Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2025 - Bühne

Stefanie Sargnagel: Opernball © Pertramer / Rabenhof

Pünktlich zum diesjährigen Wiener Opernball inszeniert Christina Tscharyiski am Wiener Rabenhof-Theater Stefanie Sargnagels gleichnamiges Stück und nicht nur Uwe Mattheiss (taz) amüsiert sich prächtig, wenn die österreichische Autorin hier die Wiener Gesellschaft in einer "virtuosen plebejischen Schmährede gegen eine rohe Bürgerlichkeit" inspiziert: "Korsagen drücken, Botox und Lippenfiller quellen und manchmal wird einfach ein Ohrläppchen abgezwickt. Die herrschende Klasse durchläuft einen zunächst noch unauffällige Mutation zu hoch aufgeschossenen langhalsigen Körpern - junge Frauen in der anorektischen Variante -, die sie den Zumutungen körperlicher Arbeit enthebt, die sich dem proletarischen Leib habituell eingeschrieben hat." Auch SZ-Kritiker Wolfgang Kralicek lacht: "Das höhlenartige Bühnenbild (Dominique Wiesbauer) erinnert an das Innere eines Darms. Das passt zu dem oft auch ganz schön derben Stück, das man als eine Art literarische Darmspiegelung bezeichnen könnte. Sargnagel hat einen feinen Sinn für Klassismus und gesellschaftliche Distinktionsmerkmale. Einmal hört sie, wie eine Dame zu ihrer Tochter sagt: 'Wer eine rund ausgeschnittene Frackweste trägt, ist ein Kellner, also ein Was. Wer eine spitz zulaufende trägt, ist ein Jemand, also ein Wer. Merk dir das!' Im Standard bespricht Stefan Ender das Stück.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel porträtiert Patrick Wildermann den 2005 aus dem Iran nach Berlin geflohenen Film- und Theaterregisseur Ayat Najafi, dessen Stück "Frauen der Revolutionsstraße" heute abend am Berliner Ballhaus Ost Premiere feiert. In der NZZ verabschiedet Marion Ackermann Clownin Gardi Hutter, die mit ihrer Figur Hanna auf eine letzte Tournee geht. Auf Backstageclassical lässt sich Axel Brüggemann von Stefan Herheim, Lotte de Beer und Bogdan Roščić erklären, wie sie an drei Wiener Opernhäusern Oper neu denken. Besprochen wird Adriana Altaras' Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus "Castor et Pollux" am Staatstheater Meiningen (VAN).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2025 - Bühne

Staatstheater Regensburg: Die wunderbaren Jahre.
Mit Franziska Sörensen © Tom Neumeier Leather

Ziemlich angetan zeigt sich Jan Brachmann in der FAZ davon, wie Torsten Rasch Reiner Kunzes DDR-Abrechnung "Die wunderbaren Jahre" am Staatstheater Regensburg zur Aufführung bringt. Ausgesprochen minimalistisch ist die Operninszenierung geraten. Lediglich eine Sprecherin, einen Bass, eine Sopranistin und eine Mezzosopranistin wirken mit: "Sie spielen alles: Kinder, Eltern, Lehrer, Polizisten, jugendliche Dissidenten. Die Bühne von Walter Schütze kommt mit Requisiten aus: Flugblättern, einem Besen, einem riesengroßen Stahlstuhl, einer Marionette der berühmten tschechischen Puppe Spejbl, dem Prospekt einer Mittelgebirgslandschaft hinter der Stahlschiebetür - die Aussicht durch Stacheldraht verhängt, aus dem zwischendurch eine Dornenkrone gewirkt wird." Außerdem erfreut sich Brachmann an der "Musik seelischen Aufruhrs und gefährdeter Zärtlichkeit, die bei Franz Schreker und Alexander Zemlinsky, beim spättonalen Schönberg und frühen Alban Berg anknüpft, Musik wundgerissener Grübelei und Begierde."

Auf nmz ist Juan Martin Koch ziemlich mitgenommen, aber überzeugt: "In der erschütterndsten Szene reicht eine Mutter beim Gefängnisbesuch einen Kuchen für ihren Sohn durch eine Luke nach hinten. Was sie zurückbekommt, ist die Urne mit dessen sterblichen Überresten. Er habe sich in seiner Zelle erhängt, heißt es. Doch der Titel, der auch hier zu Beginn der Szene eingeblendet wird, verrät, worum es wirklich geht: 'Schießbefehl'. Der anschließende Epilog wird - wie von Dramaturg Ronny Scholz im Vorgespräch treffend charakterisiert - zum instrumentalen Requiem für die Mauertoten, deren Sterbedaten projiziert werden."

Außerdem: Katrin Ullmann porträtiert die Theaterregisseurin Luise Voigt auf nachtkritik. Ronald Pohl blickt im Standard auf das Programm des diesjährigen Neustädter Wortwiege-Fests, das dem Theater und der Literatur gewidmet ist.

Besprochen werden "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" von Lena Brasch am Gorki Theater Berlin (NZZ, "spielt klug mit all diesen Widersprüchen, die den Menschen und Dichter Thomas Brasch ausmachten"), eine Revue mit Berlin-Liedern am Berliner Renaissance-Theater (FAZ, "bisschen Musical, bisschen Bauchpinselei, bisschen Klischee-Bulettenschlacht"), Laura Wehlings Inszenierung von "König Ubu" am Hamburger Klabauter Theater (taz, "Freude am Experiment und am Spiel mit der Absurdität") und Gisle Kverndokks Musiktheaterstück "Briefe an Ruth" an der Wiener Kammeroper (Standard, "elegische Balladen, muntere Jazznummern und auch Zuspitzungen dissonanter Art").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2025 - Bühne

Szene aus "Ein Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett.

So ganz verzaubern kann Choreograf Edvard Clug FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster nicht mit seiner Inszenierung von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett. Statt im magischen Wald, umgeben von Mosen und Farnen, beginnt Clug gemäß der literarischen Vorlage mit dem Herrscherpaar Theseus und Hippolyta - am Strand: "Clug legt Hippolyta im Badeanzug auf den großen, realistischen, später als Steg verwendeten, drehbaren, keilförmigen Felsen. Hinter ihr schließt die riesige Bühne mit einer halbrunden, steingrauen hohen Wand ab. Geht in dieser Wand eine vom Felsen aus zu erreichende Tür auf, fällt der Blick auf üppiges Grün - die Idee des Walds wird damit doch auf die Tanzbühne geholt. Es ist ein cleveres Bühnenbild, leer und von modern-abstrakter Tristesse. Theseus, in weißen Beintrikots und goldenem Brustharnisch, auf dem Surfbrett hereingezogen wie auf einem Streitwagen steuert aber erst einmal Athens Strand an." Der Wald fehlt ein bisschen, dafür sind hier viele Details gelungen, beschwichtigt Hüster, und die non-binäre Tänzerin Leroy Mokgatle als Puk ist außerdem ein Wucht.

Weiteres: Peter Laudenbach berichtet in der SZ über das Rambazamba-Theater in Berlin, bei dem Menschen mit Behinderungen mitspielen und das mit den Berliner Sparplänen zu kämpfen hat. Besprochen werden Birgit Kajtna-Wönigs Inszenierung von Mozarts Oper "Mitridate, re di Ponto" an der Hamburger Staatsoper (FAZ), Martin Laberenz Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Darmstädter Staatstheater (FR), Gernot Grünwalds Inszenierung von des Stücks "Kriegsspiele" am Düsseldorfer Schauspielhaus (taz), die performative Installation "Backyard" von Laura Uribe und Sabina Aldana Hof am Gorki Theater (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2025 - Bühne


"Rinaldo", Bild: Felix Grünschloß.


In Karlsruhe beginnen die Händel-Festspiele am Staatstheater mit Händels Oper "Rinaldo" in der Fassung von 1731, inszeniert von Hinrich Horstkotte: "Selbst für eine Barockoper ist der Krieg zwischen Kreuzrittern und Sarazenen ausgesprochen kriegerisch, und es fällt in diesen Tagen besonders schwer, Menschenraub und Zerstörung als probaten Katalysator für Verzweiflungsarien hinzunehmen", hält FR-Kritikerin Judith von Sternburg fest. Die "immens kluge Lesart", die Horstkotte wählt, macht das aber für sie wett: "Es zeigt sich nämlich, dass Zauberin Armida, die ihren ersten Auftritt in einer goldenen Kuppel effektvoll in Szene setzt, die sich wie eine Apfelsine öffnet, ihr Reich im Theater eingerichtet hat. Das Meer vor ihrer Insel eine Parkettbestuhlung, bald wogend. Höchst theatralisch die Entführung mittels Flugwolke. Das Gegenmittel: ein Dirigierstab."

Szene aus "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" von Lena Brasch am Gorki Theater Berlin. Foto © Ute Langkafel | Maifoto


Thomas Braschs Nichte Lena Brasch hat Texte ihres Onkels für das Gorki-Theater zu einer "hinreißenden Theaterhommage" zusammengestellt, lobt Peter Laudenbach in der SZ. Er sieht in den Texten des 2001 verstorbenen Dichters großen Aktualitätsbezug: "Die anstrengende Pose, mit der sich Brasch zum Klassiker stilisiert, ist wie weggeblasen. Spröde Gedichtzeilen ('wie viele sind wir eigentlich noch') wirken wie eine Flaschenpost eines fernen Freundes. Weil in Braschs Werk die Gewaltgeschichte Deutschlands sehr präsent ist, wird eine Traumaufzeichnung zum Bericht heutiger Schrecken: 'Ein Mann ohne Kopf und voller Wunden schreit, der Krieg fängt an.'" In der FAZ schreibt Simon Strauß: "Da saßen sie, die versammelten Freunde des hippen Geschmacks, auf Bänken ohne Lehne und hörten zu, wie Braschs alte herzangeberische Gedichtzeilen von Jasna Fritzi Bauer gesungen wurden. Hörten zu und dachten sich ihren Teil dagegen. Spürten, dass die Zeit der Zeilen schon lang abgelaufen war. Dass sich aber ihre Empfindungen über die Sprache von damals hinweg gehalten hatten: die Hoffnung auf einen Zufall, der von der Einsamkeit befreit."

Super Kostüme, aber warum hat Regisseurin Lydia Bunk Goethes "Faust" derart zusammengekürzt, fragt sich Nachtkritikerin Marlene Drexler angesichts von Bunks Inszenierung am Landestheater Eisenach: "Der Eisenacher Faust entfernt sich weit, sehr weit von Goethes Original. Das ist allem Anschein nach auch so gewollt. Kein Wunder, dass der Abend daher etappenweise nur noch wie eine Faust-Attrappe wirkt. Ganz offensichtlich hatte Regisseurin Lydia Bunk weder den Anspruch, dem Original genüge zu tun, noch das Interesse politische Dimensionen aufzumachen."

Besprochen werden außerdem "Mord im Regionalexpress" von Milan Peschel am Rambazamba Theater in Berlin (Nachtkritik), Martin Laberenz' Adaption von Tolstois Epos "Krieg und Frieden" am Staatstheater Darmstadt (Nachtkritik), Dietmar Daths "Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht", inszeniert von André Bücker am Staatstheater Augsburg im Rahmen des Brechtfestivals (Nachtkritik, SZ), ebenfalls auf dem Brechtfestival "Importbräute - Mein Schleier, das Henna und ihre Tränen" von Dorothea Schroeder und Merve Kayikci am Staatstheater Augsburg (SZ), die "Italo-Disco-Oper" "Romeo und Julia", die Bonn Park und Ben Roessler nach Shakespeare geschrieben haben, am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ), Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" in der Choreografie von Edward Clug am Staatsballett Berlin (Tagesspiegel), Thomas Deprycks "Unter Euch" in der Inszenierung von Suzanne Emond am Theater Heidelberg (Taz) sowie Bellinis "Norma" am Theater an der Wien, inszeniert von Vasily Barkhatov, und an der Wiener Staatsoper, wo Cyril Teste Regie führt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2025 - Bühne

Im FAZ-Gespräch mit Max Nyffeler erklärt Peter Gelb, seit knapp 20 Jahren Intendant der Metropolitan Opera New York, wie er die Oper, die sich nach der Pandemie nie wieder ganz saniert hat, weiter stabilisieren will: "Was ich nie verstanden habe, ist die Haltung vieler Kritiker, die meinen, Oper sei für sie gemacht. Nein, die Oper soll für möglichst viele Menschen da sein."

Besprochen werden Joana Tischkaus Choreografie "Ich nehm dir alles weg - Ein Schlagerballett" im Frankfurter Mousonturm (FR), Edward Clugs Choreografie zu Shakespeare "Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett (SZ), Sigrun Fritschs Inszenierung des Musicals "Bülowstraße" am Berliner Gripstheater (Tsp, nachtkritik), Philipp Preuss' Inszenierung von Kathrin Rögglas Stück "Kein Plan (Kafkas Handy)" am Theater an der Ruhr in Mühlheim (nachtkritik), Johannes Schütz' Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Mecklenburgischen Staatstheater (nachtkritik), Lukas Holzhausens Inszenierung von Martin McDonaghs "Der einsame Westen" (nachtkritik) und Matthias Köhlers Inszenierung von Tony Kushners zweiteiligem Stück "Engel in Amerika" am Schauspiel Köln (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2025 - Bühne

Jakob Hayner führt für die Welt ein Interview mit dem Theaterregisseur Christopher Rüping, dessen Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" nach der Station in Zürich nun am Deutschen Theater Berlin aufgeführt wird. Es geht um die verständliche Sehnsucht nach Feelgood-Abenden: "Es gibt Popcorn-Gefühle, die funktionieren ohne jede Beteiligung des Verstandes. Nach denen sehnt man sich manchmal, schon aus Gründen der seelischen Hygiene. Aber im Theater suche ich nach sehr spezifischen Gefühlen, die sich für mich nur aus einer gedanklich-sinnlichen Kohärenz entwickeln." Wichtig ist ihm auch die Unverwechselbarkeit seiner Inszenierungen: "Eine Handschrift ist ein Cocktail aus Erfahrungen, Überzeugungen und Geschmack. Erfahrungen kann man nicht loswerden und Überzeugungen sollte man nicht loswerden. Nur beim Geschmack muss man vorsichtig sein, der ist nicht so individuell, wie man denkt, sondern spiegelt meist die soziale Situation der regieführenden Person wider und enthält all deren Privilegien und Begrenzungen. Zu viel Geschmack ist gefährlich."
Stichwörter: Rüping, Christopher

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2025 - Bühne

Pünktlich zum achtzigsten Geburtstag von Thomas Brasch bringt dessen Nichte, die Regisseurin Lena Brasch das Stück "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" auf die Bühne des Maxim-Gorki-Theaters. Sie musste viel Kritik einstecken, weil sie in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung gesagt hatte: "Dann bin ich halt Ostler, na und? … Dann weiß ich wenigstens, was Werte sind", erzählt sie in der SZ. "Meine Generation wuchs ausschließlich mit Mauern aus Gummi auf, konnte sagen, tun und lesen, was sie wollte, überall hinreisen. Mir bedeutet es daher viel, in eine ostdeutsche, jüdische Familie hineingeboren worden zu sein, in der es ein Bewusstsein dafür gibt, wie ein Deutschland aussah, in dem es diese Freiheiten nicht gab. Und dass der Wechsel von einem System zum anderen nicht andeutungsweise so einfach verlief, wie viele glauben."

Weitere Artikel: In der FAZ freut sich Gerald Felber, dass Hans Pontillers Büste des Dirigenten Otmar Suitner nun einen Platz in der Berliner Staatsoper gefunden hat. Besprochen wird eine Aufführung von Henry Purcells Semi-Oper "The Indian Queen" in einer modernisierten Fassung von Peter Sellars unter dem Dirigat von Teodor Currentzis in der Berliner Philharmonie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2025 - Bühne

Stadttheater Gießen - Moses in Ägypten. © Christian Schuller

Das Stadttheater Gießen bringt unter der Regie Carmen C. Kruses die selten aufgeführte Rossini-Oper "Moses in Ägypten" auf die Bühne. Judith von Sternburg zeigt sich in der FR vor allem von der musikalischen Leistung angetan. Besonders brilliert ein "Liebespaar, für das Ensemblemitglied Annika Gerhards den makellosen, fein silbrigen Sopranpart liefert und der äußerst jugendlich wirkende, wie ein fescher K-Pop-Star daherkommende Gasttenor Eric Jongyoung Kim sich in der brutalen Rossini-Tenorpartie als Prinz Osiride wenig Blößen gibt. Immer noch zu erleben, dass hier Menschen alles geben und keine geölten Maschinen, gehört zum Vergnügen einer Oper dazu, erst recht wenn solche Klangschönheit das Ergebnis ist."

Ebenfalls in der FR bespricht Sylvia Staude den Tanzabend "Chronicles" am Staatstheater Wiesbaden. Gut gefällt ihr, wie Claude Debussys "L'Apres-midi d'un faune" in Ballett übersetzt wird. Choreografin "Liliana Barros zeigt freilich keinen sexy und selbstbewussten Faun, sondern einen ein bisschen verstörten, vogelartig staksenden und suchenden. So zart verschachtelt wie kurios sind seine Handbewegungen. Der für diese Rolle perfekte, extrem langgliedrige Ramon John trägt zwar einen Glitzerbody, dazu aber halblange Turnhosen und klobige Turnschuhe (Kostüm: Barros). Drei später dazukommende Kollegen heben, stützen und schieben ihn auch mal. Ein hübsch rätselhafter, immer wieder auch tierchenhafter Faun; selbst wenn es eine Nymphe gäbe in dieser Choreografie, würde er ihr wohl nicht nachstellen."

Außerdem: Michael Wurmitzer beschäftigt sich in seiner Standard-Glosse mit dem teils ziemlich angestaubten Repertoireprogramm der Wiener Staatsoper. Esther Slevogt empfiehlt auf nachtkritik, wieder einmal die Theatertheorie Peter Szondis zu lesen. Ulrich Seidler interviewt für die Berliner Zeitung den angehenden neuen Volksbühnen-Chef Matthias Lilienthal.

Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Martin Crimps "Angriffe auf Anne" an der Berliner Schaubühne (taz, "Spiel mit hoher Geschwindigkeit"), die beiden am Wiener Burgtheater aufgeführten Marius-von-Mayenburg-Stücke "Egal" und "Ellen Babić" in einer Doppelbesprechung (SZ, "rasanter Edelboulevard"), "Fürst*in Ninetta" im Wiener Dianabad, die Disco-Version einer Johann-Strauß-Operette (Standard, "eine Inszenierung, die zugleich berauscht und verstört"), Gustav Holsts "Savitri" und Arnold Schönbergs "Erwartung" am Staatstheater Saarbrücken in einer Doppelbesprechung (nmz, "Die Kombination hat durch die Werkwahl mehr Kontrastschärfe als durch die Inszenierung"), Ethel Smyths Oper "Standrecht" am Staatstheater Schwerin (nmz, "vielseitig, lebhaft und klangschön") und Ewald Palmetshofers "König Arthur" (Standard, "viel hilft hier eher weniger als viel").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2025 - Bühne

Szene aus "Norma". Bild: Monika Rittershaus

Gleich über zwei Inszenierungen von Bellinis Oper "Norma" darf sich Wien aktuell freuen, den Anfang macht das Theater an der Wien unter der Regie von Vasily Barkhatov, der "den notorischen Mistel- und Mondkitsch von Norma" vermeidet, indem er die Handlung an den Beginn des 20. Jahrhunderts bugsiert", freut sich Standard-Kritiker Christoph Irrgeher: "Statt römischer Legionäre treten hier kommunistische (?) Soldaten als Eroberer auf, statt einer heidnischen ist eine christliche Gemeinde das Opfer." Der eigentliche Höhepunkt ist aber der litauische Opernstar Asmik Grigorian in der Titelrolle, so Egbert Tholl in der SZ: "Es ist gar nicht einmal die weltberühmte 'Casta Diva'-Arie, mit der Asmik Grigorian an diesem Abend am stärksten betört", sondern "Grigorians abermals stupende Fähigkeit, eine Opernfigur, und sei sie in einem noch so eskapistischen Kontext erfunden, einem ganz nah kommen zu lassen. Man folgt ihrer Norma in jede kleinste Verästelung des weitwuchernden emotionalen Geflechts, das Grigorian hier ausbreitet."

Bitterböse rechnet Tilman Krause derweil in der Welt mit der hiesigen Theaterlandschaft ab, der er am liebsten alle Subventionen streichen möchte. Denn Krause hat die Nase voll von "der Rumhampelei, dem Video-Firlefanz, den Brüllorgien und einem alles niederwalzenden Hang zum Vulgären": "Vordergründige Aktualisierungen, Überschreibungen im Licht modischer Diskurse, aber auch die lange Zeit so beliebten Dekonstruktionen haben sich totgelaufen. Wirklich innovativ wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein inszenatorischer Zugang zum dramatischen Erbe, das sich auf dessen Fremdheit einlässt, um dann vielleicht gerade aus der Andersartigkeit dieser Texte eine Botschaft für heute herauszupräparieren. Dafür muss man die Bedürfnisse der Menschen nach unvoreingenommener Nachdenklichkeit im Umgang mit dem kulturellen Erbe wieder ernst nehmen."

Besprochen werden Philipp Krenns Musiktheater-Adaption von Jon Fosses Erzählung "Schlaflos" am Staatstheater Braunschweig (taz), Fabian Sicherts Inszenierung von Gustav Holsts Kammeroper "Savitri" am Staatstheater Saarbrücken (FAZ) und Lilja Rupprechts Inszenierung von Martin Crimps "Angriffe auf Anne" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2025 - Bühne

Szene aus "Festen" an der Royal Opera. Foto: Marc Brenner.

Ein "dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück" bekommt FAZ-Kritikerin Gina Thomas im Königlichen Opernhaus in London serviert. Die Kritikerin staunt nicht schlecht: Mark-Anthony Turnage hat aus Thomas Vinterbergs Kult-Film "Das Fest" eine Oper konzipiert. Das widerspricht zwar nicht nur einem der "Dogma-95"-Prinzipien, nach denen Vinterbergs Film gedreht ist (zum Beispiel "keine untermalende Musik"). Dafür gelingt es dem Regisseur laut Thomas hervorragend, die düstere Geschichte über eine Familienfeier, auf der der jahrelange Missbrauch der Kinder durch den Vater aufgedeckt wird, auf die Bühne zu bringen: "Trotz der hochkarätigen Besetzung nimmt niemand eine Starrolle ein. Alle glänzen auch in den kleinsten Partien, wie der des von John Tomlinson verkörperten Großvaters, der die Pointe seiner schmuddeligen Anekdote nicht mehr zusammenkriegt, oder Susan Bickley als dessen Frau, die mit einem verträumten Volkslied vom Horror ablenken will. Turnage hat ein dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück komponiert, dem er in einem hundert Minuten dauernden Fluss jazziger Rhythmen, mokanter Kontrapunkte und ominös anschwellender Passagen für ganzes Orchester dramatische Intensität verleiht."

Im Guardian ist Andrew Clements ebenfalls restlos begeistert und attestiert "makelloses dramatisches und musikalisches Tempo": Drehbuchautor Lee Hall hat einen straffen, schnörkellosen Text zur Verfügung gestellt, in dem kein Wort verschwendet wird, so dass die schreckliche Geschichte, die sich beim Abendessen zum sechzigsten Geburtstag des Hotelbesitzers Helge abspielt, von einer Familie, die durch Kindesmissbrauch zutiefst gezeichnet ist und von einem Selbstmord heimgesucht wird, in einer einzigen 95-minütigen Spanne präsentiert wird, die vom ersten bis zum letzten Moment packt, bewegt und entsetzt."

Weitere Artikel: nachtkritiker Janis El-Bira fragt sich, warum die Theater so gern Georg Büchners "Woyzeck" spielen. Verena Harzer besucht für die taz das Berliner Kostümkollektiv, das Theaterkostüme neu aufbereitet.

Besprochen werden Sapier Hellers Inszenierung von Hanoch Levins Komödie "Dingens" am Schauspiel Frankfurt (FR), K.D. Schmidts Inszenierung von Philip Glass' Oper "The Fall of the House of Usher" am Staatstheater Mainz (FR), Lorenz Noltings Inszenierung von "Oklahoma" inspiriert von Franz Kafka am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Mizgin Bilmens Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Thomas Jonigks Doppelinszenierung von Marius von Mayenburgs Stücken "Egal" und "Ellen Babić" am Akademietheater Wien (nachtkritik) und Kurdwin Ayubs Inszenierung ihres Stücks "Weiße Witwe" an der Berliner Volksbühne (taz).