die niedrigen Kosten und die leichte Verfügbarkeit von Quadcoptern lassen befürchten, dass Streitkräfte, die sich nicht an die Gesetze für bewaffnete Konflikte halten, sie in gezielten Kampagnen gegen Zivilisten und zivile Infrastrukturen einsetzen könnten. Human Rights Watch beispielsweise hat den russischen Einsatz von FPV-Quadcoptern untersucht, um ukrainische Einwohner aus städtischen Gebieten zu vertreiben, indem sie Zivilisten zu Fuß, auf Fahrrädern oder in Autos angriffen, sowie Angriffe auf Feuerwehrausrüstung, Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel ausführten."

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - New York Times

Oliver Whang erzählt eine sehr sehr amerikanische Geschichte aus dem hintersten Hinterland des Staates Kentucky, der kleinen Stadt Louisa, die in einem jener County mit den meisten Drogentoten in ganz Amerika liegt. Man kann nicht gerade behaupten, dass diese Stadt wie ein Phoenix aus der Asche gestiegen sei, aber immerhin, die Todesrate ist um 20 Prozent gefallen, so Whang. Zu verdanken ist das maßgeblich der Firma Addiction Recovery Care (ARC), deren Geschäftsmodell "Crisis to Career" heißt. Das Unternehmen besitzt in der Stadt inzwischen eine Menge Untergliederungen, von Bäckereien über Rehab-Zentren bis zu Kirchen (ja, man ist sehr fromm) und Privatschulen. So einige Drogenkranke haben sich durch die Arbeit gefangen, so auch - scheinbar - Jackson and Kidd, zwei Frauen, die sich einen Wohnwagen teilen und die eine wichtige Rolle in Whangs Reportage spielen. Aber eine einfache erbauliche Moral ist aus der Geschichte nicht zu ziehen (was sie besonders lesenswert macht). Whang schildert etwa die gemischten Gefühle der Bewohner Louisas gegenüber der Firma: Man wirft ihr vor, die oft starke Motiviation von gerade den Drogen Entronnenen, aber noch längst nicht Geheilten auszubeuten: "Man kann auch von Arbeit süchtig werden", sagt einer. "Es gibt die Erzählung über das Unternehmen als Heilsbringer, wie sie Firmengründer Tim Robinson vertritt, aber unter anderen Louisanern herrscht bestenfalls eine gespannte Ambivalenz, und schlimmstenfalls offene Feindseligkeit. Die Beschwerden sind vielfältig: ARC ziehe Süchtige an; es dominiere kleinere Geschäfte und ruiniere sie; es erhöhe die Kriminalität in der Gegend; es profitiere von schwachen Menschen. 'Man kann nicht leugnen, dass die ARC viel Gutes bewirkt hat', sagt ein Louisaner, der aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen seitens des Unternehmens anonym bleiben wollte. 'Ich mag sie trotzdem nicht. Ich mag Robinson nicht. Ich glaube, er benutzt Religion und Sucht, um sich zu bereichern. Ich traue ihm nicht.' 'Sie haben keinen guten Ruf, das stimmt', sagte mir ein anderer. 'Aber ich wünschte, sie wären schon etwas früher gekommen, für meinen Bruder.' Er starb vor zehn Jahren an den Folgen seiner Sucht."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - New York Times

Der Bürgerkrieg in Äthiopien ist von der Weltgemeinschaft lange vergessen, stellen die Journalistin Alexis Okeowo und die Fotografin Malin Fezehai fest, die zwei Wochen durch das Land reisten und eine Bevölkerung vorfanden, die sich noch kaum vom Grauen des Konflikts erholt hat, in dem insgesamt etwa 600.000 Menschen starben und mehr als zwei Millionen in die Flucht getrieben wurden. 2018 wurde der Politiker Abiy Ahmed in die Regierung gewählt, nachdem die  "Volksbefreiungsfront von Tigray" (englisches Kürzel T.P.L.F.) drei Jahre lang eine brutale, repressive Politik gegen Oppositionelle geführt hatte. Die Wut der Bevölkerung gegen die T.P.L.F. steigerte sich zu Hass gegen die Bewohner der Region Tigray: Regierungstruppen verübten fürchterliche Massaker in der Region, Frauen berichteten von Folter und Massenvergewaltigungen. Allein in der Stadt Ab'alla wurden nach Schätzungen 500 Tigrayer umgebracht, berichtet Okeowo, als sich im Dezember 2021 plötzlich die muslimischen Afar gegen die christlichen Tigrayer wandten, mit denen sie noch vor Kurzem friedlich zusammengelebt hatten: "Ein 55-jähriger Arzt namens Hagos, dem häufig die Tränen in die Augen schossen, erzählte mir, dass er mit seiner Frau und seinen Kindern zu Hause in Ab'ala war, als die Eindringlinge kamen, sieben an der Zahl, mit Gewehren und Macheten. 'Man kann den Schock nicht beschreiben", sagte er. Bis zu diesem Tag hätten christliche Tigrayer und muslimische Afar Seite an Seite gelebt: 'Wir haben zusammen Landwirtschaft betrieben, wir haben zusammen gearbeitet, und wir waren zusammen bei Beerdigungen und Hochzeiten.' Hagos erkannte einige der Eindringlinge. Sogar die örtliche Polizei schien zu helfen, als die Gruppe ihn nach draußen zwang. Als seine Entführer ihn wegführten, vorbei an Leichen auf der Straße, trafen sie auf einen Afar-Mann, den er kannte. 'Er fragte sie, wohin sie mich bringen würden, und sie antworteten: 'Wir werden ihn töten'', erinnert sich Hagos. 'Er diskutierte mit ihnen, und ich überlebte." Die Schrecken des letzten Konflikts sind noch ganz frisch, da beginnt schon ein neuer: "Im Jahr 2022 begann die äthiopische Regierung, die offenbar die Macht der Milizen fürchtete, die Abiy bei der Bekämpfung des Krieges in Tigray eingesetzt hatte, Tausende von Menschen in Amhara zu verhaften. Im Frühjahr 2023 versuchte sie, die regionalen Sonderpolizeikräfte zu zwingen, sich aufzulösen und in die nationalen Sicherheitskräfte integriert zu werden. Bewaffnete Gruppen in Amhara leisteten Widerstand. Jetzt kämpft die Bundesregierung aktiv gegen eine mächtige Miliz in Amhara, die als Fano bekannt ist."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - New York Times

Amir Ahmadi Arian trifft sich in New York mit Mohammad Rasoulof, mehrere Monate nachdem der Regisseur, dem im Iran eine mehrjährige Haftstrafe drohte, sein Heimatland fluchtartig verlassen hatte. Arian rekapituliert noch einmal die thrillerartigen Umstände der Flucht und stellt Rasoulofs neuesten Film, "Die Saat des heiligen Feigenbaums", vor. Probleme mit dem autoritären Regime in Teheran sind für den Filmemacher freilich nichts Neues: "Während seiner letzten Gefängnisstrafe, wurde Rasoulof für eine Operation ins Krankenhaus gebracht. Während seiner einwöchigen Genesung bewachten ihn rund um die Uhr jeweils drei Wachen in seinem Krankenzimmer. (…) Während der ersten Schicht brachte einer der Wachen Rasoulofs Film 'Doch das Böse gibt es nicht' auf einem USB-Stick mit, und sie sahen sich den Film auf dem Fernseher in seinem Krankenzimmer an. Eine der Geschichten zeigt eine Gruppe von Wehrpflichtigen, die mit der Durchführung einer Hinrichtung durch Erhängen beauftragt sind. In einem Raum voller Etagenbetten kann ein junger Soldat, der seine erste Hinrichtung durchführen soll, nicht schlafen. Er ist erschüttert und ihm ist übel, er telefoniert immer wieder mit seiner Freundin und fleht sie an, ihm zu helfen. Die Gruppe junger Männer diskutiert leidenschaftlich über die Ethik ihrer Aufgabe. Einige argumentieren, dass sie lediglich dem Gesetz des Landes folgen. Andere sind der Meinung, dass Töten Töten bleibt und ein Mensch die Freiheit hat, Befehle zu verweigern, die er moralisch verwerflich findet. Im Krankenzimmer Rasoulofs sahen die Wachen den Film und dankten ihm überschwänglich für die ehrliche Darstellung ihres Lebens und ihrer Sorgen. Anschließend gaben sie den USB-Stick an die nächste Schicht weiter. Während seines gesamten Krankenhausaufenthalts musste Rasoulof seinen Film einmal täglich mit seinen Bewachern ansehen."