Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2021 - Design

Nils Moormann: "Vorstand"
Ein schlichter Schrank, der ein ganzes Arbeitszimmer fürs Home Office in kleinen Räumen in sich trägt: Gerhard Matzig staunt in der SZ nicht schlecht über den "Vorstand", den Nils Holger Moormann, der "Ironiker der sonst lustbefreiten Design-Szene", entworfen hat. Dieses Möbel "sieht im Normalfall aus wie ein besserer Schuhschrank und steht dort, wo er das Wohnen nicht weiter stört. Wenn aber das Leben dieses schöne Wohnen doch einmal stören sollte, etwa in Form eines Anrufs von der Chefin, die das Home-Office-Wesen zu mehr Office und weniger Home anleiten möchte, dann ist die Stunde des Vorstands gekommen. Auf Rollen lässt sich die Front herausfahren, sichtbar wird ein im Korpus verankerter Sekretär mit herausklappbarer Tischplatte. ... Das Raumwunder auf Vollgummi-Rollen misst im sozusagen erigierten Zustand 170 Zentimeter in der Tiefe. Zum Schrank geschrumpft sind es gerade mal knapp 37,5 Zentimeter. Das Möbel ist knapp einen Meter breit und gut zwei Meter hoch. Das Tiny House Movement ist um einen winzigen Arbeitsraum reicher."

Die Mode pflegt derzeit den Trend zur Marmorierung, ist ZeitMagazin-Kolumnist Tillmann Prüfer aufgefallen. Darin liegt auch eine gewisse Ironie der Geschichte: "Während wir heute Marmor als ein Muster sehen, das wir auf Textilien aufbringen können, damit sie zeitlos edel wie in Stein gehauen aussehen, war er in der Antike vor allem ein Untergrund, um Farbe aufzubringen, damit ein in Stein gemeißelter Gott einen möglichst schrillen Fummel tragen konnte."

Außerdem: In Pirmasens, wo mal die Hälfte der Bevölkerung in den einst 330 Schuhfabriken der Stadt gearbeitet hat, schließt nun auch Peter Kaisers Fabrik, mit der mal alles angefangen hat, berichtet Gianna Niewel in ihrer Reportage für die Seite Drei der SZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2021 - Design

Emre Çaylak berichtet in einer Reportage für Dlf Kultur von der bitteren Lage der Textilarbeiterinnen in der Türkei, wo zahlreiche internationale Modefirmen produzieren lassen: Viele Unternehmen vor Ort haben ihre Näherinnen aufgrund der pandemiebedingt eingebrochenen Auftragslage in "unbezahlten Urlaub" geschickt, den der türkische Staat - mit einer lachhaft geringen Summe von 140 Euro - kompensiert. Auch Coronahilfen der beauftragenden Modekonzerne kamen offenbar nicht bei der Basis an. "Eine beliebte Masche sei auch, bei der Kurzarbeit zu betrügen, erklärt Gewerkschaftschef Arslanoğlu. Ähnlich wie in Deutschland zahlt der Staat den Firmen bei Kurzarbeit 60 Prozent des Lohns für ihre Angestellten, 40 Prozent muss der Arbeitgeber in der Türkei weiterbezahlen. Arslanoğlu weiß aus Erfahrung, wie der Betrug funktioniert: 'Die Firma meldet einen Auftragseinbruch an. Die Angestellten kommen zwar weiter zur Arbeit und die Produktion läuft ganz normal weiter. Aber die Firma stellt es so dar, als würden sie zu Hause bleiben.' ... In einem Fall, über den türkische Zeitungen berichteten, hatte eine Firma, die für den schwedischen Modekonzern H&M produziert, ihre Angestellten gezwungen zur Arbeit zu kommen, inklusive dem coronainfizierten Vorarbeiter. Immer auf der Jagd nach Aufträgen. Das Ergebnis: Dutzende wurden krank, zwei Menschen starben."

Weiteres: Der Trend der Sommermode geht zur einseitigen Schulterfreiheit, schreibt Tillmann Prüfer in seiner ZeitMagazin-Kolumne. Und: Wenn Sie den Spargel auf Ihrem Teller über haben: Werfen Sie ihn über die Schulter:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2021 - Design

Im großen 54books-Gespräch mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken geht es auch um das geringe Standing, das Mode außerhalb der einschlägigen Bubble hat: "Hierzulande interessieren an der Mode hauptsächlich zwei Aspekte: 1. People, also Klatsch und Tratsch und der Schauder vor der Verworfenheit dieser Welt, und 2. eine moralische Kritik der Mode als umweltschädliche, als ausbeuterische Industrie. ... In Deutschland hält man es für Verschwendung, etwas für den perfekten Moment vielleicht gar aus purem caprice zu kaufen." Nicht zuletzt werde auch "völlig vergessen, dass die Mode Protest ist gegen die Politik des quadratisch, praktisch, guten und überhaupt gegen den Utilitarismus. Letzten Endes ist sie auch Protest gegen eine Politik des vernünftigen, gesunden Menschenverstandes."

Besprochen wird Virgil Ablohs Bildband über Nike-Sneakers (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2021 - Design

Das "Senftenberger Ei": Von Peter Ghyczy im Westen gestaltet, aus Kostengründen aber in der DDR produziert (Jürgen Hans/Vitra Design Museum)

Begeistert kehrt SZ-Kritiker Kito Nedo von seinem Ausflug ins Vitra-Design-Museum zurück, wo sich eine Ausstellung der Geschichte des deutsch-deutschen Designs widmet: DDR und BRD hatten demnach mehr miteinander zu tun, als es Kalten Kriegern seinerzeit lieb gewesen sein dürfte. Die Schau "mutet in ihrer gelassenen deutsch-deutschen Sachlichkeit und der paritätischen Gewichtung von Ost- und Westdesign geradezu revolutionär an" und "funktioniert vor allem deshalb so gut, weil die komplexe Verwobenheit von Politik, Ökonomie, gemeinsamen Traditionen (Werkbund und Bauhaus), Zeitgeist und Kultur ernst genommen wird. ... Noch in den avantgardistischen Verästelungen der Achtziger wirkt manches unglaublich wesensverwandt. Der Punk-Chic des Ostberliner Untergrund-Modekollektivs Allerleirauh um die beiden Designerinnen Katharina Reinwald und Angelika Kroker schien aus einer ähnlichen Haltung zu kommen wie die unglaublichen Strickdesigns der Westberliner Modemacherin Claudia Skoda, deren Mode auch in New York gefeiert wurde. Beide, das Ost-Kollektiv wie die West-Designerin, inszenierten ihre Modeschauen in den Achtzigern wie hedonistisch ausufernde Kunst-Happenings."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2021 - Design

Marina Razumovskaya erinnert in der taz an den Modedesigner Halston, dessen Leben gerade eine (von der Kritik - siehe hier und dort - allerdings nicht sonderlich goutierte) Netflix-Serie Revue passieren lässt. Immerhin: Die Serie findet Razumovskaya einigermaßen authentisch, wenngleich Frédéric Tchengs Doku von 2019 authentischer ist. Erst diese "zeigt, how to do it. Das Fashion Institut of Technology bewahrt eine große Menge Schnittbögen von Halston auf. Es sind eigentlich keine Schnitte, sondern es ist meist ein einziges Stück Papier, mit seltsamen Umrissen wie ein Puzzleteil, in dem Pfeile und kurze Anweisungen notieren, wo und wie zu falten ist, wo zusammenzunähen, zu knoten oder zu verdrehen. Halston scheint eine eigene Drapier-Sprache entwickelt zu haben."
Stichwörter: Halston, Modedesign, Netflix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2021 - Design

Kragstuhl von Mart Stam, entworfen 1926
Katrin Bettina Müller hat für die taz im Werkbundarchiv eine Ausstellung über die "frühen jahre" des Instituts für industrielle Gestaltung in der DDR besucht, die sie künstlerisch, aber auch historisch interessant fand: "Die Ausstellung erzählt eine Geschichte über den Kalten Krieg in den Künsten, über Moderne und Design, über Internationalismus und nationales Erbe. In ihrem Mittelpunkt steht Mart Stam, niederländischer Architekt, ehemaliger Bauhaus-Dozent, Kommunist und Entwerfer eines hinterbeinlosen Kragstuhls aus Gasrohren, der Vorläufer des berühmten Freischwingers. ... Heute gilt diese Ästhetik als klassische Moderne. Kulturfunktionären der jungen DDR aber schien ihre Nähe zum International Style, der von ehemaligen Bauhauslehrern und -lehrerinnen in die USA getragen worden war und sich im Exil erfolgreich entwickelte, als äußerst verdächtig."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2021 - Design

Vor fünfzig Jahren eroberten die Hotpants, einst als "leicht verrucht und ordinär" geltend - und sowohl für Frauen als auch für Männer gedacht, die Modewelt und die Straßen, freut sich Michael Ossenkamp in der Berliner Zeitung: "Bereits in den 1950er-Jahren hatten sich mutige Ladys nach dem Vorbild von Hollywood-Diven wie Marilyn Monroe mit den als 'Short Shorts' bezeichneten Höschen auf die Straßen gewagt und in einigen Städten der USA für helle Aufregung gesorgt. 1958 konnte die Band The Royal Teens noch mit dem Song 'Short Shorts' einen Hit feiern, danach gelang es Sittenwächtern aber, die im High-Waist-Style geschnittenen Teile zu verbannen. Wer im Alltag Hotpants trug, musste wegen Missachtung des vorherrschenden Dresscodes mit heftiger Kritik rechnen."
Stichwörter: Hot Pants, Monroe, Marilyn

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2021 - Design

Hat sich stets bemüht: Ewan McGregor als Halston (Netflix)

Ewan McGregor spielt in einer fünfteiligen Miniserie auf Netflix den legendären, 1990 gestorbenen Jetset-Modedesigner Halston, der in den 70ern zwischen Disco-Chic und Sex'n'Glam so ziemlich alles mitnahm. Eine glatte Fehlbesetzung, seufzt allerdings Jürg Zbinden in der NZZ: "McGregor ist ein Halston-Fake, vom Scheitel bis zur Sohle. Der Designer mit dem Look eines Dressman verfügte über eine Eleganz, die dem kompakter gebauten Schotten fehlt, was der Schauspieler nicht überspielen kann."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.05.2021 - Design

Hermann August Weizenegger in der Ausstellung © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / David von Becker

"Es passt zu unserer absurden Zeit, dass man eine der außergewöhnlichsten Ausstellung in Berlin derzeit nicht anschauen kann", schreibt Renata Stih in der taz, und legt uns dennoch "Atmoism - gestaltete Atmosphären" über Hermann August Weizenegger im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum ans Herz. Hier biete sich "ein überwältigender Eindruck.", denn Weizenegger bezieht sich in dieser Ausstellung auch explizit auf die räumlichen Gegebenheiten des Hauses und deren Sammlung: "In dieses Universum der kostbaren Dinge bringt Weizenegger eine völlig neue Dimension von Design, die sich stark mit Wiederverwertung von Material und der Umwidmung von Dingen auseinandersetzt. Er interveniert gezielt in Sammlung und Architektur, initiiert über Gegenstände Dialoge und geht virulenten Fragen von Nutzen, Sinn und Unsinn von Design nach, alles sehr genau formuliert und doch wunderbar spielerisch."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2021 - Design

Tisch von Mario Tsai (Webseite)


Im FAZ Quarterly führt Florian Siebeck in das Kunsthandwerk Chinas ein, das im modernen Design führend werden will. Zu den neuen Designern gehört auch "Mario Tsai, der mit Anfang 30 schon zu den gefragtesten Gestaltern des Landes zählt: Mit seinem 'Soft Minimalism' entledigt er sich in seinen Entwürfen allen Überflusses. In der Praxis wird daraus etwa der vier Meter lange, nur wenige Millimeter dicke Tisch 'Gongzheng' aus Aluminiumprofilen, der die Grenzen der Statik zu überwinden scheint; oder die Bank 'Grid' aus einem halben Zentimeter dünnen Sperrholzplatten, die massiv und federleicht zugleich wirkt - und irgendwie auch surreal."
Stichwörter: Chinesisches Design