Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2024 - Kunst

FAZ-Kritikerin Gina Thomas freut sich über die Erneuerungen, die das Turiner Museo Egizio zur Feier seines zweihundertjährigen Bestehens vorgenommen hat. Die beeindruckende Sammlung altägyptischer Kunst, die das Museum beherbergt, erscheint so in neuem Licht, lobt sie: "Im neugestalteten Saal der Könige ruft die Symbiose von Architektur und Präsentation den Gang von der Finsternis ins Licht hervor, der im altägyptischen Glauben den täglichen Sonnenlauf mit dem Lebenszyklus gleichsetzt. Bislang waren die von hohen Sockeln herabblickenden Götter und Könige in einer für die Olympischen Winterspiele von 2006 konzipierten, hollywoodartigen Darbietung des Szenenbildners Dante Ferretti wie Bühnenstars im Rampenlicht platziert. Nun ist der Hollywood-Kitsch einer Bulthaup-Ästhetik gewichen. Durch Fenster im freigelegten Gewölbe, von denen keiner gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab, fällt Tageslicht auf die Skulpturen, wie einst in Karnak."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.12.2024 - Kunst

Olga de Amaral in der Fondation Cartier. Ausstellungsansicht


Eine begeisterte Christiane Meixner stellt im Tagesspiegel die 92-jährige kolumbianische Künstlerin Olga de Amaral vor, deren textile Kunstwerke gerade in der Fondation Cartier in Paris ausgestellt sind. In Europa ist sie kaum bekannt - selbst schuld, meint Meixner in Richtung der Europäer, die Weben für weniger anspruchsvoll halten als Bildhauern. "Ihr gestischer Duktus ist das Flechten oder Weben, die Techniken werden mit jedem Jahrzehnt ausgefeilter. Farben liefern die Textilien selbst. All das macht sie jenen abstrakten Bildern ähnlich, mit denen sich die Künstlerin während ihres ersten Aufenthalts in den USA um 1955 beschäftigte. Zurück in Kolumbien, kombinierte sie ihre experimentellen Erfahrungen mit dem traditionellen textilen Wissen ihrer Heimat. ... Ein Teil der Werke hängt in chronologischer Reihenfolge an den Wänden, der andere schwebt an unsichtbaren Fäden von der Decke. Diese Arbeiten strukturieren den Raum: Man läuft sie ab, sieht Vorder- wie Rückseiten und das Licht, das bei locker gewebten oder geflochtenen durch die Muster scheint. So entsteht eine magische Atmosphäre."

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) versucht der in Deutschland lebende russische Maler Nikolai Estis zu erklären, warum er es hasst, seine Bilder zu verkaufen: "Ich erinnere mich an die Worte eines erfolgreichen Kollegen, der, zu Besuch in meinem Atelier und abermals einer Reihe neuer Bilder ansichtig, auszurufen pflegte: 'Mach mal halblang, mein Lieber! Du hast doch die alten noch gar nicht an den Mann gebracht!' Das ist ein mir gänzlich fremder Zugang. Für den meinen habe ich freilich keine Erklärung, nur ein Gefühl, das mir sagt: Irgendwann wird jemand kommen, vielleicht der wichtigste aller Kunstrichter, und fragen: 'Wer bist du? Was stellst du dar?' Und dann werde ich alles vorlegen, was ich je geschaffen habe, und sagen: 'Das ist, was ich bin.' Vielleicht aber kommt dieser Jemand eigentlich mit jedem neuen Menschen in mein Atelier."

Weitere Artikel: Karen Krüger (FAZ) spaziert durch den renovierten Vasari-Korridor der Uffizien, ein Fluchtweg und zugleich "ein Zeugnis für die Macht und den Einfallsreichtum der Medici und ein Renaissance-Bauwerk, wie Leonardo da Vinci es sich nicht kühner hätte vorstellen können". In der taz scheint Sophie Jung recht zufrieden mit der neuen Leiterin der Documenta, Naomi Beckwith.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung "Weißes Wüstengold" im Hamburger Museum am Rothenbaum zum hundertjährigen Jubiläum des Chilehauses, für die der Architekturtheoretiker Alfredo Thiermann die Salpeter-Bergwerke fotografierte, die der Hamburger Kaufmann Henry B. Sloman Anfang des 20. Jahrhunderts in der Atacama-Wüste bauen ließ (FAS), eine Schau zu "Skulptur und Farbe in Spaniens Goldenem Zeitalter" im Prado (FAZ), Alexej Tchernyis Papierdioramen in der Grimmwelt Kassel (FAZ) und eine Ausstellung mit psychiatrischen Tierbildern in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2024 - Kunst

Wie man mit verschiedenen Masterclasses für Verständigung und gegen den Boykott jüdischer und israelischer Künstlerinnen und Künstler einsetzt, erfährt Eugen El im Monopol-Gespräch mit Stella Leder, der Mitbegründerin der Jüdischen Kunstschule Berlin. Kunstschaffende wie David Adika und Hilla Toony Navok sollen die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Israel intensivieren: "In erster Linie laden wir Künstler ein, weil wir sie interessant finden - wir wollten sozusagen keinen Raum der Marginalisierten schaffen, sondern einen interessanten, anziehenden und offenen Raum. Gleichzeitig wollen wir etwas gegen den extremen und massiven Boykott von israelischen Künstlerinnen und Künstlern nach dem 7. Oktober tun. Die Kunstwelt funktioniert ja sehr stark über Netzwerke, die den Zugang regeln. Wir glauben, dass es zumindest in den nächsten Jahren darauf ankommt, neue Netzwerke zu bauen - und dass jüdische und israelische Künstlerinnen und Künstler auch jüdische Netzwerke in der Kunstwelt brauchen, weil sie sonst völlig ungeschützt diesem Sturm an Boykott und Antisemitismus ausgesetzt sind."

Weiteres: Rembrandt hat Konjunktur, stellt die SZ in den Ausstellungen "Rembrandts Amsterdam" im Städel-Museum Frankfurt und "Rembrandt - Hoogstraten. Farbe und Illusion" im Kunsthistorischen Museum Wien fest.

Besprochen wird die Ausstellung "Robert Longo" in der Albertina Wien (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2024 - Kunst

Anonym: Planteur d'homme, um 1790. Der Menschenpflanzer. Bibliothèque nationale de France, Paris. Foto: Bnf, Paris

 


Dass sich die in der Ausstellung "Böse Blumen" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigten Werke auf Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" beziehen, vergisst Andreas Kilb (FAZ) mitunter, so variantenreich wird die Blumenmetaphorik hier in Werken von Odilon Redon über Rene Magritte bis Gundula Schulze-Eldowy umgesetzt: "Der Explosionspilz vom Abwurf der Atombombe auf Nagasaki hat hier ebenso seinen Platz wie der Feuerball, der am 11. September aus dem Südturm des World Trade Center schießt, oder die bizarre Anmut der KI-generierten Ansicht einer Covid-19-Viruszelle. Das aktuellste Schreckensbild hat Wahkil Kohsar vor einem Schönheitssalon in Kabul aufgenommen: Das Frauengesicht auf dem Eingang ist mit Schwarzstift übermalt, ein Sicherheitsschloss verdeckt die Nase. Das Laster ist hier verboten, die Sprache der Engel auch." In der taz staunt auch Hilka Dirks, wieviel Abgründiges, Krankes, Verfallendes hier zusammengetragen wurde, etwa eine "berührende Installation von Fatoş İrwen aus vertrockneten Pflanzen und den Haaren ihrer Mitgefangenen, die die kurdische İrwen bei einem ihrer Gefängnisaufenthalte in der repressiven Türkei sammelte."

Harald Hauswald, Baustelle am Potsdamer Platz, Berlin, Blick Richtung Osten, 1994 © Harald Hauswald/OSTKREUZ

In der SZ ist sich Peter Richter nicht ganz sicher: Hat er die Neunzigerjahre wirklich so erlebt - oder sind die sensationellen Bilder der Ostkreuzfotografen, die das C/O Berlin in der Sonderschau "Träum weiter - Berlin, die 90er" derzeit zeigt, irgendwann zu seiner eigenen Erinnerung geworden? Wie auch immer - in den Fotografien von Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler oder Harald Hauswald kann Richter für einen Moment vergessen, dass es auch die "Baseballschlägerjahre" waren: So wird etwa "auch der Stand der Digitalisierung von den Ostkreuz-Fotografen damals noch in einem fast paradiesischen Zustand der Unschuld festgehalten worden. Noch vernetzte sich nur die Avantgarde vom Chaos Computer Club bei sektenartigen Treffen. Noch sah man vor allem unseriös wirkende Herren aus der Immobilienbranche in der Öffentlichkeit, und zwar am liebsten neben ihren Dienstwagen, in mobile Telefonapparaturen hineinreden."

Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, wird die Leiterin der Documenta 16. "Wiederkehrendes Thema ihrer Ausstellungen und Lehrtätigkeit ist die Wirkung Schwarzer Kultur in der zeitgenössischen Kunst", lässt uns Nicola Kuhn im Tagesspiegel wissen - und atmet auf: "Mit Beckwith ist eine allseits abgesicherte Kuratorin gewählt: kein unberechenbares Team wie zuletzt Ruangrupa, das Kollektiv aus Indonesien, sondern eine klare Verantwortungsträgerin, verankert im westlichen Establishment, die mit institutionellen Strukturen umzugehen weiß und als Frau wie Person of Color unausgesprochene Proporz-Erwartungen erfüllt. ... Die Documenta geht auf Nummer sicher: bloß keine Experimente mehr aus dem Globalen Süden. 'Wie kann man Krisen überleben und weitermachen?', fasste Beckwith ihr zehnseitiges Konzept zusammen, mit dem sie sich gegen vier weitere Kandidaten durchsetzte, die zur finalen Vorstellung in den letzten drei Tagen nach Kassel angereist waren. 'Kunstschaffende sind Meister der Improvisation. (…) Sie entwickeln Möglichkeiten der Imagination', lautet ihr Rezept."

In der FAZ ist auch Stefan Trinks zufrieden: "Beckwith erscheint als Chefkuratorin eines der drei großen New Yorker Museen pragmatisch-verlässlich, was positiv gemeint ist, da es in ihrem Fall eine gepflegte Diskussionskultur sowie einen weiten Blick auf Black Culture umfasst, betrachtet in westlichen ästhetischen Kategorien der Kunstgeschichte, die es, wie sie mehrfach betonte, für die Documenta hochzuhalten gilt - und gerade nicht ein durchgängig politisierter, postkolonialer, alles Tradierte einreißender und einseitig parteiischer Blick aus dem 'globalen Süden', wie es zuletzt Ruangrupa als Documenta-Kurator tat. Zwar wolle sie ebenfalls die globale Mehrheit einbinden und dem Süden eine Stimme geben, so Beckwith. Das höchst kontroverse Kollektiv bekam dennoch einen Seitenhieb ab, als sie betonte, dass sie, um jeglichen Rassismus und Antisemitismus auszuschließen, nach intensiven Vorfeldgesprächen mit den ihr gut bekannten Künstlern deren in Kassel präsentierte Arbeiten allesamt kennen werde." "Eher ein 'Zurück zu alter Stärke' als ein völliger Neustart", kommentiert Saskia Trebing im Monopol Magazin. In der SZ begrüßt Jörg Häntzschel, in der Welt Marcus Woeller und in der taz Sophie Jung die Entscheidung.

Weitere Artikel: Nach knapp dreißig Jahren haben sich die Erben des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer geeinigt, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel. Anna Schneider, die bisher am San Francisco Art Institute und am Haus der Kunst München Ausstellungen kuratierte, wird neue Leiterin des Potsdamer Minsk, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden eine Ausstellung der Otto-Mauer-Preisträgerin Cäcilia Brown im Wiener Jesuitenfoyer (Standard) und die Ausstellung "Schwerelos" des argentinischen Künstlers Leandro Erlich im Kunstmuseum Wolfsburg (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2024 - Kunst

Martina Morger, "Lèche Vitrines", 2020 (video still), video, HD 16:9, 17 min., courtesy the artist © Martina Morger, video still: Lukas Zerbst

Einem fruchtbaren Motiv fürs Kunstschaffen widmet sich das Basler Museum Tinguely mit seiner Schau "Fresh Window": dem Schaufenster. Alexandra Wach schaut sich für monopol in der "über drei Stockwerke nach möglichst vielfältigen Schauwerten beschwingt suchenden Ausstellung" um. Zu den Fundstücken zählt unter anderem eine Arbeit der "Video-Künstlerin Martina Morger, die während des Lockdowns den französischen Ausdruck für Schaufensterbummel 'Lèche Vitrine' performte und in den geisterhaft leeren Einkaufsstraßen die Glasscheiben ableckte. Eine bemitleidenswerte Flaneurin des 21. Jahrhunderts, die der Trennwand zum Schlaraffenland der Waren und Objekte nur noch ihr verzweifeltes Begehren entgegensetzen konnte."

Ingeborg Ruthe begeistert sich in der Berliner Zeitung für David Schnells Kunst, die derzeit im Berliner Mies van der Rohe Haus ausgestellt wird. Die farbigen Muster, mit denen der Maler arbeitet, rufen Assoziationen an Drohnenflüge wach und regen auch ansonsten die Fantasie an: "Sind es Kartenhäuser? Farbstarke Halluzinationen von sicheren Behausungen, von urbanen Gebilden? Optische Täuschungen von (bedrohten) sozialen Gesellschaftsformationen, von Nachbarschaft? Kaum saugt der Blick sich fest an den wie schwebenden Bodenplatten im Gemälde 'Diorama', hat man das Gefühl, in die Tiefe hinabzustürzen, in eine Krypta. Doch dann fangen einen die vertikalen Strukturen oben auf, nachtdunkel die einen, kirchenfensterartig wie hinterleuchtet die anderen. Es ist, als brausten Orgelklänge auf einen herab."

Yelizaveta Landenberger streift für die FAZ durch das Museum für zeitgenössische Kunst Krakau. Thomas Steinfeld bespricht in der SZ ein Buch des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer über den Barock-Maler Nicolas Poussin. In der taz Nord wiederum bespricht Bettina Maria Brosowsky einen Katalog, der die Arbeit des Braunschweiger Museum für Photographie sowie dessen Trägervereins würdigt. Ferial Nadja Karrasch denkt auf monopol darüber nach, weshalb die Museen plötzlich Künstlerinnen aus der DDR entdecken.

Besprochen werden eine Hans-Haacke-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Tagesspiegel), die Esel-Ausstellung "Einfach unentbehrlich" im Neuen Museum Berlin (taz), die Schau "Arte Povera: Giovanni Anselmo, Mario Merz, Giuseppe Penone" in der Berliner Konrad Fischer Galerie (taz Berlin), die Ausstellung "Alberto Giacometti - Surrealistische Entdeckungen" im Max Ernst Museum Brühl (NZZ) und Bethan Hughes' Ausstellung "Hevea Act 6: Ein elastisches Kontinuum" im Tiroler Kunstpavillon (Standard)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2024 - Kunst

Im Tagesspiegel-Interview erzählt die Berliner Künstlerin Chiharu Shiota, deren Webarbeiten gerade in Paris und Prag zu sehen sind, von ihrem Studium bei Marina Abramović, dass sie eigentlich Malerin werden wollte ("Weben ist für mich wie Malen in der Luft") und was sie über die aktuellen politischen Debatten in der Kunstwelt denkt: "Es hat Auswirkungen auf mein Leben, aber keinen direkten Einfluss auf meine Arbeit. Meine Kunst ist nicht politisch, sondern beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen von Leben und Tod. Meine Arbeit beginnt mit einer persönlichen Erfahrung oder Emotion, aber ich möchte sie zu etwas Universellem ausweiten, mit dem sich Menschen identifizieren können. Ich möchte den Fokus von mir auf ein kollektives Wir verlagern."

Während die Berliner Kulturwelt vor den neuen Sparmaßnahmen erzittert, geht es dem Metropolitan Museum of Art in New York prächtig, freut sich Hannes Stein in der Welt. Direktor Max Hollein kann in einer Pressekonferenz nicht nur große Erfolge vorweisen, sondern stellt auch wichtige Zukunftsprojekte vor, wie einen größeren Umbau des Gebäudes: "Keinen Zweifel lässt der Direktor daran, dass das Metropolitan Museum unter seiner Leitung gar nicht daran denkt, sich unpolitisch aus dem Streit der Welt zu stehlen. 'Wir stehen in Opposition zum Nationalismus', sagt Hollein. 'Wir feiern Kulturen, die zusammenkommen.' Man kann seine Ankündigungen wie folgt zusammenfassen: Das Metropolitan Museum baut in großem Stil um, und es geht in den Widerstand."

Besprochen werden die Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (Welt), die Ausstellung "Gert und Uwe Tobias - Das Blaue vom Himmel" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ), eine Werkschau von Miriam Cahn, die in Abwesenheit der Kaiserring der Stadt Goslar 2024 erhalten hat, im Mönchehaus Goslar (taz) und die Ausstellung "The More It Hurts, the Less It Shows" mit Werken von Kiriakos Tompolidis in der Galerie Judin in Berlin (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2024 - Kunst

Nick Cave, Devil as Child, Portait of a Devil, Devil's Last Dance, 2020-2024
Collection museum Voorlinden, photos: Courtesy the Artist and Xavier Hufkens, Brussels

Wenn Nick Cave sagt, er habe sich eigentlich schon immer mehr als Bildender Künstler denn als Musiker gefühlt, ist das nicht nur leeres Gerede, versichert Stefan Trinks in der FAZ. Davon kann man sich in Museum Voorlinden im niederländischen Wassenaar überzeugen. Hier wird Caves Keramik-Figuren-Zyklus "The Devil - A Life" gezeigt, für die er sich an den vierzehn Kreuzwegstationen der Passion Christi sowie an mittelalterlichen Antichrist-Zyklen orientiert hat - sich aber eigentlich selbst darstellt: "Zu Beginn ist der Teufel ein ganz normaler Mensch, doch bleibt von der anfänglichen Unschuld nach Eintritt in den Krieg nicht viel übrig. Der endgültige Bruch in der Vita dieses Satans von nebenan ist der Tod des ersten Sohnes, den Cave eine 'Devastation' nennt, eine Verheerung. Die überwiegend in durchscheinendem Weiß glasierte und nur zart farbig gefasste Keramik 'Devil kills his first child' soll man auf ihn selbst beziehen. Verstörender noch: Indem Cave das Werk nicht '... kills his first son' nennt, kann man in den Titel auch hineinlesen, dass es nur das erste getötete Kind in einer längeren Reihe sein wird. Tatsächlich fehlen Cave heute zwei Kinder, weil er in Momenten nicht hingeschaut habe, in denen die Söhne ihn gebraucht hätten, wie er sagt."

Besprochen wird eine Ausstellung der "Beach Portraits"-Serie der niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra im Frankfurter Städel-Museum (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2024 - Kunst

Corinne Wasmuht, "50 U Heinrich-Heine-Str.," 2009. Oil on wood. Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Gift of Ann and Graham Gund in honor of Martha Tedeschi, 2016.387. © Corinne Wasmuht.

Was uns Fotografien von Autobahnen über die Deutsche Einheit erzählen können, kann Stefan Trinks in einer Ausstellung zu deutscher Kunst im Harvard Art Museum beobachten, wie er in Bilder und Zeiten der FAZ schildert. Der "Blick von außen" sieht hier einiges, was sonst verborgen bleibt, findet Trinks. Besonders fasziniert ihn die Fotoserie "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" des thüringischen Fotografen Hans Christian Schink, für Trinks der "Caspar David Friedrich der Lichtbildnerei": "Häufig in monumentalen Formaten wie 178 mal 211 Zentimeter zeigen die Fotografien die nach der Wende zur Erschließung des (zumindest infrastrukturell) Wilden Ostens gebauten Autobahnen in einzigartiger Weise: Auf 'A 38, Brücke Schkortleben (1)' von 1999 beispielsweise fährt der Blick auf der rechten Hälfte des Bildes buchstäblich gegen die Breitseite eines der massiven Betonpfeiler des aufgestelzten Autobahnviadukts in Hellgrau und seiner deutlich dunkleren Straßendeckelung, während dem vertikal aufragenden Pfeiler auf der Linken kein Gegengewicht entspricht: Dort ist nichts als grüne Wiese vor wie immer bei Schink wolkenlosem Himmel über niederländisch tief abgesenktem Horizont, ein kleiner Weiler und grellgelbe Rapsfelder im Hintergrund - eine im Übrigen neue Farbe auf ostdeutschen Fluren nach 1989."

Außerdem: Ursula Kastler nimmt für die NZZ eines der letzten Selbstporträts des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte unter die Lupe. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Caillebotte. Peindre les hommes" im Musée d'Orsay in Paris (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2024 - Kunst


Semiha Berksoy: Nude, 1996. Bildrechte: Nachlass Semiha Berksoy und GALERIST.


Die türkische Operndiva Semiha Berksoy lernt taz-Kritiker Ingo Arend in der Ausstellung "Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof als schillernde Figur kennen, bei der sowohl Werk als auch Leben äußerst aufsehenerregend sind, sie wurde als erste Frau zur türkischen Staatskünstlerin ernannt und war unter anderem mit Nâzim Hikmet zusammen: "Mit dem Titel spielen die Kuratoren in Berlin auf Berksoys Multitalent als Sängerin, Performerin und Malerin an. Mit acht monumentalen Kulissen, auf denen sich die Diva in den Hauptrollen von Opern wie 'Ariadne auf Naxos', 'Salome' und 'Tosca' darstellte, verwandeln sie den Museumsraum zu der Bühne, auf der Berksoy ihre Opern wie ihr Leben aufführte. Was diese Arbeiten mit ihren Malereien verbindet, die sie ab 1972 begann, ist der naive, hochexpressive, emotionale Stil. Ihr mit rotem Bleistift gestricheltes Selbstporträt von 1928 war noch realistisch-kokett wie für ein Modemagazin. In dem 'Nude' betitelten aus dem Jahr 1996 wird sie zu einer kubistischen Fratze, in seiner groben Abstraktion, nahe an Graffiti und Comic."

"Derselbe pastose Farbauftrag, dieselbe pointillistische Malweise" verbindet NZZ-Kritiker Philipp Meier zufolge die Bilder des 1984 geborenen Kanadiers Matthew Wong und die von Vincent van Gogh, die nun Seite an Seite in der Ausstellung "Letzte Zuflucht Malerei" im Kunsthaus Zürich von einer "Seelenverwandschaft" der beiden Künstler zeugen. Beide haben sich jung das Leben genommen, Wong mit 35, van Gogh mit 37; Meier erblickt in den Gemälden deshalb auch die "unendliche Größe der Welt und die Kleinheit des Selbst in ihr. Manchmal drohen Wongs Figuren geradezu verschlungen zu werden vom Gewicht der vegetabilen Umgebung, in der sie stehen. Es ist auch viel Melancholie und Einsamkeit vorhanden, und der Versuch des Künstlers, diese Fantasielandschaften zum eigenen Refugium zu machen. Da ist nicht nur Schönheit und Ruhe, sondern auch die Angst spürbar, verlorenzugehen, der Welt abhandenzukommen. Noch seine bezauberndsten Kompositionen haben stets etwas Erschreckendes."

Weiteres: Die algerische Künstlerin Lydia Ourahmane erhält den Rosa-Schapire-Kunstpreis, meldet die FR. Dass das Kunstforum Wien aufgegeben werden muss, offenbart dem Standard zufolge, warum es keine gute Idee ist, Kulturförderung von privaten Sponsoren abhängig zu machen. Der Standard interviewt zudem die Pussy-Riot-Künstlerin Diana Burkot.

Besprochen werden: Die Ausstellung "Access Kafka" im Jüdischen Museum Berlin, die Verbindungen zwischen dem Schriftsteller und der bildenden Kunst zeigt (Tagesspiegel), die Otto-Mueller-Ausstellung im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster (Welt) und "Tarsila do Amaral, Peindre le Brésil moderne", deren Üppigkeit in Form und Farbe die FAZ im Pariser Musée du Luxembourg entdeckt (ein weiteres Resümee findet sich in unserer Magazinrundschau).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2024 - Kunst

Arno Henschel: Dame mit Maske. 1928. Kulturhistorische Museen Görlitz. Foto: Görlitzer Sammlungen

Es war und es ist wieder die "Kunst der Stunde" bemerkt Florian Illies (Zeit), der staunt, wie die Mannheimer Kunsthalle die dort vor hundert Jahren erstmals gezeigte legendäre Schau "Die Neue Sachlichkeit" rekonstruiert und um Malerinnen wie Anita Rée, Lotte Laserstein oder Jeanne Mammen ebenso erweitert wie um weniger bekannte Namen wie Ilona Singer, Fritz Burmann, Arno Henschel oder Kate Diehn-Bitt. Hundert Jahre später stehen wir erneut in einer Zeit, die "zwischen innerer Agonie und äußerem Aktionismus hektisch ihrem Ende entgegentaumelt", glaubt Illies: "Wieder gibt es dieses Verlangen nach Klarheit in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Aber kann uns der emotionslose Blick der Neuen Sachlichkeit wirklich dabei helfen, 'in unserer schwer zu begreifenden Gegenwart', wie es der Bundespräsident in seinem Vorwort des Kataloges schreibt? Der Pädagoge Steinmeier hofft: 'Und auch heute können wir daraus lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: 'sachlich'.' Aber, so muss man fragen, wollen wir oder sollten wir das eigentlich lernen? Ist es eigentlich gut, einer unsachlichen Welt mit Sachlichkeit zu begegnen? Das ist die große Aufgabe, die diese Ausstellung uns stellt für den Nachhauseweg: Wann wird Distanz zur Teilnahmslosigkeit, wann das Beobachten zu unterlassener Hilfeleistung?"

Odoardo Fialetti: Schüler beim Zeichnen. 1608. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett © Hamburger Kunsthalle / bpk

Vor der Fotografie stand die Zeichnung, wenn es darum ging, sich die Welt unmittelbar bildlich zu erschließen. Der Kulturtechnik vom 15. bis zum 19. Jahrhundert widmet sich derzeit die Ausstellung "Akte, Antike, Anatomie", aufgeteilt in die Hamburger Kunsthalle und die dortige Staats- und Universitätsbibliothek und in der FAZ macht Wolfgang Krischke hier so manche virtuose Entdeckung: "Viele Lehrbücher folgten dem Vorbild Dürers, der der Kunst des Zeichnens ein mathematisches Fundament geben und sie so zu einer Wissenschaft machen wollte. Der Körper wird durch ideale Maße und Formeln erfasst und in geometrische Grundformen zergliedert. Rasterungen sollen Proportionen und räumliche Verhältnisse auch für Anfänger nachvollziehbar machen. Bewegungsabläufe werden durch Figuren schematisiert, die sich aus Quadern und Kuben zusammensetzen, was den heutigen Betrachter an die konstruktivistisch inspirierten Ballette des Bauhauses erinnert. Dass ein Künstler wie der Nürnberger Erhard Schön (1491 bis 1542) wegen seiner bauklötzchenartigen Gliederfiguren Jahrhunderte später zu einem Vorläufer des Kubismus erklärt wurde, leuchtet unmittelbar ein."

Besprochen wird die Ausstellung "Salz.Ton.Granit" im Berliner nGbK (taz)