
Dirigieren ist Macht: Der
maestro kristallisiert die für ihn stimmende Bedeutung der Musik, ihre Essenz, heraus und hält die Fäden der Interpretation in der Hand,
lernt Nicolas Spice nicht nur von
Tár, bei den
Oscars am Wochenende leer ausgegangen, sondern auch von den Erfahrungen der britischen Dirigentin
Alice Farnham,
"In Good Hands", und
Wagners neu ins Englische übersetzten Essays übers Dirigieren: Den Löwenanteil der Arbeit erbringen die Instrumentalisten, die eigentlich wissen, dass sie auch ohne Leitung gute Ergebnisse erzielen können. Diese heimst aber letzten Endes die Lorbeeren ein. Ein feines
Balancieren zwischen Macht und Ohnmacht zeichnet diese Rolle aus: "Gegenüber einer Gruppe der besten Musiker der Welt hat man nur einen kleinen Rahmen, innerhalb dessen man sich ihren Respekt verschaffen kann. Über der ersten Probe steht immer die Frage: '
Was denkst du, wer du bist?' Man muss zeigen, dass das eigene Gehör überragend ist, dass die Einsichten apart und profiliert sind, dass der Rhythmus stimmt, dass man in der Lage ist, musikalisch aufsehenerregende Resultate in kürzester Probenzeit aus komplexen Stücken herauszuholen. Man sollte nur dann sprechen, wenn man wirklich etwas zu sagen hast (einem berühmten Dirigenten, neu bei den Wiener Philharmonikern, wurde gesagt 'jedes Wort ist ein
Nagel in deinem Sarg'), und alles, was man sagt, muss schon an der Gestik abzulesen sein."
John Lanchester
liest Chris Millers Geschichte des Mikrochips und ihm eröffnet sich damit eine Erzählung von
sublimer Technologie und
ökonomischer Kriegsführung: Nur eine niederländische Firma, ASML, beherrscht überhaupt das Verfahren, Silizium mithilfe ultravioletter Lithografie auf die Chips zu ätzen, nur Intel, TSCM und Samsung können Hochleistungschips herstellen. Das von Präsident Joe Biden verhängte Exportverbot trifft China hart, denn einen Kalten Krieg haben die USA mithilfe der Mikrochips schon gewonnen: "Die Sowjetunion verfügte über mehr Männer und Material, so dass die USA sich darauf verlegten, diese Vorteile durch überlegene Technologie auszugleichen: Sie haben mehr Männer und mehr Material, aber unsere Waffen treffen das Ziel - das war die Idee, und das erste Mal konnte man sie im Golfkrieg 1991 in der Praxis sehen. Dieser erste erstaunliche
Schwall von Bomben und Marschflugkörpern beim Angriff auf Bagdad, den niemand, der ihn live im Fernsehen verfolgt hat, je vergessen wird, beruhte auf einer enormen technologischen Überlegenheit, die wiederum auf dem allgegenwärtigen Mikrochip beruhte. Wie Miller es ausdrückt, 'war der Kalte Krieg vorbei; das
Silicon Valley hatte gewonnen'. Das wäre nicht passiert, wenn die Sowjetunion in der Lage gewesen wäre, mit der amerikanischen Chipproduktion gleichzuziehen. Dass ihr dies nicht gelang, lag zum Teil daran, dass die Sowjetunion seit William Shockleys erstem Durchbruch auf Industriespionage angewiesen war, um mit den USA Schritt zu halten. Eine ganze Abteilung des KGB war auf das Stehlen und Kopieren von US-Chips spezialisiert. Das Problem war, dass die Fortschritte in der Mikrochip-Industrie so rasant waren, dass man, wenn man einen bestehenden Chip erfolgreich kopiert hatte, weit hinter dem Stand der Technik zurücklag.
Gordon Moore hatte vorausgesagt, dass sich die Leistung von Chips alle achtzehn Monate verdoppeln oder ihr Preis halbieren würde, und obwohl es sich dabei nicht um ein Gesetz, sondern um eine Vorhersage handelte, bewahrheitete sie sich. Das Mooresche Gesetz verlieh der Chipindustrie einen besonderen Charakter. Nichts anderes, was die Menschheit je erfunden oder geschaffen hat, verdoppelt seine Leistung kontinuierlich alle achtzehn Monate. Dies war das Ergebnis eines unerbittlichen,
fanatischen technischen Einfallsreichtums." Zum Vergleich: Im Vietnamkrieg brauchten die USA noch 638 Bomben, um die Thanh-Hoa-Brücke einmal zu treffen.