Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2026 - Bühne

"Mein kleines Prachttier" in München. Foto: Judith Buss.


Wie empowernd kann ein Theaterstück sein, in dem ein Pädophiler erzählt, fragt sich Nachtkritikerin Sabine Leucht an den Münchner Kammerspielen, wo Leonie Böhm "Mein kleines Prachttier" nach dem Roman von Lucas Rijneveld inszeniert. Darin geht es um einen fast 50-jährigen Tierarzt, der eine Vierzehnjährige missbraucht, der Roman ist "ein beklemmendes Doppelporträt zweier höchst Eigenartiger", in fast barocker Sprache zwischen Ekel und Faszination schwankend. Am Theater ist davon zwischen den beiden Darstellerinnen Annette Paulmann und Maren Solty leider nicht mehr so viel übrig: "Inhaltlich erspart sich der Abend nichts. Auch die Gerichtsverhandlung bekommt eine Szene, in der Kurt die Schuld dem Opfer überwirft. Und am Ende treten beide noch einmal kurz als das Mädchen vor das Publikum, dem es irgendwie doch gelungen ist, sich eine Zukunft zu bauen. Als Musikerin, die es im Buch ist. Oder als der nonbinäre Autor, der hier wohl auch Teile seiner eigenen Geschichte verarbeitet hat. Doch es bleibt die Frage, ob eine solche Geschichte derart nüchtern und zugleich locker-flockig erzählt werden kann. In Form einer Beichte, größtenteils frontal zum Publikum, aber mit vielen Musikeinspielungen dazwischen. Leonie Böhms Theater will nicht niederschmettern, sondern empowern. Aber so richtig schafft es hier beides nicht."

Egbert Tholl hingegen sieht für die SZ ein Stück, das gleichermaßen Zumutung wie Kunstwerk ist: "Auf der Bühne also zwei Frauen, Annette Paulmann und Maren Solty. Man könnte in ihnen beiden das Mädchen und den Täter sehen, aber schon wäre man auf der falschen Fährte. Beide sind der Täter, Kurt - so nennt das Mädchen ihn. Und Kurt berichtet direkt ans Publikum. Das Mädchen hat keinen Namen, nur die Zuschreibungen, die ihm Kurt gibt, 'Prachttier', 'Augenstern', alles Instrumentalisierungen. (…) Der Abend ist eine Zumutung, weil man dem Täter zuhört. Er erklärt nichts, er ist im Kern ein dunkler Monolith. Aber mit einem hellen Ende: Das Mädchen löst sich aus der Tätererzählung, findet ein Ich, kann wirklich fliegen. Zu einer Karriere als Musikerin. Sie will nicht vergessen, glücklich zu sein. Sie ist frei."
 
Besprochen werden: Katharina Kastenings szenische Inszenierung von Händels Oratorium "Der Triumph von Zeit und Erkenntnis" an der Oper Frankfurt  (FR), "Immer Frühlings Erwachen" von David Paquet nach Frank Wedekind am Deutschen Theater Göttingen, Regie führt Alexander Nerlich (Nachtkritik), die "Orestie" nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke, inszeniert von Stephan Kimmig am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Claudia Bauer inszeniert Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" am Münchner Residenztheater (SZ) und das Musical "Die Weiße Rose" von Vera Bolten (Buch, Regie) und Alex Melcher (Musik) im Berliner Admiralspalast (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2026 - Bühne

Mit Grausen berichtet Jakob Hayner in der Welt von Marta Górnickas Chor "Kassandra or Songs of the Canaries", mit dem Shermin Langhoff sich als Intendantin des Berliner Gorki Theaters verabschiedet: "Eine Stunde lang wird man als Zuschauer angeschrien, wie schlimm die deutsche Erinnerungskultur und die 'Staatsräson' seien, als handele es sich um die grausamsten Menschheitsverbrechen seit 1945." Zum Fremdschämen, findet Hayner, Agitprop mit dem Holzhammer, ein Beispiel für die schlechtesten Momente in Langhoffs Gorki-Zeit. Was schade ist, denn das Theater hatte auch großartige Momente, findet Hayner: "In den besten Momenten hielt das Gorki, was es versprach. Es war angesagt und cool. Als Begegnungsstätte zwischen Kreuzberger Straße und Hochkulturtempel bot das Gorki nicht nur Einblicke in andere Lebenswelten, sondern verhandelte sowohl den Blick der 'Anderen' auf Deutschland als auch den Blick der Deutschen auf die 'Anderen'. Und wo sonst konnte man ein Ensemble sehen, in dem sich die vielbeschworene Einwanderergesellschaft Deutschlands im 21. Jahrhundert abbildete?"

Weitere Artikel: In der SZ wünscht sich Christine Dössel etwas mehr Rücksicht im Zuschauerraum: Keine Babys in die Vorstellung mitnehmen, keine Handys an, kein lautes Mitsingen bitte. Lilo Weber porträtiert in der NZZ den ehemaligen Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck, der derzeit in Berlin Erfolge feiert, u.a. mit dem Doppelabend "Fearful Symmetries" des Staatsballetts Berlin.

Besprochen werden Werner Schwabs "Präsidentinnen" in der Inszenierung von Claudia Bauer am Residenztheater München (nachtkritik), Murat Yeginers Adaption des Romans von Gün Tank "Die Optimistinnen" mit viel Musik an den Schauspielbühnen Stuttgart (nachtkritik), Armin Petras' Adaption von Tschingis Aitmatows Roman "Dshamilja" am Neuen Theater Halle (nachtkritik), Rébecca Chaillons Performance "La Parabole du Seum" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), Angélica Liddells dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima gewidmetes Stück "Seppuku" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), Katharina Groschs Stück "I wanna contact the living" am Münchner Volkstheater (nachtkritik) und ein Tanzabend in Amsterdam, unter anderem mit Alexei Ratmanskys Choreografie "Solitude" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2026 - Bühne

Szene aus "Seppuku" Foto: Ximena y Sergio

Bitte nur in bester Stimmung in Angelica Liddells Stück "Seppuku" bei den Wiener Festwochen gehen, warnt nachtkritiker Martin Thomas Pesl vor. Denn die spanische Performancekünstlerin teilt mit dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima die Lust am Sterben und so inszeniert sie dessen Selbstmord mit "genüsslicher Negativität", aber nicht ohne Humor, auch dank ihres " kuriosen Bühnenpersonals": "Kazan Tachimoto und der betörend genderfluide Tänzer Ichiro Sugae werfen sich in abnehmenden Graden der Bekleidung in erotische Posen und präsentieren exaltiert ein Nō-Theaterstück aus dem 14. Jahrhundert. Alberto Alonso Martínez flext zu Engelsgesängen seinen muskulösen Body. Zwei Ärztinnen nehmen Liddell und einem Mitspieler je zwei Röhrchen Blut ab, deren Inhalt die Künstlerin auf einer weißen Tafel zu einem abstrakten Kunstwerk gießt. Am Ende posiert sie selbst vor einem Rosenbett mit vier Jünglingen, die zuvor ihre Hawaiihemden ausgezogen haben, während die wichtigsten Titel Mishimas aufscheinen und Alphavilles 'Big in Japan' durchs Volkstheater schallt."

Für die SZ porträtiert Christiane Lutz die Schauspielerin Paulina Alpen, die unter anderem gerade in der Adaption von Thomas Melles Roman "Die Welt im Rücken" auf der Bühne des Staatstheaters Stuttgart steht. Besprochen wird außerdem Germain Iconnees und Nick van der Heydens Inszenierung  "Carnivale Royale" von House of Circus im Berliner Chamaeleon (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2026 - Bühne

Auch die Kulturwissenschaftlerin Evelyn Annuß war als Rednerin zu Milo Raus "Glaubenstribunal" bei den Wiener Festwochen eingeladen, zog ihre Teilnahme aber zurück, als sie erfuhr, dass auch Peter Thiel geladen war, wie sie in der nachtkritik bekennt. Dort richtet sie sich in einem Text, der keinen Anglizismus liegen lässt, gegen Rau, dem sie nicht nur "maßlose Selbstüberschätzung" vorwirft, sondern ihn auch beschuldigt, sich der "PR-Logiken autoritärer Politiken des Tabubruchs" zu bedienen, "potenziell rechte Perspektiven" zu stärken und die Geladenen "mehrfach beschädigt" zu haben : "Ohne dass man wüsste, von wem eigentlich die Rede ist, macht sie der Intendant raunend dafür verantwortlich, dass seine 'Chance', mit Thiel persönlich ins Gespräch zu kommen, vertan wurde, er sich gewissermaßen auf seiner eigenen Plattform opfern musste, um die Festwochen nicht zu gefährden."

Die Kulturpolitiker, Intendantinnen und Theater-Geschäftsführer, die sich dieses Wochenende in Berlin zur Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins treffen, haben allerhand zu besprechen, weiß Peter Laudenbach (SZ), der neben dem Umgang mit Rechtspopulisten vor allem das Thema Finanzierung auf der Tagesordnung sieht. Denn steigende Kosten treffen auf klamme Kommunen, die "Höhe der gesamten öffentlichen Zuwendungen für die Bühnen in Deutschland ist in nur fünf Jahren von 2,7 Milliarden Euro 2019 auf 3,2 Milliarden im Jahr 2024 gestiegen" und saniert werden müssen viele Häuser auch noch: "Bühnenverein-Geschäftsführerin Schmitz schätzt, 'dass 70 bis 80 Prozent der Häuser vor einer Ertüchtigung stehen, Ertüchtigung benötigen oder in Ertüchtigungsmaßnahmen sind. Da geht es um zwei- oder dreistellige Millionenbeträge, mindestens'. Das wird viele Städte an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen."

Weiteres: Mit Shermin Langhoff verlässt auch das postmigrantische Theater das Berliner Gorki Theater, glaubt Patrick Wildermann, der für den Tagesspiegel mit den wichtigsten Protagonisten der Ära gesprochen hat. Besprochen werden "Metamorphose in drei Schritten" von Käthe Olt und dem Performancekollektiv Laboria Cuboniks in der Frankfurter Schauspielbox (FR), die Ausstellung "100 Jahre Schlossfestspiele" im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses (FAZ), ein Abend im Berliner Hebbel am Ufer, bei dem Christiane Rösinger ihr Buch"The Joy of Aging" vorstellte (taz) und René*e Reiths Performance "Tänze fast vergessener Geister", eine Hommage an die 1943 ermordete Trans-Künstlerin Liddy Bacroff in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2026 - Bühne

La Traviata © Julian Guidera for Garsington Opera

Gina Thomas besucht für die FAZ die Saisoneröffnungen zweier britischer Opernhäuser. Auf dem Programm stehen Evergreens: In Glyndebourne wird "Tosca" gegeben, in Garsington "La Traviata", in beiden Fällen wird die Handlung in die Epoche des historischen Faschismus verlegt. Von der britischen "Tosca" ist Thomas nicht allzu angetan ("weniger als die Summe der Teile"), deutlich mehr Freude hat sie an der Neufassung des Verdi-Klassikers. Regisseurin Louisa Muller zeichnet "das Bild einer auf dem Vulkan tanzenden Pariser Halbwelt, deren karnevalistische Ausgelassenheit den Fatalismus der Kurtisane im Angesicht des Todes spiegelt. (…) Im Zuge des Abends nimmt Violettas hedonistischer Freundeskreis zunehmend ausgefallene Züge an, als verwandle die fiebrige Phantasie der Sterbenden die Nachtschwärmer in Vorboten des Todes."
Simon Boccanegra © Ben van Duin for Nationale Opera & Ballet

Noch mehr Verdi: Holger Noltze besucht für van in Amsterdam am Nationale Opera & Ballet eine hervorragende Aufführung des "Simon Boccanegra". Eine der besten Verdi-Opern, meint Noltze, aber sie wird selten gespielt, vor allem aufgrund der äußerst komplizierten Handlung. Regisseurin Jetske Mijnssen jedoch "ist eine Meisterin sorgfältiger Personenregie, sie weiß um die große Macht der kleinen Gesten. ... Sie verlegt das Stück ins Uraufführungsjahr der revidierten Fassung 1881. Es war ja Verdis Gegenwart, auch sein Leiden am zerrissenen Italien, das ihn motivierte, den ein Vierteljahrhundert alten Stoff nochmal anzufassen. Die steifen Krägen und hochgeschlossenen Kleider zeigen ihre Träger als Gefesselte. Mehr Aktualisierung braucht es nicht. So gelingen auf der riesigbreiten Simultanbühne Bilder von archaischer Wucht und nie als fake-Historiengemälde: Darin agieren Menschen."

Weitere Artikel: Helmut Ploebst blickt im Standard voraus auf das Wiener Impulstanz-Festival, das vom 9. Juli bis zum 9. August stattfinden wird. Shirin Sojitrawalla macht sich auf nachtkritik Gedanken zum Zusammenhang von Schwimmbad und Theater. Susanne Lenz erzählt in der BlZ eine Anekdote von ihrem letzten Opernbesuch

Besprochen wird "Travelogue I - Twenty to eight" ein Frühwerk von Sasha Waltz, das das Salzburger Tanzfestival Sommerszene eröffnet. "Das Stück ist so weitsichtig angelegt, dass es potenziell alle anspricht", freut sich Helmut Ploebst im Standard.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2026 - Bühne

Szene aus "Tancredi" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus

Eine "kluge" Inszenierung von Rossinis Oper "Tancredi" ist Manuel Schmitt an der Oper Frankfurt gelungen, freut sich Jan Brachmann in der FAZ. Die Handlung spielt in Syrakus im Jahr 1005, es herrscht Bürgerkrieg und Amenaide, Tochter des Edelmanns Argirio, wird der Kollaboration mit den Sarazenen verdächtigt, als ein Brief an ihren verbannten Liebsten Tancredi abgefangen wird: "Im ersten Duett zwischen Amenaide und Tancredi schlägt die freudige Erregung des Wiedersehens um in eine Dur-Lyrik der Schockstarre, der Benommenheit durch die ausweglose Situation (...) Auch in den Schockfermaten des von Manuel Pujol zu höchster Beweglichkeit gebrachten Chors wiederholt sich diese geglückte Verbindung von Poesie und Realismus. Sie verdichtet sich im Klagen des Fagotts des Frankfurter Opern- und Museumorchesters, wenn Theo Lebow als Argirio gezwungen wird, das Todesurteil für seine Tochter zu unterschreiben."

FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht eher "konventionelles Musiktheater", applaudiert aber den Sängerinnen und Sängern: "Cláudia Ribas war hier schon im Opernstudio, ihren Tancredi beglaubigt sie mit einem dunkel grundierten, ausdrucksstarken, noch dazu unermüdlichen Mezzo. Ihre Amenaide ist Bianca Tognocchi, die sich zu brutalen Spitzentönen aufmachen muss, aber alles sitzt. Unermüdlichkeit benötigt erst recht der in drastischen Höhenlagen geforderte Theo Lebow als Argirio, aber als zähen Burschen konnte man ihn schon häufiger erleben. Das kann mal grell werden, Rossini baut echte Renommierstücke ein, in Frankfurt können sie mithalten."

Weiteres: In der NZZ resümiert Bernd Noack die Wiener Festwochen auch abseits der Debatte um Peter Thiel (unser Resümee) ("Das Publikum wollte Kunst und weniger Diskurs. Und die bekam es." Besprochen wird Daniela Löffners Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs neue "Sommersonnenwende" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Judy Hegarty Lovetts Inszenierung von Samuel Becketts "How it is" im Palazzo Diedo in Venedig (SZ) und Anna-Sophie Mahlers Inszenierung der Puccini-Oper "Turandot" an der Oper Stuttgart (SZ) und Berfîn Ormans Inszenierung von "Istanbul" am Stadttheater Fürth (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2026 - Bühne

"Sommersonnenwende", Foto: Toni Suter.


Roland Schimmelpfennigs "Sommersonnenwende", wird im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt, Regie führt Daniela Löffner und Judith von Sternburg dreht in der FR fast durch, weil das Kinderlied "Aramsamsam" der Motor des Stücks ist und ständig wiederholt wird. Es geht um eine Familie, die sich zum Gartenfest trifft und so aneinandergerät, dass sich die Menschen bisweilen in Tiere verwandeln: "Wiederholung als Mittel des Schimmelpfennig-Theaters spielt ohnehin eine Rolle. Verwirrend, aber raffiniert die zahllosen feinen Zeitsprünge. Sie werden immer angesagt, man ist dennoch perplex. Sind sie wichtig? Ist es wichtig, an welcher Stelle man in die 'Aramsamsam'-Endlosschleife einsteigt? Insgesamt geht es nicht mit rechten Dingen zu. Dazu könnte es sogar noch justiziabel werden (Knochen, Blut, Messer). Trotzdem leuchtet das ein. So funktioniert Theater, man bleibt dabei, um erst hinterher zu begreifen, dass man letztlich nicht viel Neues erfahren hat." Das Stück stellt so auch die Frage, "ob es eigentlich gut für das Theater sei, dass meistens noch einmal erzählt werde, was schon alle wissen. Guter kniffliger Punkt."

Egbert Tholl macht in der SZ auf den Familienstreit aufmerksam, der sich am Erbe der Geschwister Isabel und Victor und ihrer Partner Albert und Patrizia entzündet und der nun nicht mehr so leicht zu lösen ist: "Das Problem: Isabel und Albert haben ein Kind adoptiert, ein Mädchen, Amina, das nicht nur Victors und Patrizias Erbschleicherpläne zum Wohle der eigenen Brut torpediert, sondern auch überhaupt nicht Patrizias Vorstellungen entspricht. Amina scheint nicht zu passen, vielleicht ist sie schwarz, fremd, wie auch immer: Enge im Hirn kracht auf die mühevolle Behauptung von geistiger Freiheit, alle vier rasen auf zunehmend vollgematschter Bühne durch die Nacht, ein klein wenig Politik sickert ins Beziehungsgeflecht. Doch letztlich weiß man: In einem Jahr werden sie sich wieder treffen. Und alles wird wieder genau so sein. Familie halt." Weitere Besprechung in der Nachtkritik.

Anne-Catherine Simon bezieht in der Presse auch noch einmal Stellung zum Fall Rau/Thiel (unsere Resümees): "Milo Rau ist hier nicht der Loser. Ihm ist allein schon mit der Idee etwas gelungen, Peter Thiel einzuladen, und mit dessen Zusage zu einer öffentlichen, kritischen, keinerlei Einschränkungen unterworfenen (Publikums)Diskussion; ganz zu schweigen von der Debatte, die auf die Bekanntgabe der Einladung folgte, sie ist an sich schon ein interessanter Spiegel öffentlicher Zustände. Abgesehen davon: Egal, was man von der Inszenierung dieser Thiel-Einladung halten mag, ja von der Einladung Thiels selbst - was zuletzt an Milo-Rau-Bashing stattgefunden hat, diskreditiert in seiner Ballung und teils gehässigen Zuspitzung nicht den Festwochen-Intendanten, sondern die Attacken auf ihn."

Erst musste das Maxim-Gorki-Theater beim Sparkurs des Berliner Senats einstecken, jetzt droht ihm auch noch eine gepfefferte Mieterhöhung - der Vermieter ist aber selbst ein Unternehmen des Landes Berlin. Für Peter Laudenbach ist in der SZ klar, was getan werden müsste: Es gäbe "eine langfristig tragfähige Lösung für die schwierige Situation der Werkstätten und die über die Stadt verteilten Probebühnen, die schon länger in Planung ist: landeseigene Proben- und Werkstatt-Räumlichkeiten für das Gorki-Theater und die Volksbühne. Die Investition könnte die Infrastruktur der Theater auf Dauer sichern und ihnen ein effizienteres, also deutlich kostengünstigeres Arbeiten ermöglichen. Bisher hatte die unter Wedl-Wilson und ihrem sprunghaften Vorgänger Joe Chialo (CDU) kurzatmig und hektisch agierende Berliner Kulturpolitik nicht die Kraft, solch eine langfristige Entscheidung zu treffen."

Weiteres: Katja Kollmann sieht sich für die taz auf dem Berliner Theatertreffen der Jugend um. Konrad Muschick stellt in der FAZ den jungen Theatermacher Mario Banushi vor, der in Venedig den Silbernen Löwen verliehen bekommt. Arno Widmann erinnert in der FR an Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung", die vor 60 Jahren uraufgeführt wurde.
 
Besprochen werden: "Polaris" am Deutschen Theater, geschrieben und inszeniert von Jan Christoph Gockel (Taz, Tagesspiegel), Silvia Costa inszeniert mit "La Musica - zwischen ihr und ihm" am Münchner Residenztheater ein Mash up von zwei Stücken von Marguerite Duras (Nachtkritik), "The Boys are Kissing" von Zak Zarafshan, inszeniert von Anne Lenk am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik) und Maria Lazars "Der blinde Passagier", inszeniert von Ebru Tartıcı Borchers am Staatstheater Oldenburg (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2026 - Bühne

"Several Rythms Sort Thoughtfully" am Schauspielhaus Frankfurt. Foto: Dominik Mentzos. 

Der künstlerische Direktor Ioannis Mandafounis der "Dresden Frankfurt Dance Company" sorgt dafür, dass FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster im Schauspielhaus Frankfurt endlich wieder Stücke auf "zeitgenössischem Tanzweltniveau" genießen kann. So zum Beispiel die Choreographie "Several Rhythms Sort Thoughtfully" von Thomas Bradley: "Bradleys Stück für fünf Tänzer in Patchwork-Anzügen beginnt mit Gängen in großer Ruhe und bleibt auf unaufgeregte Weise eigen, überlegt und sehr elegant. Es öffnet den Blick für die Schönheiten einer komplett schwarzen, entkleideten Bühne, die von wundervollen Lichtstimmungen räumlich gestaltet wird, indem etwa knallhelle Lichtflure auf den Boden geworfen werden, in die es manche Tänzer förmlich hineinzuziehen scheint. Überwiegend aber herrscht das Erwartungen evozierende Theater-Nichts, das Kahle: no Drama. Dahinein stellen sich die fünf Tänzerinnen und Tänzer mit dem ihnen eigenen Mut. Das allein zu beobachten, ist fantastisch."

"Im dritten Jahr zeigt Raus Intendanz erste Abnutzungen", stellt Uwe Mattheiß in der taz mit Blick auf den Streit um die Ein- und Ausladung Peter Thiels zu den Wiener Festwochen (unsere Resümees) fest: "Rau wurde engagiert, um den Wiener Festwochen Reichweite zurückzubringen, die sie mit den Jahren verloren hatten. Was vor ihm geschah, ist allerdings weniger der Hand seiner Vorgänger geschuldet als dem Strukturwandel im kulturellen Feld. Am besten ging es den Festwochen, als die Arbeitsteilung des Kulturbetriebs noch intakt war. Repertoiretheater spielten den Kanon der gymnasialen Oberstufe rauf und runter; Festivalkultur öffnete den Blick auf Außenseiter, ästhetische Innovationen und die Gurus der (Post-)Moderne. Rau bringt Impact zurück, verteilt aber die Aufmerksamkeitsressourcen von unten nach oben. Das nimmt dem Theaterprogramm den Sauerstoff, das zumindest bis zur Festivalhälfte auch schwächer aufgestellt ist als die beiden Jahre zuvor."

Weitere Artikel: Jürgen Kuttners Reihe "Videoschnipsel" an der Berliner Volksbühne wird nicht verlängert werden, bedauert Peter Laudenbach in der SZ und hält es für eine Fehlentscheidung dieses ganz "eigene Genre zwischen höherem Quatsch, Geistesblitzen und gekonnter Publikumsüberforderung" fallen zu lassen. Besprochen werden Kay Metzgers Inszenierung der Wagner-Oper "Meistersinger von Nürnberg" am Theater Ulm (FAZ) und zwei Einakter an der Wiener Kammeroper: Bohuslav Martinůs "Zweimal Alexander" und Mieczyslaw Weinbergs "Lady Magnesia" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2026 - Bühne

Szene aus "She Stands in the Middle of the Battlefield". Foto: Karolina Jozwiak

Gelungener Auftakt des "Impulse"-Festivals für Performance, Theater und Tanz im Dortmunder FFT, freut sich nachtkritiker Max Florian Kühlem, nachdem er Magda Szpechts Performance "She Stands in the Middle of the Battlefield" und Sheena McGrandles Tanz "Toil" gesehen hat. Dabei überzeugt vor allem das Stück der polnischen Regisseurin Szpecht, die ihr Stück einer befreundeten ukrainischen Theatermacherin widmet, die sich entschied, als Soldatin für ihr Heimatland zu kämpfen: Das Tolle an der Performance ist, "dass sie zwar immer wieder in der ganz realen Erfahrung an der Front wurzelt - und dabei die besondere Perspektive des weiblichen Körpers im überwiegend männlichen Kriegsgeschäft einnimmt. Aber sie findet darin Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten, den Zwischenraum der Kunst. Die Regisseurin kreiert mit der starken Performerin und Musikerin Agata Różycka eine Komposition aus Schauspiel, Film und (Live-)Musik. Für die ungefilterte Kriegserfahrung collagiert sie Briefe, Chats, Sprachnachrichten oder Videos von ihrer Freundin, die bis heute als Soldatin für die Ukraine kämpft." 
 
Besprochen werden außerdem Max Kochs Inszenierung von Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" (FR), das von Christian Spuck inszenierte Doppelballett "Symphony in C/Fearful Symmetries", ersteres von George Balanchine nach Georges Bizet, zweiteres von Spuck selbst nach John Adams an der Berliner Staatsoper (FAZ, mehr hier), Caroline Guiela Nguyens Stück "Valentina" bei den Ruhrfestspielen (nachtkritik), Julia Wisserts Inszenierung der "Dreigroschenoper" an Theater Dortmund (nachtkritik) und Wilke Weermanns Inszenierung von Sam Max' Stück "Wüste" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2026 - Bühne

Beate Scheder trifft sich für die taz mit der neuen Intendantin des Berliner Gorki Theaters Çağla Ilk und deren Dramaturg Ludwig Haugk, die ihr die Pläne für die kommende Spielzeit verraten. Auch tagsüber soll das Gorki künftig geöffnet sein, überhaupt wolle man offener werden: "Künstler:innen und Regisseur:innen habe sie deshalb ausgewählt, die offen seien für ein 'übergreifendes Denken'. Die immer wieder eine andere Wahrnehmung schaffen. Von einer anderen 'Weltwahrnehmung' spricht Haugk gar. Und die sich ein bisschen weniger an Begriffen festhalten. Dem des Sprechtheaters etwa, das Kritiker:innen am Gorki bereits jetzt vermissen. Oder dem des postmigrantischen Theaters."

Weitere Artikel: Für die taz resümiert heute Hilka Dirks die Pressekonferenz, auf der Matthias Lilienthal seine Pläne für die neue Spielzeit der Volksbühne bekannt gab. Besprochen wird außerdem das Stück "9/11 Frames Per Second" von Claudia Rankine, Myassa Kraitt, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Sivan Ben Yishai und Eyal Raz am Schauspielhaus Wien (nachtkritik).