Bild: David Uzochukwu for Iris van Herpen, Hydrozoa Dress, Sensory Seas Collection, 2020. Iris van Herpen private collection Ob Lady Gaga, Beyoncé oder Cate Blanchett - sie alle trugen auf Galas bereits Kleider der niederländischen Modedesignerin Iris van Herpen, der das Musée des Arts Décoratifs in Paris nun eine große Schau widmet. Und die verschlägt FAS-Kritiker Niklas Maak schier den Atem, erkennt er in Herpens Entwürfen doch nicht nur den "futuristischen Nachfolger" der "rauschenden" Naturbilder der Maler des Rokokos: "Van Herpen brachte neue Technologien in die Mode, sie produzierte mit einer bisher ungesehenen Präzision und Filigranität Kleider, die nicht genäht, sondern im 3-D-Drucker hergestellt wurden, ihre Kostüme verdanken den Herstellungsverfahren der Architektur und des Automobilbaus ebenso viel wie der klassischen Schneiderei. Da geht der Stoff über in Flügel aus Acrylglas, in Skelette aus Aluminium, in Plexiglas, Polyesterfolie oder thermoplastischen Kunststoff, dank PolyJet-3D-Druck werden neue Verbindungen von Tüll und Plastik möglich, und die Ergebnisse sind spektakulär: Ein Kleid aus van Herpens 'Sensory Seas Couture' erinnert an ein Mobilé aus Fischgräten, ein anderes an eine Auster aus fernen Galaxien, ein drittes an die zuckend eleganten Bewegungen von Quallen aus Seide, ein viertes sieht so aus, als habe man Farnkrautblätter zu einer Schutzmembran verwebt."
Dennis Braatz besucht für die SZ die Ausstellung "Chronorama: Photographic Treasures of the 20th Century" im Berliner Museum für Fotografie. Gezeigt wird ein Querschnitt aus mehreren Jahrzehnten Modefotografie. Besonders hervorzuheben sind laut Braatz die Arbeiten Lee Millers, ein ehemaliges Model, das bald hinter die Kamera wechselte. "1944 wurde Miller von der amerikanischen Armee akkreditiert, reiste mit an Fronten, dokumentierte die Belagerung von Saint Malo und gehörte zu den ersten Fotografen, die die Vernichtungslager Dachau und Buchenwald nach deren Befreiung betraten. Ihre Fotos sind erschütternde visuelle Zeitzeugnisse. Dass sie zuerst in einer Modezeitschrift erschienen, weiß heute kaum noch jemand. Sollte aber jeder, der immer noch glaubt, dass sich Hochglanztitel nur um den schönen Schein kümmern würden.
Majestätischer Charme: Juliette Binoche als Coco Chanel in "The New Look" Die Streamingdienste entdecken die Modegeschichte für sich. Da Mode längst ein internationales Konzerngeschäft ist, fallen die Ergebnisse allerdings recht nostalgisch und wohlwollend aus, notiert Ingeborg Harms online nachgereicht in der FAS. ToddA. Kesslers Apple-Serie "The New Look" über Dior etwa wirkt wie ein Thriller: "Die Serie ist reich an Cliffhangern und Glückswechseln, fulminant erzählt, schauspielerisch großartig und filmästhetisch ein Genuss. Die heikle Aufgabe, ikonische Persönlichkeiten glaubhaft zu besetzen, wurde überzeugend gelöst. BenMendelsohn stattet Christian Dior mit herrlichenManierismen aus, verleiht ihm Subtilität und Seelentiefe. JulietteBinoche entfaltet als abgründig-unberechenbare CocoChanel verblüffende Ressourcen, kultiviert ihren Zynismus, ihren Freimut, ihren majestätischenCharme und tritt in den legendären, weich fallenden Hosenanzügen umwerfend authentisch auf. (...) 'The New Look' schneidet Glamour und Elend hart gegeneinander und gewinnt an Tempo, als die Amerikaner in Paris einziehen. Kollaborateure werden ans Licht gezerrt, oder sie ziehen, wie Chanel, an Fäden, die bis zu Winston Churchill reichen, um von den Verhaftungslisten zu verschwinden und ihr Renommee zu retten."
Daniel Lüthi schreibt im Tages-Anzeiger zum Tod des Berner Designers HansEichenberger: "Seine Stehleuchte, seine Stühle und Sessel gehören seit über sechs Jahrzehnten weitherum in form- und qualitätsbewusste Haushalte und Institutionen. ... In einer Monografie mit dem Titel "Protagonist der Wohnkultur" werden die Eichenberger-Klassiker als 'Erfolgsmodelle ohne Starallüren' beschrieben. Dazu gehören der Saffa-Stuhl von 1955 aus verchromtem Stahlrohr und mit lederbezogener Sitzfläche, der klappbare Expo-Stuhl von 1964 aus Holz oder das äußerst erfolgreiche Schrankmöbel 'Litfasssäule' von 1993."
Julia Werner ist in der SZ völlig umgehauen von MaisonMargielas Haute-Couture-Show in Paris, die den Modejournalismus endlich mal wieder so richtig aus dem Phlegma der letzten Jahre reißt. Die Entwürfe sind kühn, das Handwerk "atemberaubend", zu beobachten ist "ein einziges wundervolles, verzweifeltes Taumeln und Straucheln." Doch dann "passiert vor dem Bildschirm etwas völlig Unerwartetes, wenn Models mit starken Armen und großzügigen Rundungen die transparenten Abendroben aus federleichtem Tüll präsentieren, mit baren Brüsten und Schamhaar-Toupets darunter: Die Frau sieht sich plötzlich selbst. Sie sieht den eigenen Körper. Der Körper ist das Kleid, nicht die Tüllage darüber. Und er ist stark. Sind das Korsett, die riesigen Gesäße und die teilweise verschmierten, schmerzverzerrten, mit Nylon-Stretch überzogenen Gesichter ein Kommentar zu dem, was Frauen ihren Körpern per Fotofilter und per plastischerChirurgie antun? Ist das hier eine Kritik am auch von den Kardashians eingeführten Gaga-Schönheitsideal?"
Gerhard Matzig kann in der SZ nur noch mit dem Kopf schütteln, wenn er eine neue, von einer Grazer Firma gestaltete Superyacht mit eingebauter U-Bootfunktion sieht, die es ihren Besitzern für kolportierte zweiMilliarden gestattet, yacht-üblichen Luxus mit der Möglichkeit zu kombinieren, buchstäblich unterzutauchen. "So muss es sein, das Leben: ein unendlicher Spaß. Wie bei Hamlet, auf den David Foster Wallace mit seinem Buch 'Infinite Jest' anspielt, wobei das 'Infinite' an den Infinity-Pool erinnert. Der ist beim kolportierten Kaufpreis als Zubehör enthalten. Im U-Boot, aber doch am Pool: schon ziemlich schräg - aber das ist ja der Witz. Was die rund 1000 Quadratmeter Fläche noch ausfüllt: Hubschrauber, Heißluftballon, Tauchausrüstung, Jetski, Speisesaal, diverse Bars, Kino, Weinkeller und 'Camp-Ausrüstung (tropisch und arktisch)'. Alles inklusive. Sonderwünsche sind möglich. Das U-Boot, das den unendlichen Spaß ins ohnehin nicht sehr spaßarme Yacht-Business überführt, soll eine Reichweite von 15 000 Kilometern haben. Man kann damit vier Wochen lang abgetaucht unter Wasser bleiben. Unter dem Radar in gewisser Weise auch. Und ist man eigentlich steuerpflichtig zwischen Tropen und Nordpolarmeer?"
Bestimmt jede Szene: Balenciaga (Disney+) Eigentlich ist die Idee ja ganz hervorragend, über den legendären Modeschöpfer CristóbalBalenciaga eine Miniserie (zu sehen auf Disney+) zu produzieren, findet Tanja Rest im Tagesanzeiger. Schließlich stecke in Balenciagas Biografie "alles drin, Glamour und Zeitgeschichte, Eskapismus und Abgründe, Modegötter, eine leibhaftige Königin und die herrlichsten, kostbarstenRoben einer ganzen Ära. Nicht zu vergessen: Paris, in einer Zeit, als es dem eigenen Klischee am nächsten kam, ganz in tänzelnder Bewegung und flirrend vor Verheißung, wie von sich selbst beschwipst." Doch leider "scheitert die Serie, schwer seufzend ergibt sie sich der Megalomanie ihres Protagonisten. Balenciaga ist als Allmächtiger in jeder Szene, und um ihn herum sind lediglich Figuren, die Talking Heads, Coco & Co. eben. ... Man wird als Zuschauer in diese Serie hineingeschnürt wie in ein Reifrock-Korsett. Was ein Jammer ist, wenn man an Balenciagas Kleider denkt. Denn so kompliziert sie waren - sieatmeten, sieschwebten."
Das Wohnen der Zukunft wird abgerundeter, weicher, gepolsterter, nimmt SZ-Kritiker Gerhard Matzig als Ausblick von der MöbelmesseKöln mit. Als Beweisstück A dient ihm dabei der von LukasHeintschel für Cor gestaltete Beistelltisch "Echo", für Matzig "die deutsche Antwort auf den Cybertruck von Tesla" (hier unser Resümee zu diesem gepanzerten Straßenungetüm). "Am Fuß wird das aparte Tischchen mit Stoff oder Leder weich ummantelt, die naturfarblich gestaltete Glasplatte oben ist sanft eingefasst. ... Cor spricht von 'dezenter Polsterung' und vom 'Stoff, aus dem die Träume sind'. Echosagt: Peace!" Zwar gibt es keinen "FriedenspreisdesdeutschenMöbelhandels", aber Leo Lübke, der amtierende Cor-Chef, hätte ihn verdient."
Andreas Herzog graut es in der NZZ vor der neuen Lust am Grau, wie sie sich ihm in der Schweiz darbietet: Städte, Inneneinrichtungen, Autos - alles grau. "'Neutralgrau', so die Fachbezeichnung, ist der Ground Zero der Farbpalette, irgendwo zwischen Aschgrau, Staubgrau und Totengrau verharrt es ohne jede Beimischung am Nullpunkt zwischen Weiß und Schwarz. Eine gleichgültige Unfarbe für Unentschlossene und Mutlose, die in der Masse untergehen wollen. Politisch mag die Schweizer Neutralität nicht mehr opportun sein, farblich ist sie en vogue wie lange nicht mehr."
Besprochen wird die Wiener Ausstellung "Critical Consumption" über nachhaltigesProduktdesign (taz, mehr dazu bereits hier und dort).
José Canops: Zylinderbureau. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum.Mit der Ausstellung "Canops. Möbel von Welt für Karl III. von Spanien (1759-1788)" im Berliner Kunstgewerbemuseum entdeckt Christoph Schmälzle in der FAZ die Geschichte der europäischen Luxusmöbel neu - dank einer Zusammenarbeit zwischen Berlin und Madrid. Am spanischen Königshof hatte José Canops, geboren als Joseph Cnops im Herzogtum Limburg, gewirkt: Den Rezensenten "beeindrucken Canops' Möbel durch technische Perfektion, beinahe bildhauerische Plastizität und überreichen Intarsiendekor. Der Berliner Schreibtisch gehört zu den wenigen Stücken dieser exklusiven Produktion, die je den Madrider Palast verließen. Er braucht den Vergleich mit dem berühmten 'bureau du roi' Ludwigs XV. nicht zu scheuen, an dem Oeben und Riesener neun Jahre lang gearbeitet haben. Formal innovativ sind die durchgehend dekorierten Seitenwangen - sie negieren die ansonsten übliche Trennung von Tisch und Aufsatz. Vor allem frappieren die elegant gebogenen Beine. Sie haben ein Detail, das man eher in der Postmoderne erwarten würde, nämlich Augen. Das heißt, der Tisch blickt uns mit jedem seiner Beine an - er steht auf vier stilisierten Elefantenrüsseln."
Nicht nur das von Pantone ausgerufene "Peach Fuzz" als Farbe des Jahres (unser Resümee) zeigt Peter Praschl (Welt): Der Trend geht in der Farbenwelt in Richtung Unaufgeregtheit - Entspannt- statt Grellheit. Hinzu kommt, dass immer mehr Prominente und "Instagram-Berühmtheiten" das Beige aus der Spießer- und Rentner-Ecke holen. Zu erleben "ist ein Minimalismus, der niemandem wehtut. Keine Kanten, nichts Hartes, nichts, das wie ein forsches Statement wirkt. Stattdessen: sandige Sanftheit, pastelliges Understatement." Ferner gibt es "in der westlichen Kultur eine äonenalteFarbenallergie, sagt der schottische Künstler und Autor DavidBatchelor, der ein lesenswertes Buch über 'Chromophobie' geschrieben hat, wie der wissenschaftliche Ausdruck für die Aversion gegen alles Bunte lautet. Seit der Antike, heißt es darin, werden Farben 'systematisch verdrängt, verleumdet, abgeschwächt und abgewertet'. ... Möglicherweise war Buntheit und Farbenpracht nur eine kurze Periode in der Geschichte der westlichen Kultur, eine Art kollektiver Rausch von Menschen, die plötzlich Kunststoffe und Textilien in industriellem Ausmaß färben konnten und einander aufreizen, anlocken und verwirren wollten, ehe sie schließlich doch noch bemerkten, dass die Langeweile von Beige, Greige und Pfirsich viel besser zu ihnen passt und gesünder für ihr mentalesWohlbefinden ist."
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