Mit ihrer taz-Kolumne, in der sie Polizisten eine generelle Berufsunfähigkeit attestiert, verdient Hengameh Yaghoobifarah sicher nicht so viel Geld. Besser läuft es für sie hoffentlich als Radical-Chic-Model fürs KaDeWe, hofft Hans Monath im Tagesspiegel: "Nun schmückt die Autorin nicht nur das Schaufenster, sondern posiert auch in einem Prospekt des Luxuskaufhauses mit Kleidung, deren Preis Durchschnittsverdiener wie Polizisten eher überfordern dürfte. Unter dem Foto, das die neue KaDeWe-Werbeikone in einem Sessel zeigt, stehen konsumentenfreundlich auch die Preise: 'Ledermantel Marni, 3.900 Euro. Ankle Boots By Far 459 Euro'." Yaghoobifarah stellt die Beteiligung an der Kampagne "als subversive Aktion dar", berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. "Auf ihrem Instagram-Account schreibt sie, dass heutzutage nicht mal Luxuskaufhäuser vor kommunistischer Propaganda sicher seien." Aber Werbung bleibt es doch, denkt sich Lenz: "Der Kapitalismus lässt sich nicht so leicht austricksen."
Und noch ein anderes Radical-Chic-Plakat ziert im Moment in Berlin Plätze und U-Bahn-Stationen: Islam als Konsumoption, ein Angebot vom Zahlungsdienstleister KlarNa:
Radikalislamischer Schick auf dem Alexanderplatz. Foto: Paul Möllers
Manuel Almeida Vergara unterhält sich für die FR mit AlfonsKaiser, der bei Recherchen für seine Biografie über KarlLagerfeld auf Dokumente gestoßen ist, die belegen, dass die Eltern des Modedesigners beide NSDAP-Mitglieder waren. Insbesondere die Mutter sei anfangs glühende Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen. Einschlägige Medien machen daraus bereits Sensationen, doch "das geht über jedes Maß hinaus. Sippenhaft habe ich gewiss nicht gefordert. Erst einmal geht es um die bloßen Tatsachen und ihren historischen Zusammenhang." Aber Lagerfeld war auch "sehr verbunden mit den Prinzipien seiner Mutter, die hinter ihrer nationalsozialistischen Begeisterung steckten: Fleiß, Pflichtbewusstsein, Treue, Ordnung, Sauberkeit. Für diese sogenannten Sekundärtugenden war er durchaus bekannt. ... Lagerfeld war ein Preuße in Dandy-Gestalt."
Anna Winston besucht für das Damn Magazine die Ausstellung "KleurEyck" im Designmuseum Gent, die der Frage nachgeht, wie der Maler Jan van Eyck mit Farben experimentierte und wie man diese Experimente heute für Design nutzen kann. Die Ausstellung geht von der großen van Eyck-Ausstellung im MSK aus und "läuft damit Amok, indem sie Van Eycks nuanciertes und technisches Verständnis für Farbe und Licht als Mittel benutzt, um zeitgenössisches Design und Forschungsprojekte zu sammeln und sie in einem neuen, kuratorischen Triptychon auszuspucken. 'Die Modernität Van Eycks liegt in der Beherrschung der arabischen Optik von Alhazen (dem ersten echten Wissenschaftler der Welt aus dem 11. Jahrhundert). Das von den Objekten reflektierte Licht liefert alle Informationen über die Beschaffenheit ihrer Oberfläche', erklärt KleurEyck-Kuratorin Siegrid Demyttenaere. 'Van Eycks lebendige Farbpalette ist ein direktes Ergebnis dieser Erkenntnis - er malte mit Licht. Wenn man sich die Arbeiten einiger zeitgenössischer Künstler und Designer anschaut, bemerkt man einige parallele Gedanken und Prozesse. Die Erforschung der Frage, wie und warum Farbe gesehen wird, die Vielfalt des Lichts, das in einer Farbe spielt und reflektiert, führt zu schönen Paletten.'"
In der NZZtrauert Paul Jandl mit dem Duftphilosophen Paul Divjak den Zeiten nach, als es noch exquisite Herrendüfte gab. Von der Selbstverwirklichung sei der Mann zuletzt ins "olfaktorische Nirwana" gestürzt, "ins Wannenbad des Unisex. ... Mit 'Bac' und 'Axe' hat sich die Idee des künstlichen Körpergeruchs demokratisiert. Die Düfte der Mode- und Luxushäuser sollten dagegen aristokratisch bleiben. Sie waren die feinstoffliche Entourage des Königs Mann, bis Ende der achtziger Jahre der Abstieg kam. Aus 'Davidoff Eau de Toilette' wurde 'Davidoff Cool Water', die 'epochenprägende Frischekonsenslegende'. Das Ende ungewaschener Männlichkeit. Und da stehen wir noch heute. Das haben wir sauber hingekriegt."
Stephen Bayley schreibt im Guardian einen Nachruf auf den britischen Designer, Restaurantbetreiber und Museumsgründer Terence Conran: "Mehr als jeder andere trug er dazu bei, das materielle Leben in Großbritannen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verbessern. Die Flucht vor den Normen des vorstädtischen Lebens war seine beständige Inspiration - wie auch bei John Lennon und David Bowie auf ihre Weise." Außerdem bringt der Guardian eine Bilderstrecke.
Weiteres: Tobias Prüwer schreibt in der Jungle World über den Siegeszug des Kapuzenpullovers von der Sportbekleidung zur Alltagsmode. Außerdem bespricht Gabriele Detterer für die NZZ eine der Möbeldesignerin Gae Aulenti gewidmete Ausstellung im Vitra Design Museum.
Warum um alles in der Welt werden Sneakers jetzt verstiefelt, fragt sich Tillmann Prüfer im ZeitMagazin: "Bekennen wir uns dazu, dass wir alle Alltagskämpfer werden wollen? Ist das ein Vorgeschmack auf die Wirtschaftskrise und die drohenden härteren Zeiten? Mag sein. Möglicherweise haben die Menschen aber auch einfach genug davon, sich ihre Knöchel an Tischbeinen und Türkanten anzuhauen."
Weiteres: Einen ziemlich verspäteten Nachruf auf die bereits Anfang des Jahres verstorbeneTabea Blumenscheinschreibt Oliver Koerner von Gustorf in der taz. Anlass dazu bietet ihm eine Ausstellung im Berliner Conceptstore Townes mit Artefakten aus Blumenscheins Nachlass.
Muster des Kaiserlichen Palastes. Holzschnitt von Utagawa Kunisada, 1847-1852. Bild: V&A Museum Die große Schau "Kimono: Kyoto to Catwalk" im V&A Museum in London hat zwar im Detail ihre Schwächen, schreibt Susannah Clapp im Guardian, aber davon abgesehen: Was für eine "Offenbarung. In jedem einzelnen Detail findet sich Ruhm, in den Stoffen, ob nun bestickt oder schabloniert, kühn oder delikat bemustert, zugleich sumptuös und simpel, stumm und strahlend. Sie zeigt lebendig, wie ein Kleidungsstück die Geschichte eines Landes fassen kann. Anhand dessen, wie indischer Chintz und französischer Brokat auftaucht, lassen sich die Konjunkturen des japanischen Handels mit der Außenwelt nachvollziehen. Die Strenge der Luxusgesetze lässt sich anhand der kleinen Gesten beobachten, mit denen sie missachtet wurden: Rote Farbe, für die äußere Schicht eines Kimonos verboten, wurde dafür häufig in Futter und Unterwäsche verwendet. Ein Holzschnitt zeigt eine Frau, die mit einem Gefährten flirtet, indem sie ihren Saum etwas hebt, um ihm dem Hauch einer Ahnung von Scharlachrot darunter zu gewähren."
Außerdem: In der tazgratuliert Marielle Kreienborg der Modeikone IrisApfel zum 99. Geburtstag. Außerdem bespricht Marina Razumovskaya in der taz den von von Dmitri Dergatchev und Wladimir Velminski herausgegebenen Band "Mode & Revolution".
In der FAZkratzt sich Thomas Herrig am Kopf darüber, dass Versace für die musikalische Untermalung eines Werbespots zu Vivaldi und damit schon zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit zu klassischer Musik gegriffen hat: "Soll die Musik der Marke jene Hochwertigkeit und Eleganz bringen, die man dieser Welt gemeinhin zuschreibt? In jedem Fall setzt das italienische Modeunternehmen überraschende neue Impulse bei der digitalen Zielgruppe. Immerhin stehen gerade die Luxusmarken bei den Jüngeren hoch im Kurs und definieren, was angesagt ist. Neben Vivaldi sind noch genügend 'große Klassiker' vorhanden. Vielleicht 'Also sprach Zarathustra' für Gucci? 'Eine kleine Nachtmusik' für Prada? Und Ralph Lauren versucht es mal mit dem 'Walkürenritt'?"
"Die Socke ist das Sorgenkind der Mode", seufzt Paul Jandl in der NZZ, denn wer mit Socken hantiert, steht eigentlich immer schon einem halben Fuß im Aus dessen, was gerade noch zulässig ist: "Brave Bürger in ihren Brave-Bürger-Anzügen sagen plötzlich: Aber meine Socken, hey!, wenn sie zwischen grauer Hose und Komfortschuh buntfarbig Zweifelhaftes tragen. Socken! Mit keinem anderen Kleidungsstück kann man so schnell in No-go-Bereiche tappen, vor denen uns die Anziehgouvernanten und Karrierecoaches warnen. Zu Anzügen immer Strümpfe, niemals Socken. Zu Sandalen weder Socken noch Strümpfe. Beim Geschlechtsakt auch keine Socken. Wann denn überhaupt?"
Zweihundert Jahre Plakatkunst bestaunt Katharina Rudolph in der FAZ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, das ihr in einer großen Ausstellung nicht nur Plakate von Deutschland, Frankreich über Polen, Spanien und Russland bis nach Japan und Myanmar zeigt, sondern auch einige Überraschungen bietet: "Zum Beispiel, dass der öffentliche Aushang in Deutschland bis zur Revolution 1848 nur der Obrigkeit gestattet war, weshalb man sich in Sachen Reklame auf anderen Wegen zu helfen wusste. Frühe Theaterwerbung wurde in allseits bekannten privaten Hausfluren plaziert und die für 'Martins Bier' ganz einfach auf der Speisetafel eines Berliner Restaurants."