Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 57

Magazinrundschau vom 14.02.2023 - London Review of Books

Ein langes Porträt widmet der Historiker Adam Shatz dem abenteuerlich-turbulenten Leben des großen Passfälschers Adolpho Kaminsky, das allzu oft auf seine Fälschertätigkeiten zu Zeiten der Résistance reduziert werde, wie Schatz bedauert. Er macht es dann auch anders und geht - von Algerien über Lateinamerika bis zu Daniel Cohn-Bendit - die verschiedenen Stationen ab, an denen Kaminsky Freiheits- und Oppositionsbewegungen unterstützt hat. Dabei lehnte er es ab, sich für Aktionen gegen Zivilisten vereinnahmen zu lassen, wie Shatz betont, der Kaminskys kompromisslos humanistisches Engagement hochhält: "Als sein Fälschungstalent unter den Gruppierungen der Résistance zunehmend die Runde macht, nimmt seine Werkstatt in der Rue des Saints-Pères bis zu fünfhundert Aufträge die Woche an, aus Paris, aus der freien Zone im Süden Frankreichs, aus London. In einem besonderen Fall berichtet sein Mitstreiter Marc Hamon, alias Pinguin, davon, dass eine Razzia jüdischer Häuser unmittelbar bevorsteht und innerhalb von drei Tagen Papiere für dreihundert jüdische Kinder benötigt werden. Insgesamt neunhundert Dokumente, es scheint unmöglich. Aber Kaminsky rechnet aus, dass er dreißig Dokumente die Stunde anfertigen kann und weigert sich zu schlafen, bis er sie alle fertig gestellt hat: Nur eine Stunde Schlaf, überlegt er, bedeutet für dreißig Menschen den Tod. Einer seiner Kollegen erinnert ihn: 'Wir brauchen einen Fälscher, Adolpho, keinen weiteren Toten.'"

Literaturtheoretiker Terry Eagleton denkt in einer Rezension von Peter Brooks' "Seduced by Story: The Use and Abuse of Narrative" über den Begriff des Narrativen und die Narration als grundlegende Struktur nach. Eagleton stört sich an der Verwässerung des Begriffs, der in viele Disziplinen und auch in den Alltagsgebrauch eingezogen ist. Und Brooks traue dem Konzept auch viel zu viel zu: "Brooks' zufolge ist eine der wertvollsten Funktionen fiktionaler Narrative, dass sie Mitgefühl mit anderen erzeugen können. Mit unserer Vorstellungskraft könnten wir unser Erleben auf Menschen projizieren, die uns ansonsten undurchschaubar blieben und die Literatur könne uns zeigen, wie das geht. Fiktionalität sei das Gegengift zum Egoismus, sie lasse uns die Welt mit fremden Augen sehen. Im echten Leben ist unsere vermeintliche Unergründlichkeit für Andere damit aber überschätzt. Wir sind sprachlich-kommunikative Wesen, wir können mittels der Sprache jederzeit Einblicke in uns fremde innere Empfindungen erhalten."

Weiteres: James Wolcott verfolgt mit Andrew Kritzman die Zersetzung des Rudy Giuliani. Bee Wilson sieht Paul Newman in die blauen Augen.

Magazinrundschau vom 31.01.2023 - London Review of Books

Nach drei Staatsstreichen scheint Mali unregierbar geworden zu sein. Die Militärjunta dient sich Russland an und verhöhnt den Westen. Rahmane Idrissa will das westafrikanische Land dennoch nicht aufgeben: "So wie die Verherrlichung der malischen Demokratie durch den Westen übertrieben war, so könnte es auch die derzeitige Enttäuschung darüber sein", meint er. "2021 führte das Büros des Niederländischen Instituts für Mehrparteiendemokratie in Bamako eine anspruchsvolle landesweite Umfrage durch und schloss dabei auch viele von Dschihadisten kontrollierte Gebiete ein, um die Einstellungen zur Demokratie zu untersuchen. Ich bekam eine Zusammenfassung der Ergebnisse. In der Umfrage wird Mali in 'Kulturregionen' unterteilt, definiert durch Geschichte und Geografie - ein besseres Modell als ethnische Zugehörigkeit. In jeder Region stellte das Institut eine weit verbreitete Abneigung gegen die repräsentative Demokratie und ihr Prinzip 'ein Mensch, eine Stimme' fest. Mein erster Gedanke war, dass sich hier eine reaktionäre Ansicht zeigte, die auf dem Glauben beruhte, dass einige Stimmen mehr zählen sollten als andere. Doch tatsächlich ergibt 'ein Mensch, eine Stimme' für Malier keinen Sinn, weil damit der Glaube einhergeht, dass die Mehrheitsmeinung der einzige Weg ist, in einer komplexen, heterogenen Gesellschaft über schwierige Fragen der Gerechtigkeit und Macht zu entscheiden. Der Grundsatz der Gerechtigkeit in den alten Sahel-Regimen, auch wenn er oft genug verletzt wird, lautet, dass jeder etwas bekommen muss und niemand mit leeren Händen dastehen darf. Die hartnäckigste Kritik an der Wahldemokratie in der Region - nicht nur in Mali, sondern auch in Niger und Burkina - besteht darin, dass sie zu Ausgrenzung führt und die Unterlegenen von jeglicher Teilhabe an Wohltaten oder den Entscheidungen ausschließt, während die Gewinner sich über den Sieg von 'notre régime, notre pouvoir' freuen. Im Westen sind die Herrschaft der Mehrheit und das Ritual des gnädigen Eingestehens der Niederlage Teil der politischen Kultur (oder waren es früher). Für die Menschen im Sahel sind sie ein Rezept für Konflikt und Spaltung."

Ausführlich beschäftigt sich Jonathan Rée mit Leben und Denken des Erzliberalen Friedrich Hayek, dem Bruce Caldwell und Hansjoerg Klausinger eine zweiteilige und offenbar sehr instruktive Biografie widmen. Am Ende seines Lebens habe der verbitterte Hayek Reagan, Thatcher und Pinochet nahegestanden, räumt Rée ein, aber er sei nie so ein Fundamentalist des Marktes gewesen wie Ludwig Mises oder Milton Friedman, das hätten schon seine frühen britischen Gegner in den vierziger Jahren falsch eingeschätzt: "'Der Weg zur Knechtschaft' wurde nicht von vielen gelesen, aber seine schärfsten Argumente - dass Sozialisten besessen seien von 'zentraler Lenkung aller wirtschaftlichen Aktivitäten nach einem einzigen Plan' und dass sie 'Totalitaristen' seien, die die liberalen Grundlagen der 'westlichen Zivilisation' zerstören wollten - waren bald berüchtigt, und sein Autor ('der schreckliche Dr. Hayek', wie Isaiah Berlin ihn nannte) wurde weithin als Verletzung eines wohlmeinenden nationalen Konsenses angesehen. George Orwell lobte Hayek für den Mut, 'unmodisch' zu sein, zeigte sich aber ansonsten unbeeindruckt. Wir wissen bereits, so Orwell, dass der Kollektivismus nicht von Natur aus demokratisch ist'; aber wir wüssten auch, dass der Laissez-faire-Kapitalismus 'eine Tyrannei beinhaltet, die wahrscheinlich schlimmer, weil unverantwortlicher ist als die des Staates'. Hätte Orwell den 'Weg zur Knechtschaft' genauer gelesen, hätte er vielleicht mehr Sympathien gehabt. Ihm wäre in erster Linie aufgefallen, dass Hayek ein 'dogmatisches Laissez-faire' ablehnt... Er hätte sicherlich auch Hayeks Unterstützung für staatliche Interventionen begrüßt, die darauf abzielen, 'Mobilität' zu fördern, 'Chancenungleichheit' zu verringern und sogar 'Wissen und Information' zu verbreiten. Orwell hätte vielleicht auch anerkannt, dass Hayek darauf achtete, seine sozialistischen Gegner mit gewissenhafter Höflichkeit anzusprechen, indem er nicht von Bosheit oder Torheit sprach, sondern von der 'Tragödie', die einträte, wenn wir 'unwissentlich das genaue Gegenteil von dem produzieren, was wir anstreben'. (Der Sozialismus, sagte er, 'kann nur mit Methoden verwirklicht werden, die die meisten Sozialisten missbilligen'). Hayek machte auch die bemerkenswerte Beobachtung, dass ein Land, das sich den Sozialismus zu eigen macht, zumindest in dem Maße, in dem es all seinen Bürgern das Recht auf einen komfortablen 'Lebensstandard' einräumt, wahrscheinlich einem fremdenfeindlichen Nationalismus erliegt."

Magazinrundschau vom 17.01.2023 - London Review of Books

Deborah Friedell liest zwei Bücher über die amerikanische Starreporterin Dorothy Thompsons, die als eiserne Nazi-Gegnerin Hitler interviewte und jahrelang den Kriegseintritt der USA propagagierte, um am Ende ihre Sympathien für Deutschland zu entdecken und ihren Aversionen gegen Juden freien Lauf zu lassen - "wie ein gestrandetes Schiff, wenn die Wasser zurückgegangen sind". Doch 1934 war sie die berühmteste, meistgelesene - dank ihrer Kolumne für die Herald Tribune, die weltweit lizensiert wurde - Hitlergegnerin in der englischsprachigen Presse: "Diejenigen, die anderer Meinung waren als sie, waren 'Schwachköpfe', 'Feiglinge' und 'Strauße', 'Architekten des Zynismus', 'die Angst haben, aufzuwachen und zu leben'. Besonders verärgert war sie über den Nationalhelden Charles Lindbergh. Er war ihr 'lieb und teuer' gewesen, als er im Alleingang von New York nach Paris geflogen war; aber er hatte sich an die Spitze von Kundgebungen gesetzt, um das Neutralitätsgesetz gegen die 'britische und die jüdische Rasse' zu verteidigen, die 'unser Land in den Untergang führen' würden. Er war der von Thompson am meisten gefürchtete Amerikaner, 'Amerikas Sorgenkind Nummer eins', der schöne Mann, der, da war sie sich sicher, 'Amerikas Führer' werden wollte (wie er es in Philip Roths Roman 'Das Komplott gegen Amerika' tut). Seine Fans beschuldigten Thompson der Hysterie - die Angriffe gegen sie waren fast immer sexistisch. Eine Bemerkung (die Alice Roosevelt Longworth zugeschrieben wird) lautete, Thompson sei die 'einzige Frau in der Geschichte, die ihre Menopause in der Öffentlichkeit hat und dafür bezahlt wird'. Sie erhielt so viel Post, viele davon Hassbriefe, dass sie ihr mit speziellen Lastwagen zugestellt werden mussten; drei Sekretärinnen, die alle Madeline hießen, halfen ihr beim Sortieren der Briefe und übergaben die bedrohlichsten an das FBI. Vor dem Weißen Haus versuchte eine Gruppe von Frauen, sie symbolisch zu erhängen: Sie sagten, sie seien alle Mütter, und Thompson wolle 'das Leben von einer Million Jungen in Blut und Schmerz opfern'. Senatoren aus Idaho, Montana und North Dakota forderten, gegen sie als 'britische Agentin' zu ermitteln. Wie sonst lasse sich ihre Bemerkung während der Schlacht um Britannien erklären, dass 'wenn die Demokratie in Großbritannien untergeht, dann nicht, weil das britische Volk Hitler nicht mit allem, was es hatte, bekämpft hat, sondern weil ... die größte Demokratie und die größte freie Nation der Welt zugelassen hat, dass sie ohne angemessene Hilfe untergeht'?"

Magazinrundschau vom 10.01.2023 - London Review of Books

Der Historiker Michael Dillon, gerade als Gastprofessor an der Pekinger Tsinghua Universität, ist nach Xinjiang gereist, um sich ein Bild von der Lage der Uiguren zu machen. Weit ist er natürlich nicht gekommen, immerhin hat er bei einer Übernachtung in einem Gasthaus Bekanntschaft mit den Bingtuan gemacht, den traditionellen Vorposten des chinesischen Reiches: "Es war die schlechteste Unterkunft, die ich je in China erlebt habe, aber besser, als auf der Straße zu schlafen. Am Abend versammelten sich die Bingtuan-Familien um den Kang, die beheizte Liegefläche, auf der sich die Chinesen im Norden traditionell aufhalten. Sie sprachen Mandarin, es war schwierig, den ethnischen Hintergrund der Menschen zu erkennen. Wenige, wenn überhaupt welche waren Uiguren, die meisten waren Han-Chinesen, einige junge Frauen trugen das typische Kopftuch der muslimischen Hui aus Ningxia und Gansu. Auf dem Kang stand der Holzgrill für die Kebabs, zu denen es Xinjiang-Bier in Flaschen gab. Die Unterhaltung drehte sich um die Erfolge der aktuellen Ernte. Die Atmosphäre erinnert an die landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Staatsbetriebe der fünfziger Jahre, ein Eindruck, der sich um fünf Uh am nächsten Morgen bestätigen sollte, als sich die Bingtuan -Bauern an die Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken machten. Die Bingtuan sind die Erben einer Tradition der Grenzwachen, die bis zur Ming-Dynastie (1368-1644) zurückverfolgt werden kann. Die Bauern stellen auch die Milizen, die zur Unterstützung von Polizei und Militär gerufen werden und die den Ruf erworben haben, die Uiguren rücksichtslos zu unterdrücken. Die Bingtuan betreiben parallel zum staatlichen System ihre eigenen Gefängnisse in Xinjiang."

Weiteres: James Meek besucht für eine seiner Riesenreportagen Boston in Lincolnshire, das recht idyllisch an der englischen Ostküste gelegen sein könnte, wenn es nicht alle Jubeljahre von heftigen Sturmfluten heimgesucht würde. Die Gemeinde lässt dennoch immer weiter bauen und treibt ihre Stadtplaner damit an den Rand des Wahnsinns. Und Tim Parks liest Alessandro Manzonis Klassiker "Die Brautleute".

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - London Review of Books

Die Politikwissenschaftlerin Laleh Khalili, die selbst nach dem Studium bei Andersen Cosulting gearbeitet hat, kann den heuchlerisch hochtrabenden Duktus von Unternehmensberatungen nicht mehr hören. Es geht ihnen immer nur darum, im Interesse der Kapitalgeber die Arbeiter, Gewerkschaften und Regulierungen auszuschalten, meint sie. Besonders gern bereicherten sie sich an Aufträgen für Grenzbehörden, Bananenrepubliken und Streitkräfte, am schamlosesten in Saudi-Arabien: "McKinsey, Boston Consulting und Booz Allen Hamilton haben sich mit Mohammed bin Salman verbündet, der die Macht in Saudi-Arabien an sich riss, als sein Vater 2015 König wurde. Die Arbeit von Booz Allen im Königreich geht allerdings seinem Aufstieg voraus. Im Jahr 2012 entsandte die amerikanische Regierung das Unternehmen dorthin, um die saudische Marine aufzubauen und auszubilden. Das Unternehmen hat auch einen Vertrag über die Ausbildung der saudi-arabischen Cyber-Mitarbeiter, insbesondere im Bereich 'Informationsoperationen'. McKinsey und Boston Consulting haben den Kronprinzen mit dem Jargon der kapitalistischen Effizienz vertraut gemacht. McKinsey war auch für einen Bericht über das geringe öffentliche Ansehen von bin Salmans Politik verantwortlich, in dem detaillierte Profile von Kritikern zusammen mit deren Fotos veröffentlicht wurden." Viele von ihnen wurden verhaftet oder - wie Dschamal Kashoggi - umgebracht. ... Die Krönung von bin Salmans Vision ist Neom, eine futuristische Stadt, die nahe der jordanischen Grenze im Nordwesten Saudi-Arabiens gebaut wird. In der nicht-fantastischen Welt ist Neom eine unerschöpfliche Ressource für ausländische Berater. In der Fantasiewelt beinhalten die von McKinsey, Boston Consulting und Oliver Wyman entworfenen Neom-Pläne fliegende Autos, Roboter-Mädchen, Hologramm-Lehrer, einen riesigen künstlichen Mond, leuchtenden Strandsand und eine medizinische Einrichtung, deren Ziel es ist, 'das menschliche Genom zu verändern, um die Menschen stärker zu machen'. Ganz zu schweigen von der Line, einem 105 Meilen langen Gebäudekomplex, der neun Millionen Menschen beherbergen soll. Das Marketingmaterial spricht von einer 'Revolution der Zivilisation'. Bei vielen der versprochenen Funktionen geht es darum, den normalen Menschen aus der sozialen Gleichung herauszunehmen. Robotische Dienstmädchen und selbstfliegende Taxis werden keine Gewerkschaft gründen, und Hologramm-Lehrer werden Kindern keine revolutionären Ideen vermitteln."

Magazinrundschau vom 29.11.2022 - London Review of Books

Die USA sind nicht nur politisch ein gespaltenes Land, sondern auch ökonomisch, stellt Adam Schatz fest. Einige profitieren recht direkt davon, andere eher indirekt, dafür besonders schamlos: "Im vergangenen Juni stellte der Berggruen Governance Index fest, dass die USA seit 2000 einen 'relativ starken Rückgang' sowohl in der 'Qualität der Demokratie' als auch bei der 'Qualität der Regierung' zu verzeichnen hätten. Donald Trump hat diesen Niedergang nicht verursacht, aber er hat ihn ausgenutzt, um die Präsidentschaft zu gewinnen, und ihn während seiner Amtszeit beschleunigt. ... Im letzten Jahrzehnt hat die Polarisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft zugenommen. In einer kürzlich erschienenen Studie für die Carnegie Stiftung for International Peace heißt es: 'Die Vereinigten Staaten stellen einen besonders besorgniserregenden Fall dar, da sie die einzige fortgeschrittene westliche Demokratie sind, die über einen so langen Zeitraum ein so hohes Maß an Polarisierung erlebt.' In seiner Polarisierung ähnele Amerika, so heißt es weiter, 'eher jüngeren, weniger wohlhabenden und stark gespaltenen Demokratien und Wahlautokratien als gefestigten demokratischen Gegenparts'. Die dunklen, anarchischen Energien, die einst auf das Talkradio und die Online-Altrighters beschränkt waren - unverschämter Rassismus, Antisemitismus, die Theorie des 'großen Austauschs' - haben inzwischen den politischen Mainstream überflutet... Die Soziologin Arlie Hochschild hat darauf hingewiesen, dass rote und blaue Staaten zunehmend zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme darstellen, und die Kluft zwischen ihnen ist nur noch größer geworden. Weiße Männer, die in republikanischen Bezirken leben, verdienen weniger und haben eine höhere Sterberate als weiße Männer in demokratischen Bezirken. Arme weiße Amerikaner auf dem Land blicken auch weniger optimistisch in die Zukunft als ebenso arme schwarze oder lateinamerikanische Amerikaner, was sie zu einer leichten Beute für das gemacht hat, was Mike Davis in einem seiner letzten Interviews als 'Todeskult' der Republikaner bezeichnete."

Besprochen werden T.J. Clarks Cezanne-Buch "If Theses Apples Should Fall" und Andrew Roberts Biografie von Lord Northcliffe, dem Gründer der Daily Mail, dessen Grundsatz lautete: "Drei Dinge taugen immer als Nachricht: Gesundheit, Geld und Sex".

Magazinrundschau vom 15.11.2022 - London Review of Books

Vor einem Jahr beendet Tunesiens Präsident Kais Saied mit seinem Staatstreich die zehn Jahre der demokratischen Revolution. Er verhängte den Ausnahmezustand, entmachtete das Parlament und ließ sich eine neue Verfassung auf den Leib schneiden. Die Repressionen nehmen zu, berichtet Tom Stevenson, nur hin und wieder wagen es Tunesier, gegen die hohen Lebensmittelpreise zu protestieren: "Seit dem Putsch ist es schwieriger geworden, unabhängige Informationsquellen zu finden. Im August verurteilte ein Militärgericht Salah Attia, den Herausgeber einer Nachrichten-Website, zu drei Monaten Gefängnis, weil er den Präsidenten im Fernsehen kritisiert hatte. Im September kündigte Saied ein neues Gesetz an, das Gefängnisstrafen für die 'Verbreitung von Falschinformationen' vorsieht. Der Chefredakteur des unabhängigen Nachrichtensenders Inhiyez wurde verhaftet, nachdem die Polizei sein Haus durchsucht und seine Computer beschlagnahmt hatte. Die willkürliche Polizeigewalt und die Verhaftungen von Aktivisten, die die Polizeigewalt dokumentieren, haben zugenommen. Bevor er zum Putschisten wurde, war Saied ein Verfassungsrechtler. In den Jahren nach der Revolution trat er regelmäßig im Fernsehen als Kommentator zu Verfassungsfragen auf; eine seiner Beobachtungen war, dass Verfassungen dazu neigen, zu Werkzeugen der Exekutive zu werden. Er gewann die Präsidentschaft im Jahr 2019, indem er sich als Außenseiter präsentierte. Daran war etwas Wahres: Vor der Revolution war er ein kleiner Akademiker in der Hauptstadt gewesen. Aber es war auch eine Vereinfachung: Er hatte in Tunis dieselbe Schule wie drei frühere Präsidenten besucht. Seine Art von konservativem Nationalismus, gepaart mit äußerlicher Askese, kam gut an. Ebenso wie sein Versprechen, politische Korruption zu beseitigen und das Prestige des Staates, haybat al dawla, wiederherzustellen. Seine Gegner sagen Saied die Arroganz und Unnachgiebigkeit eines Apostels nach. Er hat sich Freunde in Ägypten und den Golfstaaten gemacht, indem er sich gegen die Islamisten positionierte. In den Medien geißelt er die Reichen und fordert mehr direkte Demokratie. Dieser Anstrich revolutionärer Rhetorik hilft ihm gegen politische Opponenten, scheint aber nie etwas zu bewirken."

Weiteres: Joanne O'Leary liest Cathy Curtis' Biografie der Kritikerin Elizabeth Hardwick, die für ihre scharfen Verdikte berüchtigt war und etwa die Vorstellung lächerlich fand, Frauen könnten literarisch mit Männern konkurrieren. David Runciman blickt ratlos auf zwölf Jahre Tory-Regierung.

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - London Review of Books

David Goldblatt hat zwei Bücher gelesen, die ihm Einblick geben in das Land Katar. Wie wichtig Fußball - bzw. Sport insgesamt - für die soft power der Außenpolitik Katars ist, lernt er aus Paul Michael Brannagans und Danyel Reiches Band "Qatar and the 2022 Fifa World Cup: Politics, Controversy, Change". Wie kostbar diese soft power für die Herrscher Katars ist, vermitteln schon die Zahlen: "Nach vorsichtigen Schätzungen hat die katarische Regierung seit der Vergabe des Turniers im Jahr 2010 rund 250 Milliarden US-Dollar für die Entwicklung ausgegeben - mehr als das gesamte BIP des Landes. Das ist auch mehr als die Kosten aller bisherigen Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele zusammengenommen." Abgesehen davon hat Katar enorme Summen in den europäischen Fußball und die Fifa investiert, was offenbar häufig freundschaftlichen Zugang zu europäischen Politikern sichert. Wer mehr über das Leben der Katarer wissen möchte, die "den Wandel eines Landes vom vormodernen Elend zum postmodernen Reichtum" miterlebten, dem empfiehlt Goldblatt "Inside Qatar: Hidden Stories from One of the Richest Nations on Earth" von John McManus. "Katarische Bürger zahlen keine Steuern. Gesundheitsversorgung und Bildung sind kostenlos. Der Staat garantiert all jenen, die es wünschen, eine Beschäftigung. Doch die politische Macht liegt in den Händen einer kleinen Schicht von Aristokraten rund um das Königshaus. Unkonventionelles Verhalten, geschweige denn Kritik am Status quo, ist riskant. Eine Zivilgesellschaft - von politischen Interessengruppen bis hin zu unabhängiger künstlerischer Produktion - ist so gut wie nicht vorhanden. Auffälliger Konsum ist jedoch erlaubt. Kataris sind die weltweit eifrigsten Käufer von Luxusgütern, was bedeutet, dass sie trotz der Großzügigkeit des Staates massiv verschuldet sind: Drei Viertel der katarischen Familien haben Schulden in Höhe von mindestens 70.000 Dollar. Viele haben auf die Hypermodernisierung des Landes reagiert, indem sie sich der Tradition verschrieben haben; einige haben sich stärker dem wahhabitischen Islam oder sogar, zum Entsetzen des Regimes, radikaleren salafistischen Strömungen angeschlossen."

Magazinrundschau vom 01.11.2022 - London Review of Books

Die Führungslosigkeit der iranischen Protestbewegung ist Stärke und Schwäche zugleich, glaubt Azadeh Moaveni. Schwäche, weil sie von außen gekapert werden könnte, wie er fürchtet, aber Stärke, weil der Aufstand der Frauen mittlerweile alle Gruppen der Bevölkerung erfasst hat. Die Politik der Sittenwächter liegt in Trümmern, dass die Ajatollas nicht wissen, wie sie da raus kommen sollen, haben sie sich selbst zuzuschreiben: "In gewisser Weise hat die Islamische Republik sich selbst in die Enge getrieben. Sie hat die Reformisten verjagt, die in solchen Momenten als nützliche Ablenkung dienten. So konnten höchste Autoritäten immer wieder behaupten, das System würde bei einem zu schnellen Wandel zurückschlagen. Als Gegenleistung dafür, dass sie in die Politik aufgenommen wurden, versagten sich die Reformisten die wichtigsten Kritikpunkte: dass die demokratische Theokratie im Iran nicht funktionieren kann, dass ein System nicht Gott und dem Volk zugleich verpflichtet sein kann. Jetzt, da es keine Reformisten mehr in der Politik gibt, hat die Islamische Republik keine brauchbare Opposition und ist schließlich auf sich allein gestellt, wohl wissend, dass sie sich in einer akuten existenziellen Krise befindet, aber unfähig, irgendwelche Schritte zu unternehmen, um sich zu retten."

Jenny Turner bekennt, Stuart Hall lange nicht gewertschätzt zu haben, weil sie ihn zuerst in seiner "Wischiwaschi"-Phase in den neunziger Jahren gelesen hat. Was für ein Fehler! In einer Eloge huldigt sie dem marxistischen Soziologen und Pionier der Cultural Studies, der in Schriften wie "The Great Moving Right Show" oder "Policing the Crisis" so kraftvoll und präzise über die regressive Modernisierung und den autoritären Populismus schreiben konnte. In "Gramsci und Us" liefert er die beste Analyse des Thatcherismus überhaupt, meint Turner, weil er dachte, dass die revolutionäre Arbeit heute eher einem Stellungskrieg oder einem Guerillakampf gleicht als einem Frontalangriff: "Nur dass sich die Gräben immer wieder verschieben und verzweigen, ebenso wie Kräfte und Interessen. Ein Genosse geht vielleicht bei Sainsbury's ein Sandwich essen, und wenn man das nächste Mal von ihm hört, ist er ein Kommentator beim Daily Telegraph. Ein anderer bildet eine Splittergruppe, die Sainsbury's grundsätzlich ablehnt und Sie und Ihre Fraktion dafür anprangert, dass Sie sich ihr nicht anschließen. In der Zwischenzeit ist Ihnen aufgefallen, dass der Parkplatz von Sainsbury's einer der wenigen Orte ist, an denen die Menschen noch offline miteinander reden ... 'Wenn man davon ausgeht, dass Menschen wirklich so sind ... können wir dann Begriffe und Formen der Organisation, der Identität und der Zugehörigkeit finden, die einen Bezug zum populären Leben haben, es aber umgestalten und erneuern können?' Halls Sprache wird oft und schnell furchtbar technisch, aber sie dient ihrem Zweck: die beweglichen Teile dessen zu identifizieren, zu demontieren und neu zu konfigurieren, was Hall als 'Thatcherismus' bezeichnete, eine sehr präzise und besondere Formation, die irgendwie den rückwärtsgewandten sozialen Autoritarismus - Fahnen, Schlagstöcke, Handtaschen, Krämerläden - und den totgeglaubten Marktliberalismus von Hayek und Friedman auf eine Weise zusammenbrachte, die vielen Menschen so gut zu gefallen schien, dass sie bereit waren, dafür zu stimmen."

Magazinrundschau vom 25.10.2022 - London Review of Books

Alle chinesischen Parteimitglieder müssen bis Ende November in einem 50-stündigen Online-Lehrgang Xi Jinpings "Ideen des Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter" gelernt haben, erzählt Long Ling. Leider kennt die Software bereits alle Tricks, mit denen man die acht Klarstellungen und vierzehn Imperative, darunter das vierfache Selbstvertrauen, abkürzen könnte, und meldet sie der Parteiführung. Aber nicht alle werden so kurz an der Leine geführt: "Von den Parteimitgliedern wird verlangt, dass sie die Reden von Xi lernen. Wir werden aufgefordert, sie 'in das Gehirn' (Rationalität und Logik) und 'in das Herz' (Emotion und Loyalität) aufzunehmen und dann 'das Begreifen mit dem Tun zu verbinden'. Die Parteiorganisation lässt sich immer neue Wege einfallen, um die Parteimitglieder zu ermutigen und zu zwingen, zu studieren, zu studieren und zu studieren und sie dabei zu überwachen. Eine kleine Anzahl von ausgewählten Parteimitgliedern allerdings studiert eine Zeit lang Vollzeit in speziellen Schulen. In diesem Jahr nahm die Zentrale Parteischule mehr als sechshundert von der Zentral- und der Provinzregierung ausgesuchte hochrangige Kader auf, um fünf Monate lang auf ihrem Campus in der nordwestlichen Ecke von Peking zu studieren. Einer meiner Bekannten nahm daran teil. Ich war überrascht, wie sehr er sich in fünf Monaten veränderte. Er isst jetzt dreimal am Tag gesunde Mahlzeiten, trinkt keinen Alkohol, geht früh zu Bett und treibt ständig Sport. In der Schule gab es sonst nicht viel zu tun. Er ging jeden Tag eine Stunde lang um einen künstlichen See mit glänzenden Koi-Karpfen und einer Insel mit schwarzen Schwänen. Er nahm fünf Kilogramm ab. Seine Erfahrungen sollen gängig sein. Bevor sie ihren Abschluss machen und den Campus verlassen dürfen, befragt die Organisationsabteilung des Zentralkomitees der KPCh die Kader, um herauszufinden, ob sie ihre Studienziele erreicht und Xi Jinping und der Partei gegenüber volle Loyalität bekundet haben. Ihre geistige Ernte ist noch nicht greifbar, aber sie wird es später werden, wenn sie auf der Parteileiter aufsteigen."