Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3669 Presseschau-Absätze - Seite 47 von 367

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2024 - Kunst

Lapp Family, Lone Star, ca. 1930, cotton, wool, and synthetic fabrics. Smithsonian American Art Museum, Gift of Faith and Stephen Brown

Wirklich glücklich waren die Amish nie, dass ihre Quilts seit den 1970er Jahren den Weg ins Museum fanden, weiß Julie Schneider auf Hyperallergic. Aber der Faszination der an modernistische Abstraktion erinnernden Muster kann sich Schneider in der Ausstellung "Pattern and Paradox: The Quilts of Amish Women" im Smithsonian American Art Museum dennoch nicht entziehen. Gezeigt werden fünfzig Quilts, die zwischen den 1880er und 1940er Jahren in Amish-Siedlungen in Pennsylvania, Ohio, Indiana und Illinois genäht wurden: "Um diese sehr unterschiedlichen Quilts herzustellen, teilten sich die Frauen Musterschablonen aus Pappe und halfen sich gegenseitig beim Zusammensetzen, Markieren, Quilten und Binden ihrer Kreationen. Aus zusammengesetzten Quadraten und Rechtecken, Streifen, Sternen, Dreiecken und Fächerformen entsteht ein Mosaik aus Quilttops. Aus präzisen Stoffrauten, die mit technisch kniffligen Y-Nähten verbunden werden, entstehen 'Tumbling Block'-Quilts mit verblüffenden, würfelförmigen optischen Täuschungen. Die 'Center Square'-Quilts, die manchmal auch als 'Plain Quilts' bezeichnet werden, verzichten auf die komplizierte Akkordarbeit zugunsten offener Stoffflächen, die die makellosen handgequilteten Motive einrahmen, darunter gefiederte Kränze, Weinreben, Kreuzschraffuren und Jakobsmuscheln."

Sarah Lucas: GOOD THOUGHTS - BAD THOUGHTS, 2023. © Sarah Lucas. Courtesy Sadie Coles HQ, London. Foto: Katie Morrison

Ein wenig hat sich die Kunst von Sarah Lucas, die in den Achtzigern als eine der Young British Artists Furore machte, überlebt, muss Adrienne Braun (Tsp) zwischen sexuell aufgeladenen Obst- und Gemüseskulpturen in der Ausstellung "Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim feststellen. Und viel Neues kommt nicht mehr: "Bis heute arbeitet sich Sarah Lucas an stereotypen Körperbildern und Weiblichkeit ab. Die kopflose Figur 'Michelle', die sie 2015 schon in Venedig im Britischen Pavillon der Biennale zeigte, liegt mit gespreizten Beinen auf einem wuchtigen Schreibtisch und evoziert unmittelbar Sex im Büro und die MeToo-Debatte. In der Mannheimer Kunsthalle präsentiert sie auch mehrere Varianten ihrer Frauenfiguren, die sie zunächst aus Stoffen und Nylonstrümpfen fertigt, inzwischen aber auch in Bronze mit unterschiedlichen Oberflächen. Das mag auf dem Kunstmarkt reüssieren, inhaltlich reproduziert sich Lucas hier nur noch selbst."

Weitere Artikel: In der FAZ würdigt die in Jerusalem lehrende Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai nach einer Gastprofessur in Kassel die Gegendenkmäler des Künstlers Horst Hoheisel, der in Kassel aus den Überresten eines alten Kriegerdenkmals gerade erst ein Friedensdenkmal geschaffen hat. Ebenfalls in der FAZ berichtet Andreas Kilb vom Fund eines Mosaiks aus der Zeit Hadrians im nordenglischen Wroxeter.

Besprochen wird die Ausstellung "Neues aus der Sammlung (1835-2024). Entdeckungen und Erwerbungen" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2024 - Kunst

Vera Molnár, 1961. Photo © François Molnár, archives Vera Molnár. Courtesy of Galerie Oniris, Rennes


Derzeit kann man im Marta Herford und in der Kunsthalle Bielefeld einige Pioniere der digitalen Kunst kennenlernen (unser Resümee), darunter auch Vera Molnár, der das Centre Pompidou in Paris gerade eine eigene Ausstellung widmet, "Speak to the Eye". Ela Bittencourt stellt die Künsterlin in Hyperallergic vor: "Ihre frühen Farbstudien bilden den Mittelpunkt der ersten Räume dieser chronologischen Ausstellung und signalisieren das Leitmotiv der Schau: die Fixierung der Künstlerin auf die Art und Weise, wie wir Muster wahrnehmen. ... Ab den späten 1960er Jahren gewinnt die algorithmische Wiederholung in Molnárs Kompositionen an Bedeutung und deutet auf ihren späteren Einsatz von Computern hin. In einer Reihe von Arbeiten mit dem Titel 'Looking for Paul Klee' (1969-70) wird die geordnete Geometrie immer wieder durch unregelmäßige Muster unterbrochen, so dass der Eindruck eines schiefgelaufenen Softwareprogramms entsteht. ... Dem Ausstellungskatalog zufolge war Molnár bekannt dafür, Paul Klees Aphorismus 'Kunst ist ein Fehler im System' zu zitieren. Der vielleicht aufregendste Aspekt ihrer Kunst war die Erkenntnis, dass nicht einmal eine algorithmische Intelligenz völlig vorhersehbar ist - und ihre Freude, in der Störung eine Bestätigung der Kreativität zu finden."

Weitere Artikel: Wer gerade in oder bei Marseille Urlaub macht, dem empfiehlt Isa Farfan in Hyperallergic einen Abstecher ins Mucem zu einer Ausstellung über die Kultur der Nudisten: Einige Führungen durch die Ausstellung kann man sogar splitternackt genießen. Und Tina Barouti stellt in Hyperallergic die amerikanisch-tunesische Landart-Künstlerin Lita Albuquerque vor, die gerade ihre "Malibu Line" in Kalifornien nachgestellt hat, ein Werk, "das aus ultramarinblauem, pulverförmigem Pigment in einem Graben besteht, der sich über eine Länge von 21 Metern erstreckt". In der SZ freut sich Cornelius Pollmer, dass die 2022 gestohlenen Juwelen ins Grüne Gewölbe nach Dresden zurückgekehrt sind und jetzt auch besser bewacht werden.

Besprochen werden die Ausstellung "Studio Rex" im Fotozentrum C/O Berlin, mit Aufnahmen, die Assadour Keussayan in seinem Fotostudio in Marseille vor allem von Flüchtlingen und Migranten machte (monopol) und die Gustav-Metzger-Ausstellung im MKK-Tower in Frankfurt (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2024 - Kunst

Krug mit dem Gesicht des Regengottes Tlaloc, Opfergabe 21, Archäologische Zone des Templo Mayor, Mexico City, Mexiko, 1440-1469, Keramik, Museo del Templo Mayor, Mexico City © ©D.R. Secretaría de Cultura-INAH-MEX. Proyecto Templo Mayor, Foto von Mirsa Islas


Beeindruckt, aber manchmal wohl auch schreckensstarr betrachtet Andreas Kilb die einer Unzahl von zumeist blutrünstigen Göttern gewidmeten, zum Teil fantastisch dreidimensionalen Kultgegenstände der Azteken, die derzeit das Musée du Quai Branly in Paris ausstellt: "Der Adler aus rotem Vulkangestein hat keine Füße und keinen Schwanz. Sein Kopf aber ist riesig, riesig sind die Augen, die angriffslustig aus dem Federkleid herausblitzen, und die Zunge im halb geöffneten Schnabel. Riesengroß ist auch die Vertiefung, die der aztekische Steinmetz aus dem Rücken des Vogels herausgemeißelt hat, ein Hohlraum im Format einer Suppenschüssel. Aber die Höhlung trug keine Speisen, keine Düfte oder Gewürze. Sie trug ein zuckendes, blutendes Herz. Das Herz, das der Hohepriester des Aztekenreichs im Templo Mayor von Tenochtitlan aus der aufgeschnittenen Brusthöhle eines Kriegsgefangenen gerissen hatte, zu Ehren des Gottes Huitzilopochtli. ... Die Besonderheit des aztekischen Opferritus besteht darin, dass das Blutvergießen keine Ausnahme war. Es war ein System. Die Götter mussten mit Blut getränkt werden, weil sie die Erde eigens zu ihrer Speise erschaffen hatten."

Nancy Youdelman als Ophelia. Foto: Nancy Youdelman


Matt Stromberg von Hyperallergic staunt in der zweiteiligen Ausstellung "Five Women Artists in 1970s Los Angeles" (hier und hier) - mit Arbeiten von Hildegarde Duane, Nancy Buchanan, Susan Mogul, Susan Singer und Nancy Youdelman - über die Aufbruchsstimmung, die damals in Kalifornien herrschte. Davon profitierten auch Künstlerinnen: "Das Feminist Art Program (FAP), das 1970 von Judy Chicago, Miriam Schapiro und anderen am Fresno State College ins Leben gerufen und 1971 auf das California Institute of the Arts ausgeweitet wurde, hatte einen großen Einfluss auf einige dieser Künstlerinnen. 'Es war so neu, dass alles möglich war', sagte Youdelman gegenüber Hyperallergic über ihre Erfahrungen mit dem FAP sowohl in Fresno als auch am CalArts. ... Youdelman stellte oft ihre Träume dar, die sie nachspielte und fotografierte, um surreale, skurrile Porträts ihres Unterbewusstseins zu schaffen. In der Fotoserie 'Running With a Tail in Griffith Park' (1974), die bis zum 24. August in der As-Is Gallery zu sehen ist, sieht man sie in einem idyllischen Park in Los Angeles herumtollen, wild und schelmisch, während ihr Schwanz hinter ihr herläuft. Andere Arbeiten Youdelmans sind düsterer, wie etwa 'Self-Portrait as Ophelia' (1977-2017), ein Grabhügel aus Erde und Blumen, durch den Keramikabgüsse ihres Gesichts, ihrer Hände und Füße ragen."

Weiteres: In der SZ fragt sich Alexander Menden, was es mit den jüngsten Arbeiten von Banksy auf sich hat, der zuletzt niedliche Tiere sprayte. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Tyler Mitchell. Wish This Was Real" im C/O Berlin (taz) und eine Installation des Berliner Fotokünstlers Andreas Mühe, der im Berliner Kunsthaus Dahlem die Bunkerlandschaft von Hitlers Atlantikwall inszeniert (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2024 - Kunst

Charlotte Johannesson, Untitled, 1981 - 1985, Digitale Computergrafiken (Diashow mit 15 Bildern), Dimensionen variabel, Courtesy die Künstlerin und Hollybush Gardens Gallery, © Charlotte Johannesson


Einige Pionierinnen der digitalen Kunst lernt SZ-Kritiker Alexander Menden in der Gruppenausstellung "Zwischen Pixel und Pigment" im Marta Herford und in der Kunsthalle Bielefeld: Zum Beispiel die schwedische Künstlerin Charlotte Johannesson. Ursprünglich Weberin, kaufte sie sich 1978 das frühe Apple-Modell "II Plus", "brachte sich selbst das Programmieren bei und codierte ihre Entwürfe Pixel für Pixel", erzählt Menden. Die Ausstellung zeigt "zeigt hybride Malerei in der Schnittmenge zwischen digitaler und analoger Welt. Oder, wie Kuratorin Ann Kristin Kreisel es umschreibt, eine 'hierarchielose Verschmelzung' beider. Es scheint einen Wunsch zu geben, das Konkrete der traditionellen Kunstproduktionsformen zu erhalten, ohne auf jene Technik verzichten zu müssen, die uns ständig umgibt. ... Ein weiteres frühes Beispiel ist neben Johannesson die Ungarin Vera Molnár, die im vergangenen Jahr mit 99 Jahren starb. Sie entwickelte schon in den Fünfzigern händisch Algorithmen, indem sie geometrische Formen nach von ihr selbst festgesetzten Regeln malte. "

Bernhard Heckler besucht für die SZ den norwegischen Künstler Jan Hakon Erichsen, der mit seinen Videos auf Instagram ein Star wurde - ironischerweise: "Jan Hakon Erichsen, ein 46-jähriger, mittelgroßer Mann mit Glatze, der sagt, er wolle in seinen Videos als möglichst neutrale Projektionsfläche eines mittelalten Durchschnittstypen auftreten, ist die menschgewordene Gegenthese zu allen gängigen Vorstellungen davon, wie man in sozialen Medien zum Star wird. Seine Videos brauchen kein großes Budget. Sie sind seltsam. Und sehr lustig. ... Erichsen baut für seine Videos Holzkonstruktionen, oft mit Seilzügen oder Gummielementen, die ihre Funktion nur im Zusammenspiel mit Erichsens Körper erfüllen können. Ihre Funktion, das ist meistens: Obst und Gemüse möglichst komisch durch den Raum zu schießen oder mit dem Körper des Künstlers kollidieren zu lassen. Die Performance-Videos treffen oft genau den Punkt zwischen Albernheit und Melancholie, der guten Humor ausmacht. Wobei, sagen wir lieber: der große Kunst ausmacht."

Hier gibt er den Tagliatelle-Tester:

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Zum Tod des Ausstellungsmachers Kasper König schreiben Birgit Rieger im Tagesspiegel, Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung, Michael Hesse in der FR, Britta Peters in der taz, Peter Richter in der SZ, Hans-Joachim Müller in der Welt und Georg Imdahl in der FAZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2024 - Kunst

Der Krieg hat auch die russische Kunstszene zutiefst gespalten, berichtet der in Leipzig forschende Kulturhistoriker Michail Ilchenko in "Bilder und Zeiten" (FAZ): Die einen sind geblieben, weil sie woanders nicht arbeiten können, die anderen sind gegangen, weil sie in Russland nicht arbeiten können und betrachten die Gebliebenen als Putinisten. Das Schweigen "wird nur noch gelegentlich durch einzelne Stimmen gebrochen. Und die, so scheint es, sorgen oft für Irritationen auf beiden Seiten. Für diejenigen, die außerhalb Russlands leben, erscheinen sie zu schwach und einflusslos. Für diejenigen, die innerhalb Russlands leben, stören sie den schmerzhaften, zerbrechlichen und riskanten Konsens, der sich herausgebildet hat. ... Aber es gibt noch eine andere Dimension der russischen Gegenwartskunst, die für den Blick von außen unsichtbar ist. Sie existiert in Form von geschlossenen Wohnungsausstellungen, in besetzten Häusern, Kommunen und an ständig wechselnden Orten. 'Mit dem Ausbruch des Krieges ist die echte Kunst im Grunde in den Untergrund gegangen."

Catharina van Hemessen: Selbstbildnis an der Staffelei, 1548. Aus der Ausstellung "Geniale Frauen" im Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler


Lange ignoriert, werden weibliche Künstler plötzlich en masse ausgestellt. Ein richtiger Modetrend ist das geworden, staunt Hans-Joachim Müller in der Welt mit Blick auf Ausstellungen im Kunstmuseum Basel, im Kupferstichkabinett Berlin, im Arp Museum in Remagen, in der Gemäldegalerie in Dresden, in der Londoner Tate, in Karlsruhe, Ludwigshafen, Bielefeld, Frankfurter Städel und 2026 im Kunstmuseum Gent. Dabei waren Publikum und Sammler gar nicht so ignorant, wie man glaubt. In der Wissenschaft sah es etwas anders aus: Es zeigt sich, "dass Frauen durch alle neuzeitlichen Jahrhunderte hindurch an der Kunstproduktion beteiligt waren. Auch gegen den Widerstand intakter Männerclans. Und nicht selten auf dem Markt geradeso umworben waren wie ihre erfolgreichen Kollegen. Sie hatten ihre vermögenden Sammler, ihre Auftraggeber in Kirche und Adel, ihren Platz im Salon und begeisterten ein bürgerliches Publikum, das ganz offensichtlich nicht viel auf die Mär von der gleichsam naturwüchsigen Minderbegabung der künstlerischen Frau gab. Das alles hätte man natürlich auch schon vorher wissen können, nur wollte man es offensichtlich nicht wissen", meint Müller, der dafür eine Geschichtsschreibung verantwortlich macht, "die ihren Stoff nie anders denn als Fortentwicklung erzählt, als Stufenprozess, bei dem eine Leistung von der nächsten gleichsam überboten wird".

Melissa Shook: "Daily Self-Portraits". TBW Books (mehr hier)
Orlan: "Six Decades". Hatje Cantz Verlag, Berlin
Francesca Woodman: "The Artist's Books", Mack Books, London


In der FAZ erinnert Freddy Langer am Beispiel dreier Künstlerinnen - Melissa Shook, Orlan und Francesca Woodman - daran, dass es die Kunst des Selfies schon vor den sozialen Medien gab und radikal avantgardistisch war: "Unter dem Begriff 'Feministische Avantgarde' werden mit der Verspätung eines halben Jahrhunderts allenthalben Werke einer Generation von Künstlerinnen entdeckt, für die das Selbstporträt zur Möglichkeit wurde, ihre Position in der Gesellschaft zu überdenken. Und die dafür Bildmetaphern entwickelten, die in ihrer Radikalität die Grenze des Schmerzes immer wieder überschritten haben", so Langer, geschockt von der "bestürzenden Rücksichtslosigkeit und Gewalttätigkeit dieser Frauen sich selbst gegenüber ... Orlan bot 1976 auf einem Markt in Portugal zwischen Körben mit Karotten, Lauch und Kartoffeln auf Holz aufgeklebte Fotografien ihrer Körperteile feil und kroch für ihre Arbeit 'WUTmessung' auf allen vieren um den Petersdom in Rom, um den Vatikan mit ihrem Körper zu vermessen. ... Der Körper war für Orlan vom privaten Phänomen zur öffentlichen Waffe der Rebellion gegen das Schubladendenken und des Kampfes für Gleichberechtigung geworden."

Weitere Artikel: In der FAZ stellt Jana Voigt auf der Fotografieseite Dotan Saguys Bildband "Dogtown" vor: Schwarz-weiße Straßenszenen mit Hunden in Venice voller "skurriler Details". Außerdem meldet die FAZ, dass die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová den Generaldirektor des Slowakischen Nationaltheaters (SND) Matej Drlička entlassen hat: Regierungskritische Medien ordnen die Entscheidung als einen weiteren Schritt im Kampf des Kulturministeriums gegen die Kulturszene ein.

Besprochen werden die Frans-Hals-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (Tsp), "Arktische Hysterie" der grönländisch-dänischen Künstlerin Pia Arke in den Berliner Kunst-Werken (BlZ), die Ausstellung "Careers by Design: Hendrick Goltzius und Peter Paul Rubens und Case Studies on Rubens by Slawomir Elsner" in der Münchner Pinakothek der Moderne (FAZ) und die dreiteilige Ausstellung "Bauhaus und Nationalsozialismus" der Klassik-Stiftung Weimar (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2024 - Kunst

Franz Gertsch: Irène, 1980. Acrylic on unprimed cotton. Olbricht Collection © Franz Gertsch AG

Ende 2022 ist der Schweizer Maler Franz Gertsch gestorben, die große Retrospektive, die derzeit unter dem Titel "Blow-Up" im Louisiana Museum im dänischen Humlebæk stattfindet, konnte er noch mitgestalten. Im Tagesspiegel verneigt sich Hilka Dirks noch einmal vor dem großen Hyperrealisten, der mit Landschaftsmalerei und Pop-Art-Collagen anfing - bis das Bild 'Huaa …!' 1969 einen Wendepunkt brachte: "Es zeigt ein Still des Antikriegsfilms 'Der Angriff der leichten Brigade': ein galoppierendes Pferd mit uniformiertem Reiter, den Degen in die Luft gereckt, werfen Mensch und Tier vor grellgrünem Hintergrund gleichermaßen den Kopf in den Nacken. Die Arbeit gilt als die erste in der Technik, die Gertsch so berühmt machte. Mit einem Dia-Projektor projizierte er Fotos auf die Leinwand, vergrößerte sie ins Überdimensionale und malte sie gewissenhaft mit kleinem Pinsel nach." Statt Filmstills malt Gertsch bald Urlaubsschnappschüsse, die Familie oder die umgebende Kunstszene: "Unter ihnen der Künstler Luciano Castelli, von dessen Lebensweise Gertsch so fasziniert war, dass er ihn immer und immer wieder auf die Leinwand bannte und Patti Smith, kurz bevor sie, vom ungefragten Fotografieren genervt, den Maler mit ihren Notizen bewirft."

Eine besonders absurde Geschichte des Gefangenenaustauschs mit Russland greift Daniel Völzke in monopol auf: Getarnt als argentinische Kunsthändlerin für die Galeria 5'14 reiste die russische Spionin Anna Dulzewa durch Europa: "Die beiden Russen Artjom und Anna Dulzew, beide 1984 geboren, lebten zehn Jahre lang als Agenten des russischen Geheimdienstes SWR unter falscher Identität in Südamerika und Slowenien, bevor sie im Dezember 2022 ... enttarnt wurden. Selbst ihre beiden Spanisch sprechenden Kinder Sophie und Daniel sollen nicht gewusst haben, dass ihre Eltern und sie selbst Russen sind. Mit 'Buenas noches' soll Wladimir Putin vergangene Woche Sophie auf dem Flughafen in Moskau begrüßt haben. Es war ihr erster Besuch in Russland, laut Kremlsprecher habe das Mädchen bei der Begegnung mit Putin nicht gewusst, wer dieser Mann überhaupt ist. Wie man nun aus gemeinsamen Recherchen von der New York Times, der BBC und dem Guardian weiß, erhielt Artjom 2013 den Auftrag, aus Uruguay nach Argentinien einzureisen, kurz danach folgte ihm Anna, Agentin mit höherem Rang als ihr Mann, aus Mexiko."

Weitere Artikel: Die Kunstsammler Karen und Christian Boros, die Teile ihrer Sammlung im Berliner Boros-Bunker zeigen, werden für ihre Verdienste um die Kunst mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der FAZ erzählt Jan Brachmann die Vorgeschichte des Kirchenfensters im Greifswalder Dom Sankt Nikolai, das von Ólafur Elíasson nun neu gestaltet wurde.

Besprochen werden die Mike Kelley-Retrospektive "Ghost and Spirit" im K21 Düsseldorf (taz, mehr hier), die Ausstellung "William Blakes Universum" in der Hamburger Kunsthalle (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Holy Fluxus" in der Berliner St. Matthäus-Kirche (FR, mehr hier), die Ausstellung "Städel Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" im Frankfurter Städel Museum (Tsp, mehr hier) und die Ausstellung "Bis hierhin lief's noch gut", die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe der Illustratorin Anna Haifisch widmet (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2024 - Kunst

Emila Medková, Cascade de cheveux, 1949. Bild: Muzeum Susch.

Wer gerade in Graubünden unterwegs ist, dem empfiehlt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach wärmstens den Besuch der Ausstellung "Where No One Looked Before" im Muzeum Susch. Hier gibt es Fotografien der Pragerinnen Emila Medková und Běla Kolářova zu sehen, die lange viel zu wenig beachtet wurden: "Ein Augapfel verschließt einen Eierbecher, aus einem Wasserhahn sprudeln Haare statt Wasser. Ein weiblicher Schatten scheint die Objekte zu fixieren, ohne dass man zu erkennen vermag, welche Rolle er in diesem mysteriösen Drama spielt. 'Cascade de cheveux' nannte Emila Medková 1949 die geisterhafte Szenerie, die Vertrautes fremd erscheinen ließ. Sie gehörte den Prager Surrealisten an, die parallel zu ihren Pariser Kombattanten von den Zwanzigerjahren an mit der neu erfundenen Kleinbildkamera experimentierten, indem sie Negative solarisierten, montierten, inszenierten, Gegenstände aufs Fotopapier legten und die Oberfläche schraffierten. Offiziell gründete sich die Gruppe erst 1934 in Prag. Nach der deutschen Besatzung folgte die totalitäre Herrschaft der Kommunisten. Beide Ideologien lehnten die auf verstörende Effekte und die Magie der Dinge setzende Kunstrichtung ab. Ausstellungsverbote waren an der Tagesordnung."

In den letzten Tagen sind mehrere neue Werke des Streetart-Künstlers Banksy aufgetaucht (unser Resümee), nun ist eine besprayte Satellitenschüssel gestohlen worden, Scotland Yard ermittelt, wie Zeit online berichtet. Für monopol-Kritiker Daniel Völzke entwickeln sich die ganzen Banksy-Exegesen zu einem ziemlichen Zirkus: "Es gehört zur Street-Art, dass sie emblemhaft sein will und wie ein Straßenschild auch im Vorübergehen gelesen werden kann. Banksy ist ein Meister dieser Kunst. Gleichzeitig hat sich die Gattung damit auch komplett der kommerziellen Verwertung ausgeliefert, wie man an den vielen nicht-autorisierten Banksy-Ausstellungen sehen kann. Die Straße der Street-Art ist so zur Sackgasse geworden." Auch Berliner Zeitung, FR und Spiegel Online rätseln bei den neuen Werken mit.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2024 - Kunst

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Banksy
hat wieder zugeschlagen. Sein neues Werk ziert eine Mauer im Londoner Stadtteil Kew Green und zeigt eine Ziege sowie fallende Steine, eine Überwachungskamera spielt möglicherweise ebenfalls eine Rolle. Was will uns der notorisch sendungsbewusste Straßenkünstler bloß damit sagen? Michael Neudecker spekuliert in der SZ: "Wenig Platz, die herunterfallenden Steine - ist das nicht ein Hinweis auf die Wohnungsbaukrise im Land? Auf 'Broken Britain'? Und die Kamera ist vielleicht ein Verweis auf die omnipräsenten Medien im Königreich, die auch dann noch draufhalten, wenn der Absturz kurz bevorsteht? Oder ist es so, dass die Kamera nur das bröckelnde Gestein filmt, nicht aber die Ziege, die ja komfortabel auf den engsten Vorsprüngen stehen kann. Mit anderen Worten: Ist Banksys Botschaft, dass man bei Nachrichten immer das ganze Bild braucht, den Kontext?"

Maria Windisch durchstöbert für die Berliner Zeitung die sozialen Medien und stößt auf andere Deutungen: "In den Kommentaren rätselten Tausende Nutzer über die Bedeutung. Unter dem Post heißt es beispielsweise: 'Die bedrohte palästinensische Berggazelle ist das Nationaltier Palästinas. Die Welt schaut zu, während sie am Rande des Abgrunds taumelt.' Ähnliche Interpretationen finden sich dabei häufig. So verstehe die Welt und Medien die Gefahr nicht, in der sich Palästina befindet, trotz ständiger Überwachung." Rhea Nayyar schließt sich bei hyperallergic der Palästina-Spekulation an und bezieht sich dabei außerdem auf ein zweites neues Banksy-Werk, das zwei Elefanten zeigt.

Besprochen werden die Fotoausstellung "Berlin im Blick" im Ephraim-Palais (Tagesspiegel) und die Schau "Berlin Revisited. ZeitSprünge 1972-1987/ 2021-2023" im Berliner Museum für Fotografie (taz Berlin).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2024 - Kunst

Tilman Spreckelsen entdeckt in der FAZ das Mittelalter-Kartenspiel Ludwig Tiecks. Peter Kropmanns plädiert ebenfalls dort dafür, den Historienmaler Fernand Cormon wiederzuentdecken, der in seiner privaten Malschule "Atelier Cormon" in Paris unter anderem Louis Anquetin, Henri de Toulouse-Lautrec und Vincent van Gogh unterrichtete, die allerdings seinen Vorgaben einer realistischen Malerei nicht folgen wollten.

Besprochen werden die Klangkunst-Ausstellung "Sounds Of Bethany" im Künstlerhaus Bethanien (taz), die Ausstellung "Städel-Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" im Städel-Museum Frankfurt (tsp), eine Ausstellung mit Werken des Fotografen Dean West in der Galerie Camera Work in Berlin. (tsp)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2024 - Kunst

GREGORY CREWDSON, Ohne Titel 1998-2002. © Gregory Crewdson

Dass das "Unheimliche", wie Sigmund Freud schrieb, nicht im Fremden entsteht, sondern gerade im vertrauten Alltäglichen wohnt, wird taz-Kritikerin Regine Müller in einer Ausstellung im Sigmund Freud Museum in Wien vor Augen geführt. Unterschiedliche Künstler stellen hier zum Thema "Das Unheimliche. Sigmund Freud und die Kunst" aus. Besonders prägend findet Müller "ein Fototableau von Gregory Crewdson aus der Serie 'Twilight' von 2001/2002, eine hyperrealistisch inszenierte Szene wie aus einem subtilen Horrorfilm, eine Familienaufstellung der unheimlichen Art: In einer düsteren Küche ist der Tisch gedeckt, Vater und Sohn sitzen einander am Esstisch gegenüber, die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt, die jüngere Tochter blickt dagegen verstört ins Leere. Niemand schaut zur geöffneten Tür, durch sie hat die Mutter nackt durch einen Scherbenhaufen schlurfend das Zimmer betreten. Im Hintergrund ein Messie-Szenario, gestapeltes Geschirr, Essensreste, Müll. In der Luft liegen unausgesprochene Konflikte. Die nackte Mutter, ihr früh gealterter Körper, ihre offensichtliche Unsichtbarkeit drängt eine psychoanalytische Deutung förmlich auf - Verschweigen, Gewalt, ödipale Verstrickungen. Ein beklemmendes Bild."

Weiteres: In der SZ schwärmt Max Florian Kühlem von einem Besuch im Kröller-Müller-Museum, in dem außer der zweitgrößten Van-Gogh-Sammlung auch die Ausstellung "Den Wald vor lauter Bäumen" zu sehen ist. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, einen chinesischen Bodhisattva im Dogenpalast in Venedig wiederentdecken zu können: Die Buddha-Figur steht eigentlich im Humboldt-Forum in Berlin, dort sei sie aber in der Masse der Exponate untergegangen.

Besprochen werden die Ausstellung "Holy Fluxus. Aus der Sammlung Francesco Conz" in der St. Matthäus Kirche am Kulturforum in Berlin (taz) und die Ausstellung "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (FAZ).