Amoako Boafa: Papillon Hug, 2023. Courtesy Amoako Boafo, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien Regine Müller besucht für die taz die Ausstellung "Proper Love", die das Wiener BelvedereAmoaka Boafo widmet. Thematisiert wird in der Schau unter anderem der Einfluss der Wiener Moderne auf den weltweit gefeierten Künstler. Müller gefällt unter anderem, wie Boafo Kleidung inszeniert: "Männer tragen Türkis und Pink, spielen sinnfällig mit Erdbeeren und konterkarieren mit offensiv gezeigter Verletzlichkeit Klischees schwarzer Macho-Männlichkeit. Gelassen blicken die Porträtierten aus den Bildern heraus, sie zeigen Boafos Umfeld und feiern selbstbewusst Freundschaft und Solidarität der Black Community. Der Intensität und Treffsicherheit dieser Porträts kann man sich nicht entziehen, sie scheinen förmlich zu sprechen und wahren doch - wie Klimts Porträts - ein letztes Geheimnis."
Ausstellungen hängen auch immer vom Budget ab, meint Andreas Kilb in der FAZ mit Blick auf zwei Berliner Schauen zur Geschichte und Gegenwart Afrikas, nämlich "Planet Africa" in der James-Simon-Galerie und "Geschichte(n) Tansanias" im Humboldt Forum. Letztere, im Tagesspiegel kürzlich hochgelobt (unser Resümee), hat doppelt so viel Fördergelder erhalten, was sich vor allem in ihrer opulenten Gestaltung widerspiegelt. Inhaltlich allerdings schaut es ganz anders aus, notiert ein "verwirrter und düpierter" Kilb: Ein klares Konzept suche man vergebens, teilweise verschweigen die Texte wichtige Informationen wie etwa die Beteiligung eines Nyamwezi-Anführers am Sklavenhandel. "Man hofft vergeblich darauf, von ihr in die Gegenwart geführt zu werden. So wie das Humboldt Forum an seinen teils durch Raub und Betrug zusammengetragenen Sammlungen würgt die Schau an den Verheerungen der Kolonialzeit, von der sie, in Ermangelung eines historischen Konzepts, doch kein klares Bild zeichnen kann."
Außerdem: Caroline Schluge spaziert im Standard durch Ausstellungen von Rochelle Feinstein, Ali Cherri und Beatriz Santiago Muñoz. Ebenfalls der Standardberichtet von einer Attacke auf eine Skulptur der Pussy-Riot-Mitgründerin Nadya Tolokonnikova in Linz. Alexander Kloß trifft sich für monopol mit den Geschwistern Alicja und Martin Kwade, sie Künstlerin, er Galerist.
Besprochen werden "Mark Lammert: Revolutionssplitter" in der Galerie Pankow (FR), die Robert-Longo-Ausstellung in der Wiener Albertina (NZZ), die Schau "Lise Gujer. Eine neue Art zu malen. Im Dialog mit Ernst Ludwig Kirchner" im Brücke-Museum, Berlin (Tagesspiegel), Lucy Beechs Videoinstallation "Out of Body" im Berliner Between Bridges Residence Space (taz Berlin) und die Ausstellung "Caspar David Friedrich: Goethe und die Romantik in Weimar" im Weimarer Schiller Museum (monopol).
Bild: Lise Gujer und Ernst Ludwig Kirchner, Schwarzer Frühling , Wandbehang, nach 1954, Verzahnte Wirkerei mit Leinenkette und farbigem Wollschuss, Brücke Museum Ernst Ludwig Kirchner schätzte sie sehr, die Davoser Weberin Lise Gujer, die zu Lebzeiten des Malers und lange darüber hinaus dessen Motive webte, weiß Bernhard Schulz, der für den Tagesspiegel die Ausstellung "Eine neue Art zu malen" im Berliner Brücke-Museum besucht hat: "Lise Gujer, die webte und vor allem - was technisch ein Unterschied ist - wirkte, verwendete die Vorlagen seitenverkehrt auf ihrem Webstuhl, der maximal 95 Zentimeter breite Bahnen zuließ. (…) Kirchner tauchte in den zwanziger Jahren in die bäuerliche Welt ein, die außerhalb der Davoser Zauberberg-Szenerie fortbestand. Almauftrieb, Heumahd, Haustiere, Bauern auf dem Weg, das sind die Motive, die Kirchner zu Papier brachte und auch in Gemälden verarbeitete. Lise Gujer setzte die Vorlagen in farbkräftige Teppiche um. Lange nach Kirchners Freitod 1938 fand sie erneut zur Arbeit an seinen Vorlagen, aber nun zunehmend freier, auch in kleinen Serien, jedes Unikat abweichend gestaltet. ... Mit einem Mal meint man, Kirchner als bloßen Anstoßgeber, Lise Gujer als Schöpferin kraftvoller Harmonien zu sehen."
In der DDR wurde Karl-Heinz Adler als Kunst-am-Bau-Avantgardist, der Fassaden und Spielplätze gestaltete, geschätzt, sein malerisches Werk, ganz der Konkreten Kunst verhaftet, galt als "elitäre (westliche) Außenseiter-Disziplin", weiß Ingeborg Ruthe in der FR. Umso schöner, dass die Berliner Galerie Eigen+Art die "strahlenförmigen Gebilde" nun ausstellt: "Die wirbelnden Linien saugen den Blick förmlich ein, wie in schwarze Löcher. Die optische Suggestion ergibt sich aus Adlers Methodik des Seriellen, der Schichtung und Rhythmisierung des Bildraums mit minimalistischen Mitteln. Sein streng-schönes Werk ist gleichermaßen Ausdruck eines experimentellen wie philosophischen Denkens. Über Jahrzehnte hat er das Verhältnis Natur-Kunst befragt, Raum, Zeit und das Bildhafte. Erstaunlich ist, dass diese Entwicklung sich seit 64 Jahren im Osten - parallel zur Etablierung der Konzeptkunst, von Minimalismus, Zero, Op-Art und Konkreter Kunst in der westlichen Nachkriegsmoderne -, obwohl isoliert, völlig eigenständig vollzog. Adlers Bildwelten scheinen eigenen Gesetzen entsprungen."
Bild: Peter Dell, Allegorieën op de Zeven Hoofdzonden, ca. 1535-1540. Collectie Germanisches Nationalmuseum, Neurenberg. Foto: M. Runge Best Merkwürdig vertraut erscheinen Stefan Trinks in der FAZ die Exponate aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die er in er Ausstellung "Truly Wicked" im Bonnefanten Museum in Maastricht zu sehen bekommt, dabei werden viele Werke erstmalig ausgestellt. Aber die sieben Todsünden, denen die Schau sich widmet, kennt Trinks nur zu gut - und dann sind sie auch noch so "schmerzhaft plastisch" dargestellt: "Wahren Meistern wie dem Renaissancebildhauer Peter Dell mit seinen heute nur noch sechs erhaltenen Schnitzfiguren aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gelingt das Kunststück, nahezu ohne Attribute auszukommen. Die holzsichtigen weiblichen Kunstkammer-Personifikationen aus Birnbaum erzählen allein durch die elastisch zähe Feinheit des Materials alles Nötige: die Wollust lüpft ihr geradezu knisterndes Gewand, sodass der verführerisch glatte und nackte Oberschenkel zum Vorschein kommt; um das Bäuchlein der Völlerei wirbeln fein plissiert nur noch flache Zugfalten, weil es kugelrund den Stoff ebenso gespannt nach außen drückt wie die Brustwarzen der Lust die hauchdünn geschnitzte Stoffmembran über ihren Brüsten."
Weitere Artikel: Für die tazreist Yelizaveta Landenberger von Uschhorod bis Lwiw, um die Kunstszene im westukrainischen Untergrund zu besuchen. Geradezu berauscht ist Birgit Rieger (Tagesspiegel) nach dem Besuch der Ausstellung "Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof, die das malerische Werk der türkischen Operndiva Semiha Berksov würdigt. Im Standardberichtet Olga Kronsteiner über das drohende Aus des Bank-Austria-Kunstforums. Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger ein zweitägiges Symposium an der TU Berlin, bei dem Wissenschaftler, Kuratorinnen, Künstler und Pädagoginnen über Antisemitismus in Bildform sprachen. Für die NZZporträtiert Philipp Meier Nan Goldin und kommt zu dem Schluss: "Was Nan Goldin tut, tut sie mit radikaler Kompromisslosigkeit. Ihr Vorgehen hat oft etwas Blindwütiges, wie ihre einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt zeigt."
Hew Locke's "The Watchers". Foto: Anna Arca/British Museum.
Brauchen wir wirklich noch eine Ausstellung zum Postkolonialismus? Diese schon, findet Jannis Koltermann in der FAZ. Für die Ausstellung "What have we here?" hat das British Museum in London den britisch-guyanischen Künstler Hew Locke eingeladen, der koloniale Objekte der Sammlung klug kommentiert. Es geht zum Beispiel um den Koh-i-Noor-Diamanten, der "seit dem siebzehnten Jahrhundert von einer südasiatischen Herrscherfamilie auf die nächste überging, häufig nach gewaltsamen Umstürzen. Nach einem weiteren solchen 'Umsturz' fiel er 1850 an das britische Königshaus, Queen Victoria präsentiert sich stolz mit ihm auf einem Gemälde. Für Locke ist dies ein Beispiel für die Schwierigkeiten von Restitutionen: An welche der Herrscherfamilien oder Staaten müsste der Diamant denn zurückgehen, sofern es sie überhaupt noch gibt? Trotzdem findet er, der Stein solle nicht ewig in Großbritannien bleiben, Weltreiche würden nun einmal fallen. Da möchte man einwenden, dass das britische Weltreich zwar untergegangen sein mag, das Königshaus aber eben noch nicht - sonst läge der Stein jetzt vielleicht in Paris oder Berlin."
Außerdem: Gerald Felber spaziert für die FAZ auf dem Skulpturenweg "Purple Path", der die baldige Kulturhauptstadt Chemnitz mit achtunddreißig Kommunen in der Umgebung verbindet.
Alles Meisterwerke hier, staunt Andreas Kilb (FAZ) beim Gang durch die Ausstellung "Der andere Impressionismus" im Berliner Kupferstichkabinett. Gezeigt werden hier Grafiken der Pioniere des Impressionismus, die Monet und Co vorausgingen: "Den geheimen Mittelpunkt der Präsentation bildet ein künstlerisches Duell. Es ist, fast unvermeidlich, ein Zweikampf zwischen stilisiertem Realismus und realitätsgesättigter Impression. Die Kontrahenten, der Franzose James Tissot und der Schwede Anders Zorn, sind beide Meister ihres Fachs, aber während Tissot die dunklen Flächen und Umrisse seiner Radierungen mit der Kaltnadel nachzieht, baut der eine Generation jüngere Zorn seine Figuren allein aus vertikalen und horizontalen Strichen auf. So kommt es, dass die junge Frau mit schwarzem Hut und Pelzmantel auf Tissots 'Oktober' den Betrachter anzuspringen scheint, obwohl sie ihm den Rücken zukehrt, während Zorns nackte 'Badende' bei näherem Hinsehen wie ein Phantom im Liniengewirr zergeht. Ihren Gipfel erreicht diese nominalistische Zauberkunst in der Szene 'Im Omnibus', denn hier ist es, als läge ein Schleier zwischen dem Bild und uns. Aber dieser Regenschleier aus Strichen, der die Fahrgäste im Innenraum des Busses aus dem Nichts entstehen lässt, ist das Bild selbst; zöge man ihn weg, wäre das Blatt leer."
Licht kann auch die japanische Künstlerin Rinko Kawauchi, deren Ausstellung "a faraway shining star, twinkling in hand" derzeit im Fotografiska in Berlin zu sehen ist. Sie versucht im Interview Manuel Almeida Vergara von der Berliner Zeitung zu erklären, dass man in der Kunst nicht immer mit dem theoretischen Holzhammer zuschlagen muss, um zeitgenössisch zu sein: "Mein Arbeitsprozess besteht darin, eben diese Fragmente zu beobachten und festzuhalten - ein fallendes Blatt, Sonnenlicht, das durchs Wasser fällt, ein flüchtiger Gesichtsausdruck. Dieser Ansatz ermöglicht es mir, im Jetzt verwurzelt zu bleiben, anstatt mir Sorgen darüber zu machen, was vor uns liegt. Wer gewöhnliche Momente wertschätzt, kann ein Gefühl der Universalität und Kontinuität entdecken, das uns alle verbindet, selbst inmitten von Unsicherheiten. ... Ich glaube, dass diese Art von Achtsamkeit und Verbindung zur Gegenwart eine ruhige, aber bedeutungsvolle Reaktion auf die Komplexität der Welt sein kann. Kunst muss nicht möglichst direkt und möglichst laut Probleme adressieren, um sich mit ihnen doch auseinanderzusetzen."
Niklas Maak zeichnet in der FAS ein langes Porträt der britisch-nigerianischen KünstlerinKarimah Ashadu, deren auf der Kunstbiennale in Venedig gezeigtes Video "Machine Boys" über eine Gruppe junger Nigerianer und ihre Motorradtaxis, ihn stark beeindruckt hat. Beim Besuch in ihrer Hamburger Wohnung erzählt sie Maak, wie sie während ihres Kunststudiums in London zum Video kam: "Die figürliche Malerei sei damals eine deutlich weiße Angelegenheit gewesen, die Künstler der Harlem Renaissance waren unbekannt oder kein Thema an der Kunstschule. Sie habe dann ebenfalls begonnen, eher performative Sachen zu arbeiten, und mit Kameras experimentiert. Am Chelsea College of Art and Design in London machte sie einen Master in 'Spatial Design' und näherte sich den Themen der Architektur- und Kunstgeschichte filmisch: baute Kameras in rollende Reifen, bastelte sich Kameras an die Schultern und kletterte durch Torbögen, befestigte Kameras an ihren Beinen und fuhr so Auto: Der Film, erzählt Ashadu, zeigte ein semiabstraktes Körpermaschinenballett aus Knien, Schaltungen, Pedalen, die Beherrschung eines in bestimmten Gesellschaften traditionell als männliches Statussymbol konnotierten Objekts."
Mehr über Ashadu im Mousse Magazine. Hier spricht sie über ihre Arbeit an "Machine Boys" und hier ein Ausschnitt aus dem 10-minütigen Video:
Weiteres: In der FRempfiehlt Ingeborg Ruthe den Besuch von Andrea Pichls Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die einen - für manchen vielleicht unangenehm genauen - Blick auf die DDR wirft. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Frozen Mirrors" in der Düsseldorfer Arthena Foundation (Tsp), "Die Neue Sachlichkeit" in der Kunsthalle Mannheim (Tsp), eine Retrospektive des Fotojournalisten Volker Hinz in der Bayerischen Staatsbibliothek München (FAZ) und Mary Ellen Marks Schau "The Lives of Women" im Wiener Fotomuseum Westlicht (Standard, mehr dazu auch im neuen Fotolot von Peter Truschner).
Almut Heise: Zwei Galeristen, 2003. Bild: Pinakothek der Moderne.
Brita Sachs befällt in der FAZ beim Betrachten von Almut Heises Zeichnungen und Gemälden in der Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne ein Uncanny Valley-Gefühl: Fast klaustrophobisch kommen ihr die Interieurs der biederen Nachkriegszeit vor, die Heise in einer Variation verschiedener Stile malt. Für sie passt diese Kunst "in keine Stilschublade. Eine gute Portion Pop-Art, Züge der Neuen Sachlichkeit, von Realismus, ja Verismus verschmelzen zu ihrer persönlichen Ausdrucksweise. Auch ein Schuss Surrealismus fehlt nicht: Zum Beispiel steht ein und derselbe 'Kunsthändler' zweimal im Raum; glaubt man der Künstlerin, sei Weihnachten gewesen und keine Möglichkeit, Leinwand für ein zweites Bild des Mannes zu kaufen."
Kunst unter Ceausescu musste mit Subtilität arbeiten, plakativer Eigensinn war nicht geduldet. Ana Lupas' Ausstellung "Intimate Space - Open Gaze" im Kunstmuseum Liechtensteinzeigt Hilka Dirks für Monopol aber, wie eine kreative Rebellion aussehen kann, die auf der Suche nach der eigenen Identität ist: "In einem besonders beeindruckenden Raum der Schau reihen sich übermalte Plakate mit dem Gesicht der Künstlerin aneinander. Es sind übrig gebliebene Ausstellungsposter einer Schau von 1998. Die Serie "Selfportrait" von 2000 stammt aus dem späten Werk der Künstlerin und ist ebenfalls zum ersten Mal überhaupt öffentlich ausgestellt. Wie ein zeichnerisches Tagebuch übermalte Lupas die Drucke, erweiterte ihr Gesicht um Schichten, ergänzte ganze Personas; ganz so, als sei sie nach dem jahrzehntelangen Reparieren der gesellschaftlichen Identität ihres Umfelds auf der Suche nach ihrer ganz eigenen Form, ihrem Sein, ihrem eigenen Selbst - mit gnadenloser Intensität."
Nach der Auseinandersetzung zwischen der Neuen Nationalgalerie und Nan Goldin, die dem Museum unter anderem aufgrund eines nachträglich eingefügten Dias Zensur vorgeworfen hatte (unsere Resümees), haben sich die Kontrahenten nun offenbar auf einen Kompromiss geeinigt, berichtet Hanno Hauenstein in der FR. In einer Mail an Klaus Biesenbach hatte Goldin nun geschrieben ihr gegenüber sei "angedeutet worden, dass das Museum seine Finanzierung verlieren könne, sollte das Dia in der Ausstellung bleiben. (...) Goldins Mail an das Museum angefügt ist ein Bild eines Dias, mit Bitte, dieses nun nachträglich einzufügen: 'Jetzt ist es an Ihnen, zu zeigen, dass Sie mich nicht zensieren', so Goldin. In einer internen Mail, die noch am selben Abend unter anderem an SPK-Präsident Hermann Parzinger und hochrangige Mitarbeiter des Bundesministeriums für Kultur und Medien versendet wurde, fragt Klaus Biesenbach: 'könnte/dürfte/wollte man das dia einfügen, da es nun die israelischen Opfer auch nennt?'" Nachdem Nan Goldin der Neuen Nationalgalerie Zensur bezüglich eines Dias in ihrer Ausstellung vorgeworfen hatte (unser Resümee), ist nun ein Dia nachträglich eingefügt worden, das folgende Aufschrift trägt, wie Hanno Hauenstein in der FR schreibt: "In Solidarität mit den Menschen in Gaza, im Westjordanland, im Libanon und mit den israelischen Opfern des 7. Oktober."
Johanna Adorján unterhält sich für die SZ mit dem Künstler Hans Hemmert über Kunst als Einladung zum Denken. Die tazstellt die Kuratorin Hoor al-Qasimi vor, die von Art Review zur mächtigsten Person im Kunstbetrieb ernannt wurde. Nicht mal die britischen Medien haben besonders viel Notiz genommen von Jasleen Kaur, die nicht nur den Turner-Preis gewonnen, sondern in ihrer Dankesrede auch für BDS geworben hat. Für Marion Löhndorf in der NZZ ein klares Zeichen dafür, dass der Preis an "Strahlkraft" verloren hat.
Die amerikanische Künstlerin Liliane Lijn gilt als eine der Pionierinnen der kinetischen Kunst - längst überfällig, dass das Wiener Mumok ihr mit der Schau "Arise Alive" eine Retrospektive ausrichtet, die Lijns Werk von den 1950er Jahren bis heute abbildet, freut sich eine nicht nur von glühenden Stromdrähten und Lichtspielen ganz "elektrisierte" Justine Konradt im Monopol-Magazin. Stets versucht die Künstlerin in ihren Experimente mit Energieübertragungen das "Immaterielle mit dem Gegenständlichen" zu verbinden: "Besonders deutlich kann man das in ihren 'Liquid Reflections' von 1968 sehen: Eine Plexiglasscheibe rotiert waagerecht um ihre eigene Achse. Die Oberfläche ist von einer dünnen Schicht Wasser benetzt, kondensierte Tröpfchen haben sich an den Rändern festgesetzt. Auf der Oberfläche befinden sich zwei Murmeln, die mitkreisen. Sie sind rollende Lupen, die beim Gegeneinanderprallen schnell ihre Dynamik und Richtung ändern. Es mag zwar ein inhaltlich reduziertes Spektakel sein, hat aber eine große, beinahe hypnotische Wirkung."
Für ihren roten Ford Escort, bedeckt mit einem gigantischen Häkeldeckchen, der an das erste Auto ihres Vaters nach dem Umzug nach Großbritannien erinnern sollte, hat die in einer indischstämmigen Sikh-Familie in Glasgow aufgewachsene Künstlerin Jasleen Kaur den Turner-Preis bekommen, ihren Auftritt in der Londoner Tate Britain nutzte sie dann aber vor allem, wie auch die anderen Nominierten, um zum Boykott gegen Israel aufzurufen, seufzt Alexander Menden in der SZ: Eine palästinensische Flagge um die Schultern drapiert, sagte sie, "die in dem von ihr unterzeichneten Brief gestellte Forderung sei keineswegs radikal: Man versuche lediglich, 'einen Konsens darüber herzustellen', dass die Verbindungen zu Organisationen 'unethisch' seien, sie 'sich an etwas beteiligen, das UN und Internationaler Gerichtshof endlich als Völkermord am palästinensischen Volk' bezeichneten. Die 'Trennung zwischen dem Ausdruck von Politik in der Galerie und der Ausübung von Politik im Leben' müsse verschwinden, so Kaur. Den Ereignissen dieses Abends nach zu urteilen forderte sie damit allerdings etwas ein, was in der Kunstwelt ohnehin längst Status quo ist."
Weitere Artikel: Mitten in Warschau wird Polens erstes queeres Museum (und damit das vierte Museum zu queerer Geschichte in Europa) eröffnen. Dessen Direktor, Krzysztof Kliszczyński, erzählt im Tagesspiegel, dass es in Polen bisher keinen Widerstand dagegen gab. Ebenfalls im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass Koyo Kouoh, aus Kamerun stammende Kuratorin und aktuelle Direktorin und Chefkuratorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt, die Hauptausstellung bei der nächsten Biennale 2026 in Venedig verantworten wird. Eine Festrede zu Ehren von Franz Herzog von Bayern als Dank für sein Mäzenatentum hatte die Kuratorin im Oktober in der Pinakothek der Moderne in München genutzt, "um dem Kulturbetrieb insbesondere in Deutschland mangelnde Empathie mit den Opfern der israelischen Kriegsführung in Gaza und im Libanon vorzuwerfen" und "den Umgang mit politischen Meinungen in der Kunstszene" zu kritisieren, so Kuhn. Nachrufe auf den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz (unser Resümee) schreiben Kai Müller im Tagesspiegel und Freddy Langer in der FAZ.
Besprochen werden die große HenriMatisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler, die den Tagesspiegel-Kritiker Jens Bülskämper glauben lässt, Matisse hätte "die Leuchtreklame im Alleingang erfunden" und die Mary Ellen Mark-Ausstellung "The Lives of Women" im Fotomuseum Westlicht (Standard)
Auch nach 150 Jahren kann man am französischen Impressionismus noch Neues entdecken, freut sich Peter Richter in der SZ. Er flaniert durch die Ausstellung "Monet und die impressionistische Stadt" in der Berliner Alten Nationalgalerie. Was ist das Besondere an der Ausstellung? Ihr Fokus auf die Impressionisten als Cheerleader der insbesondere städtebaulichen Moderne. "Was diese Bilder zeigen, ist die neue Weite. Was sie thematisieren, ist das Fehlen der alten Enge. Anders gesagt: des alten Paris." Insgesamt zeigt die Schau, "warum die heute eher als gefällige Schönwettermaler geltenden Impressionisten ihre Zeitgenossen so verstören konnten. In der betont unsentimentalen Bejubelung von Abbruch und Neubau der Welt kommen ihnen danach eigentlich nur die Futuristen gleich - oder heute die Art von Leuten, die freiwillig Apple Watches tragen und gern 'disruption' sagen."
Patrik Bahners hat sich für die FAZ die Bernd Pfarr gewidmete Ausstellung "Knochenzart" in der Frankfurter Caricatura angeschaut und ist vor allem an einem Bild hängen geblieben. Es zeigt einen Großwildjäger, der im Eiscafe einen "Jumbo-Becher" bestellt - und einen ausgewachsenen Elefanten serviert bekommt. "Die Symmetrie von Wunsch und Bescherung, Ausrüstung und Ziel, Gefäß und Inhalt, Wort und Bild ist die tröstliche Botschaft des Bildes, und auf den zweiten Blick entdecken wir rings um die exotische Riesenportion grafische Chiffren dieses Evangeliums der Korrespondenz: Der Krümmung des Rüssels wie des Bechers entspricht der Winkel von Kolben und Lauf des Gewehrs, und alle diese durchhängenden Bögen gleichen wie eine Eiskugel der anderen dem Spiegelbild der Rialtobrücke im großen Kanal, das man von Postkarten kennt."
"Der Autodidakt war ein Weltmeister", so Willi Winkler in der SZ über den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz. Bekannt geworden als Chronist der 68er-Proteste, wandte er sich später erhabeneren Motiven zu, wandelte auf den Spuren Goethes durchs Saaletal und auf denen Fontanes durch die Mark Brandenburg. "Nichts durfte an die Gegenwart erinnern, kein Alltagspartikel die Bildmeditationen stören. (...) Immer mehr war er auf Archetypen aus: der Mond, das Meer, Bäume, Felsen. Der Fotograf wandelte sich zum Lichtmaler. Das ausgebleichte Totholz am Stand von Lincoln City in Oregon wirkt dann so monumental und metaphorisch wie Caspar David Friedrichs 'Eismeer'." In der FRerinnert Ingeborg Ruthe an Ruetz, im TagesspiegelKai Müller.
Weiteres: Olga Kronsteiger berichtet im Standard über die Versteigerung des Gemäldes "Hanswurst", das Ernst Klimt nach dem Tod seines Bruders Gustav vollendet hatte. Besprochen werden eine Louise Bonnet gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie Max Hetzler (FR), die Schau "Margarete Hahner: Romance of Digestion" in der Berliner Zwinger Galerie (taz Berlin), die Schau "InformElle. Künstlerinnen der 1950er/60er-Jahre" in der Kasseler Neuen Galerie (monopol), "Arte Povera" in der Pariser Pinault Collection (NZZ), die Ausstellung "Fernbeziehungen" im Berliner Kunstverein Ost (Tagesspiegel), die Karl-Heinz Adler gewidmete Ausstellung "Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen+Art (Berliner Zeitung) und "Fotografie neu ordnen: Protestbilder", eine Auswahl der Arbeiten Nuri Musluoğlus, die Pınar Öğrenci für das Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg zusammengestellt hat (taz).
Otto Mueller, Drei Frauen im Wald, um 1920, Saint Louis Art Museum, Request of Morton D. May Dass das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster den deutschen Expressionisten Otto Mueller in einer Retrospektive zum 150. Geburtstag als Rassisten und Sexisten präsentiert und in den Bildtexten zu seinen Roma-Porträts nur vom "Z-Wort" spricht, löst bei NZZ-Kritiker Philip Meier ähnlich viel Entsetzen aus wie kürzlich bei Till Briegleb in der SZ (unser Resümee): War Mueller doch keinesfalls Ethnologe, sondern ein Schöngeist, der seine "Sehnsuchtsorte nicht nur in unberührten Landschaften mit vorwiegend weiblichen Badenden suchte, sondern auch in fremden Kulturen. Diesen schrieb er Ursprünglichkeit und Unberührtheit von den Schattenseiten der Zivilisation zu. Darin war er nicht allein, sondern ganz Kind seiner Zeit. ... Durch seine Faszination für diese Volksgruppe übte er nicht zuletzt eine ganz eigene Form von Gesellschaftskritik. In den zwanziger Jahren reiste er mehrmals nach Osteuropa, auf den Balkan, nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien und ins heutige Kroatien. Dort suchte er die Siedlungen der Roma und Sinti auf, lebte vorübergehend mit den Dorfgemeinschaften und zeichnete und fotografierte."
Weitere Artikel: Im von der Welt übernommenen Interview mit La Repubblica bezieht Maurizio Cattelan Stellung zu dem Irrsinn, dass die von ihm signierte und "Comedian" betitelte Banane für 6,2 Millionen Dollar versteigert wurde (unsere Resümees): Das Werk sei"eine Provokation, die dazu auffordert, über den Wert der Kunst und die Dynamik des Marktes nachzudenken und uns gleichzeitig zu fragen, was dieses Werk über uns als Betrachter aussagt. (…) Wenn das System derartig zerbrechlich ist, dass es auf einer Bananenschale ausrutscht, dann war es in sich selbst vielleicht schon glitschig." Für Zeit Online hat Julian Sadeghi zum letzten Mal die Möglichkeit ergriffen, den den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallenen Museumssonntag zu nutzen.
Der Schinkel-Pavillon muss bleiben, ruft Manuel Brug in der Welt. Durch die neuen Sparmaßnahmen ist der Ausstellungsraum bedroht: "Kaum ein anderer Kunstort in Berlin wird international derart wahrgenommen, kaum einer ist so einflussreich. Dabei kommt der Pavillon mit einem Minimum an Unterstützung aus und hat nur drei Angestellte. Das Programm hat museales Niveau. Momentan zeigt man Sigmar Polke, einen der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, von dem seit einer großen Retrospektive 2017 in den Museen praktisch nichts mehr zu sehen war. Ein Streit der Erben macht es beinahe unmöglich, Werke von Polke zu zeigen. Aber eben nur beinahe. Dieses hoch ambitionierte, kunsthistorisch relevante Programm ist nun akut gefährdet."
Besprochen werden die Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München (FAZ) und die Ausstellung "Rembrandt - Hoogstraten. Farbe und Illusion" im Kunsthistorischen Museum in Wien (Tsp).
Im gestrigen FR-Interview (unser Resümee) hatte Nan Goldin der Neuen Nationalgalerie Zensur vorgeworfen, ein Dia, in dem sie Solidarität mit "mit den Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon. Und mit den israelischen Zivilisten, die am 7. Oktober getötet wurden" zeige, habe sie herausnehmen müssen. Dem widerspricht deren Direktor Klaus Biesenbach, das Dia sei ohne Rücksprache eingefügt worden, die israelischen Opfer nicht erwähnt worden, schreibt Andreas Kilb heute in der FAZ: Wenn das Dia, das Goldin eingefügte, "wirklich so aussah, wie Biesenbach behauptet, ist es keine künstlerische Intervention, sondern ein Stück Agitation", meint Kilb: "Sie ist unklug genug, der Nationalgalerie nachträglich vorzuwerfen, sie habe 'keinen Hinweis auf meine Politik' in ihrer Präsentation zugelassen. So wird die Cancel-Karte immer wieder hervorgezogen, wenn der antiisraelische Aktivismus irgendeinen Widerspruch erfährt. Vielleicht sollte jemand Nan Goldin erklären, dass die Privatmeinung einer berühmten Künstlerin noch keine Politik ist und der 'Raum für Trauer', den sie einfordert, allen Opfern des Nahostkonflikts gebührt."
"Die Neue Nationalgalerie hielt dagegen dem durch die Antisemitismus-Resolution des Bundestages erhöhten Druck stand und blieb bei Nan Goldins Ausstellung, auch um als Beispiel für andere Kulturinstitutionen voranzugehen", kommentiert Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Die Künstlerin dankt es dem Museum schlecht. Man könnte sagen: Nan Goldin hat den Test nicht bestanden. Ihr geht es um Selbstinszenierung." Und in der Welt wird Marcus Woeller allgemeiner: "Seitdem die Documenta wegen der Ausstellung antisemitischer Exponate und fehlendem Verantwortungsbewusstsein zum Fiasko wurde, sind die schmalen Meinungskorridore zugeschüttet. Resolutionen der Politik werden sie nicht wieder frei schaufeln können. Die Kunstwelt hat sich eine Dialektik von Boykott und Gegenboykott angewöhnt."
Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ bespricht Astrid Kaminski das bisher nur auf Niederländisch erschienene Buch "De Ontdekking van Holland", in dem sich der Autor Jan Brokken der mutmaßlich größten Künstlerkolonie der Welt im niederländischen Volendam widmet. Besprochen wird die Ausstellung "Saltimbanques" in der Berliner Galerie Mehdi Chouakri (Tsp).
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