Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 45

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - Guardian

Die 16-jährige pakistanische Menschenrechtlerin Malala Yousafzai erlangte traurige Berühmtheit, nachdem sie von einem Taliban in den Kopf geschossen worden war. Nun hat sie ein Buch mit dem schlichten Titel "I Am Malala" veröffentlicht. Während sie in der westlichen Welt für ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundert wird, schlägt ihr in ihrem Heimatland Verachtung entgegen, berichtet Fatima Bhutto: "Obwohl Malala sogar beteuert, sie hasse den Mann nicht, der auf sie geschossen hat, ist die Wut auf diese ambitionierte junge Aktivistin so groß wie noch nie. Es herrscht die ernsthafte Sorge, dass die Aussagen, die dieses außergewöhnliche Mädchen mutig und unmissverständlich macht, von der ein oder anderen Macht heimtückisch für die eigenen Ziele missbraucht werden. Sie ist jung und die Kräfte um sie herum sind stark und oft hinterhältig, wenn es um ihre Vorhaben für die südlichen Länder geht. Es gibt schließlich einen Grund, warum wir Malalas Geschichte kennen, nicht aber beispielsweise die von Noor Aziz, einer Achtjährigen, die bei einem Drohnenangriff in Pakistan ums Leben kam."
Stichwörter: Westliche Welt, Noor

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - Guardian

Die totale Überwachung der Bevölkerung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Dieses niederschmetternde Resümee zieht der in Kalifornien lebende französische Unternehmer Jean-Louis Gassée aus der NSA-Affäre: "Wir haben absolutes Wissen einer Gruppe von Menschen gegeben, die dieses Wissen für sich behalten wollen, die zu glauben scheinen, sie selbst wüssten es am besten - aus Gründen, die sie nicht nennen können oder wollen - und die sich über das Gesetz gestellt haben. General Keith Alexander, der Chef der NSA, schlägt vor, dass 'Gerichte und Politiker' die Medien davon abhalten sollen, unsere Spionagetätigkeiten zu enthüllen. Ist die Situation hoffnungslos? Können wir nur noch beten, dass wir nicht eines Tages die bösen Jungs wählen, die die Überwachungswerkzeuge zu unserem Schaden benutzen werden? Ich fürchte, so ist es."

Glenn Greenwald kommentiert die jüngsten Enthüllungen und geht dabei besonders auf die Heuchelei der Europäer ein: "Erstens, beachten Sie, wie uninteressiert Kanzlerin Angela Merkel reagierte, als vor Monaten enthüllt wurde, dass die NSA deutsche Bürger massenhaft überwachte und wie sie sich erst empörte, als sich herausstellte, dass auch sie ein Zielobjekt war. ... Zweitens, all diese Regierungen erklären jetzt, wie neu diese Enthüllungen seien, wie glücklich sie seien, dies alles zu erfahren, und wie sehr sie Reformen befürworteten. Wenn das stimmt, warum erlauben sie dann, dass die Person, die ihnen all diese Erkenntnisse verschaffte - Edward Snowden - von der amerikanischen Regierung strafrechtlich verfolgt wird?"

Außerdem: Der Autor Christopher de Bellaigue würde das moderne Istanbul jederzeit tauschen gegen das alte, von Orhan Pamuk beschriebene.

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Guardian

Der Historiker Neal Ascherson liest Ian Brumuas "Year Zero", Geschichte des Jahres 1945, die auf sehr eigene Art nachzeichnet, wie verzweifelt Europa versuchte, nach dem Krieg zur Normalität zurückzukehren: "Die Befreiung brachte oftmals einen verlängerten erotischen Karneval nach Westeuropa, in dem - wie Burma es beschreibt - Frauen das, was ihnen gefiel, in einem Maße taten, der all diejenigen entsetzte, die die Normalität in einer moralisch sauberen Nation wiederherstellen wollten. Die starken, gesunden Soldaten aus Amerika und Kanada, bestens ausgestattet mit Lebensmitteln und Zigaretten, waren eine Demütigung für die einheimischen Männer. In Deutschland und Japan hatten junge Frauen für die eigenen zurückkehrenden Soldaten nur Verachtung übrig. Das Ergebnis war moralische Panik, und obwohl Frauen nun in ganz Europa das Wahlrecht hatten, wurde eine unverblümte weibliche Sexualität erst wieder in den sechziger Jahren hingenommen."

Nicht ganz von der Hand zu weisen findet David Shariatmadari, was Tom Standages in seinem Buch "Writing on the Wall" über die Normalität Sozialer Medien schreibt: Demnach waren Massenmedien und ihre Form der Informationsverbreitung eine Anomalie in der Geschichte, eng verbunden mit der industriellen Revolution. "Heute, da die zentralisierten industriellen Prozesse dezentralen technologischen Verfahren gewichen sind, über die Individuen die Kontrolle haben, erledigen wir die Dinge wieder auf die alte Art und Weise."

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - Guardian

Wie hat sich die Kritik im allgemeinen und die Filmkritik im besonderen durch das Internet verändert? Damit setzt sich der Filmkritiker Mark Kermode in seinem Buch "Hatchet Job" auseinander. Vom Ergebnis ist der Schriftsteller Will Self nur halb überzeugt: "Kermode erfasst richtig, dass das Problem für zeitgenössische Schreiber aller Art (Filmemacher und Musiker ebenfalls) darin besteht, dass die wesentliche Verbindung zwischen Wort/Bild/Ton und Geld aufgelöst worden ist. Er schreibt forsch-fröhlich darüber, Web Content kostenpflichtig zu machen, wirkt dabei aber eher wie ein holländischer Junge, dessen Finger in der Paywall steckt, während über seinem Kopf eine gewaltige Flut an Free Content hinwegdonnert." Kermode sieht die Kritik endgültig am Ende, sobald der Film aufhört, in seiner jetzigen Form zu existieren. Diese Gefahr besteht auch für Self, der meint, in einer Welt des Informationsüberflusses sei "der Kritiker nicht länger dazu da, für uns zwischen 'besseren' und 'schlechteren' oder 'mehr' und 'weniger' profitablen Kunstformen zu unterscheiden, sondern nur dazu, uns zu sagen, ob wir unsere kostbare Zeit verschwenden - und hierfür ist die kollektive Meinung von Amateuren weit hilfreicher als die singuläre Wahrnehmung eines einzelnen Kritikers."
Stichwörter: Geld, Paywalls, Self, Will

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - Guardian

Robert Macfarlane initiiert uns in die Geheimnisse des Urban Exploring, in jene avancierte Stadterkundung also, die in Londons viktorianischen Untergrund führt, die geschlossenen Zechen des Rhurgebiets oder auf die Dächer von Wolkenkratzern: "Zu den Erfordernissen gehören Klaustrophilie, Schwindelfreiheit, Geschmack am Verfall, Faszination an Infrasturktur, die Bereitschaft, über Zäune zu klettern und Gullydeckel zu öffnen, sowie Kenntnisse über die Zugangsrechte jedweder zu Jurisdiktion. Archiv- und Internet- Knowhow sind ebenfalls nützlich, um an die Skizzen und Blaupausen zu kommen, die einen inspirieren und orientieren. Zum Erkundungsgelände gehören stillgelegte Fabriken und Krankenhäuser, frühere Militäranlagen, Bunker, Brücken und Regenwasserkanäle. Man sollte sich auf dem Gegenwicht eines Krans in 120 Meter Höhe ebenso wohl fühlen wie in der Kanalisation 10 Meter unter dem Asphalt."

Weiteres: Philip Hensher berichtet, wie entsetzt britische Schriftsteller die Nachricht aufgenommen haben, dass der Booker-Preis jetzt auch amerikanischen Autoren offenstehen soll: "Ich habe wohl noch nie so viele Schriftsteller sagen gehört wie in den letzten zwei oder drei Tage: 'Na, dann können wir ja gleich einpacken.'" Als unterhaltsam und instruktiv empfiehlt Theo Tait Brett Martins Buch "Difficult Men" über amerikanische Serien-Hits.

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Guardian

Jonathan Coe ergründet den Witz im englischen Roman und stößt dabei auf eine sehr seltsame Unterscheidung von VS Pritchett, die offenbar - noch seltsamer - weiterhin gültig zu sein scheint. Pritchett teilt den englischen Humor in eine maskuline und in eine feminine Linie: "Seine 'maskuline' Tradition ist diejenige, die, wenig überraschend, direkt zu Kingsley Amis führt, unter anderem über Fielding, Scott, Austen, George Eliot, Waugh, Ivy Compton-Burnett und Anthony Powell. Diese Linie ist laut Pritchett heiter, gesellig, positiv und moralisch gefestigt. Sie glaubt an den gesunden Menschenverstand und verachtet die Empfindsamkeit. Diese Schriftsteller leisten ihren Beitrag zu Gesellschaft und moralischer Ordnung. Gegen diese Linie stellt er eine alternative 'feminine' Tradition, die irritierenderweise von einem Mann begründet wurde - von Laurence Sterne - und Autoren wie Peacock, Dickens, Firbank, Woolf, Joyce und Beckett umfasst. 'Sterne untergrub die Ordnung', schrieb Pritchett, 'ihm war klar, dass sich unser Verstand hin und her bewegt, wie es ihm gefällt. Das Ich steht nicht fest: Es löst sich jeden Augenblick auf, seine Bewegungen sind so unbestimmt wie die einer durchsichtigen Qualle, die mit dem Strom vor und zurück gleitet.'"

Außerdem: Tom Holland liest Simon Schamas "Story of the Jews" über jüdische Identität in Antike und Mittelalter. Mark Lawson findet gute Gründe, ein Buch nicht fertigzuschreiben.

Magazinrundschau vom 27.08.2013 - Guardian

Die ägyptische Schriftstellerin Ahdaf Soueif schickt einen etwas verzweifelten Bericht aus Kairo, der die ausweglose Lage sehr deutlich macht. Vor einigen Monaten sahen sich die Ägypter vielleicht noch vor die Wahl zwischen Polizeistaat oder Muslimbrüder gestellt, jetzt heißt es nur noch Militär oder Militär: "Ein Mann, ein Ladeninhaber, begleitete mich zu meinem Haus: 'Die Armee wird die Muslimbrüder verjagen und wieder in die Kasernen zurückkehren, oder nicht?' Unmöglich zu sagen. Eine Theorie lautet, dass die Armee die Lektion von 2012 gelernt hat - das Jahr, in dem sie über Ägypten herrschte und die Bevölkerung gegen sich aufbrachte -, dass sie ihre Interessen und Privilegien schützen und auf ihre Regieplätze im Hintergrund zurückkehren wird. Eine andere Theorie lautet, ja, die Militärs haben ihre Lektion gelernt und werden jetzt sicherstellen, dass sie die öffentliche Meinung auf ihrer Seite haben. Seit dem 30. Juni sind die Medien voller Lobgesänge auf das Militär. Seit Dienstag kursieren zum ersten Mal Bilder von General Sisi in Zivilkleidung."

Emma Brockes lernt außerdem im Interview mit Margaret Atwood etwas über Entschlossenheit: "Früher oder später, tut mir leid, das sagen zu müssen, werden Sie sterben, wie wollen Sie also den Raum zwischen dem Hier und dem Da füllen? Es ist Ihrer. Besetzen Sie ihn." Etwas später sagt Atwood noch: "Entscheiden Sie sich. Und hören Sie auf zu jammern."

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Guardian

Sind Trinker die besseren Schriftsteller? Blake Morrisson blickt in einem tollen Text auf die Zeit der großen Säufer zurück, auf Dylan Thomas, John Cheever, F. Scott Fitzgerald und Kingsley Amis, die alle meinten, der Alkohol steigere die Kreativität: "So dachte auch Hemingway: 'Wie soll man die Gedanken auf eine andere Flugbahn bringen, wenn nicht mit Whisky?' Sie liegen nicht ganz falsch. Es gibt ein Zeitfenster zwischen dem ersten und zweiten Drink, oder auch dem zweiten und dem dritten, in dem manchmal das Unerwartete eintrifft - eine Idee, ein Bild, ein Satz. Das Problem besteht darin, es aufzuschreiben, bevor es weg ist. Wenn man in Begleitung ist, muss man kurz mit seinem Notebook verschwinden, das nimmt einem Entschlossenheit oder Selbstachtung. Das Amis-Prinzip - ein Glas zur Entspannung am Schreibtisch, wenn man das meiste geschafft hat - passt gut zu denen mit Willenskraft. Aber es gibt das abschreckende Beispiel von Jack London, der sich gern mit einem Drink belohnte, wenn er sein tägliches Soll von tausend Wörtern erfüllt hatte, und irgendwann nicht mehr ohne einen anfangen konnte. Der Mann nimmt einen Drink, dann nimmt der Drink den Mann. Befreiung, die in den Stumpfsinn führt. 'Schreib betrunken, redigiere nüchtern', lautet Hemingways viel zitierter Rat."

Außerdem: Florian Illies' Bestseller "1913" ist jetzt auch auf Englisch erschienen, Philip Oltermann betrachtet etwas skeptisch diesen Versuch, die Teleologie aus der Geschichte zu nehmen. Leo Robson bedauert, dass Hollywood keine kamikazeartigen Flops wie "Kleopatra" oder "Heavens Gate" mehr produzieren kann.

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - Guardian

Im 19. Jahrhundert galt Spionage in Großbritannien nicht nur als unethisch, "sondern schlimmer noch: als französisch", erinnert Bernard Porter, der in "The True Story of Britain"s Secret Police" der beiden Guardian-Reporter Paul Lewis und Rob Evans erfährt, wie fragwürdig die inzwischen sehr verbreitete Arbeit von Inlandsagenten ist: "Für die meisten Leute ist diese Arbeit ein Gräuel. Bei der Spionage betrügt und verrät man, gewöhnlich die Leute, denen man Freundschaft vorspielt oder - zumindest in einem Fall - die Frauen, mit denen man Kinder hat. Es ist ein schmutziges Geschäft und zieht nicht unbedingt die anständigsten Leute an. Wie kann man ihren Informationen also trauen? Wie kann man sicher sein, dass sie keine Straftaten provozieren, nur um den Ruhm für ihre Aufdeckung einzuheimsen? Wie kann man den Behörden trauen, die so viel geheimes Wissen zu ihrer Verfügung haben, dass sie es nicht für ihre eigenen Zwecke gebrauchen - um zum Beispiel ihre eignen Gegner auszukundschaften und zu diskreditieren?"

Sozusagen in einem Gegenartikel preist Alex Danchev im TLS die Klugheit, Sensibilität und Belesenheit der MI5-Agenten, die einst George Orwell, W.H. Auden und Christopher Isherwood observierten.

Magazinrundschau vom 07.05.2013 - Guardian

Sehr faszinierend findet Steven Poole, was Mike Power in seinem Buch "Drugs 2.0" über die globale Drogenmarkt berichtet, dessen Handelswege übers Internet in die Chemielabore von Shanghai (oder Albuquerque) führen - mit unsinnigsten Folgen: "Viele der derzeitigen Drogenkriege sind Informationskriege. Power dokumentiert den Aufstieg von Webseiten, auf denen Psychonauten von ihren Erfahrungen mit speziellen Zusammensetzungen berichten oder die Zuverlässigkeit von Onlinehändler einstufen (diese Seiten retten unbestreitbar Leben). User wissen, dass offzielle Drogenberatungen - zum Beispiel die britische Helpline Talk to Frank - schulmeisternd und unzuverlässig sind. Wie Power zeigt, nehmen die Leute jedenfalls 'Drogen, von deren Existenz die Behörden nicht einmal wissen, und zwar auf Arten, die sie sich nicht vorstellen können'. Dabei kriminalisiert das amerikanische Gesetz, das nicht nur die aktuellen Zusammensetzungen, sondern auch mögliche chemische Verwandte verbietet, auch das Angebot von Informationen - über die Wirkung der Droge und eine sichere Dosierung. Das macht Drogenkonsum gefährlicher."

Die in London lebende syrische Schriftstellerin Samar Yazbek widerspricht dem Eindruck, die Rebellion in ihrem Land sei von Islamisten gekapert worden: "Letztes Jahr im Juli kehrte ich zurück in den Norden, in das Dorf Nanash nahe Idlib. Dort sah ich zum ersten mal das wahre Syrien. Die Angriffe gingen weiter. Scharfschützen waren über das gesamte von den Rebellen kontrollierte Gebiet verteilt, an allen Straßen befanden sich Checkpoints der Freien Syrischen Armee. Von extremistischen Islamisten waren keine Anzeichen zu erkennen. In Städten wie Saraqeb hörte man in den Straßen die Gedichte von Mahmoud Darwish und Muthafar al-Nawab oder Lieder von Liebe und Krieg."

Außerdem bereitet uns Sarah Churchwell auf Baz Luhrmanns bald in die Kinos kommende Gatsby-Verflimung vor.