Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

641 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 65

Magazinrundschau vom 15.12.2020 - Elet es Irodalom

Die Historiker György Gábor und László Karsai kommentieren in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die unsäglichen Aussagen des Direktors des Budapester Literaturmuseums, Szilárd Demeter, der Europa als Gaskammer des liberalen "Führers" Georg Soros bezeichnet hatte (mehr dazu in der NZZ). "Opferwettbewerb relativiert alles und wirft Ereignisse zusammen, die historisch nicht zusammen gehören. Das Ziel von Demeter ist klar: Wenn es ihm gelingen würde 'uns', die national-christlichen Europäer, oder zumindest die gegenwärtig unter den Regierungen von Populisten lebenden Polen und Ungarn als machtlose Opfer der 'Liberalen' und deren 'Führer' George Soros hinzustellen, dann könnte er das Gefühl des Sieges haben. Denn das Opfer ist stets in moralischer Überlegenheit gegenüber seinem Unterdrücker und Folterer."
Stichwörter: Demeter, Folter, Soros, George

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - Elet es Irodalom

Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Abgeordnete des ungarischen Parlaments Tamás Bauer verweist anlässlich des ungarischen (und polnischen) Vetos bei der Verabschiedung des EU-Haushaltes (der erstmals Auszahlungen mit der Einhaltung von Mechanismen der Rechtsstaatlichkeit verknüpft) auf essentielle Meinungsunterschiede zum Begriff der Freiheit bei der EU einerseits und des gegenwärtigen ungarischen Regimes andererseits. "Der Konflikt, der seit 2010 zwischen dem System von Orbán und der euroatlantischen Welt schwelt, geht in Wirklichkeit darum, dass die euroatlantische Welt, und darin die Europäische Union, seit dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung von Faschismus und Kommunismus auf Prinzipien der liberalen Demokratie aufbaut, auf Institutionen des pluralistischen Rechtsstaates sowie auf allgemein für alle geltende Grundfreiheiten. Denn die Mitglieder von in ihren Interessen und ihren Werten fragmentierten Gesellschaften können lediglich in pluralen Systemen frei sein. Dem stellt sich Orbán prinzipiell entgegen, die Vielfältigkeit der ungarischen Gesellschaft sowie den Pluralismus aus zwei Jahrzehnten andauernder Demokratie negierend. Und diesen Gegensatz kaschiert er damit, dass er versucht den Konflikt so darzustellen, dass die Union Ungarn Multikulturalismus, "Gendertheorie" und Migration aufzwingen will, die alle den Intentionen und Neigungen der Ungarn entgegen stünden (...) Für Orbán spielt das Kriterium der Existenz oder des Fehlens der Freiheit der Bürger, was die westliche Welt primär von der sowjetischen Welt unterschied, keine Rolle."

Magazinrundschau vom 01.12.2020 - Elet es Irodalom

In Élet és Irodalom beschreibt der Ästhet und Kommunikationswissenschaftler Péter György die kritische Situation des jüngeren ungarischen Kulturerbes, die von einem "Vertrauensverlust in die ungarischen Institutionen zur Aufrechterhaltung und Erneuerung der nationalen Kultur geprägt ist, dessen Bedeutung wir begreifen, wenn wir sehen, wie es dazu kommen konnte, dass zahlreiche wichtige Handschriften von Imre Kertész seit 2002 Eigentum der Berliner Akademie der Künste sind und im Jahre 2020 die Hinterlassenschaften von Péter Esterházy und György Konrád ebenfalls dorthin gelangt sind. ... Ihre Hinterlassenschaften sind in Berlin gut aufgehoben, sie sind in Sicherheit, wir vertrauen zu Recht der deutschen Akademie der Künste. Aber trotzdem sind sie nicht zu Hause - sie sind, wenn auch freiwillig, im Exil. Und das ist ein wesentlich größeres Problem, wie wir im ersten Moment denken würden. Es gibt in Ungarn, im Literaturmuseum, im Staatsarchiv oder in der Handschriftensammlung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften keinerlei Spuren der Vermächtnisse von Esterházy, Kertész und Konrád und nach heutigem Stand ist das irreparabel."

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Elet es Irodalom

Der Kritiker und Publizist, sowie Hochschullehrer an der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE) György Báron berichtet über den vorerst letzten Protestabend von Studierenden und Lehrpersonal der SZFE vor der aufgrund der Pandemie verhängten nächtlichen Ausgangssperre. Damit ist der über siebzig Tage dauernde Protest gegen die Umwandlung der Universität vorläufig beendet. Ob und in welcher Form die Proteste weitergehen, werden die kommenden Tage zeigen. "Der letzte Abend vor der Ausgangssperre. (…) Das 'Forum der Liebe' hält an. Die Teilnehmenden erzählen auf dem Dachboden Geschichten aus der Vergangenheit der Schule, über alte Kollegen und Lehrer, die andern online. Die Stimmung ist hervorragend, alle lachen, niemand ist traurig. Es gibt auch keinen Grund dazu. Alle wissen genau, dass sie gewonnen haben. Diese 72 Tage kann niemand von ihnen nehmen. Sie lernten mehr als bei allen Unterrichtsstunden, bei Praktika oder von irgendeinem Professor. Sie haben gekostet, was in diesem Lande selten und nur für wenige erreichbar ist: die kristallklare Luft der Freiheit und der Demokratie. Eine solche Erfahrung gibt lange Kraft, vielleicht ein Leben lang, das wissen sie auch. Und sie wissen, dass ein ganzes Land etwas von ihnen gelernt hat: Anstand und Mut. Dieses Erlebnis nehmen sie und die Universität mit."

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Bálint Kovács spricht der Sprachwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer Ádám Nádasdy anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Prosabandes über die Unterschiede der Komposition der (gleichgeschlechtlichen) Liebe in der Lyrik und in der Prosa. "Das Gedicht ist wie eine Bleistiftzeichnung: ich ziehe paar Linien, schon heißt es: oh, ein Liebespaar! Die Prosa ist mehr wie ein Foto: man muss überlegen, was im Hintergrund ist, man muss das Zimmer mit Gegenständen einrichten und man muss wissen, welche Farbe die Augen der Figuren haben. Das ist wirklich nicht einfach, ich kann doch nicht schreiben: "Wie geht es deinem Vater, dem pensionierten Apotheker?" (...) Ein Freund von mir fragte einst: Wo würdest du im Buchladen gern deine Bücher stehen sehen: bei der Schwulen- und Lesbenliteratur oder bei der Belletristik? Was hätte ich antworten können: in beiden. (...) In meinen Gedichten habe ich die Paare oft nicht spezifiziert - nicht weil ich tricksen wollte, sondern weil ich dachte, dass Liebe Liebe ist, Treue Treue und Kummer Kummer. Doch in der Prosa gibt es kein Entkommen, wenn man die Hose runterlässt, dann muss man zeigen, was man hat."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Elet es Irodalom

Der Medizinhistoriker, Autor und Übersetzer László András Magyar sieht mit der schwindenden Leselust wesentliche Errungenschaften und Werte gefährdet. "In der bunten Welt der gedruckten Bücher mussten nicht nur die Autoren über gewisse Kompetenzen verfügen, sondern auch die Leser, damit es zu einer Kommunikation zwischen den beiden kommen konnte. Zum Beispiel musste der Schriftsteller schreiben und der Leser lesen können. (Das heißt, er musste auch Texte verstehen, die länger als fünf Zeilen waren). Diese Vorbildung ist für das Internet nicht mehr notwendig und die Situation wird sich nur verschlechtern, wenn die Bildinformationen den Platz der Textinformationen übernehmen. (…) Wer sich ans Klicken, ans Bildschirmwischen, an Instagram und YouTube gewöhnt hat, der wird keine dreihundert Seiten lesen, denn er wird es nicht können, egal, wie ihm die Buchstaben serviert werden. Insbesondere dann, wenn in seiner Umgebung niemand mehr ist, den er lesen sieht. Aber das erschreckendste ist, dass mit dem gedruckten Buch auch dessen Geschenke verschwinden werden: das Individuum, das Wissen und die Freiheit."
Stichwörter: Instagram

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Csaba Báthori hat unter anderen den ungarischen Dichter Attila József in Deutsche übersetzt. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht er über die Vor- und Nachteile der muttersprachlichen beziehungsweise nicht muttersprachlichen Übersetzungen: "Ich bin in Mohács aufgewachsen, auf einem geräumigen Gehöft, auf dem viele Nationalitäten zusammenlebten. Ich hatte eine Großmutter, die Schweitzer hieß, in erster Linie lernte ich von ihr Deutsch. So hatte ich sehr starke, jedoch ruhende Deutschkenntnisse in mir. Heutzutage scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass der Mensch sich literarisch am besten in seiner Muttersprache ausdrücken könne. Ich weiß seit langer Zeit: das angeeignete, übernommene Wissen kann eine ebenso überwältigende Wirkung haben wie das angeborene oder vererbte Wissen. Auch Texte von muttersprachlichen Übersetzern können gut oder schlecht sein. Das sage ich auch über mich. Wenn jemand in seine Muttersprache übersetzt, bedeutet es noch lange nicht, dass er ein guter Übersetzer ist. Auch Originaltexte wurden nicht immer in der Muttersprache geschrieben, siehe Beckett, Panait Istrati oder Joseph Conrad. (...) Ich kenne jene Personen sehr gut, die ungarische Literatur ins Deutsche übersetzen. Das deutsche Sprachgebiet ist riesig, vielfarbig und es gibt kaum eine einheitliche deutsche Sprache. Und die Gruppe der Übersetzer? Es gibt geborene Ungarn, es gibt welche die früh oder spät ausgewandert sind, es gibt welche, die in Deutschland geboren wurden, es gibt die 'Konvertierten' und noch vieles mehr, was vorstellbar ist."

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Elet es Irodalom

In der EU spitzt sich die Debatte darüber zu, ob Auszahlungen von EU-Geldern an die Einhaltung von Kriterien der Rechtsstaatlichkeit geknüpft werden sollen. Einerseits will das EU-Parlament eine strenge Verknüpfung, andererseits droht die ungarische Regierung mit einem Veto bei den Haushaltsverhandlungen. Der Publizist János Széky bemängelt in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die Ungenauigkeit der entsprechenden Berichte über den Stand der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn (und Polen). Bei der Lektüre könne der Eindruck entstehen, dass es zwar Probleme in einzelnen Feldern gebe, diese aber wohl im Sinne der EU modifiziert werden könnten. Nach Széky sind die Probleme aber systemimmanent und die ungarische Regierung will daran keineswegs etwas ändern. "Was den Unterschied zwischen der kontinentalen Rechtsstaatlichkeit und der ursprünglichen angelsächsischen Herrschaft des Rechts (rule of law) angeht, soll hier nur erwähnt werden, dass die ganze ungarische Herrschaftselite zu Recht über die Unklarheiten der Ersteren spottet. Die Liste der Kriterien ist ziemlich zufällig, einerseits ist es leicht, etwas zu finden, was der im Fadenkreuz stehende Staat nicht erfüllt, andererseits wird aus den Kritikpunkten nicht klar, was überhaupt das eigentliche Problem mit einer bestimmten Regierung und dem System ist. Solche Berichte vermitteln immer weniger ein klares Bild. Der Leser sorgt sich beinahe um die Verfasser, nicht dass ihre kleinen Finger beim Abspreizen noch einen Krampf bekommen. Wer den Bericht geduldig liest, könnte den Eindruck bekommen, dass es in Ungarn Probleme gibt mit der Judikative, mit der Verfolgung von Korruption und der Medienvielfalt, aber er wird nicht erfahren, dass es in Ungarn keine liberale Demokratie gibt und die Regierung auch nicht will, dass es eine gibt. (...) Sicherlich sind Rechtsstaatlichkeit und die Garantie von Grundrechten Teil der liberale Demokratie, es wäre allerdings erfreulich wenn die von den westlichen liberalen Demokratien errichtete Union nun auch die Demokratie schützen würde. Leider gibt es dafür keine Hoffnung."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Zoltán Szalay denkt der in der Slowakei lebende Lyriker Árpád Tőzsér, der gerade 85 Jahre alt wurde, darüber nach, wie Lyrik sich komödiantischer Mittel bedienen kann: "Unsere Zeit ist wohl genauso tragisch wie träge, doch es geht in Wirklichkeit eher darum, ob man das Tragische mit den Mitteln der Komödie ausdrücken kann. Und damit sind wir bei einem ernsten kunsttheoretischen Dilemma. (...) Die Groteske, der Humor, meistens Galgenhumor, das Übertreiben von Trivialitäten einer Situation oder von Klischees, Satire und Ironie sind solche Mittel. Hinzu kommt eine Art versteckter Stoizismus, das sich Abfinden mit dem Unveränderbaren. Wir sollten nicht vergessen, dass der mitteleuropäische Absurdismus in den dunkelsten Jahren des Kommunismus entstanden ist. Und dieses sich Abfinden mit dem Unveränderbaren soll mit den genannten Mitteln der Komik kompensiert werden. Dies ist auch eine Art Widerstand, ergänzt mit dem zynischen Lachen der Selbstironie darüber, dass ein solcher Widerstand lediglich soviel tun kann, oder in der Literatur gar keinen Sinn dafür mehr sieht. Er kann sogar den Widerstand dort als kontraproduktiv erachten. Unabhängig von der Wende ist die Verlogenheit weiterhin kennzeichnend für unsere Zeit und darum sind auch die gegenstehenden literarischen Formen und Qualitäten aktuell."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - Elet es Irodalom

Élet és Irodalom druckt die Rede nach, die der Schriftsteller, Dramatiker und Dozent der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE), Gábor Németh,  bei einer Demonstration von Studenten gegen die Änderungen der Trägerschaft sowie der Neubesetzung der Institution durch die Regierung (mehr dazu hier) gehalten hat: "Der Ministerpräsident beendet gemäß seinem Versprechen, was er angefangen hat: nach der Zerstörung der Autonomie in der Wirtschaft, in der Politik, in der Rechtsprechung, in den Medien, in den Wissenschaften, in der Kultur und in der Bildung, folgt jetzt die Auflösung der restlichen Autonomie der Universitäten. (...) Eigentlich verstehe ich es nicht, nein ich verstehe es gar nicht, warum die Ungarn schweigen (den wenigen Ausnahmen gebührt Respekt). Warum sagen sie kein einziges Wort zu dem, was passiert? Warum schweigt die gesamte Hochschulleitung? Glauben sie vielleicht, dass ihnen nichts passieren kann? Warum schweigt die ungarische Rektorenkonferenz?"