Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2026 - Bühne

"A Techno Ballet Odyssey". Foto: Yan Revazov


Ballett und Techno? Funktioniert ziemlich gut zusammen, erkennt Dorion Weickmann (SZ) dank der Berlin Ballett Company (BBC), die sich vom klassischen Ballett verabschiedet hat, Risiken eingeht - und ja, auch von der Stadt mit knapp 400.000 Euro Jahressubvention gefördert wird. Besser besucht als klassische Ballettstücke ist die Uraufführung von "A Techno Ballet Odyssey" im Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof in jedem Fall, stellt Weickmann fest: "Dort findet die Performance in echter Club-Atmosphäre statt. Ab sechs Uhr abends steht DJ Marco Nastič am Pult und schickt seine mit Wumms arrangierten Soundschleifen in die winterdunkle Halle. ... Die Show startet mittendrin, ohne großes Tamtam, als der umherstreifende Kameramann ein blondes Geschöpf aus dem Menschenmeer fischt und dessen Gesicht an die Wände ringsum wirft. Es handelt sich um einen androgynen Großstadt-Odysseus, der blitzartig eines der drei Podeste am Rand des Dancefloors entert, um mit einer schicken Circe den ersten Pas de deux des Abends zu absolvieren."

Die Theater versuchen derweil auf andere Weise ihre Häuser voll zu kriegen, bemerkt Nachtkritiker Georg Kasch: Immer häufiger setzen sie auf offene Foyers, auch um das Theater diverser und zugänglicher zu gestalten, so Kasch, der Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz besucht hat. Dumm ist die Idee nicht, findet er, denn: "Zentral liegen die meisten Theater. Oft bleiben ihre Foyers tagsüber ungenutzt. Leerer, beheizter, bereits öffentlich finanzierter Raum in Toplage - das schreit danach, sie für Menschen zu öffnen, die sie letztlich ohnehin bezahlen. Zumal es wenig echte Dritte Orte gibt. In jedem Café muss man früher oder später etwas bestellen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Simone Kaempf mit dem Regisseur Johan Simons, der aktuell Sophokles' Tragödie "Antigone" am Berliner Ensemble inszeniert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2026 - Bühne

Zehn Tage vor der Premiere von Christoph Marthalers neuer Inszenierung "Die Unruhenden" an der Staatsoper Hamburg unterhält sich der Regisseur (zusammen mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) im Zeit-Interview mit Florian Zinnecker darüber, warum in seinen Stücken und vor allem in den Proben immer viel gesungen wird: "Auf den Proben muss es aber mehrstimmig sein, damit die Leute aufeinander hören. Dieses Aufeinanderhören vermisse ich oft im Theater. Die Schauspieler haben ganz wunderbar ihre Texte drauf, und trotzdem spielen sie nicht richtig zusammen. Natürlich können nicht alle, die dabei sind, gut singen, manche treffen die Töne nicht, aber man muss sie trotzdem zum Singen bringen - oft können sie's doch, obwohl sie's gar nicht wussten. Josef Bierbichler zum Beispiel, im 'Wurzelfaust' am Hamburger Schauspielhaus. Ich dachte, was hat der denn für eine Stimme! Damit kann er gleich auf die Bühne!"

Außerdem: Im Tagesspiegel unterhält sich die Schauspielerin Ursina Lardi über ihre Hauptrolle als Sterbende in Thorsten Lensings Inszenierung von "Tanzende Idioten" am Haus der Berliner Festspiele. Besprochen werden Matthias Pintschers "Das kalte Herz" an der Staatsoper Berlin (Zeit), Marius von Mayenburgs "Egal" an der Berliner Schaubühne (Zeit) und Kay Voges' Gameshow-Parodie "Du musst Dich entscheiden!" am Kölner Schauspielhaus (Zeit).
Stichwörter: Marthaler, Christoph

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 - Bühne

Die Auswahl fürs Berliner Theatertreffen steht - und wird eifrig kommentiert. Christian Rakow ist in der nachtkritik insgesamt recht angetan. Bevorzugt wurden, wieder einmal, nicht leicht zugängliche Stücke: "So erhärtet sich der Befund über die Jahre: Die Experten-Jury des Berliner Theatertreffens sucht stärker verschlüsselte Kunstsprachen. Das schwer Dechiffrierbare und komplex Auszudeutende ist klar im Vorteil. Die politische Wirklichkeit unserer Tage findet sich in der Auswahl denn auch eher punktuell in klassische Stoffe eingearbeitet: Jette Steckel verknüpft in diskreten Andeutungen den Künstlerroman 'Mephisto' mit dem Kunst(unfreiheits)verständnis der AfD. Jan-Christoph Gockel verschaltet Schillers Feldherren-Drama 'Wallenstein' mit der Geschichte des Söldnerführers Prigoschin und seiner 'Wagner-Truppe'." Dass Vinge/Müllers "Peer Gynt" fehlt, kann Rakow freilich nicht nachvollziehen.

Ein "trauriges Theatertreffen" prognostiziert Simon Strauß in einem kurzen, apodiktischen FAZ-Kommentar. Feige und dürftig ist die Auswahl in seinen Augen, punktuelle Abhilfe verschafft einzig die Frauenquote: "Hoffentlich nicht nur dank ihr sind Jette Steckels 'Mephisto' von den Münchner Kammerspielen, Pinar Karabuluts 'Il Gattopardo' aus Zürich und Florentine Holzingers Vulkan-Vulven-Werk 'A Year without summer' eingeladen. Dazu kommen die beiden nun länger als Newcomerinnen angepriesenen Lucia Bihler mit einer Thomas-Melle-Inszenierung aus Stuttgart und Leonie Böhm mit einer 'Fräulein Else'-Adaption. Im nächsten Jahr wechselt die Jury, dann wird die Auswahl hoffentlich ein bisschen aufregender." Weiterhin kommentieren Beate Scheder in der taz, Jakob Hayner in der Welt, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, Ulrich Seidler in der Blz und Peter Laudenbach in der SZ.

Alvin Collantes als Bibingka © Gaia Bernabe-Belvis

Beate Scheder besucht für die taz die Tanztage Berlin, ein Festival für den Tanznachwuchs in den Sophiensälen. Im Zentrum gleich mehrerer Inszenierungen steht die alltägliche Realität von Performern, also: was es heißt, vor Publikum auf der Bühne zu stehen. Alvin Collantes etwa, der am Auftaktabend auftritt, "präsentiert sein Drag-Alter-Ego Bibingka. Süß wie der philippinische Reiskuchen, nach dem sie benannt ist, unwiderstehlich, mitreißend, sexy. Collantes präsentiert aber auch die Erschöpfung, zeigt sich keuchend, schwitzend, japsend, abgeschminkt, ohne falsches Haar und hohe Hacken, so überzeugend, dass es am Ende Standing Ovations gibt." Finanziell geht es den Tanztagen leider gar nicht gut, erfahren wir noch.

Weiteres: Jonas Wahmkow berichtet in der taz von einer anlaufenden Streikbewegung von Bühnenarbeitern an Berliner Theatern. Shirin Sojitrawalla wünscht sich in der nachtkritik für 2026 weniger Störgeräusche aus dem Publikum. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ dem Tenor Ben Heppner zum 70. In der Welt kommentiert Manuel Brug die Entscheidung des Ensembles der Washington National Opera, das angestammte Haus, das womöglich bald Melania Trump Opera House heißen wird, als Reaktion auf die Trump'sche Kulturpolitik zu verlassen. Besprochen wird Matthias Pintscher und Daniel Arkadij Gerzenbergs "Das kalte Herz" an der Berliner Staatsoper (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2026 - Bühne

Szene aus "Das kalte Herz" an der Berliner Staatsoper. Foto: Bernd Uhlig

Nicht so ganz überzeugen kann die Kritiker Matthias Pintschers neue Opern-Adaption des Hauff-Märchens "Das kalte Herz", die an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Wolfgang Schreiber ist in der SZ zumindest von der Musik einigermaßen überzeugt, zum Beispiel, wenn der Köhler Peter gegen Ende der Oper sein Herz gegen einen Stein eintauscht und "die feinziselierte Orchesterkunst des Komponisten jäh in die Schreckenszone einer schier gewalttätigen Bläserbrutalität wechselt". Da "'gelingt' die grausige Herz-Operation am lebenden Körper: Peter, leblos wie auf einer Bahre ausgestreckt am Boden, wird das Herz aus dem Leib geschnitten. Mit klaffend rotem Fleck auf der Brust und bar jeder Regung steht er auf der Bühne. Samuel Hasselhorns ausdruckreiche, im Liedgesang geschmeidig gewordene Baritonstimme kann nur noch stockend starr die Leere beteuern: 'Ich fühle nicht mehr. In meinem Herz, kein Sturm. Mein Herz, ein Stein.'" 

In der FAZ kann sich Clemens Haustein gar nicht mit den Aktualisierungen des Librettos anfreunden, das Hauffs Waldgeister, den bösen Holländermichel und das gute Glasmännchen, durch den ägyptischen Gott Anubis und die hebräische Mythen-Figur Azaël ersetzt hat. Auch Udo Badelt ist im Tagesspiegel ein wenig ratlos und konstatiert vor allem eine "Atmosphäre der Beklemmung und Angst".

Weiteres: In der taz analyisert die Tänzerin und Regisseurin Heide-Marie Härtel die Tanz-Bewegungen von Diktatoren wie Trump oder Maduro. Am Montagabend streikten Mitarbeiter der Schaubühne, des Gorki Theaters und der Volksbühne für bessere Arbeitsbedingungen, meldet Patrick Wildermann im Tagesspiegel. In der NZZ erinnert Stefan Stirnemann an den Brand des Wiener Ringtheaters 1881. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Bariton Renato Bruson zum Neunzigsten. Besprochen wird Krysztof Warlikowskis Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück "Europa" im Nowy Teatr in Warschau (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2026 - Bühne

"Enttäuschende Ewigkeit". Bild: Matthias Jung.


Die vier Caligulas in "Enttäuschende Ewigkeit" von Paula Kläy und Guido Wertheimer am Theater Bonn, inszeniert von Sarah Kurze, wollen zum Mond fliegen: Hoffnung, dass aus dem irdischen Leben doch noch was Vernünftiges wird, kann nachtkritikerin Dorothea Marcus allerdings keine entdecken. Die Welt ist schlecht, dazu tragen vor allem Reiche wie Elon Musk bei, aber ist das wirklich neu, fragt Marcus: "Klone und Wiedergänger eines Menschentypus, der die Welt in den Abgrund reißt. Viel mehr als ein treffendes Bild ist das aber auch nicht und von einer poetischen Erkenntnis weit entfernt. Auch wenn die vier Schauspieler all die Szenenhäppchen und Anspielungen wacker und spielfreudig, cool und energetisch performen, sichtlich Spaß an ihren Kostüm- und Rollenwechseln haben. ... Träumen wird wohl nicht ausreichen, um der Menschheitsbedrohung zu begegnen, die aus den antihumanen Ideologien der Techbros erwächst."

Weitere Artikel: Die Washington National Opera hat das Kennedy Center for the Performing Arts verlassen, um sich nicht Trumps Neuausrichtungsplänen beugen zu müssen, meldet Sandra Kegel in der FAZ. Wiebke Hüster interviewt für die FAZ den Verleger Rudolf Rach zum Erbe Pina Bauschs. Die Deutschen tun sich schwer mit ihrem Opern-Erbe, befindet Manuel Brug in der Welt angesichts diverser Jubiläen, die dieses Jahr anstehen, die aber nicht unbedingt dafür sorgen, dass die Jubilare wie Albert Lortzing auch umfassend gespielt werden. Sylvia Staude interviewt den Tänzer und Choreografen Tony Rizzi für die FR.

Besprochen werden Jules Massenets Oper "Manon", inszeniert von Betrand de Billy an der Wiener Staatsoper (Standard), Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens", inszeniert von Nora Schlocker am Münchner Residenztheater (SZ) und die Oper "Sieg über die Sonne" nach Welimir Chlebnikow, Alexei Krutschonych, Kasimir Malewitsch und Michail Matjuschin, die Showcase Beat Le Mot, das Von Krahl Theater Ensemble, das Solistenensemble Kaleidoskop und Maya Dunietz im Berliner HAU auf die Bühne bringen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2026 - Bühne

Szene aus "Egal". Foto: Gianmarco Bresadola 

Feinen, klugen Boulevard kriegt Christine Wahl (Tagesspiegel) geboten, wenn Marius von Mayenburg in seiner Beziehungskomödie "Egal" im Ku'damm 156, einem neuen Spielort der Berliner Schaubühne, die Rollenverteilung eines Paares immer wieder variiert: Zunächst ist Simone die erfolgreiche Alleinverdienerin und Ehemann Erik der Hausmann, der die Kinder großzieht, bald ist es umgekehrt: "Mayenburg hat seinen Text meisterlich gebaut - die Variationen zwischen den verschiedenen Versionen sind so clever gesetzt, dass ... überprüfbar wird, was genau an der Sache mit den einstmals tradierten Geschlechterrollen heutzutage tatsächlich 'egal' ist und was womöglich doch nicht.(...) Wo die Lebensentwürfe eines Milieus, das in der Schaubühne sicher auch größtenteils im Publikum sitzt, in der Gegenwartsgesellschaft feine Risse bekommen hat und an welchen Punkten es sich nur allzu gern selbst betrügt - das ist hier schon extrem genau beobachtet und durchaus schonungs-, aber alles andere als empathiefrei auf die Bühne gebracht." In der FAZ ist Irene Bazinger besonders angetan von den beiden Hauptdarstellern Marie Burchard und Stefan Stern.

Szene aus "Die Rückseite des Lebens". Foto: Adrienne Meister

Ganz angetan ist auch Nachtkritikerin Susanne Greiner, wenn Nora Schlocker elf Gerichtsreportagen von Yasmina Reza auf die Bühne des Münchner Residenztheaters bringt. Reza geht es in ihren Texten weniger um Recht als um "lakonische Absurdität und das abgrundtief Menschliche", das manchem Fall innewohnt, weiß Greiner und Schlucker setze dies "präzise und reduziert" um: Ihre Inszenierung "lässt Rezas Sprache brillieren. Der letzte Text des gut einstündigen Abends 'ist kein Prozess, sondern ein plötzlicher Sprung in ein Leben'. Reza schreibt über eine Frau, deren Tochter schwerbehindert ist, der Mann ist psychisch krank. In 'einem Anfall von Traurigkeit und Erschöpfung' spritzt sie ihrer Tochter und sich selbst Insulin. Beide überleben, die Tochter kommt in eine Einrichtung, das Paar 'geht wieder ein bisschen aus'. Aber die Frau erzählt ohne Freude. Denn ohne die Tochter, 'der alles versagt ist und die alles verlangt, humpelt das Leben haltlos dahin', beendet Reza ihre Erzählung. Die vier Schauspieler:innen lassen die Worte stehen."

Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Alex Rühle zieht der Kabarettist Gerhard Polt, der fünfzig Jahre lang an den Münchner Kammerspielen auftrat, Bilanz seiner Karriere. Das Schauspielhaus Zürich streicht Vorstellungen des Mundartdramas "Blösch" nach dem Roman von Beat Sterchi, weil das Publikum ausblieb, meldet Rico Bandle in der NZZ. Besprochen wird außerdem Tom Goossens Inszenierung des "Don Giovanni" an der Opera Vlaanderen in Antwerpen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2026 - Bühne

Szene aus "Welche Farbe hat Erinnerung?" Foto: © Jörg Metzner

Für ihre Graphic Novel "Welche Farbe hat Erinnerung?" besuchte Barbara Yelin die Holocaust-Überlebende Emmie Arbel in Israel, deren Erfahrungen in Ravensbrück und Bergen-Belsen sie direkt und ungeschönt darstellt, meint Nachtkritikerin Elena Philipp. Wie aber bringt man einen solchen Stoff für Jugendliche auf die Bühne, herrscht am Theater doch der Kodex, die Gewalt der Shoa nicht zu reproduzieren?. Am besten so wie Sharon On am Berliner Theater Strahl, lernt die Kritikerin: On "deutet das Grauen nur an. Als es um die Ankunft in Ravensbrück geht, wechselt die Lichtstimmung ins Düstere und ein durchdringender Sound schrillt über die Bühne. Brutal wühlen die vier Spieler*innen in ihren Haaren. Nur kurz konfrontiert On die Zuschauer*innen mit diesem Bild - ästhetisch erscheint dieses Mittel des abstrahierten Gewaltmoments weiter nicht gangbar, nur der Sound ist bei ähnlichen Inhalten weitere Male noch zu hören."

Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting der Opernsängerin Waltraud Meier zum Siebzigsten. Besprochen wird außerdem Marius von Mayenburgs Stück "Egal" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).
Stichwörter: Yelin, Barbara, On, Sharon

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2026 - Bühne

Szene aus "Tanzende Idioten". Foto: Armin Smailovic

Nachtkritiker
Andreas Wilink findet kaum genug Superlative für Thorsten Lensings Stück "Tanzende Idioten", das er in der Vorpremiere am Pumpenhaus in Münster gesehen hat. Aus Texten des amerikanischen Autors Denis Johnson, die NASA-Protokolle ebenso enthalten wie Afrika-Reportagen, hat Lensing eine Art Reigen geschaffen, so Wilink. "Lensings Theater erschafft einen solitären Spielraum, dehnt ihn elastisch, macht aus wenig viel, erkennt im Atom das Ganze, bietet das Freigehege für 'Verwilderung' auf der Bühne und eine ethisch fundierte Zoologie. In 'Verrückt nach Trost' lernten wir eine Oktopus-Lady kennen. Nun tritt Kater Apollo auf: als Naschkatze mit einem Fisch als Beute. So wie Sebastian Blomberg pantomimisch auf leisen Strumpfsohlen eine leicht bauchige Aristocat hintatzt und -striegelt, muss ein Gott, ein Götze, ein Clown hinter seiner Maske wohnen."

Der Pianist Norbert Biermann hat nicht nur zu Leben und Werk der Komponistin Julia Kerr, Ehefrau des Theaterkritikers Alfred Kerr und Mutter der Schriftstellerin Judith Kerr, geforscht, er hat auch ihre in den 1930er Jahren komponierte Oper "Der Chronoplan", von der Teile verloren gegangen waren, wieder vervollständigt (unser Resümee). Nun wird sie am Staatstheater Mainz uraufgeführt - vorab befragt Merle Krafeld Biermann im VAN-Magazin zum Leben der Komponistin, deren Karriere durch die Flucht vor den Nazis in die Schweiz abrupt endete: "In der Schweiz und in Frankreich war die Rollenverteilung klar: Alfred schrieb weiter Texte und versuchte, sie zu Geld zu machen. ... Der komplette Haushalt und die Sorge um die Kinder fielen Julia zu. Ich schätze, sie kam gar nicht dazu, auch nur daran zu denken, dass sie Klavierunterricht geben könnte. In England fand sie dann eine Anstellung als Sekretärin bei einer Adligen, während Alfred, der nur schlecht Englisch sprach, kaum noch zum Unterhalt beitragen konnte."

Weitere Artikel: Für die Zeit blickt Christine Lemke-Matwey auf die kommenden Premieren in Theater und Oper. Im VAN-Magazin plaudert Holger Noltze mit dem Dirigenten Ivan Fischer, der aktuell den "Don Giovanni" in Budapest und Baden-Baden inszeniert hat, über das korrekte Ende der Mozart-Oper. Im Tagesspiegel spricht Sandra Luzia mit dem polnischen Kulturwissenschaftler Mateusz Szymanówka, der seit 2021 die Berliner Tanztage leitet, über den Erfolg der Reihe, die heute startet und bereits ihr 30-jähriges Jubiläum feiert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2026 - Bühne

Ennio Morricone war beileibe nicht bloß Filmkomponist, erinnert Manuel Brug in der Welt. Sein Werk im Bereich der absoluten Musik wird dieser Tage zunehmend gewürdigt. Außerdem kam nun endlich "Partenope", die einzige Morricone-Oper, zur Aufführung - in Neapel, im Teatro San Carlo. "Eher oratorienhafte Züge" hat das Werk laut Brug, ein kommender Opernklassiker ist Morricone wohl nicht gelungen. Dennoch fällt das Fazit positiv aus: "Es wurde ein wenig getanzt, Tote sanken zu Boden. Rechts vorn standen die beiden Italio-Diven Jessica Pratt (Partenope 1) und Maria Agresta (Partenope 2) in weißen Wallekleidern an gläsernen Pulten am Bühnenrand. Mal deuteten die eine in der Höhe, die andere in der Tiefe (und umgekehrt) die zwei Seelenseiten der Partenope aus; lyrisch mäandernd, dramatisch zugespitzt. Sie machten das mit Lust, Können und vokaler Schönheit - so wie Riccardo Frizza das sanft tönende Orchester instrumental bestens im Griff hatte."

Weitere Artikel: Elena Philipp widmet sich in der nachtkritik den diversen Todesarten bei Shakespeare. Solidarität mit Stromausfallopfern: Das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue gewährt, wie auch einige andere Berliner Kultureinrichtungen, Vulkangruppe-Geschädigten in den nächsten Tagen freien Eintritt, meldet der Tagesspiegel.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2026 - Bühne

Im Tagesspiegel gibt Corina Kolbe einen Vorgeschmack auf Matthias Pintschers Oper zu Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz", die im Januar in der Berliner Staatsoper zur Aufführung kommen wird. Der Köhler Peter verkauft sein Herz und sein Mitgefühl an den bösen Holländer-Michel - soweit der Hauff'sche Plot: "Pintscher wurde sogleich bewusst, dass er den romantischen Stoff nicht einfach übernehmen konnte. Der Pianist und Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg, den er von gemeinsamen Projekten her kannte, schrieb daraufhin ein Libretto, das Hauffs Märchen mit unserer Gegenwart verbindet (...) Auf der musikalischen Ebene ließ sich Pintscher von der Frage leiten, warum Menschen auf der Bühne singen, welche Emotionen dadurch zum Ausdruck kommen. 'Ich habe ein Werk geschrieben, das sich an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert und zugleich eine Mikrokomplexität in der Klangsprache aufweist. Alles wird mit einem großen Pinsel auf eine große Leinwand aufgetragen.'"