Die Trauer um DavidLynch hält an, wer Nachrufe nicht vorproduziert hatte (unser Resümee), liefert nach. Wer Lynch seltsam nennt, hat vielleicht einfach nur das Kino nicht so richtig verstanden, schlägt Dietmar Dath in der FAZ vor. "Lynch machte Filme, die nur als Filme gehen. Wie viele Filme heute wollen Comics sein, Computerspiele oder Artikel aus dem New Yorker? Zu viele. Indem Lynch das beachtet, was er seiner Kunstgattung schuldet, öffnet er sich die Leinwand nicht als Gespensterfenster zum Unbegreiflichen, sondern als Chance, Dinge über Menschen zu zeigen und zu sagen, die nur Kino erkennen kann. Diejenigen, die das, was dabei herauskommt, phrasenhaft automatisch 'surreal' nennen oder 'kafkaesk', erfahren den großen Realisten Lynch nicht, der weiß: Die USA sind schon ein bisschen seltsam."
SlavojŽižekversenkt sich in einem Essay für die Berliner Zeitung sehr tief und psychoanalytisch in die Welt der vor lauter sexueller Energie hysterisch aufgeladenen Bösewichter, die Lynchs Filme bevölkern. Sie "sind Symbolfiguren einer exzessiven, überschwänglichenLebensbejahung und -freude - sie sind irgendwie böse, oder vielmehr 'jenseits von Gut und Böse'. Doch Mr. Eddy und Frank sind gleichzeitig die Hüterdessozio-symbolischenGesetzes. Darin liegt ihr Paradox: Man folgt ihnen nicht als authentischer väterlicher Autorität; sie wirken eher körperlich hyperaktiv, hektisch, übertrieben und als solches bereits von Natur aus lächerlich - in Lynchs Filmen wird das Gesetz durch den lächerlichen, hyperaktiven Lebensgenießer durchgesetzt. ... Was also, wenn DAS die ultimative Botschaft von Lynchs Film ist - dass die Ethik 'die dunkelste und kühnste aller Verschwörungen' ist, dass das ethische Subjekt dasjenige ist, das die bestehende Ordnung tatsächlich bedroht, im Gegensatz zu der langen Reihe von LynchsseltsamenPerversen, die sie letztlich aufrechterhalten?"
Till Kadritzke singt auf critic.de ein sehr persönliches Loblied auf Social Media, wo man sich unmmittelbar nach Bekanntwerden von Lynchs Tod zur Trauergemeinde formierte und eine Nacht lang mit Bildern, Zitaten, Videos und Links an den Regisseur erinnerte. Weitere Nachrufe schreiben Tim Caspar Boehme (taz),Sebastian Seidler (Filmdienst), Timo Feldhaus (BLZ), Daniel Kothenschulte (FR) und Bert Rebhandl (FAS). Und im Cartoon des New Yorker stellt Gott Lynch die Frage aller Fragen:
Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland fragt sich in seiner Artechock-Kolumne unter anderem, mit welchen Skandalen auf der anstehenden Berlinale wohl diesmal zu rechnen sind. Lukas Kapeller denkt im Standard darüber nach, wie die Durchdringung unseres Alltags mit dem Smartphone und anderen digitalen Technologien Drehbücher vor immer größere Herausforderungen stellen. Andreas Scheiner (NZZ) und Maria Wiesner (FAZ) gratulieren KevinCostner zum 70. Geburtstag. In der SZ stellt David Steinitz Mutmaßungen darüber an, warum DonaldTrumps Lieblingsfilm BillyWilders "Sunset Boulevard" ist.
Besprochen werden ClintEastwoods "Juror #2" (NZZ, Welt, unsere Kritik), ThomasRiedelsheimers Dokumentarfilm "Tracing Light" (SZ, mehr dazu bereits hier), AlonsoRuizpalacios New Yorker Gastronomieküchendrama "La Cocina" (Standard), RichPeppiatts IRA-Komödie "Kneecap" (taz) und MichaelaKrützens Buch "Zeitverschwendung. Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur" (FAZ).
Einen wie ihn wird es im Kino nicht mehr geben: Der große, einzigartige DavidLynch ist tot. Er "hat das amerikanische Kino neu erfunden, indem er seine abgründigstenTräume mit dem Publikum teilte", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die euphorischen 1950er Jahre, ein idealisiertes Norman-Rockwell-Amerika, wurde zum Spiegel seiner dunklen Obsessionen. Hinter den weißen Gartenzäunen und gepflegten Vorgärten taten sich menschliche Abgründe auf." Doch "Lynch hat Horror nie um des Horrors willen inszeniert", hält Hanns-Georg Rodek in der Welt fest. "Seine Filme waren fast immer traumähnlicheKonstruktionen, in denen absurder Surrealismus auf eine Atmosphäre des Terrors traf. ... Lynch stand der europäischen Filmtradition immer näher als der Hollywoods, und wenn man einen vergleichbaren Regisseur sucht, war dies der Spanier LuisBuñuel."
Er war der "vielleicht einflussreichste unter den radikalen Träumern des jüngeren Kinos", seufzt Philipp Bovermann in der SZ. "Die Funktionsprinzipien, nach denen der Verstand die Welt ordnet (...) sind in Lynchs Kunst außer Kraft gesetzt. Er hebelt sie aus, um die echten Gesetze des Kinos zu enthüllen: Beleuchtung, Farbe, Ton, Musik, der Grusel, das Geheimnis hinter dem roten Vorhang, die Wahrheit auf der anderen Seite des Spiegels, die Verheißung des Cowboys, des Vampirs, des Penners. ... Lynch verstand es, wie jeder große Künstler, die Welt als Zauberbühne zu zeigen, wodurch die Dinge ihren profanen Ernst verlieren, angesichts eines viel größeren Ernstes, einer tieferen Liebe. Diese Liebe war schrecklich, sie tat auch weh, machte Angst."
Und niemand inszenierte Feuer so wie er:
"Den Horror im Alltäglichen finden, aber auch die Schönheit im Schrecken, das war David Lynchs Meisterschaft", erinnert Carolin Ströbele auf Zeit Online - und auch daran, dass Lynchs Wurzeln (und auch die Spätphase seines Schaffens) in der Malerei lagen: "Lynchs Anfänge als bildender Künstler finden sich vor allem in der Architektur in seinen Filmen wieder, Lynch inszenierte nicht nur seine Figuren, sondern auch die Räume, in denen sie sich bewegten, auf eine unnachahmliche Art. Das legendäre Traumkabinett aus 'Twin Peaks' etwa ist ein Zimmer ohne Anfang und Ende. Hinter den Vorhängen könnten sich weitere Räume befinden, es könnte aber einfach nur Schwärze sein. Man würde gerne an einem dieser Vorhänge ziehen, hätte man nicht so große Angst davor, was sich hinter ihnen verbergen könnte."
Mit seinen möbiusbandartigen Filmrätseln gab er zahlreichen Kritikern, Filmwissenschaftlern und weiteren Deutologen ordentlich Zucker, erinnert Marion Löhndorf in der NZZ: "Die Entschlüsselung seiner kryptischen Werke entfachte detektivischenEhrgeiz, die Verrätselungen ließen Interpretenherzen höherschlagen und luden dazu ein, ihn aufs Podest der Unsterblichen zu heben. Je unwirtlicher ein Werk, desto ehrgeiziger wurde die Mission, es zu interpretieren."
Seine täglichen Wetterberichte aus seiner Villa in den Hollywood Hills, die zugleich sein Arbeitsstudio war, waren lange Zeit Internet-Kult:
Weitere Artikel: Bert Rebhandl empfiehlt im Standard eine der Schauspielerin Maria Hofstätter gewidmete Reihe im Filmarchiv Austria. Pascal Blum porträtiert für den Tages-Anzeiger den Schauspieler BarryKeoghan.
Besprochen werden ClintEastwoods "Juror #2" (Artechock, unsere Kritik), JesseEisenbergs "A Real Pain" (Artechock, unsere Kritik), AlonsoRuizpalacios' "La Cocina" (Welt, Artechock), FlorianFrerichs' "Traumnovelle" (Artechock), BorisLojkines in Paris spielendes Flüchtlingsdrama "L'Histoire de Souleymane" (NZZ), HalfdanUllmann Tøndels "Armand" (FAZ, Artechock), AnthonySchattemans "Young Hearts" über zwei Jungs, die sich ineinander verlieben (Tsp) und die Netflix-Adaption von GabrielGarcíaMárquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (Freitag, unsere Kritik).
Minimalistisch inszeniert: Clint Eastwoods "Juror #2" Das Gerichtsdrama "Juror #2" über einen befangenen Geschworenen ist ClintEastwoods 40. Film. Es könnte wohl der letzte Film des 94-Jährigen und ist erneut "wie viele seiner Vorgänger insbesondere im Spätwerk des Regisseurs, ein zutiefst skeptischer Film, ein Film, der den Institutionen, die das gemeinschaftliche Leben in der modernen Welt auf vielfältige Weise prägen, nicht über den Weg traut", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Was Eastwood einmal mehr erzählt, "ist das Drama individueller Freiheit. Die privaten und institutionellen Zwänge, die einen jeden von uns subjektiv einengen, tragen sich in diese Gesichter ebenso ein wie die objektiv trotzdem stets gegebene Möglichkeit des Handelns entgegen diese Zwänge. Wahrscheinlich ist fast jeder Gerichtsfilm nicht nur ein juridischer, sondern auch ein moralischer Thriller. Doch längst nicht in jedem fällt beides derart geschickt und vieldeutig in eins wie in 'Juror #2'".
"In Eastwoods tiefenentspannter Regie entfalten sich die Geschehnisse so geschmeidig, dass man zunächst gar nicht wahrnimmt, wie einen dieser Slowburner in den Bann zieht", hält Michael Kienzl auf critic.de fest. "In der so sorgfältigen wie minimalistischen Inszenierung herrscht ein tiefes Vertrauen in die Geschichte. ... Häufig konfrontiert Eastwood in seinen Filmen falsche Autoritäten und abstrakte Bürokratie mit gelebter Erfahrung - nicht selten repräsentiert durch einen hemdsärmeligen, aber auch emotional vernarbten Haudegen alter Schule. In seinem Klassizismus und seiner handwerklichen Finesse ist Eastwood selbst zum Inbegriff dieser aus Erfahrung gewonnenen Weisheit geworden." Weitere Besprechungen in der taz, in der FR, im Standard und im Tagesspiegel.
Vom Erwartbaren wenig ausgelassen: "A Real Pain" von Jesse Eisenberg (re.) Wahre Schmerzen - wenn auch nicht im Sinne des Films - durchlitt derweil Perlentaucher Jochen Werner in JesseEisenbergs "A Real Pain" über zwei jüdische Amerikaner mittleren Alters, die sich auf eine Reise nach Polen begeben (mehr zum Film bereits hier). Der Film erfüllt eben geradeso den "Standard dieser Art von Indie-Dramödien, in denen man immer ein bisschen zu genau weiß, was man gerade fühlen soll. Dafür sorgt nicht zuletzt die Tonspur, denn das Gros der anderthalb Kinostunden ist mit wahnsinnig emotionaler Klaviermusik unterlegt, am Ende hat man das Gefühl, das chopinsche Gesamtwerk durchgehört zu haben. ... Man weiß genau, was man bekommt, wenn man sich die Prämisse durchliest, wenig vom Erwartbaren wird ausgelassen, nichts hinzugefügt." Für die Weltbespricht Matthias Heine den Film.
Besprochen werden MorganNevilles mittels animierter Legosteine umgesetztes Biopipc "Piece by Piece" über PharrellWilliams (critic.de), Halfdan Ullmann Tøndels "Armand" (FR) und die DVD-Ausgabe von SébastienMarniers "Haus der Lügen" (taz).
Jesse Eisenberg (li.) und Kieran Culkin in "A Real Pain" In "A Real Pain", der zweiten Regiearbeit JesseEisenbergs, der hier auch gleich eine Hauptrolle übernimmt, reisen "zwei nicht mehr ganz junge jüdische Männer aus Amerika" nach Polen, um "etwas von dem spüren können, was sie aus dem Schicksal ihrer Vorfahren betrifft", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Sie treffen dort auf eine brummende Tourismusbranche, die sich um die Erinnerung an den Holocaust herum aufgestellt hat. "Eisenberg, der selbst das Drehbuch geschrieben hat, beschäftigt sich mit der vielfach diskutierten Frage nach einem Gedächtnis, das sich über Generationen und auch leibseelisch fortschreibt. ... Eisenberg durchsetzt 'A Real Pain' mit fast unmerklichen Ironien. Eine der deutlicheren betrifft die Figur des Eloge, eines jungen Mannes, der den Genozid in Ruanda überlebt hat, in Kanada zum Judentum konvertiert ist und nun mit dem Traumawissen um einen afrikanischen Genozid einen europäischen besser verstehen will." Weitere Besprechungen in Presse und BLZ. Der auf künstlerische Dokumentarfilme spezialisierte Regisseur ThomasRiedelsheimer begibt sch in seinem neuen Film "Tracing Light" (mehr dazu bereits hier) philosophisch, wissenschaftlich und künstlerisch auf die Suche nach dem Licht. "Wenn wir Licht wahrnehmen, sehen wir in Wirklichkeit niemals das Licht selbst, sondern stets die Dinge, auf die es trifft", sagt der Filmemacher gegenüber Chris Schinke im Filmdienst-Gespräch. Es "transportiert Informationen - über Gegenstände, Materialien, Oberflächen. Es ist wie eine Sprache des Universums. Das Faszinierende daran ist, dass wir mit ihm die Beschaffenheit unserer Umgebung erkennen, ohne jedoch das Licht selbst erfassen zu können. Das Unsichtbare ist hier ein Kernelement. ... Wir haben nicht einmal eine angemessene Sprache für die Phänomene." Dies "führt zu einer gewissen Bescheidenheit. Wir müssen akzeptieren, dass unser Platz im Universum begrenzt ist und unser Wissen unvollständig bleiben wird."
Besprochen werden HalfdanUllmannTøndels Elternabend-Kammerspieldrama "Armand" (diese "verflochtene Melange aus Horror, Sozialdrama, Komödie und Satire steigert sich bisweilen ins Absurde", schreibt Carolin Weidner in der taz), AlPacinos Autobiografie "Sonny Boy" (JungleWorld), ClintEastwoods Justizthriller "Juror #2" (SZ) und die Netflix-Miniserie "American Primeval" (TA).
Alexander Horwaths epischer Essayfilm "HenryFonda for President", der den Hollywood-Schauspieler mit dessen Familiengeschichte, seiner Filmografie und der Politik der USA engführt, startet in Österreich schon jetzt in den Kinos, in Deutschland müssen wir uns noch bis Ende Januar gedulden. Aber das Warten lohnt sich, versichert Lukas Foerster in der Presse: Alleine schon anhand von JohnFords um 1940 entstandenen Fonda-Filmen "Trommeln am Mohawk", "Der junge Mr. Lincoln" und "Früchte des Zorns" legt der frühere Direktor des Österreichischen Filmmuseums frei, "wie ein einzelner Mensch mithilfe des Kinos zur Verkörperung einer kollektiven Geschichte werden konnte." Erkennbar wird Fonda als ein "unheroischer, von Selbstzweifeln geplagter Held. Tatsächlich entwirft Horwaths Film die Geschichte nicht eines, sondern zweier Amerikas. Denn neben dem selbstkritischen, nachdenklichen, mit seinen eigenen moralischen Ambivalenzen ringenden Fonda-Amerika gibt es noch ein anderes; eines, das selbstbewusst über Leichen geht und von linksliberaler Miesepeterei nichts wissen will. Als dessen Repräsentant taucht früh im Film RonaldReagan auf. ... Die bittere Pointe bei Horwath besteht darin, dass es in der realen amerikanischen Geschichte dieser Ronald Reagan war, dem der Sprung von der Hollywood-Leinwand ins Präsidentenamt gelang." Für J. Hoberman in Artforum ist dieser Film "ein Meisterwerk angewandter Cinephilie". Das Blog des Österreichischen Filmmuseums dokumentiert Horwaths Einführung zur ebenfalls "Henry Fonda for President" betitelten Retrospektive, mit der er sich 2017 vom Filmmuseum verabschiedete.
Weitere Artikel: Silvia Hallensleben resümiert in der taz ein Kölner Symposium zum Thema Zeit in dokumentarischen und experimentellen Filmen. Besprochen werden JesseEisenbergs Holocaust-Tragikomödie "A Real Pain" (Standard), FloBers Scheidungskomödie "Es liegt an dir, Chéri" mit CharlotteGainsbourg (Presse) und HalfdanUllmann Tøndels Schuldrama "Armand" (FD, SZ).
Die deutscheFilmbranche schaut zu sehr auf die Fördergelder, um überlebensfähig zu bleiben, doch "ohne außergewöhnliche Geschichten und mutige Visionen" wird sie "unsichtbar und irrelevant", warnt der Produzent und ehemalige Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz in der SZ. Denn: "Bei einem Angebot von vielen Hundert Filmen jedes Jahr sind es gerade einmal zwei Dutzend, die das Publikum in relevantem Umfang erreichen, an den Kinokassen oder durch Erfolge bei internationalen Festivals oder durch innovative neue gestalterische Ansätze. ... Zu viele Filme ohne Relevanz, zu viel Durchschnitt, die dem deutschen Kino weder zu mehr Qualität noch zu mehr Wirtschaftlichkeit verhelfen. Die Überproduktion verwässert die sowieso nicht ausreichenden Finanzierungsquellen und führt dazu, dass ein großer Teil des Publikums das Interesse an deutschen Produktionen verloren hat. ... Weniger Gießkanne, mehrBestenförderung - das sollte der Weg sein."
Unmittelbar vor Donald Trumps Antritt zu seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident wirkt Fred Zinnemanns Westernklassiker "HighNoon" auf Oliver Schwehm (FAZ) geradezu "prophetisch": Der Film erzählt vom "spektakulären Comeback eines Gesetzlosen - und während sich die Dorfgemeinschaft sowie das Kinopublikum noch fragen, wie es sein kann, dass Miller plötzlich wieder auf freiem Fuß ist, bangen sie schon in Echtzeit seiner Ankunft mit dem Zug um 12 Uhr mittags entgegen. Der Film ... zeigt detailliert, wie unter dem Drohpotential von Miller und seiner Bande die mühsam errungene Ordnung und damit die Zivilisation von innen heraus zu zerbröckeln beginnen." Und "es ist ein trauriger Paradigmenwechsel, dass der amerikanische Präsident nun nicht mehr mit dem Sheriff identifiziert wird, sondern mit dem Schurken, der in dem Film mit folgenden Worten charakterisiert wird: 'He was always wild and kind of crazy. He'll probably make trouble.'"
Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem polnischen Regisseur Patryk Verga über dessen Groteske "Putin", vor der Barbara Schweizerhof in der taz eindringlich warnt (mehr zu dem Film hier). Hanns-Georg Rodek versucht sich in der Welt an einer traurigen ersten Bilanz, welche legendären Hollywood-Schauplätze bei den verheerenden Bränden in LosAngeles bislang zerstört wurden. Valerie Dirk porträtiert im Standard den Schauspieler KieranCulkin. Besprochen werden TimFehlbaums "September 5" (Standard, unsere Kritik) und eine Netflix-Dokuserie über den US-Krawalltalker Jerry Springer (BLZ).
Licht als Mysterium: "Tracing Light" (Piffl Medien) Gunda Bartels vom Tagesspiegel ist sehr beeindruckt von "Tracing Light", dem kommenden Donnerstag startenden Film von ThomasRiedelsheimer, der auf Dokumentarfilme über Phänomene der Ästhetik spezialisiert ist. Dass dieser sich nun "daran macht, das komplexe Wesen des Lichts aufzudröseln, ist ein früher Glücksfall des Kinojahres. Bildermächtig, poetisch und informativ zugleich. ... Doch selbst die geballte Imaginationskraft der Avantgardisten von heute - Künstler und Wissenschaftler - reicht nicht aus, um das Wesen des Lichts gänzlich zu ergründen. 'Die Wiege von Kunst und Wissenschaft ist das Mysterium', weiß Riedelsheimer." Ihm geht es "darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie beschränkt die Wahrnehmung des Menschen sei. Dass darin mittelbar auch eine politische Botschaft wider die menschliche Hybris und für die Bewahrung des Planeten steckt, begreift und fühlt, wer 'Tracing Light' sieht."
Auch Bert Rebhandl ist in der FAS sehr angetan: Der Film überzeugt "gerade deswegen, weil Riedelsheimer nicht versucht, selbst als Lichtkünstler aufzutreten. Er bleibt strikt der Zeuge, der Menschen und Orte gesucht hat, an und mit denen er etwas über das Licht erfahren kann. Er verzichtet auf Didaktik, er bleibt der Laie, der versucht, in einem - dafür allerdings besonders disponierten - Medium etwas anschaulich zu machen, das zugleich höchste, ja blendende Sichtbarkeit mit sich bringt und sich doch fundamental entzieht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Tobias Rüther spricht für die FAS mit LeeUnkrich, der gerade einen dicken Doppel-Prachtband über die Dreharbeiten von StanleyKubricks Horrorklassiker "The Shining" veröffentlicht hat. Hanns-Georg Rodek spricht für den Filmdienst mit TimFehlbaum über dessen (in FAZ, taz, Presse und bei uns besprochenen) Journalistenthriller "September 5", der das MünchnerOlympia-Attentatvon 1972 aus Perspektive amerikanischer Journalisten erzählt (mehr zum Film bereits hier). Valerie Dirk spricht für den Standard mit AlexanderHorwath über dessen so großartigen wie epischen Essayfilm "Henry Fonda for President", der in Deutschland ab Ende Januar im Kino zu sehen ist. Die Filmproduzenten AlexaKarolinski schildert in der SZ ihre Eindrücke von den verheerendenBränden in und um Los Angeles. Marie-Luise Goldmann porträtiert für die WamS die Drehbuchautorin AnikaDecker.
Besprochen werden JesseEisenbergs "A Real Pain" (taz), PatrykVegas Groteske "Putin" (dieses "leicht größenwahnsinnige Machwerk spekulativ zu nennen, ist noch eine freundliche Beschreibung", findet Andreas Busche im Tagesspiegel, mehr zum Film bereits hier), FlorentBernards Tragikomödie "Es liegt an dir, Chéri" mit CharlotteGainsbourg (Standard) und die Amazon-Mockumentary "Gerry Star" (FAZ).
Bernhard Heckler staunt in der SZ darüber, dass HughGrant, aktuell im Horrorfilm "Heretic" (unsere Kritik) als Bösewicht zu sehen, dem Kino einmal als romantischer Held par excellence galt: Das erscheine ja wohl "richtiggehend lächerlich, ungefähr so sexy wie die Abbildungen von Essen in einem Kochbuch aus den Siebzigerjahren ('So bereiten Sie den perfekten Mettigel zu')." Der romantische Held der Gegenwart ist heutzutage eh: der Auftragskiller. "Die Kinos, TV-Sender und Streaming-Mediatheken erlebten seit den Nullerjahren dieses Jahrhunderts einen irreversiblen Shift in der Vorstellung von romantischem Eskapismus - und sind jetzt randvoll mit Filmen und Serien über Auftragskiller, die so viel mehr sind als nur ihr Job. ... Die Erzählstrategie, ausgerechnet die unmoralischsten aller Menschen zur Instanz zu erklären in puncto Gewissen, Ehrenkodex und unerschütterlichen Prinzipien, ist in Sachen Ambiguitätstoleranz auf der Höhe der Zeit. Aber - Stichwort Luigi Mangione - als Erfindung mitunter offenbar so gut, dass sie für einige Menschen von der Realität kaum noch unterscheidbar ist." Kleine Anmerkung der Redaktion: Dafür ist Bernhard Heckler sicher zu jung, aber der "Mettigel" ist fünfziger Jahre, nicht siebziger Jahre.
Weitere Artikel: Esthy Baumann-Rüdiger wirft in der NZZ einen Blick in die uneindeutige Lage um den Regisseur und Schauspieler JustinBaldoni, der sich zwar über mehrere Jahre als feministisch engagierter Mann in der Öffentlichkeit präsentierte, dem nun aber Vorwürfe gemacht werden, die derzeit viele Klatschspalten füllen. In seiner Filmdienst-Reihe zum Heist-Filmwidmet sich Leo Geisler RabahAmeur-Zaïmeches "The Temple Woods Gang" von 2022. Ingeborg Harms berichtet für die FAZ von den Dreharbeiten zur ARD-Krimiserie "Nord bei Nordwest".
Besprochen werden TimFehlbaums Journalistenthriller "September 5" (Artechock, unsere Kritik), DanielHoesls und JuliaNiemanns Reichensatire "Veni, Vidi, Vici" (Artechock, unsere Kritik), JörgAdolphs und EdgarReitz' Dokumentarfilm "Filmstunde_23" (Artechock, mehr dazu bereits hier), PatrykVegas "Putin" (Standard, mehr dazu hier), JohnCrowleys Liebesfilm "We Live in Time" (Standard), die ARD-Serie "A Better Place" (taz) und die Netflix-Serie "American Primeval" (FAZ).
Glänzend eingestellter Pädagoge: Edgar Reitz in "Filmstunde_23" In "Filmstunde_23" blicken EdgarReitz und JörgAdolph zurück auf ein Schulexperiment im Jahr 1968, als Reitz, damals als Vertreter des Jungen Deutschen Film, gemeinsam mit Gymnasiastinnen im Schulunterricht teils quietschvergnügte Adaptionen von TheodorStorms Novelle "Schimmelreiter" erarbeitete, wodurch damals auch Reitz' TV-Dokumentarfilm "Filmstunde" entstand. "Filmstunde_23" wiederum beobachtet nun eine erneute Begegnung der einstigen Schülerinnen mit dem mittlerweile 92 Jahre alten Regisseur. Es "ist ein liebevoll zur Nachahmung aufrufendes Dokument über die lebenslang positive Nachwirkung des spielerischenLernens über und mit dem Filmmedium geworden", freut sich Claudia Lenssen in der taz. Auch Thomas E. Schmidt ist in der Zeit hingerissen: "Die Schülerinnen hatten gelernt, wie der Filmhandwerker vorgeht, wenn er sich eine 'Einstellung' ausdenkt, aber auch, wie Film in der Wahrnehmung des Betrachters entsteht, wie subjektiv der Eindruck ist, den Bild und Ton hinterlassen, und dass filmisches Erzählen ebenfalls subjektiv ist, viel mit einem selbst zu tun hat, ja einen geradezu zwingt, das eigene Selbst zu erforschen. Das zu vermitteln, war damals gelungen, ein lebendiges Wissen jenseits von Mathe und Latein, und zauberhaft ist es, dabei zuzuschauen." Für die FR hat sich Daniel Kothenschulte ausführlich mit Reitz unterhalten.
Weitere Artikel: Chris Schinke spricht für die taz mit TimFehlbaum über dessen (aktuell bei uns und in der FR besprochenes) Filmdrama "September 5", das das Olympia-Attentat in München 1972 strikt aus Perspektive der Journalisten im Sendezentrum erzählt (mehr zu dem Film bereits hier). Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit MagnusvonHorn über dessen für Dänemark für die Oscars eingereichtes (in taz und Welt besprochenes) Historiendrama "Das Mädchen mit der Nadel", über eine Serienmörderin, die unehelich geborene Kinder vorgeblich an Adoptiveltern vermittele, in Wahrheit aber ermordete. Benjamin Stolz blickt für die Presse gespannt aufs Kinojahr 2025, von dem er sich nach dem Annus horribilis 2024 in allen Sparten einiges verspricht. Die Agenturen melden, dass die ursprünglich für den 17. Januar geplante Bekanntgabe der Oscarnominierungen wegen der verheerendenWaldbrändebeiLosAngeles verschoben wird.
Besprochen werden DanielHoesls und JuliaNiemanns Reichensatire "Veni Vidi Vici" (Perlentaucher), Patryk Vegas Groteske "Putin" (SZ, mehr dazu bereits hier), der auf Netflix gezeigte, neue "Wallace & Gromit"-Animationsfilm aus dem Studio Aardman (Welt), die zweite Staffel des Netflix-Erfolgs "Squid Game" (Freitag), die Netflix-Miniserie "American Primeval" (taz) und der auf einem Bestseller von MarcElsberg basierende ARD-Thriller "Helix" (FAZ).
Putin als James Bond? KI macht's möglich.(Kinostar) Der polnische Regisseur PatrykVega, sonst eher für vulgäres Actionkino und zotig-klamottige Komödien bekannt, will mit seinem Film "Putin" (für den der Schauspieler und Putin-Parodist SlawomirSobala hinter die ki-generierte Maske des Diktators schlüpft) einen "Schlüssel zur Psyche des russischen Langzeitpräsidenten" und dessen "Kriegsversessenheit" liefern, schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Es ist eine "halb psycho-allegorische, halb mystisch theologische Deutung von Putins Biographie, die auch apokryphe Quellen nutzt und angesichts von geheimdienstlich erzeugten weißen Flecken spekulativ kontrapunktischeLesarten präferiert."
Mitunter sieht man in dieser Kolportage auch Putin, der sich in Windeln einscheißt, schreibt Lukas Foerster im Filmdienst: "Subtil geht anders". Auch ansonsten winkt er ab: "Wenn man den Dreh einmal verstanden hat, bietet 'Putin' nur noch die Wiederkehr des Immergleichen. Die inneren Dämonen befehlen, und Putin führt aus. Russland und in der Folge die Welt gehen vor die Hunde. Insbesondere in der zweiten Filmhälfte, nach Putins erfolgreichem Durchmarsch an die Spitze des Staates, ist die intellektuelle Schlichtheit der Unternehmung, in Kombination mit dem exzessiv farbkorrigierten Direct-to-Video-Look des Films, zunehmend schwerer zu ertragen."
Besprochen wird außerdem die ARD-Dokuserie "Warum verbrannte OuryJalloh?" (FR).
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