Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2024 - Bühne

Die Oper Frankfurt ist in der lang erwarteten Umfrage der Fachzeitschrift "Opernwelt" zum dritten Mal in Folge zum "Opernhaus des Jahres" gekürt worden, freut sich Judith von Sternburg in der FR. Berlin ging dagegen komplett leer aus, staunt Frederik Hanssen im Tagesspiegel, versucht es aber positiv zu sehen: "In unserer Bundesrepublik blüht die Kunst allerorten (und nicht nur in der Hauptstadt)." Frederik Hanssen berichtet ebenfalls dort von einem Protestbrief wichtiger Theatermacher gegen die eingeplanten Kürzungen im Kulturetat.

Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (FAZ, Zeit), Antje Thoms Inszenierung von Johann Christian Bachs Oper "Amadis" an der Oper Leipzig (Welt), Damiano Michielettos Inszenierung des Händel-Oratoriums "Messias" im Berliner Flughafen Tempelhof (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2024 - Bühne

Szene aus "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Foto: Katrin Ribbe

In Zeiten von Homeoffice und Arbeitsschutzrecht scheint Brechts "Klassenkampfparabel" "Herr Puntila und sein Knecht Matti" ziemlich in die Jahre gekommen, daran ändert auch Karin Beiers Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg nichts, seufzt Till Briegleb in der SZ. Zum Glück aber ist das Stück mit großartigen Schauspielern besetzt, allen voran Joachim Meyerhoff, der literweise Aquavit in sich hineinschüttet: "Seinem charmanten Virtuosentum folgt das Publikum selbst dann noch gebannt, wenn es inhaltlich längst nichts mehr Neues erzählt. Ein Rätsel mit Gewinn ist dagegen sein Gegenspieler, der 'gute Freund' und 'schlechte Mensch' Matti. Kristof Van Boven lässt seine Motive und Haltungen geschickt im Unklaren, maskiert mit einem stoischen Ernst seinen wahren Charakter und spiegelt damit die Schizophrenie seines Chefs in weit feinerer Weise." Nahezu hingerissen ist hingegen Nachtkritiker Stefan Forth von Beiers "düsterem, grotesk-komischem Abgesang auf die fatale Hilfslosigkeit männlichen Machtgehabes": "Derbe Momente und leise Töne, Schenkelklopfer und Abgründe, Slapstick und Poesie, wilde Tänze und lakonische Moritaten fügen sich klug arrangiert zu einer lustvollen Gesamtkomposition, in der jedes Tempo stimmt."

Cody Quattlebaum, Chor der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Carl Orffs Zeit ist vorbei? Nicht wenn Calixto Bieito dessen "Trionfi", dirigiert von Kent Nagano, auf die Bühne der Hamburger Oper bringt, staunt Manuel Brug in der Welt: Mit dem ukrainischen Chor der Liatoshynski Capella Kiew veranstaltet Bieito "ein minimalistisch schlüssiges, an Pina Bausch gemahnendes Tanztheater der Geschlechterkämpfe. Angeführt wird es von dem sich grandios entäußernden Tenor Oleksiy Palchykov und der lässig zwischen Anziehung und Abstoßung ihre Soprantöne wie Emotionen verteilenden Nicole Chevalier. Die küssen, schlagen und lieben sich in packender Direktheit, der Chor begleitet das mit seinen heidnischen Hymnen in streng rhythmisierter Orgiastik. Männer in Brautkleidern, Frauen mit verschmierten Lippenstiftmündern, ein paar nackte Statisten, eine Kleinwüchsige, Federvieh, Fortuna als alte Frau und durchgehend präsentes Memento Mori, da finden sich viele Wuppertaler Stilmittel in dieser überraschend stimmigen, aktuellen Orff-Zurichtung."

Weitere Artikel: Nachtkritiker Janis El-Bira macht sich Gedanken zur Namensänderung von Theatern. Pipilotti Rists Gestaltung des "Eisernen Vorhangs" der Wiener Oper wurde gestern der Öffentlichkeit vorgestellt, meldet der Standard mit APA.

Besprochen werden Dušan David Pařízeks Adaption von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" am Schauspiel Stuttgart (FAZ) und der Abend "Drei Tage für Österreich. Ultimative Feier der Demokratie (bevor's zu spät ist!)" am Wiener Volkstheater, für das Intendant Kay Voges unter anderem mit dem vertonten FPÖ-Wahlprogramm Wahlkampf macht (Standard)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2024 - Bühne

Szene aus der "Prinz von Homburg" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

Eine starke Saison-Eröffnung liefert Jens-Daniel Herzog mit seiner Inszenierung der Oper "Prinz von Homburg" von Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann an der Oper Frankfurt ab, freut sich FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Bachmann hatte in ihrem Libretto schwer mit der berühmten Schlusszeile Kleists zu kämpfen: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!", erinnert Sternburg. Um den Dichter vom Vorwurf des Nationalismus zu befreien, "heißt es ins kampfbereite Ende hinein bei Bachmann noch einmal, nein, zweimal ausdrücklich, 'dass die Empfindung einzig retten kann'". Das Kriegerische und Martialische des Originals weicht in Herzogs Inszenierung jedenfall dem Verwunschenen und Verträumten, so Sternburg: "Eine sich an Musik und Text anschmiegende Fasson, die dabei auf ihre Eigenständigkeit und ihr Profil achtet. Der Bachmann-Henze'schen Linie einer Zivilisierung folgen Regisseur Jens-Daniel Herzog und sein Team minuziös, zeigen sich dem Preußischen gegenüber skeptisch, zeigen Menschen auf der Bühne. In der FAZ ist Wolfgang Fuhrmann skeptischer. Zwar evoziere das Orchester "unter der Leitung von Takeshi Moriuchi in erstaunlicher Farbigkeit und Differenziertheit lyrische und träumerische Zustände ebenso wie die unerbittliche Rhythmik militärischer Fanfaren und Trommelwirbel." Gleichzeitig bleibt in der Inszenierung aber "alles in einer fast lehrstückhaften Distanz", bemängelt Fuhrmann. 

Weiteres: In der taz berichtet Alina Komorek vom "Fragile"-Festival am Pina-Bausch-Zentrum in Wuppertal, das sich mit der Frage der Nachhaltigkeit bei Theaterproduktionen auseinandersetzt. Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" (nachtkritik), Franz von Strolchens Inszenierung von Christian Winklers Stück "Rooting for the anti-hero" (nachtkritik), Sebastian Schugs Inszenierung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Damiano Michielettos Inszenierung "Messias" im Berliner Flughafen Tempelhof (SZ), Goldie Rölls Inszenierung von Jona Rauschs "Betonklotz 2000" (taz) und Andreas Homokis Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" am Opernhaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2024 - Bühne

Szene aus Calixto Bieitos "Trionfi" an der Staatsoper Hamburg.

Ein "Totentanz mit apokalyptischem Grundton" wird Reinhard J. Brembeck mit Carl Orffs "Trionfi" an der Staatsoper Hamburg geboten, inszeniert von "Skandalregisseur" Calixto Bieito. So skandalös findet der SZ-Kritiker das Ganze gar nicht, derb geht es hier zu, aber das sei in den mittelalterlichen Gedichten, auf denen Orffs Dreiteiler beruht, auch schon angelegt. Bieito entschied sich für die biblische Lesart, erzählt Brembeck: "So deutet er die berühmteste Groteske der 'Burana' ins Christliche um. Countertenor Jake Arditti singt hinreißend den Schwan, der vom Koch verbrannt auf die Tafel der Säuferhorde kommt. Arditti wird - an eine Stange gefesselt - wie ein erlegtes Wild hereingeschleppt, ein paar Federn kleben ihm noch am fast nackten Körper, sein Schwanengejammer ist erbärmlich köstlich, die Vaganten schneiden sich Fleischstücke von ihm herunter. Bieito richtet handfest prall Jahrmarktstheater an, Grand Guignol, Kasperlei. Realistisch ist nichts, auch nichts Psychologisches steckt da drin." In der FAZ kann Jürgen Kersting mit dem "suffgeborenen, an Anzüglichkeiten überbordenden Spektakel" wenig anfangen, dafür haben Dirigent Kent Nagano und "das prächtige Zusammenspiel, die Pracht der Chöre, die rhythmische Prägnanz des Orchesters allen Beifall verdient." 

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel ist Frederik Hanssen erleichtert, dass es bei der Sanierung der Komischen Oper Berlin nun doch nicht zu einem Baustopp kommen soll, wie Joe Chialo verkündete.  Uwe Mattheis berichtet in der taz Neues aus der Wiener Theaterszene.

Besprochen werden Marco Layeras Inszenierung des Stücks "Mia san Mia" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Stas Zhyrkov Adaption von Natascha Wodins Roman "Sie kam aus Mariupol" ebenfalls dort (SZ, taz), Wilke Weermanns Inszenierung seines Stücks "Alle Zeit der Welt" Schauspiel Frankfurt (FR), Milena Mönchs Inszenierung von Thomas Manns Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" am Staatstheater Mainz (FR), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Oliver Frljićs Inszenierung von Kafkas "Der Prozess" am Gorki-Theater (nachtkritik, tsp, BlZ), Luise Voigts Adaption von Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" (nachtkritik), Jan Friedrichs Inszenierung von "Onkel Werner" nach dem gleichnamigen Stück von Anton Tschechow am Theater Magdeburg (nachtkritik) und Damiano Michielettos szenische Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oratorium "Messias" (tsp, BlZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2024 - Bühne

Eröffnungsszene der "Ifigenia in Aulide" bei Bayreuth Baroque. Foto: Clemens Menser

In der NZZ stellt Eleonore Büning das Festival Bayreuth Baroque und dessen Intendanten, den Countertenor und "Gesamtkunstwerker" Max Emanuel Cenčić vor. Der hat gerade eine Oper des neapolitanischen Komponisten und Kastratentrainers Nicola Antonio Porpora ausgegraben, "Ifigenia in Aulide", in der er den Agamemnon singt - auch mal unten ohne. Tolles Stück, findet Büning: "Nicola Porpora hat seine Seria-Oper 'Ifigenia' anno 1735 auf Brillanz angelegt. Die kurzen Arien sind unerhört reich kolorierte Gefühlsausbrüche, in denen das Unsagbare der Affekte sich entäußert in kaum singbaren Höhenflügen, zirzensischen Sprüngen und atemraubenden Geschwindigkeitsrekorden. Die Partie des Agamemnon komponierte Porpora für den Kastraten Farinelli, die des Achill für den ebenso berühmten Senesino, die der Iphigenie für Francesca Cuzzoni - lauter Stars, die er kurz zuvor bei der Konkurrenz abgeworben hatte: der Londoner Truppe von Georg Friedrich Händel. Hier, in der 'Ifigenia', sollten sie ihren Affen um die Wette Zucker geben. So tut es auch die heutige Bayreuther Besetzung. ... Man hebt mit ab, beim bloßen Zuhören."

Szene aus "Faust 1&2" in Frankfurt. Foto: Thomas Aurin

Jan-Christoph Gockel hat am Schauspiel Frankfurt beide Teile von Goethes "Faust" inszeniert - an einem Abend! "Eine monströse Unternehmung, auch mit Monstern. Aber man kommt nicht um vor Angst, aber man kommt auch nicht um vor Langeweile. Das ist bei einer Premierenlänge von viereinhalb Stunden beachtlich - viereinhalb Stunden inklusive zwei Pausen", meint eine verhaltene Judith von Sternburg in der FR. Nachtkritikerin Esther Boldt scheint das ähnlich zu sehen. Sicher, die Inszenierung hat einige Schwächen, meint Tilman Spreckelsen in der FAZ, er ist dennoch sehr angeregt, denn Gockel entwickle "eine Ästhetik, die an die 'Faust'-Stücke und ihre Entstehungszeit anknüpft. Die Diskussion um mechanische Wesen, um Androiden, die menschliche Eigenschaften perfektionieren und dabei auf Verwechselung mit ihren natürlichen Vorbildern angelegt sind, erreichte um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert einen Höhepunkt. So zitiert Gockels Faust-Figur nicht nur die Herkunft des Stoffes aus dem Puppentheater, sondern auch den aufkommenden mechanischen Menschen. Und Helena erscheint hier in Kostümierung und Wesen als weiblicher Cyborg, der auf Funktionieren und Unterwürfigkeit angelegt ist und darin ständig nachjustiert wird."

"Mia san Mia", auch wenn die Haare langsam ausfallen. Münchner Kammerspiele. Foto: Matthias Horn

Wenig Freude hatte SZ-Kritikerin Christiane Lutz in dem bayerischen Weltraum-Horror-Drama "Mia san Mia" von Marco Layera und Martín Valdés-Stauber, mit dem die Münchner Kammerspiele ihre Saison eröffnen: Da kommen trachtengeschmückte Bayern aus einer Kolonie im Weltraum, die ihre völlig unsinnig gewordenen Traditionen pflegen: "In einer Stadt, in der es schon Herbert Achternbusch gab, wirkt das nicht provokativ, sondern, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich unmodern. Vor allem aber ist fraglich, ob es eine kluge künstlerische Strategie auch im Umgang mit rechten Strömungen ist, von denen die Kultur immens bedroht ist, die Idee von Heimat - so problematisch sie auch ist -, statt irgendwie ernst zu nehmen und zu diskutieren, einfach als Wahnsinn einiger Zombies zu verwerfen." Nachtkritikerin Susanne Greiner scheint's dagegen gefallen zu haben.

Weitere Artikel: Esther Slevogt unterhält sich für die nachtkritik mit den Schauspielerinnen Carolin Haupt und Linda Pöppel über ihre Leseperformance "Wahlverwandt" zur Landtagswahl in Brandenburg. Der Tagesspiegel lässt sich von mehreren Brandenburger Theaterleitern erzählen, wie sie der AfD begegnen. Und auch die SZ unterhält sich mit Daniel Ris, Intendant der "Neue Bühne Senftenberg", über inklusive Theaterpädagogik als Mittel gegen rechts - zum Beispiel ein Abend mit Liedern von Gundermann: "In einer Vorstellung saß ein AfD-Stadtverordneter, offenbar ein echter Gundermann-Fan. Theater schafft Begegnungen. Je stärker die Polarisierung in der Gesellschaft ist, desto wichtiger werden solche Begegnungen." In der FAZ gratuliert Wiebke Hüster der Ballerina und Ballettdirektorin Birgit Keil zum Achtzigsten.

Besprochen werden außerdem Constanza Macras' Choreografie "The Hunger" an der Volksbühne Wien (nachtkritik, Welt: Jakob Hayner fragt daneben, wie es denn mit der Volksbühne, die Monate nach dem Tod Renee Polleschs immer noch ohne Leitung ist, weitergehen soll), Jörg Pohls Inszenierung von Brechts "Mann ist Mann" am Theater Basel (nachtkritik), Maike Bouschens Adaption von Ralf Rothmanns Roman "Milch und Kohle" für das Theater Oberhausen (nachtkritik) und Ewelina Marciniaks Adaption von Ottessa Moshfeghs Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2024 - Bühne

"Fremde Seelen." Bild: Julie Folly.


Vielleicht will Regisseurin Eva-Maria Bertschy mit ihrem Stück "Fremde Seelen" am Zürcher Theater am Neumarkt ein bisschen zu viel. Spannend ist es aber allemal, wie sie - und Carol Schuler in der Hauptrolle - mit den vielen verschiedenen Handlungssträngen, die die (Migrations-)Geschichte der Schweiz erkundet, hält Egbert Tholl in der SZ fest: "Die leisen Echos eines alltäglichen Rassismus und die lauteren der Folgen des Kolonialismus machen den Abend spannend, die Schilderung der Flucht, wie sie Schuler/Bertschy erkunden, ist beklemmend: Die Besatzung der Cap Anamur rettete zwischen 1979 und 1982 fast 11 000 Menschen vor der thailändischen Küste vor dem Tod. Schuler befragt eine vietnamesische Schwester, wird bald zu dieser, dann wird ihre Sprache weicher und sie kann auch Frühlingsrollen zubereiten, was sie als Schweizerin nicht so gut kann. Diese präzisen Miniaturen sind ein kleines Meisterwerk, ebenso die fantastische musikalische Begleitung durch Kojack Kossakamvwe. Der stammt aus Kinshasa, er verleiht Schweizer Heimatgesängen einen kongolesischen Funk."

Ueli Bernays schließt sich an und fügt in der NZZ hinzu: "'Fremde Seelen' kulminiert aber mit Humor im parodierten Bild einer heilen Schweiz. Carola Schuler spielt Alphorn. Ein Chor singt eine Volkshymne: 'Härrgott, mach um üsers Ländli i der Not äs Wändli'. Längst ist allen klar, dass auf diese volkstümliche Weise kein Staat zu machen und keine Heimat zu finden ist. Das mag witzig sein, aber das Stück droht mit der Zeit etwas auseinanderzufallen in seiner heterogenen Anlage. Trotzdem ist der euphorische Beifall am Schluss verdient. Er gilt vor allem Carol Schuler, ihrem schauspielerischen Schwung und ihrem suggestiven Charisma."

Weiteres: Die FR führt anlässlich der Premiere von "Der Prinz vom Homburg" ein Interview mit Takeshi Moriuchi, dem Studienleiter der Oper Frankfurt.

Besprochen werden: "Kleiner Mann - Was nun?" in der Inszenierung von Frank Castorf am Berliner Ensemble (Zeit),  "Ich nehm dir alles weg - Ein Schlagerballett" von Joana Tischkau am HAU (Nachtkritik, Tagesspiegel) und "Hier spricht die Polizei" vom Kollektiv Werkgruppe 2 am Staatstheater Hannover (Taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2024 - Bühne

Im Gespräch mit dem VAN-Magazin resümiert die Politologin Sarah Zalfen den Streit um die Berliner Opern seit 1990 (braucht die Stadt wirklich drei Opernhäuser?) Vor allem eine Diskussion um die Abschaffung der Komischen Oper wäre gerade jetzt falsch, meint sie, "denn die Oper ist hipp: erst in den letzten 20 Jahren hat sie, glaube ich, ihre Rolle für die Gegenwart gefunden. Barrie Kosky als Chefregisseur hat da eine Schlüsselfunktion gehabt. Das Haus fügt sich jetzt ein in eine moderne Erlebnisgesellschaft mit Eventkultur, mit neuen, spektakulären medialen Sprachen, neuen Unterhaltungsformaten. Die Komische Oper spricht ein junges Publikum an - und eins, das von Medien verwöhnt ist. Da hat sie ihre Rolle künstlerisch gefunden."

Weitere Artikel: Im Zeit-Gespräch mit Florian Eichel skizziert die neue Intendantin der Staatsoper unter den Linden, Elisabeth Sobotka, ihre Pläne für die neue Saison. Sie spricht auch über die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Christian Thielemann und verteidigt die umstrittene Entscheidung, Anna Netrebko als Abigaille in Emma Dantes Inszenierung von "Nabucco" auftreten zu lassen. Peter Kümmel blickt voraus auf die Inszenierungen der neuen Saison. Christine Lemke-Matwey trifft für die Zeit die Opern-Komponistin Lucia Ronchetti.

Besprochen werden Nicholas Ofczareks szenische Lesung von Thomas Bernhards Stück ""Holzfällen. Eine Erregung" im Burgtheater Wien (FAZ) und Christoph Marthalers Inszenierung seines Stücks "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis" am Theater Basel (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2024 - Bühne

Szene aus "Blue Skies". Bild: Armin Smailovic

Da ist dem SZ-Kritiker Till Briegleb der Pessismus von T. C. Boyle schon lieber: Jan Bosse hat Boyles Klimakrisen-Apokalypse "Blue Skies" als "feucht-fröhliche Desaster-Show" zum Auftakt der neuen Spielzeit auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht und geht dabei an Boyles Anliegen, die Gefahr für das globalen Ökosystem, vorbei: "In seiner dreieinhalbstündigen Nacherzählung des Inhalts wird vom ersten Moment an der gute Wille lächerlich gemacht und die böse Antwort des Klimawandels zur Show. Aus dem seriösen Anliegen von Mutter Ottilie, mit Grillen und Heuschrecken die Produkte der Massentierhaltung zu ersetzen, etwa macht Christiane von Poelnitz eine nach Lachern heischende Würge-Show. ... Und die biblischen Plagen erscheinen dazu in ästhetischen Bildern auf einem großen Rundhorizont." Selten hat eine Saison am Thalia Theater wohl derart "belanglos" begonnen, seufzt auch Nachtkritiker Michael Laages.

Elisabeth Sobotka, einst an der Berliner Staatsoper als Operndirektorin engagiert, bildet als Intendantin mit Christian Thielemann als Generalmusikdirektor das neue Leitungsduo des Hauses. Im Antritts-Interview mit dem Tagesspiegel gibt sie Einblick ins neue Programm das neben wenig gespielten Opern auch zeitgenössische Werke enthält und verteidigt das Engagement von Anna Netrebko als Abigaille in Verdis "Nabucco": "Anna Netrebko ist ein Star, sie zieht darum jegliche Form von Aufmerksamkeit auf sich. Und hat entsprechend eine Angriffsfläche. Was die Menschen, die gegen sie demonstrieren, nicht sehen wollen, ist, dass sie nach anfänglichem Zögern den Angriffskrieg Putins verurteilt hat und seitdem nicht mehr in Russland auftreten ist."

Besprochen werden außerdem das Solo "Guintche (Live Version)" der Choreografin Marlene Monteiro Freitas bei der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen (FAZ), Michael Thalheimers Inszenierung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" am Grand Theatre in Genf (Welt), Rafael Sanchez' Inszenierung von Mike Müllers "GRMPF" am Schauspiel Köln (taz) und die Musiktheatertage Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2024 - Bühne

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Berliner Ensemble (SZ, FAZ), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (SZ), Rainer Ewerriens Adaption von Stephen Kings Psychothriller "Misery" am Frankfurter Stalburg-Theater (FR), Julia Röslers Inszenierung von "Hier spricht die Polizei" am Staatstheater Hannover (taz), das Puppenspiel "Mensch, Puppe!" im St.-Petri Dom in Bremen (taz), Jan Bosses Inszenierung von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" (nachtkritik) und Michael Thalheimers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" an der Oper Genf (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2024 - Bühne

Szene aus "Kleiner Mann - was nun?" am BE. © David Baltzer

Ein "zu wilder Brillanz gepeitschtes Ensemble" präsentiert taz-Kritiker Tom Mustroph eine Adaption des berühmtesten Roman Hans Falladas im Berliner Ensemble. Frank Castorf hat sich für die Inszenierung allerdings nicht auf die Handlung des Buches beschränkt, das zur Zeit der Weltwirtschaftskrise spielt, sondern verquickt die Handlung unter anderem mit biografischen Elementen Falladas, so der Kritiker:  "Weitere Feuerkraft gaben Einsprengsel von Dramatiker Heiner Müller und Lieder etwa aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Den Rahmen bildeten aber die Drogen. Aus einer siebenköpfigen Bande mit Glitzerklamotten heraustretend zerdehnte, zerdrückte und zerkaute zunächst Jonathan Kempf eine expressionistische Beichte Falladas über Suizidfantasien, Entfremdungsgefühle und Rauschzustände. Auch Entwöhnung ist Thema. Im schmissigen Chor schwören alle sieben Darstellenden mit dem Song 'Nie wieder' dem Kokaingebrauch ab." Mustroph gefällt das gut.

nachtkritikerin Esther Slevogt ist hingegen zwiegespalten. Castorf hat aus dem Stoff einen Abend über die großen Ideologien des Zwanzigsten Jahrhunderts gemacht: "Die rote Fahne vom Anfang taucht auch immer wieder auf. Mal als bewegte Masse, dann als rotes Tuch, in das Andreas Döhler wie ein wütender Stier immer wieder rennt. Irgendwann hat sich das Tuch über alle Spieler gesenkt, die unter seinem Schutz noch mal von einer besseren Zukunft (und einem besseren Theater) träumen." Viel Schönes dabei, findet Slevogt, zuweilen wirken die verschiedenen Erzählstränge aber doch ziemlich "disparat". Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel indes ziemlich genervt von diesem Abend.

Außerdem: Die Ballerina Michaela de Prince ist im Alter von 29 Jahren unerwartet verstorben, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. De Prince wurde als Dreijährige von einer amerikanischen Familie aus Sierra Leone adoptiert und verarbeitete ihre Erfahrungen im Buch "Taking Flight. From War Orphan to Star Ballerina". In der SZ schreibt Dorion Weickmann einen Nachruf.

Hier tanzt sie:


Weiteres: In der Welt berichtet Manuel Brug vom "Bayreuth Baroque Opera Festival".  Besprochen werden Lola Arias Inszenierung von "Los días afuera" mit Ex-Häftlingen am Gorki Theater Berlin (taz), Ricardo de Paulas Tanzstück "Carne" in den Uferstudios in Berlin (taz), Axel Schneiders Inszenierung von Karsten Dusses Krimi "Das Kind in mir will achtsam morden" am Altonaer Theater in Hamburg (taz), Jette Steckels Inszenierung von Deha Lohers Stück "Frau Yamamoto ist noch da" am Schauspielhaus Zürich und Christoph Marthalers Inszenierung von "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis" am Theater Basel (FAZ), David Böschs Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Landestheater Linz (nachtkritik), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (nachtkritik), die Georg Büchner- Version "Dantons Tod und Kants Beitrag. Eine revolutionäre Theatersatire" am Theater Dortmund, inszeniert von Kieran Joel (nachtkritik), Eline Arbos Inszenierung des Musiktheaters "Haugtussa" nach Arne Garborg und Edvard Grieg bei der Ruhrtriennale (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Deutschwald im Herbst" vom Theater Willy-Praml im Frankfurter Stadtwald (FR) und Leonie Böhms Inszenierung von Kafkas "Verwandlung" am Schauspielhaus Zürich (NZZ).