Andrea Orejarene und Caleb Stein: California City, Aerial View, 2022. Bildrechte: Palo Gallery, New York. Für die Ausstellung "Tactics and Mythologies: Andrea Orejarena & Caleb Stein" in den Hamburger Deichtorhallen haben die beiden Künstler rund 2000 Fotografien und KI-Bilder gesammelt, die sich mit Verschwörungstheorien befassen, weiß Stefan Grund in der Welt. Sie haben einen Roadtrip unternommen, "um jene Orte zu dokumentieren, die häufig mit angeblichen Bildbeweisen der Simulations-Verschwörungstheorie verknüpft sind, nach der die Menschheit wie im Film 'Matrix' in einer simulierten Wirklichkeit lebt." Dabei finden vorrangig Bilder Eingang in die Ausstellung, die ins kulturelle Gedächtnis eingegangen sind: "In der Ausstellung zu sehen ist auch eine großformatige Luftaufnahme von California City, einer Mega-City, deren größte Teile nie gebaut wurden. 1965 am Reißbrett entworfen, gilt sie heute als perfektes Beispiel für eine gescheiterte Planstadt mit lediglich knapp 15.000 Einwohnern im damals angedachten Ortskern. Die Stadt besteht darüber hinaus aus staubigen Straßen in der Mojave-Wüste. Ihre Struktur - sie erinnert an einen Microchip gigantischen Ausmaßes. 'Die Sichtbarkeit ist dabei das Entscheidende', so Stein, 'und die gibt es nur im Foto aus der Luft.'"
Was ein Glück, dass die Rieckhallen des Museums Hamburger Bahnhof nicht abgerissen und durch Luxuswohnungen ersetzt wurden, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. So kann sie nun die Ausstellung "Keep Walking" mit Skulpturen und Installationen von Mark Bradford bestaunen: Es "packen und verstören skulpturale Malereien und ein überlebensgroßes Selbstbildnis als Skulptur, getötet oder gleich wieder breakdancend, alles untermalt mit Schwarzer Musik. Und Bradford erinnert an die Zeit der zahllosen, stigmatisierten Aids-Kranken und -Toten seit den 1980er-Jahren. Der Sohn einer Friseurin malt, baut, schneidet, brennt und 'onduliert' monumentale Bilder unter Verwendung von Haarspitzenpapier, Haarfolie und Haarfarbe. Oft benutzt er achtlos in L.A. herumliegende krude Fundmaterialien. Etwa weggeworfene, mit knallbunten, dick aufgetragenen Farben überzogene Auslegeware. Ein riesiger 'Teppich', über den man ausdrücklich gehen soll, führt direkt zu einer Filmleinwand: eine Vorstadtstraße in L.A., ein junger Schwarzer Mann schreitet wie aus Gullivers Land der Riesen in beklemmender Zeitlupe den tristen Bürgersteig ab. 'Geh weiter, immer weiter!' ist die ermutigende Botschaft dieser seltsamen Szene."
Weitere Artikel: Die taztrifft sich zum Gespräch mit der Jury des Bremer Videokunstpreis. Der Schriftsteller Jaroslav Rudis besucht den Künstler Lev Skop in dessen Atelier im ukrainischen Drohobytsch (FAZ). Die FAZ erkundigt sich schon einmal, was dieses Wochenende bei der Frankfurt Art Experience los ist. Der Pauli-Preis für Gegenwartskunst geht dieses Jahr an Gabriele Stötzer, vermeldet die FR. Florian Illiesist auch für Zeit Online auf Jubiläumsartikel zu Caspar David Friedrichs 250. Geburtstag abonniert. Die Berliner Zeitungberichtet über die Schändung von Annemirl Bauers Gemälde "Die männliche Herrlichkeit Gottes" im Foyer der Humboldt-Uni. Monopolsetzt sich mit der Faszination "Malen nach Zahlen" auseinander.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Schon das ganze Jahr wird mit zahlreichen Ausstellungen und Büchern gefeiert - aber erst heute ist Caspar David Friedrichs 250. Geburtstag. Florian Illies, der bereits im Frühjahr das Buch "Zauber der Stille" über Friedrich veröffentlichte, erzählt im FR-Gespräch vom privaten Künstler, der keine Liebe malen konnte - und von der anfangs gegenseitigen Faszination zwischen Friedrich und Goethe: "Sehr schnell aber kühlte das Interesse von Goethe an Friedrich ab, weil er diese Wehmut, die Melancholie, die er der ganzen Romantik vorwarf, als krankhafte Entwicklung sah. Friedrichs Sehnsuchtsthematik störte Goethe in seinem Vitalismus und in seiner Dauerbehauptung der Lebenskraft - Friedrich triggerte ihn unglaublich. Der Maler schickte ihm permanent Bilder nach Weimar, und Goethe schaute sie gar nicht mehr an, sondern ließ sie von seinen Mitarbeitern zurückschicken. Hätte Goethe diese Kisten aufgemacht, hätte Weimar heute vielleicht das wichtigste und schönste Caspar-David-Friedrich-Museum der Welt." Auch der Standard hat mit Illies gesprochen. In der FAZ versucht Stefan Trinks Licht ins Dunkel über Friedrichs Studienjahre an Akademie in Kopenhagen zu bringen.
Bis jetzt wurde die Ausstellung "Velvet Terrorism: Pussy Riot's Russia" in der LSK-Galerie im Münchner Haus der Kunst geheimgehalten, auch Marija Aljochina, die zum Gründungstrio der Gruppe gehört und die Ausstellung mitkuratiert, hält ihren neuen Aufenthaltsort geheim, weiß Andrian Kreye (SZ), der die Ausstellung an der Seite von Aljochina vorab besucht hat und hier noch einmal die "Geschichte der Erosion einer Gesellschaft" erlebt, "die einen Aufbruch in die Freiheit wagte und dann in den Totalitarismus geführt wurde". Die Räume sind chronologisch angeordnet, beginnend mit den ersten Aktionen, spontanen Performances: "Als feministischer Ausleger in einem Land, in dem die Geschlechterrollen selbst bei Progressiven eher traditionell sind. Auslöser für die Protestaktionen von Pussy Riot war, als Putin mit den Wahlen von 2012 gegen die Verfassung erneut Präsident werden wollte und viele fürchteten für immer. 'Da waren wir Teil einer großen Protestbewegung.' Das Regime war schockiert, wie groß die war. Das Punk-Gebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale war dann der Wendepunkt."
Weiteres: Von Querelen nach dem Vorstandswechsel in der Berliner Liebermann-Villa berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Der alte Vorstand kritisierte in einem als 'Mitgliederbrief' betitelten Schreiben an die Vereinsmitglieder die Zusammensetzung des neuen Vorstandsgremiums. Die Interessensgruppe der 'Ehrenamtlichen' habe mit vier Personen nun die Mehrheit im Vorstand, die Außenperspektive fehle." Besprochen wird die Roger-Mehlis-Ausstellung "Künstlerporträts" in der Berliner Galerie Pankow (Blz).
Sergiy Bratkov, My Brother's Cats (Filmstill), 2022/23 Der ukrainische Fotograf Sergiy Bratkov war früher für grelle bis obszöne Motive bekannt, erinnert sich Bettina Maria Brosowsky in der taz. Der russische Anfriffskrieg hat nun, wie sich anhand der Ausstellung "Sergiy Bratkov. My Brother's Cats" im Kunstmuseum Magdeburg nachvollziehen lasse, seine Arbeitsweise verändert: "In Magdeburg schlägt er differenzierte Töne an, die abbildende Fotografie scheint ihm aktuell nebensächlich, vielleicht gar unmöglich. Beklemmend sind seine düsteren Übermalungen vergrößerter Zeitungsausschnitte, die über Zerstörungen in Charkiw informieren. Bildfragmente sind noch zu erkennen, ein Fenster, eine Gardine. Ihnen stellt er eine frühe Arbeit entgegen, den Leuchtkasten einer schwarz-weißen Mehrfachbelichtung der konstruktivistischen Architekturikone und Welterbe-Kandidatin Charkiws, des Derschprom-Hochhauskomplexes. Dessen Stahlbeton ist längst zum Sinnbild der Widerstandskraft der Stadt geworden."
Robert Longos Zeichnungen machen monumentale Kräfte erfahrbar, lerntStandard-Autor Stefan Weiss in einer Ausstellung, die die Wiener Albertina dem Künstler widmet. Zum Beispiel "die Geschwindigkeit eines Düsenjägers. Zwei davon lässt Longo in der ... Ausstellung aufeinander zufliegen. Man spürt die majestätische Ruhe, mit der sie über den Wolkenteppich gleiten, ahnt aber auch die tödliche Gefahr, die die Jets (ein amerikanischer und ein russischer) mit sich bringen. Ein anderes Bild zeigt im Close-up das verspiegelte Helmvisier eines Piloten im Cockpit, gegenüber ein zerbombter Häuserkomplex aus dem Libanonkrieg. Hier trifft Hollywoods Top Gun auf Bilder, wie man sie tausendfach aus den Massenmedien kennt."
Ist das Kunst oder kann das weg? Das fragt Boris Pofalla (Welt) angesichts der Lars-Eidinger-Fotoausstellung "O Mensch" im Düsseldorfer K21 (siehe auch, deutlich freundlicher, hier). Komplett vernichtend fällt sein Fazit nicht aus - die Kunstfreiheit gelte selbstverständlich auch für Lars Eidinger -, aber die Tendenz ist eindeutig: "Lars Eidingers Fotografie ist eine, die immer in sicherer Distanz zu anderen Menschen bleibt, dabei aber nicht auf die emotiven und gesellschaftskritischen Effekte verzichten möchte, die prekäre, unbekannte, gesichtslose Menschen in seiner Fotografie erzielen können. Die Behauptung, jemand sei empathisch, lässt sich weder objektiv widerlegen noch objektiv bestätigen. Man kann aber die im K21 auf einen zu hohen Sockel gehobene Meme-Fotografie von Lars Eidinger anschauen und sagen: Diese hier ist es eher nicht."
Weiteres: Silke Hohmann schaut sich für monopol im Umfeld der Frankfurt Art Experience um. Die Künstlerin Johanna Kandl wird den Wiener Ringturm verhüllen, gibt der Standard durch. Besprochen werden die Schau "I only work with lost and found - Goldrausch 2024" im Berliner Kunstraum Kreuzberg (taz), die Rose English gewidmete Ausstellung "Plötzlich in Pracht beginnen" im Salzburger Museum der Moderne (Standard), die Gruppenausstellung "I Feel the Earth Whisper" im Museum Frieder Burda (Tagesspiegel), "Der die dada. Unordnung der Geschlechter" im Arp-Museum Bahnhof Rohlandseck, Remagen (NZZ) und die Surrealismus-Ausstellung "Formverlust?" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg(Berliner Zeitung).
Die "hellsichtige Décadence" des Künstlers Alfred Kubin passten perfekt in seine Zeit, meintNZZ-Kritiker Paul Jandl, der Kubins Werke in der Wiener Albertina bewundert: Die "Untergangsstimmung" der Jahrhundertwende spiegelt sich in den abgründigen Zeichnungen wider, so Jandl, aber auch Traumata seiner Kindheit, die im zarten Alter von 19 in einen Selbstmordversuch mündeten. Später, berichtet der Kritiker, schöpfte Kubin künstlerische Inspiration aus psychischen Delirien, den von ihm so benannten "'Wunderräuschen'. Er wildert in den 'stillen Gründen der Traumnatur', und was dabei herauskommt, ist den eigenen Traumata nachgezeichnet. Phantasmagorien des Todes, der Angst und des Ekels entstehen auf kleinformatigem Papier. Die Mütter gebären rittlings über dem Grab, die Totenbraut trägt Weiß, und rätselhafte Tiergestalten und Schlangen bevölkern eine phallische Welt. Es sind monströse Welten, die sich aus dem Inneren von Alfred Kubin nach außen stülpen. In entschärfterer Form hat das etwas grotesk Komisches, aber meist ist es tödlicher Ernst."
Besprochen wird die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Sehnsuchtsorte. Kreidefelsen auf Rügen & Greifswalder Hafen" im Pommerschen Landesmuseum Greifswald (FAZ) und die Ausstellung "Survival in the 21st Century" in den Deichtorhallen in Hamburg (taz).
Freddy Langer ist in der FAZ ziemlich beeindruckt von den teilweise abgebildeten "Absurditäten und Irritationen". Am Ende wirkten "alle Bilder wie Träumen entsprungen, wie rätselhafte Botschaften, herauf gespült aus dem Unterbewusstsein. Wären sie in körnigem Schwarz-Weiß abgezogen, mit dämonisch harten Kontrasten, könnten sie einen das Fürchten lehren. Aber Lars Eidinger verzichtet auf einen solchen Effekt."
Weiteres: SZ-Kritikerin Christine Dössel und Rüdiger Schaper bestaunen die Installation "Ars Ignis. Die Poesie der Zerstörung" der spanischen Künstlerin Anna Talens, die an den Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar vor zwanzig Jahren erinnert, bei dem 50 000 Bücher zerstört wurden. Einige Werke aus der Sammlung des verstorbenen Kunstvermittlers Eberhard W. Kornfeld stehen bald in der Berner Galerie Kornfeld zur Auktion, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Ausstellung "Biografien der Moderne. Sammelnde und ihre Werke" im Brücke-Museum in Berlin (tsp).
Gesine Borcherdt ärgert sich in der Welt über den folkloristischen Turn in der Kunstwelt, den sie unter anderem in der jüngsten Kunstbiennale von Venedig ausgemacht hat. Dort werden stolz, in fast schon neokonialistischer Manier, indigene Wandteppiche ausgestellt. Problematisch ist das unter anderem aus folgendem Grund: "Fatal ist die Tatsache, dass die Kunst dieser Biennale so alt aussieht - und damit Klischees über eben diesen 'Globalen Süden' bedient und reproduziert, statt mit dessen schöpferischem Potenzial zu überraschen. Ausgerechnet aus Ländern, in denen etwa Internet und Smartphone auf überaus kreative Weise zur enormen Verbesserung der grundlegenden Lebensqualität beitragen, sehen wir kein einziges Werk, das mithilfe neuester Technologien entstanden ist. Obwohl die spannendsten jungen Künstler heute weltweit mit digitalen Animationen, Algorithmen, künstlicher Intelligenz (KI) und Gaming-Ästhetik arbeiten und mit spielerischem Geist ihr Technikwissen in neue Gedanken über unsere Welt verwandeln, tut die bedeutendste Kunstbiennale so, als gebe es Science-Fiction im 'globalen Süden' nicht."
Weitere Artikel: Stefan Kobel besucht für den Tagesspiegel die Kunstmesse Art-o-Rama in Marseille. In der tazüberlegt der Kunsthistoriker Werner Busch, warum Caspar David Friedrich nach wie vor Museumsbesucher fasziniert. Max Florian Kühlem trifft sich für die SZ mit dem Kunstsammler Markus Heinzelmann, der vor allem vom Werk Gerhard Richters fasziniert ist - ein Teil seiner Richter-Kollektion wird nun im Kunstpalast Düsseldorf ausgestellt.
Besprochen werden eine Agnès-Varda-Ausstellung im Luma Westbau Zürich (FAS) und Theodoulos Polyvious Cideoinstallation "A Palace in Exile" in der Julia Stoschek Foundation Düsseldorf (monopol).
Eigentlich sollte diese von Susan Neiman, der Direktorin des Einstein-Forums beauftragte Installationsarbeit "Die Macht der Aufklärung - Walking with Kant" schon zu dessen 300. Geburtstag im April fertig sein, aber die Fördermittel ließen auf sich warten: Jetzt aber kann FAZ-Kritiker Andreas Kilb sich in der Potsdamer Orangerie auf die Arbeit von Regisseur und Experimentalkünstler Peter Greenaway und dessen Partnerin Saskia Boddeke einlassen. Ganz so spektakulär sind die verschiedenen Videos allerdings nicht: "Im zweiten Video geht es dagegen kantisch zur Sache. Pip Greenaway und Hendrik Aerts tragen jetzt Rokoko-Kostüme, er gibt den Philosophen, sie das Menschenkind, und anstelle der Boxerin tanzen die Bilder. Das ist beinahe schön, wenn Kristallgläser in Zeitlupe auf nassen Spiegelflächen zerplatzen oder die Kant-Figur das Gleichgewicht verliert und wie ein fuchtelnder Dirigent durch das schwarze Universum der Breitwandprojektion schwebt. Und es ist platt und volkshochschulhaft, wenn Kants vertrackte Wahrheiten zu krachenden Parolen aufgeputscht werden und sein Darsteller die Menschen als 'komplexe Affen', die Vernunft als Zerstörerin von 'Kronen und Kreuzen' und sich selbst als 'antisemitisch' bezeichnet."
Ziemlich schockierend findet Ingeborg Ruthe in der FR die Ausstellung "RAFNSU", bei der der Fotograf Andreas Mühe im Foyer des Technischen Entwicklungszentrums Techne Sphere Leipzig die Totenmasken deutscher Terroristen von RAF bis NSU fotografisch ins Szene setzt. Für die Bilder von Beate Zschäpe sowie ihren beiden toten Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ließ Mühe in einer Bildhauerwerkstatt nahe London die Masken der Terroristen formen, um sie dann zu fotografieren, informiert Ruthe: "Der Anblick ist krass. Diese Protagonisten zweier Mörder-Banden haben die Augen geschlossen. Einige sehen aus, als würden sie nur schlafen; Ensslins und Raspes Gesichter hat der Tod entstellt. Zschäpe scheint zu grinsen; sie sitzt für eine Ewigkeit ein." In ihrer Radikalität findet Ruthe die Ausstellung aber auch wichtig und beeindruckend: "Andreas Mühe sagt zu seiner - unangenehme Gefühle und Gedanken zur jüngeren deutschen Geschichte auslösenden - Serie 'RAFNSU': 'Ich bewege mich auf meinem Zeitstrahl der Geschichte, schiebe Ereignisse übereinander und vertausche sie. Nachdem Gerhard Richter mit seinem Zyklus '18. Oktober 1977' die Mitglieder der RAF zu Grabe getragen hat, hole ich die Verstorbenen wieder aus dem Grab.'"
Weiteres: Die NZZ schaut sich den Teppich von Bayeux einmal genauer an. Chemnitz ist 2025 europäische Kulturhauptstadt, die Welt schaut sich schonmal um. Die taz besucht die Ostfluencerin und Künstlerin Olivia Schneider. Auf den Spuren von Edvard Munch streiftmonopol durch Chemnitz.
George Grosz, Paragraphenbaum, 1927. Zeichnung zu der Inszenierung "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" an der Piscatorbühne, Berlin 1928, Sammlung Judin, Berlin Für die Inszenierung "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" an der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz hatten George Grosz, Bertolt Brecht und Erwin Piscator in den 1920er Jahren zusammengearbeitet, das Kleine Grosz Museum in Schöneberg widmet den dreien derzeit die Ausstellung "Was sind das für Zeiten?", in der taz-Kritikerin Katja Kollmann unter anderem hunderte der von Grosz angefertigten Zeichnungen bestaunt, die sich an der Bühnenrückwand zeichentrickhaft zusammensetzten: "Grosz' Zeichnungen entlarven das kriegstreiberische, menschenverachtende System, das den Ersten Weltkrieg möglich machte, in seiner Essenz. Sie benennen Justiz und Militär als Hauptstützen der Kriegsmaschienerie. Wieland Herzfelde gibt im Malik-Verlag die Mappe 'Hintergrund - 17 Zeichnungen von George Grosz zur Aufführung des 'Schwejk' in der Piscator-Bühne' heraus. Zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg führt eine Zeichnung, die den Pazifisten Jesus gekreuzigt mit Gasmaske und Soldatenstiefeln zeigt, zum breit rezipierten 'Gotteslästerungsprozess'. Als Konsequenz muss die Zeichnung, Blatt 10 der Mappe, eingestampft werden."
Die deutsche Künstlerin Margret Eicher lässt auf monumentale Jacquard-Teppiche digital konzipierte Motive von Hip-Hop-Stars, Comicfiguren, Aktivisten wie Julian Assange oder "Hintern frivoler Erotik-Models" weben - und stellt dabei unter anderem die Frage: "Sind wir vielleicht Hofschranzen der Konsumkultur und Hofnarren des Spektakels?", klärt in der Zeit Jörg Scheller auf, der vierzehn dieser sogenannten "Medientapisserien" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien bewundert: "Betrachtet man das Hauptstück der Ausstellung, die monumentale, über 30 Meter lange, am mittelalterlichen Teppich von Bayeux orientierte Tapisserie 'Battle:Reloaded' (2022), drängt sich die Hypothese auf: Wie die einstigen Dynastien durch Zweckbündnisse und Heiratspolitik transnationale Netze der Macht schufen, so transzendiert die Macht der kulturindustriellenPop-Aristokratie gegenwärtige Landes- und Sprachgrenzen. Eine Szene von 'Battle:Reloaded' zeigt die Apotheose der heiligen Sünderin Lady Gaga vermittels eines Teleporters, wie man ihn aus Sci-Fi-Filmen kennt; rechts von ihr posieren bewaffnete Comicfiguren, es sind Teenage Mutant Ninja Turtles."
Weitere Artikel: Das von Michael Fischer-Art gestaltete Wandbild zur Friedlichen Revolution 1989 an den Brandmauern des Gebäudes gegenüber dem Leipziger Hauptbahnhof soll einem geplanten großen Gebäudekomplex zum Opfer fallen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung mit dpa: "Der Künstler will sich nun in letzter Minute für einen Baustopp einsetzen, braucht Unterstützung der Stadtgesellschaft und der Politik - um sein Bild zu retten und Teile davon bei einer Benefiz-Aktion für einen sozialen Zweck zu versteigern."
Mary Cassatt: "Maternal Caress" (1896). Philadelphia Museum of Art Die Malerin Mary Cassatt ist heute allenfalls als einzige Amerikanerin, die mit den französischen Impressionisten in Verbindung gebracht wird, bekannt - dabei war sie viel mehr: Sie trat als engagierte Frauenrechtlerin auf, die Frauen selbstbewusst porträtierte - und sie war eine virtuose Pastellmalerin und Grafikerin, wie Carrie Rickey (Hyperallergic) im Philadelphia Museum of Art in der Ausstellung "Mary Cassatt at Work" erfährt: "Die Werke in der Ausstellung unterstreichen ihre Brillanz als Koloristin. Niemand kann mit der Farbe Rosa so gut umgehen wie Cassatt in 'Frau in einer Loge', wo die sitzende Figur (vermutlich Marys Schwester Lydia) perlmuttfarben ist wie das Halsband, das sie trägt, und rosa wie ihre Wangen, ihr Seidenkleid und ihr erdbeerblondes Haar. Die Ausstellung gibt auch einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin mit von Hiroshige inspirierten Holzschnitten, die ihre subtile und zeitaufwändige Arbeitsweise offenbaren, um die gewünschte Balance von Linie und Farbe zu erreichen. 'The Bath' (1891), ein gefühlsbetontes Bild einer Betreuerin und eines Babys neben einem Waschbecken, leuchtet in berauschenden Farben vor dem gesprenkelten fliederfarbenen Hintergrund, dem pistaziengrünen Kleid der Erwachsenen und dem azurblauen Waschbecken."
Ali Eslami,"Stretch of Time" 2022, Videostill. LWL Münster Als Kritik an der gegenwärtigen ArbeitsweltverstehtMonopol-Kritiker Alexandre Kintzinger die Installation "A Stretch of time", die der in Iran geborene Künstler Ali Eslami derzeit im LWL Museum Münster zeigt: "Die Arbeit zeigt eine Figur, die anscheinend halb Mensch, halb Maschine ist. Diese fährt ganz gewöhnlich mit der U-Bahn zur Arbeit, um am Ziel in dunkle Katakomben hinabzusteigen. Dort, ständig begleitet von einer Stimme, die kryptisch mit uns oder mit sich selbst spricht, muss der Protagonist unter geringem Lichteinfall mysteriöse Kapseln in monotoner Akkordarbeit hin und her bewegen. Welchen Zweck die Arbeit erfüllen soll, erfahren die Betrachter nicht. (…) Dabei verwandeln sich Arbeitskräfte in Wesen, die einen Teil ihrer Menschlichkeit zu verlieren scheinen, was die posthuman Komponente bei Ali Eslami betont. Auch lässt sich eine kritische Sichtweise auf eine mögliche transhumanistische Zukunft erkennen: Die Freiheit unserer Körperlichkeit wird gegen vermeintliche technologische Annehmlichkeiten ausgetauscht, die uns dann nur besser arbeiten lassen."
Weitere Artikel: In der FAZ sendet uns Peter Kropmanns einen Sommergruß aus dem Maison André Derain in Chambourcy, das kurz vor der Französischen Revolution von einem Minister bewohnt wurde und 1935 von dem Maler und Bildhauer erworben wurde.
Precious Okoyomon: "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That". Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia Erst zum zweiten Mal seit 2015 präsentiert sich Nigeria mit eigenem Länderpavillon auf der Biennale in Venedig, organisiert wird der Auftritt vom gerade erst in Benin-City entstandenen Museum of West African Art (MoWAA), weißtaz-Kritikerin Maxi Broecking, die hier ein sehr selbstbewusstes Land erlebt. Etwa in der Installation "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That" der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon: Sie "hat für die Klanginstallation im Hof des Palazzos unterschiedlichsten Menschen auf den Straßen von Lagos dieselben zehn Fragen gestellt. Etwa 'Beschreiben Sie einen Morgen, an dem Sie ohne Angst aufgewacht sind' oder 'Was hat das Leiden Ihrer Mutter verursacht?' Sachte schallen nun in Venedig die Ängste, Albträume und alltäglichen Gewalterfahrungen in Nigeria hin zu den Biennalebesuchern, aber auch Träume und Wünsche. Viele hätten geantwortet, sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal ohne Angst aufgewacht seien, erzählt Okoyomon im taz-Gespräch während der Ausstellungseröffnung. 'Das ist eine Reibung von Energie, die sich durch die Städte zieht. Wie eine ständige Vibration, eine Urangst.'"
Einst wurden die Bilder des 1878 geborenen expressionistischen Malers Karl Hofer zum Marktwert der Werke von Liebermann oder Klee gehandelt, auch nach dem Zweiten Weltkrieg machte er noch Karriere: ab 1945 leitete der die Akademie der bildenden Künste in Berlin, erinnert Uta Appel Tallone in der NZZ. Zugleich war Hofer ein Verehrer Hitlers. Ein unverstellter Blick auf sein Werk ist der Kritikerin in der Ausstellung "Figuren, Stillleben, Landschaften" im Museo Castello San Materno in Ascona denn auch nicht möglich, auch wenn die Schau versucht "objektiv" zu sein. Gewiss, Hofer konnte malen. "Und doch: Der Blick der nackten, auf dem Bett liegenden Frau ist ohne Tiefe und kalt, seelenlos. Als das Bild entstand, hatte Hofer kurz vorher die Scheidung von seiner jüdischen Frau erwirkt - seine Karriere stand auf dem Spiel."
Weitere Artikel: Zu Kants 300. Geburtstag hat Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, das Künstlerpaar Peter Greenaway und Saskia Boddeke eingeladen, in der Orangerie in Potsdams Neuem Garten eine immersive Ausstellung zu gestalten, das Ergebnis mit dem Titel "Walking with Kant" ist nicht immer kitschfrei, aber doch überraschend, meint Lena Schneider im Tagesspiegel, die Kant hier in einer gigantischen Videoinstallation begegnet. In der FAZ erinnert Bernd Eilert an den 1978 ermordeten Künstler Marcel Bascoulard, der als Chronist seiner Heimatstadtb Bourges galt.
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