Begonia, 2024. Bild: Galerie Max Hetzler. Wer schon immer mal sehen wollte, wie antike Mythen auf den feministischen Kopf gestellt werden und wie sich das Ganze mit manieristischer Malerei verbinden lässt, sollte in der Ausstellung "Reversal of Fortune" der Galerie Max Hetzler vorbeischauen, wo die Werke der Schweizerin Louise Bonnet ausgestellt werden, empfiehlt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Der Manierismus ermöglicht eine künstlerische Freiheit, "die auch Bonnet für sich in Anspruch nimmt - und mit der sie unübersehbar sarkastisch auf das von Werbe-, Film-, Mode-, Kosmetik-Industrien vorgegebene Diktat makelloser weiblicher, jugendlicher Schönheit in unserem Beauty-süchtigen Zeitalter reagiert. (…) Die verformten Körper in diesem Bilduniversum sind allesamt in eine reduzierte Umgebung eingebettet, auf tiefroten Grund, unter weißen Laken, in einem pinkfarbenen Tuch. Doch sobald man sich der Anziehung dieser seltsamen Gestalten hingibt, parieren sie unseren Blick mit der Groteske der teigigen Körper. Für die Malerin aber dürfte das Stürzen und Fallen (…) eine Form passiven Widerstands sein."
"Ich gehe davon aus, dass das Museum es darauf abgesehen hatte, dass ich die Ausstellung selbst absage", meintNan Goldin im Interview mit Hanno Hauenstein in der FR, nachdem ihre Rede bei der Eröffnung ihrer Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie heftig kritisiert worden war (unser Resümee). Das Museum hat ihr zwar eine prächtige Retro beschert, aber Godlin ist trotzdem nicht zufrieden: "Ich fühlte mich vom Museum verleugnet. Sie wussten, wen sie einladen. Ich habe sie ständig an meine politische Haltung erinnert. Sie haben hart daran gearbeitet, zu beweisen, dass sie die Künstlerin, die sie ausstellen, nicht unterstützen. Ich wurde übrigens auch vom Museum zensiert." Auf die Nachfrage des Interviewers erläutert sie, dass sie ein Dia mit einer Solidaritätserklärung für die Opfer des Gaza-Kries und im Libanon (und des 7. Oktober) aus einer ihrer Dia-Präsentationen habe herausnehmen müssen. "Offensichtlich wollte das Museum aber innerhalb der Ausstellung keinen Hinweis auf meine Politik - oder Raum für Trauer - zulassen."
Besprochen werden die Ausstellungen "Rembrandts Amsterdam" im Frankfurter Städel (Welt) und "Isa Mona Lisa" in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
Bild: Nicolaes Eliasz Pickenoy oder Werner van den Valckert (zugeschrieben). "Die Osteologie-Vorlesung des Dr. Sebastian Egbertsz. 1619. Amsterdam Museum Dass in der aktuellen Städel-Ausstellung "Rembrandts Amsterdam" die wenigsten Bilder von dem niederländischen Künstler stammen, ist für den FAZ-Kritiker Stefan Trinks geradezu ein Glücksfall, lernt er doch die "gleichermaßen exzellenten" Schüler Bol, Flinck, Victors, aber auch van der Helst oder Pickenoy kennen. Den besonderen Reiz machen aber neben den "holländische Gruppenbildnissen", auf denen die Künstler soziale Strukturen der rasant wachsenden Metropole abbildeten, die Porträts von "Nichtbildwürdigen" für Trinks aus, etwa das Bildnis der zur Prostitution gezwungenen und hingerichteten Dänin Elsje Christiaen: "Die Hinrichtungsstätte liegt vor den Stadttoren, sodass Rembrandt mit dem Boot zum Galgenfeld Volewijck übersetzt und dem tragischen Schicksal ein Gesicht gibt, indem er die erdrosselte Elsje, mit der daneben baumelnden Axt als Mordwaffe, in einer Zeichnung verewigt. Doch nicht nur er, noch mindestens vier weitere Künstler kamen mit ihm, um die Tote zu zeichnen. Sie müssen im Halbkreis um den Pfahl gesessen haben, denn die nur briefmarkengroßen Zeichnungen zeigen Elsje von der Seite im Vollprofil wie auch im Dreiviertelprofil und en face. Was nach übelstem Voyeurismus klingt, ist im Gegenteil eine letzte Ehrung und sehr barocke Anteilnahme im Zeichen der Vanitas."
Er wolle nicht heute berühmt sein, sondern in 500 Jahren, sagte der 2015 verstorbene italienische Maler Salvatore Mangione, besser bekannt als Salvo, erinnert Adriano Sack in der Welt. Zum Glück kam es anders, und so kann Sack die sinnlichen, farbgewaltigen Werke des Malers, der als Konzeptkünstler startete, in der Retrospektive "Arrivare in Tempo" in der Pinacoteca Agnelli in Turin bewundern: "Seine Bilder sind fast zu schön, um klug zu sein. Aber nur fast. Für seine Malerei wählte er ein relativ strenges Korsett (oder Konzept). Innerhalb dessen aber schuf er ein eigenwilliges, einzigartiges Œuvre. … Die Emotionalität von Salvos Kunst verblüfft, reißt mit, klingt nach. 'Arrivare in Tempo' ist nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet und teilweise überdicht gehängt. Motivgruppen wie Lichtkegel von Straßenlaternen, Menschen in Bars, mediterrane Natur oder antike Architekturreste gewinnen durch die fast chromatischen Wiederholungen und Variationen eine besondere Dringlichkeit."
Weitere Artikel: In der Zeit fasst Hanno Rauterberg noch einmal die Absurdität um die Cattelan-Banane (unser Resümee) zusammen, die von dem chinesischen Unternehmer Justin Sun für 5.9 Millionen Euro ersteigert und verspeist wurde: "Die Einverleibung sei 'Teil dieser einzigartigen künstlerischen Erfahrung'. Und tatsächlich offenbarte sich erst so, worum es sich bei Comedian eigentlich handelt: um ein schönes, gut verdauliches Nichts." Im Van-Magazin schreibt Volker Hagedorn.
Besprochen werden die große Vittore-Carpaccio-Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Stuttgarter Staatsgalerie (Zeit, mehr hier), die Albert-Oehlen-Ausstellung "Computerbilder" in der Hamburger Kunsthalle (taz) und die Ausstellung "Pop Forever: Tom Wesselmann & …" in der Pariser Fondation Louis Vuitton (FAZ)
Arent Arentsz, genannt Cabel, Winterszene auf der Amstel, ca. 1621, Art Gallery of Ontario, Toronto, Nachlass von W. Redelmeier, 1956, Foto: AGO. Sozialhistorisch ausgesprochen aufschlussreich ist die Ausstellung "Rembrandts Amsterdam" im Frankfurter Städel Museum laut FR-Autorin Judith von Sternburg. Der Untertitel "Goldene Zeiten?" verweist bereits auf die Ambivalenz einer Zeit - es geht um das 17. Jahrhundert -, die einerseits von neuem Reichtum, andererseits von wachsenden sozialen Schieflagen geprägt war. Der "Bedarf nach Schutz" und Wohltätigkeit, lernt Sternburg, ist "beträchtlich und zunächst keineswegs bloß repräsentativ, sondern eine Notwendigkeit. Die Amsterdamer Oberschicht bekommt das so gut hin, dass bald Reisende aus ganz Europa vorbeischauen, um zu sehen, wie die Waisenkinder ausgebildet, die unverschuldet (!) Armen versorgt und die Gefängnisinsassen zur Arbeit gezwungen werden (mit der Chance auf Resozialisation, die es bis dato praktisch nicht gab). Eine Ausbildung und Arbeit ist besser als Tod und Vertreibung, es ist auch protestantischer und profitabler. Die Ausstellung setzt Schlaglichter: hier die Fußfessel für die Verlangsamung und Demütigung ungehorsamer Waisen. Dort die Arbeit im Männergefängnis Rasphuis, wo brasilianisches Rotholz gesägt wurde, das der Farbgewinnung für Textilien diente."
Michael Wolffsohnmeldet sich via NZZ in Sachen Nan Goldin (siehe unter anderem hier) mit einem scharfen Kommentar zu Wort. "Wer sich als Nichtjude dieses Vokabulars bedient", so Wolffsohn mit Blick auf die Bezeichnung Israels als "faschistisch" und als "Apartheidstaat" sowie einschlägige Nazivergleiche, "gerät in den berechtigten Verdacht, Antisemit zu sein. Als Entlastungszeugen bzw. Alibi sind daher besonders jüdische Juden- und Israel-Hasser begehrt. Was der Rabbi in der jüdischen Welt, ist der Alibi-Jude in der Welt der Juden- und Israel-Hasser: Er verfügt über den Koscher-Stempel. Jüdische Juden- und Israel-Hasser schiessen mit koscheren Kanonen. Nichtjüdische und jüdische Juden- und Israel-Hasser brauchen einander. Keiner kann ohne den anderen. Es ist eine Symbiose zwischen Menschen. Das Muster ist seit Jahren bekannt. Schon lange vor dem Gaza-Krieg und trotzdem anscheinend immer wieder neu."
Weiterhin werden in den Feuilletons potenzielle Auswirkungen der Sparpläne des Berliner Senats, die Kultur betreffend, diskutiert. Für den Tagesspiegelbesuchen Birgit Rieger und Nicola Kuhn vier mögliche Opfer: den Schinkel Pavillon, das Silent Green, das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) sowie das Savvy Contemporary. Das Silent Green im Wedding etwa wird sein derzeit breit aufgestelltes Programm in den Bereichen Kunst, Film und Musik nicht in der derzeitigen Form fortsetzen können, wenn es bei den Kürzungen bleibt, erfahren Rieger und Kuhn von dessen Koleiter Jörg Heitmann. Hier "finden rund 250 Kulturveranstaltungen pro Jahr statt. Fällt die Förderung weg, bedeutet das 50 Prozent weniger Veranstaltungen: vor allem Ausstellungen, weil sie Räume lange belegen und dann nicht vermietet werden können. Kleinere Konzerte und Performances, die durch andere Einnahmen querfinanziert werden, wären nicht mehr möglich. 'Wir kofinanzieren das Silent Green über kommerzielle Tagesveranstaltungen. Soll das jetzt das Modell für alle sein, vom ZK/U über Schinkel Pavillon bis zum Deutschen Theater? In der Breite funktioniert dieses Refinanzierungsmodell nicht', so Heitmann." In monopolberichtet Bernhard Schulz über die Lage beim ZK/U.
Außerdem: Ingeborg Ruthe blickt in der Berliner Zeitung auf die anstehende Winterversteigerung am Berliner Auktionshaus Grisebach.
Katharina Sieverding, Installationsansicht, K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2024, Foto: Achim Kukulies. Selfies gab es auch früher schon, stellt Alexander Menden für die SZ in der Katharina-Sieverding-Retrospektive im Düsseldorfer K21 fest. "Ungeheuer vielgestaltig" sind ihre Polaroid-Selbstporträts von 1973, staunt Menden: "mal Vamp, mal Mädchen, mal maskierte Fetisch-Projektion." Übrigens, merkt der Kritiker an, hat sie "nicht nur das Selfie, sondern auch den Genderdiskurs auf ihre Art vorweggenommen. Schon früh setzte sie sich kritisch mit dem Konzept des Geschlechts auseinander. Ihre Werke hinterfragen traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und verwenden Techniken wie Mehrfachbelichtungen und Überlagerungen, um die Grenzen zwischen Identitäten zu verwischen. In ihrer Serie 'Transformer' beispielsweise kombiniert sie in Doppelbelichtungen ihr eigenes Bild mit dem ihres Partners Klaus Mettig - visuelle Vereinigung und Befragung individueller Identität zugleich. Diese Arbeit ... hat eine spielerische Wärme, nach der man in anderen Werken Sieverdings manchmal sucht."
Peter Richter schildert in der SZ noch einmal detailliert die Positionen, die auf dem Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" vertreten wurden, das begleitend zur Nan-Goldin-Ausstellung stattfand (unser Resümee). Richter begrüßt, dass hier unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen können "mehr oder weniger schroff. Aber immerhin wird ausnahmsweise mal ruhig gesprochen, und man fällt sich - mit ein paar Ausnahmen - nicht ins Wort." Auf dem Podium vertreten war unter anderen María Inés Plaza Lazo, Herausgeberin der Straßenzeitung Arts of the Working Class, die als "israelkritische Stimme" fungierte. "Ihr Gegenüber ist hier zum einen der Künstler Leon Kahane, der in seiner Kunst oft seine jüdische und seine ostdeutsche Identität thematisiert und von dem Antisemitismus spricht, unter dem er im deutschen Kunstbetrieb immer wieder zu leiden habe. Er weist darauf hin, dass der Antisemitismus - unter diesem spezifischen Namen - eine deutsche Erfindung war, zu dem sich nach 1945 natürlich niemand mehr offen bekennen wollte, wobei im Osten Deutschlands schon bald der Begriff des Antizionismus dem alten Ressentiment eine neue Hülle gab. Tatsächlich hatte sich im Ostblock schon bald nach Stalins israelpolitischer Wende die Formulierung durchgesetzt, Antizionismus sei kein Antisemitismus, sondern Teil eines antiimperialistischen Volksbefreiungskampfes."
Welt-Kritiker Jakob Hayner war zumindest vom ersten Teil der Veranstaltung ziemlich genervt und beklagt "bauchlinkes Geraune." Interessanter waren für ihn die Äußerungen der israelischen Künstlerin Ruth Patir. Sie "ist das lebendige Beispiel, wie die Kollektivhaftlogik der 'Israelkritiker' den Regierungskritikern in Israel in den Rücken fällt. So kann Patir ihren Studenten nicht einmal die Werke der von ihr geschätzten Goldin näherbringen, weil Goldin nämlich die Zusammenarbeit mit einer israelischen Institution kategorisch ablehnt. Die Solidarität reicht letztlich nur so weit wie die selbstgerechte radikale Pose. Dass man mit der Kunst der Boykotteure trotzdem etwas anfangen kann, unterstrich Remsi Al Khalisi, Schauspieldirektor am Theater Münster: 'Das Kunstwerk ist schlauer als der Künstler.' Gemünzt war das auf Annie Ernaux, es passt aber auch zu Goldin und ihrer Ausstellung." In der taz schreibt Sophie Jung zum Thema.
Vor zwei Tagen forderte Cornelius Tittel in der Welt nach dem Goldin-Eklat den Rücktritt vom Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach. In der FAZ hält Stefan Trinks heute dagegen: "Die Ausstellung war lange vor dem 7. Oktober 2023 geplant (vor dem Goldin sich ausschließlich als Aktivistin in der US-Opioidkrise betätigte, nicht aber als Propalästinenserin). Die Retrospektive kurzfristig abzusagen hätte Biesenbach definitiv den Schwarzen Peter des Cancelns eingebracht, zumal die Schau eine Übernahme aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum und dem Moderna Museet Stockholm ist, wo sie zuvor ohne jeden Zwischenfall ablief."
Es kam, wie es kommen musste: Bei der Eröffnung zur Nan-Goldin-Retro mit dem vielsagenden Namen "This will not end well" in der Neuen Nationalgalerie, verurteilte die US-Fotografin den "Genozid" in Gaza und beklagte eine deutsche Cancel-Culture - es war jedoch die anschließende Gegenrede des Museumsdirektors Klaus Biesenbach, die von pro-palästinensischen Aktivisten "konsequent niedergebrüllt" wurde, wie Peter Richter in der SZ berichtet: "In ihrer Rede klagte sie dann aber nicht die Hamas oder die Hisbollah, sondern das militärische Vorgehen Israels an. Es war nicht der einzige Widerspruch. 'Why can't I speak, Germany?', fragte Nan Goldin - während sie in der Berliner Nationalgalerie doch gerade eine Rede halten durfte. Dann sagte sie, Antizionismus sei kein Antisemitismus, und daraufhin brach in Teilen des Publikums ein Jubel aus..." Als "Klaus Biesenbach zu einer Erwiderung ansetzte, wurde er komplett übertönt. Mitgebrachte Fahnen, Poster und Transparente wurden geschwenkt, Sprechchöre mit Vorsängern skandierten 'Viva, viva Palästina' und 'Yalla, yalla, Intifada'."
Hier Goldins Rede:
Nan Goldin "hat die Neue Nationalgalerie Berlin, die ihr eine große Gesamtschau ausrichtet, bei der Eröffnung vergangenen Freitag in einen Ort des Hasses verwandelt", ärgert sich Stefan Trinks in der FAZ, und weist auf ihren "geschmacklosen" Vergleich zwischen Pogromen gegen Juden in Russland und dem Vorgehen Israels in Gaza hin.
Nan Goldin forderte das Puiblikum zu Beginn ihrer Rede zu einer Schweigepause auf. Marcus Woeller benennt in der Welt die überaus seltsame Opferbilanz, die Nan Goldin dabei in ihrer Rede zog: "Nan Goldin, rote Locken, harte Stimme, reizt die Andacht auf vier Minuten aus, im Gedenken an 'die 44.757 Menschen, die in Palästina von israelischen Streitkräften getötet wurden, die Hälfte von ihnen Kinder', an 'die 3.516 Menschen, die im Libanon von israelischen Streitkräften getötet wurden' und für 'die 815 israelischen Zivilisten, die am 7. Oktober getötet wurden'. Die übrigen 400 mutmaßlichen Nicht-Zivilisten erwähnt sie nicht. Dass sie bei einem terroristischen Angriff der Hamas kaltblütig ermordet wurden, auch nicht."
In der NZZmeint Roman Bucheli, den das einfältige Gratis-Revoluzzertum der linken Kulturszene insgesamt nervt, zu Goldin: "Es müsste ihr zu denken geben, dass ihre Anhänger die anschließende Rede des Museumsdirektors niederbrüllten. Es müsste sie auch deswegen ins Grübeln bringen, weil sie damit die Anschauung dafür erhielt, dass sie in Gaza keinen Tag überleben würde, wenn sie ähnlich aggressiv die Hamas kritisieren oder ihre Kunst zeigen wollte. Man würde sie nicht bloß niederbrüllen."
Deprimiert ist Dirk Peitz auf Zeit Online nach diesem Abend. Was soll man noch sagen? "Vielleicht vor allem Klaus Biesenbach loben...Biesenbach nahm diese Repräsentantenrolle an, indem er kerzengerade am Rednerpult stand und stur auf Englisch seine differenzierte Gegenrede auf Goldin hielt, obwohl sie akustisch niemand im Saal verstehen konnte. Biesenbach musste und wollte offenbar ein Zeichen setzen."
Die Berliner Zeitung druckt die RedeKlaus Biesenbach, Chef der Nationalgalerie, ab, der betonte, nicht mit Goldin übereinzustimmen, jedoch ihr Recht auf Meinungsfreiheit anzuerkennen: "Wir haben hier in Berlin und in Deutschland eine einzigartige historische Verantwortung. Wir glauben, dass diese Verpflichtungen für alle gleichermaßen gelten müssen. Deshalb lehnen wir die Logik des kulturellen Boykotts ab, den die BDS-Kampagne fordert. Wir werden nicht zulassen, dass zu Gewalt aufgerufen oder dazu angestiftet wird, dass Terrorakte legitimiert werden, dass dazu aufgerufen wird oder Terrorakte verharmlost werden, noch die Verletzung und Tötung von Zivilisten oder die Unterstützung von terroristischen Organisationen. Die Neue Nationalgalerie ist ein Raum, in dem Meinungsfreiheit und respektvoller Austausch möglich sind."
Biesenbach musste seine Rede zweimal halten, denn beim ersten Mal wurde sie vom "propalästinensischen" Mob niedergebrüllt:
Neue Nationalgalerie. Berlin ist ein einziges antisemitisches Shithole! Es wird Zeit, dass kein Cent mehr an diesen Hamas-Fanclub wohlstandsverwahrloster "Kulturschaffender" geht.
Auch dem Symposion "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das gestern, am Tag nach der Ausstellungseröffnung, stattfand, ging ein heftiger Streit voran, Goldin selbst hatte ihre Teilnahme abgesagt (unser Resümee). Julia Encke resümiert die Diskussion in der FAZ: Das Moderatorenpaar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema nahm die Rede Goldins kritisch unter die Lupe und warb für gegenseitige Empathie. Im Gegensatz zur Museumsleitung und zu den Reaktionen aus der Kulturpolitik, verurteilte Mendel Goldins Rede nicht explizit: "Er habe die Rede von Goldin nicht 'unerträglich' gefunden...Dass Protest auch mal störe, lautstark und unangenehm sei, gehöre zu einer offenen und liberalen Gesellschaft." Protest aushalten, schön und gut, aber kritisieren kann man ihn schon, meint Encke: "Wer Nan Goldins Fotografien betrachtet, dem kommen auch die jungen Menschen in den Sinn, die auf dem Supernova-Musikfestival am Morgen des 7. Oktober in Israel in der Wüstenlandschaft zu psychedelischen Beats tanzten. Die ermordet und entführt wurden. Früher hätte Nan Goldin vielleicht ihre Gesichter fotografiert und einzelne von ihnen zu Protagonisten ihrer 'chosen family' gemacht. Es sind und waren doch eigentlich ihre Leute, denkt man. Es ist die Empathie in diese Richtung, die einem fehlt."
Die Nationalgalerie hat die Seite zum Symposion - vielleicht nur vorläufig? - von ihrer Website entfernt.
Screesnhot von der Website der Neuen Natioalgalerie.
Dort waren zuvor die drakonischen Bedingungen dargelegt worden, unter denen man das Symposion besuchen durfte, nur mit namentlicher Karte, ohne Tasche. Und keine Handyaufnahmen!
Außerdem: Ingeborg Ruthe empfiehlt in der FR, abseits der Aufregung, die Fotografien Nan Goldins in der Neuen Nationalgalerie anzuschauen. In der tazberichtet Bernhard Schulz aus Paris, wo sich die Kunstkritik angesichts der Ausstellung "Männer malen" im Musée d'Orsay erzürnt, die fragt, ob der impressionistische Maler Gustave Caillebot homosexuell war.
Außerdem: Besprochen werden die Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit - Ein Jahrhundertjubiläum" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ) und die Ausstellung "Unravel - The Power and Politics of Textiles in Art" im Stedelijk Museum Amsterdam, die den Zusammenhang von Handarbeit und politischem Aktivismus beleuchtet (FAS).
Guhyasamaja Aksobhya, Tibet. Foto: Rijksmuseum Amsterdam. Lange hat es gedauert, bis die Kunst des Bronzegießens in Europa hinreichend gewürdigt wurde, aber das macht die Ausstellung "Asian Bronze - 4000 Years of Beauty" im Rijksmuseum Amsterdam locker wett, befindet Alexander Menden in der SZ. Es sind einige Stücke aus Asien zu sehen, die es zum ersten Mal nach Europa geschafft haben, besonders ist aber auch, "dass die Kuratoren nicht in der ethnografischen Betrachtung verharren. In Amsterdam kommen die Exponate auch und vor allem als ästhetische Objekte und Kunstwerke zu ihrem Recht. Sie sind nicht nach Herkunft, sondern thematisch angeordnet und angenehm auratisch präsentiert - in gedämpftem Licht und auf individuellen Etalagen. Beim vergoldeten chinesischen Mandala aus dem British Museum etwa, entstanden in der Qing-Dynastie, handelt es sich nicht allein um einen rituellen Gegenstand. Es ist Kultobjekt und mechanisches Bravourstück in einem: Die Sphäre, die auf einen Hebeldruck hin aufklappt wie ein gegliederter Granatapfel, enthüllt in ihrer Mitte die vielarmige Schutzgottheit Yi-Dam, umgeben von 20 niederen Gottheiten, zwei oder drei auf jedem der sieben filigran gestalteten Schalenstücke.
Wenn eine mit Gaffa-Tape an die Wand geklebte Banane für 5,9 Millionen Euro versteigert wird, hört sich das in Zeiten eng geschnallter Spargürtel für Kultur erstmal nach einem schlechten Scherz an. Der chinesische Unternehmer Justin Sun wird aber wohl wissen, was er getan hat, als er das Kunstwerk von Maurizio Cattelan am Mittwoch ersteigert hat, so Michael Wurmitzer im Standard: "Kunsthistorisch lässt sich das Werk klingend einordnen, steht in der Tradition von Marcel Duchamps Ready-mades wie der Konzeptkunst: Dass ein Werk in einer Idee bestehen kann und nicht materiell erhalten bleiben muss, ist für die ein alter Hut. Dass das Obst alle paar Tage ausgetauscht werden muss, macht also nichts. Im Gegenteil, siehe Vanitas-Motiv. Auch für Cattelan ist Comedian kein 'Joke', sondern eine Reflexion darüber, was wir Wert zusprechen. So passt das Werk auch zur Strömung 'institutional critique", und wenn der Kunstmarkt mit solchen Preisen seine Rolle so formidabel mitspielt, wird es nur noch besser." Auch Berliner Zeitung,SZ und Welt kommentieren.
Weiteres: Dem vom Senat verordneten Sparprogramm im Berliner Kulturbetrieb fällt nun auch noch der Museumssonntag zum Opfer, beklagt die Berliner Zeitung. Sandra Kegel macht sich in der FAZ noch einmal Gedanken zum Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" und über die Absage Nan Goldins (unsere Resümees), Paul Jandl berichtet die NZZ.
Bild: Rineke Dijkstra, Coney Island, N.Y., USA, June 26, 1993. Courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot Wie die Malerei der niederländischen Altmeister erscheinen dem FAZ-Kritiker Andreas Kilb die Fotografien der Niederländerin Rineke Dijkstra, die die Berlinische Galerie derzeit in der Schau "Still - Moving. Portraits 1992-2024" zeigt. Ihre Bilder bremsen den Blick so lange ab, "bis man erkennt, dass sich in der Tiefe des Bildes etwas bewegt", staunt Kilb etwa mit Blick auf eine Bildserie, die junge Mütter kurz nach der Entbindung mit ihrem Baby im Arm zeigt: "Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt, einer läuft ein dünner Blutfaden am Bein herab. An die Wand gegenüber hat der Kurator Thomas Köhler Aufnahmen aus einer Serie gehängt, die Rineke Dijkstra von portugiesischen Stierkämpfern gemacht hat. Deren Aufgabe besteht, anders als in Spanien, darin, den durch Pfeile gereizten Stier nicht zu töten, sondern ihn in einem kollektiven Kraftakt auf den Boden zu zwingen. Die Anstrengung und Todesgefahr, die sie hinter sich haben, ist den Forcados ins Gesicht geschrieben. Bei einem ist die Jacke zerrissen, ein anderer trägt ein Pflaster unter dem Kinn, fast alle haben Blutflecken auf Hemd, Anzug, Nase und Wange. Aber das Blut stiftet keine Gemeinschaft zwischen Müttern und Stierbezwingern, im Gegenteil, es wirft jede der Gruppen auf ihren eigenen Raum, ihr eigenes Schicksal zurück."
Immer mehr KünstlerInnen sagen das von Meron Mendel und Saba-Nur Cheema organisierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" ab, das flankierend zur Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin stattfinden soll, weiß Tobias Timm in der Zeit: Hito Steyerl hat ihre Keynote-Rede abgesagt, Candice Breitz zog ihre Teilnahme ebenfalls zurück und auch "Masha Gessen hatte, wie sie meldete, ihre Teilnahme nie endgültig bestätigt. ... Ausgerechnet jene Menschen wollen nun nicht mehr öffentlich auf dem Podium sprechen, die in der Vergangenheit über Zensurerfahrungen in Deutschland berichtet hatten und behaupten, sie kämen nicht ausreichend zu Wort." Goldin selbst sagte ein Interview mit der Zeit ab, wieder zu und wieder ab - und schickte schließlich ein Statement: "'Ich habe beschlossen, diese Ausstellung als Plattform zu nutzen, um meine moralische Empörung über den Krieg gegen Gaza und gegen den Libanon sowie über die Zensur jüdischer und palästinensischer Stimmen in Deutschland zu verstärken', schreibt Nan Goldin, ohne jedoch zu sagen, von welchen Stimmen sie spricht und wo für sie Zensur beginnt. Weiter heißt es: 'Wir Künstler haben Berlin immer als einen Zufluchtsort für offene künstlerische Freiheit erlebt, und es ist traurig, dass es zu einem Zentrum der Unterdrückung geworden ist.' Worin genau die Unterdrückung besteht, hätte man gerne von ihr erfahren, zumal sie selbst, wie sie in dem Statement herausstreicht, keineswegs unterdrückt wird."
"Bei 'Strike Germany' freut man sich indes über die Absagewelle", weiß Julia Hubernagel in der taz: "Neben Candice Breitz sind mittlerweile auch die Namen Eyal Weizmans sowie Raphael Maliks von der Teilnehmer:innenliste verschwunden. Zum Gespräch mit Andersdenkenden scheint man auf Seiten derer, die ansonsten gern Kundgebungen mit dem klingenden Namen 'We still need to talk' veranstalten, wohl nicht bereit." Direktor Klaus Biesenbach stellt sich indes hinter die Ausstellung - und die Künstlerin, distanziert sich aber von ihrer Haltung zum Nahostkonflikt, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Wir unterstützen das Recht der Künstlerin, ihre Meinung zu äußern, auch wenn wir nicht immer mit ihr übereinstimmen. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass ein Symposium wie unseres längst überfällig und in dieser Zeit notwendig ist."
Weitere Artikel: Das Monopol-Magazin hat die Top 100 des Kunstbetriebs gekürt, darunter Florentina Holzinger, Yael Bartana, Klaus Biesenbach und Marion Ackermann. In der NZZmeldet Sabine V. Vogel, dass die Art Basel bei der Kunstmesse Abu Dhabi Art einsteigen soll: Die Schweizer Muttergesellschaft MCH würde dafür 20 Millionen Euro von Abu Dhabi erhalten.
Besprochen werden die Ausstellung "Fotogaga. Max Ernst und die Fotografie. Die Sammlung Würth zu Gast" im Museum für Fotografie in Berlin (FR), die Ausstellung "Mythos & Moderne. Fritz Koenig und die Antike" in der Münchner Glyptothek (FAZ) und die Andrea-Pichl-Ausstellung "Wertewirtschaft" im Hamburger Bahnhof (taz).
Auch die Berliner Zeitunggreift den Wirbel um die Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin auf (siehe hier und hier): Susanne Lenz zeichnet noch einmal nach, weshalb vor allem das geplante Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung: Diskussionsraum zum Nahostkonflikt" zum Streitpunkt wurde und kritisiert die Boykottrhetorik von "Strike Germany". Auch die Künstlerin selbst greift diese auf: "Ist es nur ungeschickt, dass Nan Goldin diesen Post [von Strike Germany] mit einem Like versehen hat? Leider nicht, denn sie distanziert sich zudem auf Instagram: Sie habe nichts von dem Symposium gewusst, bis ein Verbündeter sie darüber informiert habe. Ein 'Verbündeter' (an ally) - was für eine vielsagende Wortwahl: Da teilt offenbar jemand die Welt in Freund und Feind."
Außerdem: Frauke Steffens betrachtet in der FAZ die Skulpturen der koreanischen Künstlerin Lee Bul, die seit Kurzem die Fassade des New Yorker Metropolitan Museums schmücken.
Besprochen werden die Schau "Durchgeknallt und abgebrannt: Feuerwerkskünste aus fünf Jahrhunderten" im Berliner Kulturforum (taz) und die Lyon-Biennale (monopol).
Vittore Carpaccio, Flucht nach Ägypten, ca. 1515, National Gallery of Art, Washington, Samuel H. Kress Collection. Genehmigt durch National Gallery of Art Weshalb Vittore Carpaccio hierzulande nie den Rang eines der Bellinis erreichte, ist FAZ-Kritiker Stefan Trinks spätestens nach der Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart ein Rätsel, zeigt sie ihm doch die ganze Originalität des Venezianers, der den heiligen Ernst religiöser Andachtsbilder gern mit Witz aufbrach, etwas "in seinem 'Bildnis der Maria mit Christus und Johannesknaben' von etwa 1497. Diesmal nicht auf einem Balkon, sondern auf der Buntmarmorbrüstung eines hohen Fensters sitzend lässt der im letzten Schrei venezianischer Haute Couture gekleidete kleine Erlöser mit braunem Wams und ebensolcher Kappe die Beine baumeln, während er in einem kostbaren, auf Pergament geschriebenen Stundenbuch blättert und ihn seine Mutter gegenüber mit gefalteten Händen anbetet. Zwischen Mutter und Kind jedoch drängelt sich die kesse Verwandtschaft: Der kleine Johannesknabe kommt herein und erzählt etwas Humoriges, wie Carpaccio mit dessen Redegestus jovialer Sprache anzeigt. Auf der Stelle ist der Christusknabe derart abgelenkt von der Lektüre, dass er mit seinen babyspeckigen Fingern mehrere Seiten so ungeschickt umschlägt, dass er die teure Handschrift dabei beschädigen wird."
Die amerikanische Fotografin Nan Goldin fiel zuletzt vor allem durch antiisraelische Propaganda auf, zwei Wochen nach dem 7. Oktober veröffentlichte sie etwa als Erstunterzeichnerin im amerikanischen Kunstmagazin Artforum einen "Open Letter from the Art Community", in dem Israel Völkermord an den Palästinensern vorgeworfen wird, erinnert Marcus Woeller in der Welt. Am kommenden Wochenende wird in der Berliner Nationalgalerie eine Goldin-Ausstellung eröffnen, die flankiert werden sollte durch das von der Nationalgalerie initiierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das von dem Historiker Meron Mendel und der Politologin Saba-Nur Cheema moderiert werden soll: "Doch die Einladung, 'am Symposium aktiv mitzuwirken', hat Nan Goldin ausgeschlagen - offenbar weil ihr die Veranstaltung, obwohl dort einige prominente Israel-Kritiker aus der Kunstszene auftreten, noch zu moderat erscheint. (…) Goldins politische Haltung wird in der Ausstellung selbst wohl nicht thematisiert. 'Der Integrität dieses Gesamtkunstwerkes war trotz vieler Ideen für die Berliner Präsentation mit weiteren kuratorischen Beiträgen nichts hinzuzufügen', so die lapidare Erklärung der Nationalgalerie, die ihre vielen Ideen im eigenen Haus offenbar nicht weiter darstellen will."
Weitere Artikel: In der FRmacht sich Björn Hayer noch keine Sorgen, dass Künstliche Intelligenz die Kunst ganz ersetzen wird. Besprochen werden die Ausstellung "Anonyme Zeichner*innen" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (Tsp) und die Installation "Masses" des Künstlers Ed Atkins im Foyer der Deutschen Oper Berlin (Tsp).
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