Precious Okoyomon: "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That". Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia Erst zum zweiten Mal seit 2015 präsentiert sich Nigeria mit eigenem Länderpavillon auf der Biennale in Venedig, organisiert wird der Auftritt vom gerade erst in Benin-City entstandenen Museum of West African Art (MoWAA), weißtaz-Kritikerin Maxi Broecking, die hier ein sehr selbstbewusstes Land erlebt. Etwa in der Installation "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That" der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon: Sie "hat für die Klanginstallation im Hof des Palazzos unterschiedlichsten Menschen auf den Straßen von Lagos dieselben zehn Fragen gestellt. Etwa 'Beschreiben Sie einen Morgen, an dem Sie ohne Angst aufgewacht sind' oder 'Was hat das Leiden Ihrer Mutter verursacht?' Sachte schallen nun in Venedig die Ängste, Albträume und alltäglichen Gewalterfahrungen in Nigeria hin zu den Biennalebesuchern, aber auch Träume und Wünsche. Viele hätten geantwortet, sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal ohne Angst aufgewacht seien, erzählt Okoyomon im taz-Gespräch während der Ausstellungseröffnung. 'Das ist eine Reibung von Energie, die sich durch die Städte zieht. Wie eine ständige Vibration, eine Urangst.'"
Einst wurden die Bilder des 1878 geborenen expressionistischen Malers Karl Hofer zum Marktwert der Werke von Liebermann oder Klee gehandelt, auch nach dem Zweiten Weltkrieg machte er noch Karriere: ab 1945 leitete der die Akademie der bildenden Künste in Berlin, erinnert Uta Appel Tallone in der NZZ. Zugleich war Hofer ein Verehrer Hitlers. Ein unverstellter Blick auf sein Werk ist der Kritikerin in der Ausstellung "Figuren, Stillleben, Landschaften" im Museo Castello San Materno in Ascona denn auch nicht möglich, auch wenn die Schau versucht "objektiv" zu sein. Gewiss, Hofer konnte malen. "Und doch: Der Blick der nackten, auf dem Bett liegenden Frau ist ohne Tiefe und kalt, seelenlos. Als das Bild entstand, hatte Hofer kurz vorher die Scheidung von seiner jüdischen Frau erwirkt - seine Karriere stand auf dem Spiel."
Weitere Artikel: Zu Kants 300. Geburtstag hat Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, das Künstlerpaar Peter Greenaway und Saskia Boddeke eingeladen, in der Orangerie in Potsdams Neuem Garten eine immersive Ausstellung zu gestalten, das Ergebnis mit dem Titel "Walking with Kant" ist nicht immer kitschfrei, aber doch überraschend, meint Lena Schneider im Tagesspiegel, die Kant hier in einer gigantischen Videoinstallation begegnet. In der FAZ erinnert Bernd Eilert an den 1978 ermordeten Künstler Marcel Bascoulard, der als Chronist seiner Heimatstadtb Bourges galt.
Carl Alexander Simon: Studie der Bäume von Llanquihue, 1852. Carl Alexander Simon war einer der wenigen romantischen Maler, der nicht nur fremde Kontinente bereiste, sondern sich als "praktischer Kolonialist" betätigte, lernttaz-Kritiker Fabian Lehmann von Kunsthistoriker Miguel Gaete. Hunderte Zeichnungen zeugen, so Gaete, von Simons Plänen, in Chile eine deutsche Kolonie zu gründen, die zum Einen ein "Musterland für Proletarier:innen und Demokrat:innen" sein sollte, zum Anderen ein Mittel, "in der unberührten Natur des fernen Kontinents zu den Ursprüngen der menschlichen Gemeinschaft" zu finden. Simon zeichnete, was er sah, erzählt Lehmann: "Tiere, Landschaften, Pflanzen, Architektur und Menschen. Er erwarb sich das Vertrauen der indigenen Bewohner:innen des Landes, der Mapuche, erlangte Zutritt zu ihren Häusern und hielt dort intime Szenen fest. Frauen, die weben oder Kinder hüten. Männer beim Segeln, Reiten, Schmieden." Dabei spiegeln seine Zeichung auch den Rassismus der Europäer wider: "Auffällig ist, dass die erwachsenen Mapuche kindliche Züge aufweisen. Große Köpfe und überdimensionale Hände sollten in Europa rassistische Vorurteile bestätigen, ist Gaete überzeugt. 'Schönheit galt als Zeichen der Intelligenz, und die wollte er den Mapuche nicht zugestehen', so der Kunsthistoriker, der selbst in Chile aufwuchs."
Weitere Artikel: In der Welt erzählt Manuel Brug, warum Madrid für ihn ohne Zweifel eine der "spannendsten Kunstmetropolen" ist und wandelt beglückt durch zwei neu eröffnete Sammlungen im Stadtpalast der Familie Alba und der Galería de las Colecciones Reales. In der NZZergründet Philipp Meier das Phänomen Banksy. Besprochen werden die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Wo alles begann" im Dresdner Albertinum (FR), die Ausstellung "Zeitungsleser:Innen. Fotografien von Eddy Posthuma de Boer" im Museum für Kommunikation Berlin (tsp).
Sasha Okun: Gates of Justice, 2024. Albertina, Wien Michael Marx - Arts Limited Das Konzept "Blickpunkte" des früheren Essl-Museums in Klosterneuburg, das seit einem halben Jahr unter dem Albertina-Label wieder geöffnet hat, geht auf, freut sich Standard-Kritiker Stefan Weiss. Die Hälfte der Exponate der Sammlung wird in regelmäßigen Abständen ausgetauscht: "Herausragend in der aufgefrischten Ausstellung, die sich ausschließlich mit Kunst nach 1945 bis in die jüngere Gegenwart beschäftigt, ist ein großformatiges Werk von Sasha Okun. In Gates of Justice zeigt der israelische Maler drastisch Menschen im Verfall, die auf Körperstellen zeigen, an denen ihnen offensichtlich unwohl ist. Ein Arzt wendet resigniert den Blick ab, er kann nichts mehr tun, eine Schwangere steht madonnenhaft als Memento mori daneben. Okun, selbst schwer krank und dem Tode nahe, hat damit sein wahrscheinlich letztes Bild geschaffen."
So einen Überblick bekommt man selten: Für den Tagesspiegel besucht Christiane Meixner TheGallery im oberfränkischen Mürsbach, wo der Berliner Künstler und Kurator Thomas Eller aktuell zeitgenössische mongolische Kunst zeigt: "Die Themen der mongolischen Kunstschaffenden - Naturerfahrung wie -zerstörung, Spiritualität und Genderfragen - schreiben die hiesigen Belange fort. Bloß aus anderen Perspektiven. Manche Arbeiten wie Bolds 'Gasmasken', die Bezug auf die mongolische Metropole Ulaanbaatar und deren unerträgliche Luftqualität nimmt, leuchten einem sofort ein. Das überbordende Motiv des Totenschädels zur dekorativen malerischen Gestaltung, den Nomin Bold ebenfalls pflegt, verlangt hingegen nach Erklärung. Am ehesten fühlt man sich an den Totenkult Mexikos erinnert, doch der im Schamanismus wurzelnde Tengrismus ist so tief in der mongolischen Kultur verwurzelt, dass die Symbole eine andere Bedeutung haben."
Gerade ist im Düsseldorfer K20 die Ausstellung "Träume von der Zukunft" zu Ende gegangen, die Werke von Hilma af Klint und Wassily Kandinsky gegenüberstellte - Anlass für die Kunsthistorikerin Astrid Mania in einem Gastbeitrag in der SZ den Spiritismus zu feiern, der in der westlichen Kunstgeschichte lange geschmäht wurde. Zwei Aspekte betont Mania, die dem Spirituellen in der Kunst zu verdanken seien: Zum einen werde das "säkular-westliche" Kunstverständnis auch für Kunst aus dem Globalen Süden geöffnet, zum anderen weist Mania auf den feministischen Aspekt spiritueller Kunst hin: "Der Kontakt mit überweltlichen Instanzen bot sicherlich auch vielen Frauen ein Ventil, sich künstlerisch auszudrücken: Schließlich wurde ihre Hand - so glaubten oder wollten sie glauben machen - von anderen geführt. Damit konnten sie ganz dem Klischee entsprechen, wonach Frauen zu eigener Schöpferkraft nicht fähig seien."
Weitere Artikel: Jana Janika Bach freut sich in der taz, dass mit Ausstellungen von Miriam Cahn, Alison Knowles und Carol Rama die Dominanz der Männer im Kunstbetrieb aufgemischt wird. In der Berliner Zeitungbetrachtet Ingeborg Ruthe die "Goldelse", die die Künstlerin Alicja Kwade der Neuen Nationalgalerie geschenkt hat und die ohne Flügel und Machtsymbole geradezu "menschlich" wirkt. Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ würdigt Friedrich Dieckmann die Künstlerin Hannelore Teutsch, die Berlin-Veduten stickt.
Besprochen werden die Ausstellung "Von Wolken und anderen Lügen" in der Berliner Galerie Eigen + Art (Tsp), die Installation "Walking with Kant", die Peter Greenaway und Saskia Boddeke in der Orangerie des Neuen Gartens in Potsdam zu Kants 300. Geburtstag gestaltet haben (Tsp), die Gustav Metzger-Retrospektive im Frankfurter Museum für moderne Kunst im MMK-Tower (FAZ), die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Wo alles begann" im Albertinum Dresden (FAZ) und Holm Friebes Kunstaktion "Works on Skin", für die man von Künstlern entworfene Motive kaufen und sich tätowieren lassen kann (FAS, Tagesspiegel).
Für Monopolsieht sich Anne Kiesiel im Woods Art Institute Hamburg um, das von Sammler Rik Reinking gegründet wurde und ein Ort der Entschleunigung und der Begegnungen sein soll. So kommen sowohl High- und Low-Art miteinander in Kontakt als auch ganz verschiedene geografische Räume: "Masken aus Ozeanien oder Afrika treten hier in Austausch mit einem Schädel von Damien Hirst, der belgische Künstler Jan Fabre und die niederländische Künstlerin Amie Dicke steuern ebenfalls Bilder des menschlichen Selbst bei. Spannungsreich ist auch die Präsentation einer Video-Arbeit des griechischstämmigen Filippos Tsitsopoulos in der ehemaligen Turnhalle. Der Künstler setzt sich mit der Tradition von Masken im antiken Theater als Verkörperung von Emotionen auseinander. Nicht nur in der westlich geprägten Hemisphäre dienen die artifiziellen Gesichter als Instrumentarium, um verborgene Gefühlsregungen freizusetzen."
Die Ausstellung "Im Dialog mit Benin" im Zürcher Museum Rietberg zeigt Artefakte, die 1897 als Raubgüter nach Europa gekommen sind, so Giorgio Scherrer in der NZZ, vielleicht sind sie vor einer möglichen Rückgabe zum letzten Mal zu sehen. Das Museum versucht einen Brückenschlag und zeigt sowohl den afrikanischen wie den westlichen Blick auf die Werke: "Erst ihr Wechselspiel ist es, das die Vergangenheit der Objekte mit ihrer Gegenwart verbindet - und ihrer ungewissen Zukunft. Dort steht jene Frage, zu der jede Geschichte über die Benin-Bronzen unweigerlich führt: Zurückgeben oder nicht? Das letzte Wort werden die Besitzer haben, in diesem Fall Stadt und Kanton Zürich. (...) Frankreich und Deutschland haben in den letzten Jahren rund vierzig Benin-Bronzen nach Nigeria restituiert, über tausend weitere sollen folgen. Gut möglich also, dass der Kopf des Oba, der Stosszahn mit den Brandspuren, die filigrane Gürtelschnalle gerade zum letzten Mal in Zürich zu sehen sind."
Weiteres: Nachdem eines seiner Kunstwerke mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde, setzt der israelische Künstler Avi Albers Ben Chamo auf Dialogbereitschaft statt auf Anzeigen, berichtet der Tagesspiegel.
Wie sich die Porträtierten dem "kolonialen Blick" von Ethnologen entzogen - oder ihn bewusst für sich nutzten, erkenntStandard-Kritiker Jakob Thaller in der Ausstellung "Auftreten im Bild" im Wiener Bonartes Photoinstitut, für die die Kuratorin Katarina Matiasek einmal mehr die Sammlung des Anthropologenpaars Emma und Felix von Luschan gesichtet hat: "Zu sehen sind unter anderem Bella Te Hoari Papakura (1870-1950) und ihre Schwester Mākereti Papakura (1873-1930), die als Reiseführerinnen durch die neuseeländischen Geothermen von Whakarewarewa führten. Bilder, auf denen die Schwestern performativ klassische Gewänder trugen, gaben sie bei den berühmtesten Fotografen der damaligen Zeit in Auftrag - so stilisierten sie sich zu den ersten Medienstars Neuseelands. Mākereti Papakura studierte später in Oxford Anthropologie, zwei Wochen bevor sie die Endfassung ihrer Abschlussarbeit vorlegen konnte, starb sie."
1926 in Nürnberg geboren, entkam Gustav Metzger 1939 dem Holocaust dank der Kindertransporte nach England. Zeit seines Lebens thematisierte der 2017 in London gestorbene Künstler, bekannt für seine "autodestruktive Kunst", die Zerstörungskraft der Menschheit, nicht zuletzt am Massenmord an Jüdinnen und Juden, erinnert Claus Leggewie in der taz nach seinem Besuch in der Metzger-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, die ihm zeigt, dass es bei Metzger nicht immer "krachen" musste: "Wie 'Kunst nach Auschwitz' aussehen kann, demonstrieren in Frankfurt drei Exponate der Serie 'Historic Photographs' (1995/99), die Fotodokumente von NS-Verbrechen nicht ikonisch ausstellen, sondern bewusst verhüllen. Die Aufnahme von Jüdinnen und Juden in Wien, die 1938 mit Zahnbürsten Gehsteige säubern mussten, wird nur sichtbar, wenn man sich auf den Boden unter eine gelbe Decke begibt; das berühmte Foto des von Soldaten umringten kleinen Jungen im Warschauer Ghetto hat Metzger bis auf einen Spalt mit Holzplanken verhängt. Beeindruckend sind vor allem die stillen, ernsten Kinderporträts, die Metzger 1949 wohl in Erinnerung an seine Gefährten auf den Kindertransporten skizziert hat. Aus ihren Gesichtern sind alle Merkmale einer unbeschwerten Kindheit entwichen."
Weitere Artikel: Sophie Plagemann, seit September 2020 als Bereichsmanagerin der Sammlung in der Stiftung Stadtmuseum Berlin tätig, wird auf Paul Spies als künstlerische Direktorin der Stiftung folgen, meldet unter anderem der Tagesspiegel. Ebenfalls im Tagesspiegel stellt Gunda Bartels das Büro Chezweitz vor, das unter anderem für die Szenografie im Jüdischen Museum Berlin, dem Bauhaus Museum Dessau oder dem Moderna Museet Stockholm verantwortlich zeichnet.
Besprochen werden die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Albertinum und Kupferstichkabinett Dresden, in der Dankwart Guratzsch (Welt) erkennt, dass Friedrich keine Abbilder der Natur, sondern "Seelenlandschaften" malte und die Ausstellung "Das Gold der Akan" mit Artefakten aus Westafrika im Knauf-Museum Iphofen (SZ).
Das Ruhrgebiet ist geprägt von Einwanderung aus Osteuropa sowie von den vielen Industrieruinen der alten Zechen, die zwar heute meist als Kulturorte fungieren, denen aber noch immer etwas "Unerlöstes" innewohnt, meint Regine Müller (taz), die diese beiden Pole in der Ausstellung "Landscapes of an Ongoing Past" im Rahmen der Ruhrtriennale im Salzlager der Kokerei auf Zeche Zollverein "atmosphärisch stimmig" verbunden sieht: "Sie zeigt historische und zeitgenössische Arbeiten von Künstlern aus dem ehemaligen sozialistischen Osten und konfrontiert sie mit dem im Salzlager seit 2001 fest installierten 'Palast der Projekte' des aus der Ukraine stammenden Künstlerpaars Ilya und Emilia Kabakov." Zunächst tun sich die Arbeiten schwer, gegen die riesige, schneckenförmige Installation der Kabakovs anzukommen - aber nur auf den ersten Blick, meint Müller: "Rechts an der Wand prangt ein gewebter Fries mit violetten Lettern in kyrillischer Schrift, sie sind eine Abkürzung für 'Anzahl der geschnittenen Teile', eine auf Etiketten aufgebrachte Information aus der Textilproduktion. Die aus Georgien stammende Künstlerin Nino Kvrivishvili, die selbst Textildesign studierte, reflektiert damit die Textilproduktion in Georgien, die in den Zeiten der Sowjetunion einen zentralen Industriezweig des Landes ausmachte. ... Stark vertreten ist auch das Genre der Videoarbeiten: Der Ukrainer Yuri Yefanov zeigt den Film 'We will definitely talk about this after the last air raid alert stops', eine quietschbunte Zeitreise in eine utopische Welt, die Krisen und Kriege der Gegenwart überwunden hat. "
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger, wie Chemnitz, im kommenden Jahr Kulturhauptstadt Europas, mit diversen Ausstellungen und "Art-Scouts" versucht, den Rechten zu trotzen.
Besprochen werden die Ausstellung "Frans Hals. Meister des Augenblicks" in der Berliner Gemäldegalerie (taz) und die Ausstellung "Patrick Faigenbaum: À la cristallerie de Saint-Louis" im Kristallmuseum La Grande Place in Saint-Louis-lès-Bitche (FAZ).
Saskia Trebing unterhält sich für monopol mit der dänischen Künstlerin Nina Beier, die gerade zeitgleich drei Soloausstellung hat: "Parts" im Kiasma in Helsinki, "Auto" im CAPC in Bordeaux und "Casts" im Museo Tamayo in Mexiko-Stadt. Besprochen wird die Ausstellung "Der Krake - Kann man ein Seeungeheuer lieben?" im Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch (taz).
Gerne lässt sich Tagesspiegel-Kritikerin Angelika Leitzke von den Licht- und Schattenspielen der Wiener Künstlerin Letizia Werth faszinieren, die im Rahmen ihrer Ausstellung "Shadow Flowers" in der Berliner Galerie Feinart zu bestaunen sind: Im "Schwebezustand zwischen Fotografie und Zeichnung" bewegen sich die Darstellungen von Blumen und Pflanzen, "die Vorlage bildeten alte, anonyme Fotografien aus privaten Wohnräumen. Werth entdeckt sie auf Flohmärkten oder in Kartons für Ausrangiertes an Hauseingängen und zeichnet sie im Close-up oder aus einer gewissen Distanz nach, doch niemals in Originalgröße (…) Interieurs sind höchstens angedeutet, manchmal eine Fensterbank oder ein Sessel oder ein Spiegel reflektiert das Motiv im Bild. Die gegenüber der digitalen Technik aufwändigere und längere Entwicklungszeit des analogen Lichtbildes findet ihre Entsprechung in der Langsamkeit des Zeichnens. Zugleich wirken die Arbeiten von Werth, die auch als professionelle Fotografin tätig ist, wie fotografische Negative, 'falsch' belichtete Abzüge oder Fotogramme, die ohne die Hilfe der Kamera entstehen."
Weitere Artikel: Der Sinologe Martin Winter erzählt in der FAZ von seiner von Repressionen und Unsicherheiten geprägten Zeit als Stipendiat im chinesischen Shangyuan Art Museum. Die Welt ist äußerst skeptisch, dass der Kunstbetrüger Inigo Philbrick jetzt zum Serienhelden werden soll. Die SZ fragt sich, was die "bemerkenswerte Porträtskulptur", die Mark Zuckerberg von seiner Ehefrau Priscilla hat anfertigen lassen, über deren Ehe aussagt. Thomas Kober, der Kurator der Weißfrauen-Diakoniekirche, soll jetzt nach zahlreichen Querelen mit der theologischen Leitung, aber gegen das Unverständnis vieler Frankfurter Künstler, an einen anderen Einsatzort versetzt werden, meldet die FAZ. Ebenfalls in der FAZ werden die Fotos von Katya Moskalyuk gezeigt, die die Witwen ukrainischer Soldaten porträtiert hat. Der Tagesspiegel macht einige Vorschläge, um Berlin in verschiedenen Ausstellungen mal aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Besprochen werden die Ausstellungen "Schippermütz und feiner Zwirn" mit Fotografien von Fide Struck im Museum Kunst der Westküste auf Föhr (taz), "Nightcall" mit Fotografien von Satijn Panyigay in der Galerie Peter Sillem (FR) sowie die Installation "Haus in der Nähe eines großen Waldes" von Markus Draper im Dresdner Albertinum (SZ).
Der ukrainisch-amerikanische KunsthistorikerKonstantin Akinsha prangert in der NZZ westliche Künstler und Kuratoren an, die sich weiterhin von Russland für Propaganda-Zwecke vor den Karren spannen lassen. So eröffnete vor einigen Monaten "das Multimedia Art Museum in Moskau eine Ausstellung der jungen italienischen Fotografen Edoardo Dellile und Giulia Piermartiri mit dem Titel 'Der Atlas einer neuen Welt'. Die Schau, die der globalen Erwärmung auf vier Kontinenten gewidmet war, wurde von Norilsk Nickel, dem Unternehmen des vom Westen mit Sanktionen belegten Oligarchen Wladimir Potanin, gesponsert. Ironischerweise sahen die beiden italienischen Fotografen nicht nur kein Problem darin, ihre Werke während des Angriffskrieges dem Moskauer Publikum zu präsentieren, sie erklärten sich auch bereit, an der Ausstellung teilzunehmen, die von einer Firma gesponsert wurde, die weltweit als Mega-Verschmutzer bekannt ist und von Umweltaktivisten zahlreicher Umweltsünden beschuldigt wird." Ein solches Verhalten zu unterbinden liegt auch in der Verantwortung des Westens, warnt Akinsha: "Die Vorspiegelung der Illusion indes, dass Russland nach wie vor ein geachtetes Mitglied der globalen Gemeinschaft sei, ist nur möglich, wenn gewisse zynische Vertreter der westlichen Kunstwelt unbedingt den Nachweis erbringen wollen, dass russisches Geld nicht zum Himmel stinkt."
Orhan Pamuk: Wer aus mir herauskommt. Bild: Lenbachhaus. AutorOrhan Pamuk, der einzige türkische Nobelpreisträger, wollte eigentlich mal bildender Künstler werden, wie sich in der Ausstellung "Der Trost der Dinge" im Münchner Lenbachhaus nachvollziehen lässt. Dorothea Zwirner taucht für monopol ein in die wundersame Welt, in der sowohl seine Kunst als auch seine Romane angesiedelt sind: "Wenn man den 40 numerierten Kapitel-Schaukästen per Audioguide mit den Kommentaren des Schriftstellers und Passagen aus seinem Roman folgt, weiß man bald nicht mehr, ob man durch ein Buch oder ein Museum spaziert. Beim gleichzeitigen Hören und Sehen könnte einem buchstäblich Hören und Sehen vergehen. Denn der Meister der Metafiktion weiß die Erzähltradition des Orients mit den intertextuellen und intermedialen Bezügen des postmodernen Okzidents zu kombinieren.(…) Im Halbdunkel reihen sich die erleuchteten Schaukästen mit ihren musealen Holzrahmen dicht an dicht aneinander, gefüllt mit Panoramen, Fotografien, Kleinoden, Alltagsgegenständen und Nippes, die gleichzeitig den Alltag und die Geschlechterverhältnisse in Istanbul zwischen den 1950er- und 2000er-Jahren widerspiegeln, sodass man die Möwen über dem Bosporus kreischen und die Schiffe tuten zu hören meint."
Weiteres: Matern von Boeselager ist im Spiegel ein wenig genervt vom anhaltenden Banksy-Kitsch (unser Resümee). Juristisch bleibt die antisemitische Kunst auf der documenta ohne Folgen, meldet die Berliner Zeitung.
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