Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

966 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 97

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Design

SPHINX - 'Superfunktionale Informations- und Kommunikationseinheit', alternative Konfiguration, Sowjetunion, 1986-87, Reprints, 2023, © Privatsammlung

Der Kalte Krieg fand auch auf dem Gebiet des Schönen und Nützlichen statt, erinnert Paul Jandl in der NZZ nach dem Besuch der Berliner Ausstellung "Retrotopia. Design for Socialist Spaces" (mehr dazu bereits hier): Zwischen den beiden Machtblöcken "tobte ein Konkurrenzkampf um Modernität. Um Technologie und Design. ... Wer die Zukunftsarbeit des Ostblocks zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren sieht, der erkennt einen kreativen Enthusiasmus, der den des Westens vielleicht sogar übertrifft. Die staatlichen Design-Akademien quollen über von Ideen, die entweder nie verwirklicht wurden oder ohnehin utopisch gedacht waren." Außerdem "war der Minimalismus des Ostens ein anderer als der des Westens. In ökonomischen Mangellagen musste man minimalistisch operieren, während die Schlichtheit im Westen ein absichtlicher Verzicht auf Opulenz war. Dass beide Systeme Designs hervorgebracht haben, die sich ähnlich sehen, kommt nicht von ungefähr. Es gab informelle Kanäle zwischen Architekten und Designern, auch der Sowjetstaat selbst ließ sich gelegentlich westliche Designer-Ware zu Anschauungszwecken kommen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Design

Laura Hertreiter, Cornelius Pollmer und Max Scharnigg berichten in der SZ glänzend aufgelegt von der Mailänder Möbelmesse, wo sich ihnen in diesem Jahr "eine erstarkte Freude am Design-Design" zeigte. Kein Minimalismus mehr - das Auge wohnt schließlich mit: "Visier offen, Maske weg, große Materiallust allerorten. Viele interessante Oberflächen haben ihren Weg auf die Messestände gefunden, ein Lavasteintisch bei Magis, blasenreicher Beton überall, wild gemaserter Marmor, raffiniert Glasiertes und deftige Farbverläufe bis hin zu batik-artigen Mustern bei Moroso. Aber auch unerhört schmückende Reliefs und Ornamentik, angesichts derer Adolf Loos wieder mal im Grab rotieren dürfte. Irisierende Keramik als Lampenfuß, dickfleischige Rippen im Sofabezug - man ist im guten Sinne oberflächlich geworden. Selbst bisher streng sterile Badarmaturen wie beim Hersteller Grohe können jetzt bis zum kleinsten Hebel mit Spezialmaterial individualisiert werden und dann aussehen, als wäre der nächste Steinbruch nicht weit."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Design

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Ziemlich super findet es Gerhard Matzig in der SZ, dass Frank Lloyd Wright mit einem Turnschuh geehrt wird: Gerade ist der Sneaker New Balance 998 Broadacre City erschienen, ein für Sammler gestalteter Entwurf, der für einen ansehnlichen dreistelligen Betrag verkauft wird und eine Hommage an den berühmten Architekten darstellt. Designer Ronnie Fieg "ahmt in Form- und Farbgestaltung einen nie realisierten Stadtutopie-Entwurf von Wright namens 'Broadacre City' einerseits und die seit den Achtzigerjahren zur Legende (unter Sneakerfreunden) gewordene Silhouette des 998-Modells andererseits nach. ... Fiegs Version erinnert an frühe Skizzen des Broadacre-Entwurfs, der als Studie 1932 im Artikel 'The Disappearing City' vorgestellt wurde." Darin plante Wright "eine suburbane, dezentral organisierte und von titanischen Highways durchzogene Welt ... Fußgänger gibt es in diesem Reich nicht. Aber vielleicht ist die Vorstellung, Sneakers könnten etwas mit dem Gehen zu tun haben, so bizarr wie Wrights Farmhaus-Romantik, die in Deutschland in Form pendlerpauschalhaft zerdieselter und zersiedelter Eigenheim-Wucherungen Wirklichkeit wurde."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2023 - Design

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Die Modedesignerin Mary Quant ist im gesegneten Alter von 93 Jahren gestorben. Generationen junger Frauen verdanken auch Quant mit dem Minirock den modischen Ausdruck ihrer rebellischen Unangepasstheit, schreibt Kathleen Hildebrand in ihrem SZ-Nachruf. "Wenn heute jeder bei den Worten 'London' und 'Sixties' sofort Bilder von knallbunten Kleidchen und von androgynen jungen Frauen mit Baskenmütze vor sich sieht, wie das Model Twiggy eine war", dann ist das auch Quants Verdienst. Diese hatte einfach "ein irres Gespür für das hatte, was in der Londoner Luft lag. Und bald nicht mehr nur dort: 1965 folgten die Minikleider mit Mondrian-Print von Yves Saint Laurent, die Rocklängen waren schon seit Beginn der Fünfzigerjahre überall immer kürzer geworden. Manchmal braucht es eben Menschen, die ihrem inneren Seismografen vertrauen, damit ein welterschütternder Trend entsteht. ... Quant sagte selbst, dass es nicht sie war, die den Minirock erfand, sondern: 'Es waren die Mädchen in der King's Road'", während sie selbst nur Kleidung anbot, deren Länge die Käuferinnen selbst bestimmen konnten.
Stichwörter: Quant, Mary, Mode, Instagram, 1960er, Model

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2023 - Design

Das wurde aber auch Zeit, meint Lerke von Saalfeld in der FAZ: Endlich wird der von den Nazis 1943 ermordeten Goldschmiedekünstlerin Paula Straus eine eigenen Ausstellung gewidmet. Ausgerichtet hat sie das Stadtpalais - Museum für Stuttgart im Rahmen seines "Festivals der Frauen", FemPalais. "Schon beim Betreten der Räume umfängt den Neugierigen eine zauberhafte Atmosphäre. Aus den Vitrinen blinken und blitzen die fein ziselierten Silberwaren, goldverzierte Monstranzen, Bestecke und natürlich Goldschmuck. Angesiedelt zwischen Bauhaus und Neuer Sachlichkeit, mit Anspielungen auf Art Déco und englischen Klassizismus, schuf Straus Meisterwerke der Formkunst, einer Formkunst, die - wenn möglich - auf jedes Dekor verzichtete, sich puristisch der Strenge und Einfachheit hingab. Selten sind es Einzelstücke wie eine Obstschale oder eine Wasserkanne, meist waren es Tee- und Kaffeeservice mit Kannen, Sahnetöpfchen, Zuckerdosen, Teesiebe mit Untersatz, vornehm auf einem Tablett angeordnet." Und Schmuck, den sie in einem separaten Atelier für Einzelaufträge fertigte.
Stichwörter: Bauhaus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2023 - Design

Modell des 'intelligenten Arbeitsraums' in Originalgröße, Teil der 'Heim-Informations-Maschine '(DIM), ausgestellt auf der Elektronik-Ausstellung, Moskau, Sowjetunion, 1971, Reprint, 2023, © Privatsammlung Wladimir Papernyj

Das Kunstgewerbemuseum Berlin wirft mit seiner Ausstellung "Retrotopia" einen Blick auf die Geschichte des sozialistischen Designs in den Ostblockländern. Die versammelten Objekte demonstrieren die in den Sechzigern und Siebzigern angeschobene Sehnsucht nach der Zukunft, nach "Smarthomes", schreibt Kevin Hanschke in der FAZ. "In der Sowjetunion wurden ab 1962 beispielsweise die kugelförmigen Staubsauger 'Saturnas' des litauischen Ingenieurs Vytautas Didžiulis hergestellt. Die blauen oder orangefarbenen Kugeln zeugen ebenso wie das Dickglas-Objekt 'Weltraumfantasie' von 1965 des Künstlers Algimantas Stoskus von der Kosmos-Verliebtheit dieser Epoche. Grafische Formen hängen von der Decke, bestückt mit Edelsteinen und Lavabrocken. In allen Teilen der Sowjetunion entstehen Designschulen, die eine Ästhetik des Weltraumzeitalters erschaffen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2023 - Design

Céline Baumann, Das Parlament der Pflanzen, 2020. © Studio Céline Baumann


SZ-Kritiker Gerhard Matzig schwört seinem Moos-Killer ab nach dem Besuch der Ausstellung "Garden Futures - Designing with Nature" im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein. Der Vorschlag der Kuratoren, die ganze Erde als Garten zu verstehen, leuchtet ihm sofort ein: "Was ganz privat dazu führt, dass man sich nach vielen Jahren im Ringen um den perfekten Rasen von der albernen Nordkorea-Idee homogen gedrillter Halme in Reih und Glied verabschiedet. In diesem Frühjahr sieht der eigene Garten gelblich aus. Das anarchische Moos ist auf dem Vormarsch. Von der Textilkünstlerin Alexandra Kehayoglou ist im letzten Raum ein riesiger Teppich in der Anmutung einer kargen Landschaft zu sehen, die in ihrer Mooshaftigkeit auch reich ist. Karg, reich, im Werden, im Vergehen. Es geht um die Kunst der Balance. Als faschistoider Kleingärtner wird man, versprochen, nie wieder 'Moosfrei'-Rasendünger verwenden. Man wird das Moos umarmen. Irgendwo muss man ja mal anfangen mit dem Weltretten."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2023 - Design

Irving Penns Foto eines Entwufs von Rei Kawakubo aus dem Jahr 1996. Bild: Palais Galliéra.
Wir wussten es noch nicht, aber das Jahr 1997 war ein Schwellenjahr in der Geschichte der Mode. Bernard Arnault legte mit dem Engagement sehr junger Designer wie John Galliano oder Alexander McQueen in Häusern wie Dior und Givenchy den Grundstein für sein Modeimperium (das sich heutzutage mit der obszönen Inszenierung von Logos begnügt). Aber damals gab es tatsächlich eine Menge Bewegung, notiert Marc Zitzmann in der FAZ anhand der Schau "1997 Fashion Big Bang" im Pariser Palais Galliéra: "Manche legten den Grundstein für neue Looks: Tom Ford für den nicht geschlechtsspezifischen Pornochic (mit seinem durch Aphroditen wie durch Apollos getragenen G-String für Gucci), Raf Simons für den adoleszenten Look bei Männern (mit einer Bande ranker Skater und Surfer in seinem ersten Defilee). Andere setzten den Akzent aufs Konzeptuelle. Martin Margiela spielte in seiner 'Stockman'-Kollektion mit dem Non-finito, indem er auf ausgehöhlte Mannequin-Büsten einen halben Rock oder Pullover heftete. Hussein Chalayan stieß mit seiner Kollektion 'Between' eine Reflexion zum Thema 'Identität' an."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2023 - Design

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Auf nach Paris, ins Museum du Quai Branly, ruft uns Andreas Platthaus in der FAZ zu. Dort ist eine Ausstellung von historischen Kimonos zu sehen - und dass diese bereits seit drei Jahren durch die Häuser dieser Welt reisen, grenze an einer Sensation: "Aus konservatorischen Erwägungen möchte man sich wünschen, dass es nun ein Ende damit habe, obwohl man in der Ausstellung selbst gar kein Ende finden kann." Deutlich wird dem Kritiker aber beim Rundgang, dass es beim Kimono um "die Kaschierung der Körperform" geht: "In Japan war man zu dezent, um körperliche Merkmale auszustellen; was an Alltagssexualisierung stattfand, das spielte sich über Attribute wie geschwärzte Zähne und weißgeschminkten Teint bei Frauen oder mittels Haarknoten bei Männern ab. Der Kimono aber ist in seinem Zuschnitt unisex, wobei es wiederum klar nach Geschlechtern getrennte Stoffmuster gibt. Doch mit westlichen Klischeevorstellungen von männlich oder weiblich kommt man da nicht weit: Aufgemalte oder -gedruckte (sehr selten gestickte) florale Motive schmücken auch Männerkimonos, und von den streng geometrisch gemusterten Beispielen sind die meisten für Frauen hergestellt worden." Zu erleben "ist ein Überreichtum an Farben und Mustern und Handwerksgeschick, der da auf der Grundlage eines uniformen Kleidungsstücks entstanden ist. Aber mehr Individualität war in der Mode nie."

Das gibt es nicht oft: Modekritik. Der Blogger Derek Guy analysiert in einem Twitter-Thread haarklein ein "Cashmere Roadster Jacket", das die ultrateure Firma Loro Piana seit zwanzig Jahren produziert. Nur ist die Firma inzwischen vom Modegiganten LVMH gekauft worden, der die Preise erhöht und die die Qualität verschlechtert. Guy betrachtet ein prä-LVMH- und ein neues Jackett. Ein Beispiel: "Die alte Jacke hat zwei rechte Innentaschen, die in das Kaschmir eingearbeitet sind. Bei der neuen Version gibt es nur eine einzige Tasche, die in das Futter eingearbeitet ist. wenn man die Innentasche auf diese Weise in das Kaschmir einarbeitet, lässt sie sich leichter reparieren. sollte der Träger einmal versehentlich die innentasche aufreißen, muss man nur dieses kleine Stück Kaschmir ersetzen, nicht das gesamte Futter."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2023 - Design

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Für die taz porträtiert Marina Razumovskaya die ukrainische Modedesignerin Kristina Bobkova. Aus der Not von Coronakrise und kriegsbedingtem Mangel hat sie eine Tugend gemacht: So "entstehen Outfits mit überraschenden Details, in denen eine Vielzahl handwerklicher Techniken gleichzeitig angewandt ist: Sticken, Stricken, Häkeln, Upcyceln, klassische Schnitt- und Nähtechniken, reihenweise gelegte Falten. Bobkova mischt Techniken wie eine DJane die Musikstile. Am Ende aber kommen dabei - das ist ihre hohe Kunst - Kleider aus einem Guss, einer Idee heraus, oft schlicht und sehr tragbar." Ihre "Kollektion heißt 'Mriya'. Das ist auf Ukrainisch der Traum. Eingraviert steht das Wort auf drei Ringen aus Messing, in drei Farben: Gelbgold, Rosegold und Silber. Sie werden als Trio getragen, auch an der Kette, Kristina hat sie selbst entworfen. 'Mriya' ist der Traum von wehrlosen und gleichzeitig starken Frauen, die viele Welten bewohnen und vieles können, die leben, überleben wollen, um ein neues, friedliches Leben aufzubauen."

In der taz geht Katharina J. Cichosch dem Trend zu Teddyfell-Klamotten auf den Grund: Sie erblickt darin eine exzessive Behaglichkeit, die die Grenze zum im Straßenalltag Unnützen oft übersteigt. "Das Fell wird zur ultimativen Ausweitung der Komfortzone. Ein Zustand, in dem das Innen - äquivalent zum modischen Futter - bisweilen unerwartet nach außen gestülpt wird."