Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2026 - Bühne

"Leben und Schicksal". Foto: Armin Smailovic.

Knapp vier Stunden braucht Johan Simons für seine Inszenierung von Wassili Grossmans Roman "Leben und Schicksal" am Schauspielhaus Bochum - das ist gar nicht so lang, bedenkt man, dass der Roman gut tausend Seiten hat. Herausgekommen ist dabei laut FAZ-Kritiker Hubert Spiegel ein "fesselnder Theaterabend ... konzentriert, intensiv, berührend. Ein historischer Stoff, aber von unvergänglicher Aktualität, und eine puristische, stellenweise geradezu brechtisch anmutende Inszenierung, die mit humanistischem Pathos, also mit der größten Ernsthaftigkeit, der Frage nachgeht, in welchen Winkeln des Herzens das Menschliche überleben kann in unmenschlichen Zeiten. Die Sowjetunion war ein Riesenreich, aber vielen ihrer Bewohner ließ sie kaum Raum genug zum Atmen. Die Verhältnisse sind beengt, jeder beobachtet jeden, Moskaus langer Arm reicht weit."
 
Auch Nachtkritiker Gerhart Preußer ist beeindruckt, wie es Simons gelingt, auch in dieser Inszenierung ein Mittel zu finden, die über tausend Seiten des Romans auf die wichtigsten Handlungsstränge zu komprimieren, ohne dass das Stück an Komplexität einbüßt. Hier ist es die Musik, "am intensivsten in der Szene, in der eine jüdische Ärztin mit einem ihr fremden Kind von den Deutschen in die Gaskammer verfrachtet wird. Dieser wirklich herzzerreißende Monolog wird aufgeteilt zwischen Sprechgesang Elsie de Brauws und der Darstellerin der Ärztin (Carla Richardsen), unterbrochen mehrfach von einem Wiegenlied-Thema aus Dmitri Schostakowitschs 10. Symphonie, die das Quartett dazwischenschiebt. Immer wieder in oder zwischen den Szenen erklingen Fragmente aus dieser Symphonie, denn das ist die entscheidende Konzeptionsidee: Die Koppelung von Grossmans Roman mit der Symphonie Schostakowitschs."
 
So richtig sicher ist sich Nachtkritikerin Isa Hoffinger nicht, ob sie sich in den Münchner Kammerspielen ekeln oder fasziniert sein soll, wie Doris Uhlich menschliche Körper mit Schleim überkippt und dabei Geschlechtergrenzen und Normen tanzender Körper überschreitet: "Die Tänzer geben sich ihren eigenen Bewegungen hin, erobern bestimmte Ecken des Raumes, besetzen ihre persönlichen Nischen. Dann wiederum schmiegen sich die Körper paarweise aneinander, binden sich zu pyramidenförmigen Gebilden zusammen oder reihen sich wie Glieder einer Kette aneinander und schlängeln sich gemeinsam wie ein Riesenwurm vorwärts. Sind wir nun Individuen oder Gemeinschaftswesen? Auch das lässt sich nicht klar auseinanderhalten. Schlitternd und rutschend erweitern diese Körper ihre Grenzen, weichen Hautbarrieren auf: Sie gehen aufeinander zu und enge Verbindungen ein. Sie prallen aneinander ab oder öffnen sich füreinander, spenden sich Geborgenheit in Umarmungen."

Weiteres: Wiebke Hüster trauert in der FAZ um "Frankreichs berühmteste Ballettmeisterin" Claude Bessy, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Robert Ickes "Ödipus"-Inszenierung am Residenztheater München (SZ), Die Physiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Yael Ronens "Burn, Baby, Burn!" am Schauspiel Hannover (SZ), Sebastian Baumgarten inszeniert Gert Ledigs Roman "Vergeltung" am Schauspiel Köln (taz), Johanna Wehner inszeniert Thomas Manns "Buddenbrooks" am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare in Egitto" in der Inszenierung von David McVicar (Tagesspiegel), Opera Incognita führt Beethovens "Fidelio" im Münchner Justizpalast auf (NMZ) und Anna Smolar inszeniert "Orpheus und Eurydike" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2026 - Bühne

Szene aus den "Drei Schwestern". Foto: Jörg Brüggemann


Vom Landhaus in den Bunker: Dorthin hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik am Berliner Ensemble Tschechows "Drei Schwestern" verlegt, im Hintergrund wird der Krieg vorbereitet. Christine Wahl (Tagesspiegel) ist hin und weg: "Koležnik gelingt mit diesem Abend etwas absolut Verblüffendes: Sie schafft - und zwar nicht nur optisch durch Klaus Grünbergs Bunker-Bühnenbild, sondern auch subkutan, im Spiel - ein Ambiente von Bedrohung, mentaler Kriegspräsenz und permanenter Alarmbereitschaft, das über konkrete Kriegsszenarien weit hinausweist und in dem Tschechow so gegenwartsdurchlässig klingt wie schon lange auf keiner Theaterbühne mehr. ... Die Grenze zwischen Außen und Innen ist längst erodiert, die Kaserne ein quasi öffentlicher Ort, an dem jeder intime Moment von der nächsten Truppenübung ausgebremst werden kann. Und die Art, in der das hier eben nicht, wie so häufig, bloß Behauptung bleibt, sondern tatsächlich aus den Körpern und Tonlagen der Spielenden kommt, macht den Abend wirklich außergewöhnlich."

Auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist begeistert, er versteht das Stück plötzlich ganz neu: "Koležnik stellt die romantischen Klagen über die Scheinhaftigkeit der Existenz vom Kopf auf die Füße. In ihren 'Drei Schwestern' ist es der Krieg, der das Leben scheinhaft werden lässt. Damit holt sie Tschechow in die Gegenwart von 'Zeitenwenden' und 'Kriegstüchtigkeit'. Das ist mit so viel Tempo und Genauigkeit inszeniert, hat Witz und Ernst gleichermaßen, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt auch an dem überragenden Ensemble, auf das man am Schiffbauerdamm zurückgreifen kann: von Stammkräften wie Constanze Becker, die man lange nicht mehr so gut gesehen hat, bis zu überzeugenden Neuzugängen wie Sebastian Zimmler." Nachtkritiker Iven Yorick Fenker hat sich dagegen trotz toller Schauspieler eher gelangweilt: "Alles ziemlich old-school", wie Putins Schnur-Telefon, an dem er mit dem Atomkrieg drohte, "aber natürlich sehr, sehr aktuell".

Weitere Artikel: Steffen Becker berichtet in der nachtkritik von den Asiawochen am Theater Heidelberg. In der FR erinnert Arno Widmann an die Uraufführung von Kleists "Penthesilea" 1876. Nach Simon Strauß in der FAZ (unser Resümee) beklagt jetzt auch Jakob Hayner in der Welt eine "Verzwergung" des Theaters in Deutschland, das jetzt lieber Aktivismus statt Kunst mache.

Besprochen werden außerdem Robert Ickes Modernisierung von Sophokles' "Ödipus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Lamin Leroy Gibbas Inszenierung von Lennart Kos' Anti-Wellness-Komödie "Balance und Harmony" an den Münchner Kammerspielen ("lebensnah", findet nachtkritikerin Hannah Eder), Bastian Krafts Dürrenmatt-Inszenierung "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritiker Christian Rakow ist trotz Crossgendern unterwältigt), Katharina Kohlers Adaption von Maria Lazars Roman "Veritas verhext die Stadt" am Nationaltheater Mannheim (taz), Armin Petras' "Hundeherz" nach dem Roman von Michail Bulgakow, in der Inszenierung von Claudia Bauer am Hamburger Schauspielhaus (es gibt viel zu gucken auf der Bühne, "nur findet die Inszenierung in ihrem Versuch der umfassenden Weltkommentierung kein Zentrum", meint nachtkritiker Stefan Forth), Philipp Krebs' Musiktheater "Zornfried" nach dem gleichnamigen Roman von Jörg-Uwe Albig am Staatstheater Kassel (FR) und ein Auftritt des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2026 - Bühne

Szene aus "Stabat Mater". Foto: Andre Cherri

Nachtkritikerin Esther Slevogt zieht eine nicht zufriedene Bilanz des diesjährigen FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, das sich "Unruheherden in Familien, auf Schulhöfen und in postkolonialistischen Kulturen" widmete. Besonders eindrücklich erscheint ihr das Stück "Stabat Mater" der brasilianischen Theatermacherin Janina Leite, das "die von Unterdrückung und Gewalt geprägte Schieflage zwischen Männern und Frauen untersucht. Sie bittet männliche Pornodarsteller zu einem Casting, und stellt ihnen die Frage, ob sie bereit wären, mit ihr eine Sexszene unter der Regie ihrer Mutter zu drehen. Reaktionen und Ergebnisse werden an diesem Abend in aller Drastik präsentiert, wie auch die Mutter der Theatermacherin, Amalia Fontes Leite, leibhaftig in Erscheinung tritt. (…) Auf der Bühne steht den ganzen Abend, be- oder eben nicht bekleidet, wie wir's hierzulande aus Performances von Florentina Holzinger kennen, Janaina Leite und führt mal theoretisch, mal praktisch durch eine Kulturgeschichte der Gewalt gegen Frauen, die sie hier nun sozusagen am eigenen Leib oder besser mit diesem Leib zu exorzieren versucht."


Szene aus "Die weiße Madonna von Einsiedlen". Foto: Lucia Hunziker

Rico Brandle ist in der NZZ müde vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, das nur die eigene politische Meinung bestätigt. Jüngster Fall: Patricija Katica Bronićs Inszenierung von Fatima Moumounis und Laurin Busers Stück "Die weiße Madonna von Einsiedeln" am Theater Basel, basierend auf dem wahren Fall um einen Migranten, der 2024 in der Klosterkirche von Einsiedeln die Schwarze Madonna entkleidete, ihr die Krone und das Zepter wegriss und sich selbst aufsetzte. Im Stück wohnt im selben Ort Alice Weidel, die Dorfbewohner teilen ihre Ideologie, wollen sie aber aufgrund ihrer Homosexualität per Volksentscheid abschieben, resümiert Brandle: "Die Figuren, auch der Abt und die Mönche, sind allesamt bloße Karikaturen von zurückgebliebenen Hinterwäldlern. Das Schweizer Dorfleben und das System der direkten Demokratie erscheinen als ein großer Witz, über den man herzhaft lachen könnte, wäre nicht alles von einer fremdenfeindlichen Ideologie durchtränkt. Nur eine Person ist vollauf vernünftig und gänzlich unbescholten: der Muslim Tarik Berger, der pflichtbewusst das christliche Heiligtum rettet - und wegen seiner Religion und Herkunft trotzdem in Not gerät."
Stichwörter: Find-Festival

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2026 - Bühne

Gorki Theater - Kassandra. © Esra Rotthoff

Esther Slevogt nimmt auf nachtkritik Marta Górnickas "Kassandra" am Berliner Gorki Theater (siehe auch hier) zum Anlass für eine Wutrede wider eine aktivistische Theaterpraxis, die sich die Dinge zu einfach macht. Indem sie sich einen uniformen Popanz namens Deutschland zurecht legt, auf den dann alles Übel dieser Welt projiziert wird. Anstatt dass man Überlegungen anstellt, die auch für die eigene, als postmigrantisch verstandene Position unbequem sind. Wie zum Beispiel die Folgenden: "Wie damit umgehen, dass marginalisierte Gruppen in dieser Gesellschaft oft auch Proxies von Parteien geopolitischer Konflikte sind? Wie aushalten, dass an dieser Stelle Interessenskonflikte entstehen können zwischen allen möglichen Parteien, von denen der Mainstream nur eine von vielen möglichen ist? Wie erhält man da einen gesellschaftlichen Konsens? Wie kann das Theater ein Aushandlungsort für alle bleiben? Fragen, die sich jetzt auch diese Kassandra hier offenbar erst gar nicht stellt. Sondern sich in der Pose der Unschuld und der Parteigängerin für die selbstgerechte Sache gefällt und dabei in rechthaberischer Abfälligkeit Fragen von Komplexität als feige, denkfaul oder weltflüchtig abtut."

Simon Strauß besucht für die FAZ eine Probe der Tschechow'schen "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble unter der Regie von Mateja Koležnik. Besprochen wird Puccinis "Turandot" an der Oper Frankfurt (Welt - "so eindrücklich wie schrecklich").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Bühne

"Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater © Arno Declair

SZ
-Kritikerin Christiane Lutz rechnet es Regisseur Jan Friedrich hoch an, dass sie zur Abwechslung mal gut gelaunt aus dem Theater kommt. Seine Adaption von Tonio Schachingers mit dem Buchpreis ausgezeichneter Gaming-Geschichte "Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater ist witzig, unterhaltsam und sensibel: "Till und seine Mitschüler tragen in den Klassenzimmerszenen Masken mit puppenhaft verzagten Gesichtsausdrücken und 'grüne Polohemden und braune Segelschuhe, rosa Poloblusen und weiße Jeans', wenig subtile Hinweise auf ihren sozialen Status. Die Schauspieler wechseln fliegend und mitreißend zwischen allen weiteren Rollen, es wird gerauft, gepöbelt, gesäftelt, geraucht, getanzt." . Als "Tills Vater an Krebs stirbt, ist das ein für die Zuschauer überraschender Moment und für Till eine ausschließlich persönliche Angelegenheit, mit wenigen, exakt eingesetzten Blicken und Worten auf der Bühne doch nachspürbar." Friedrich bleibt nah an der Vorlage und damit leider etwas hinter den "gigantischen Möglichkeiten des Theaters" zurück, merkt Lutz an, die trotzdem sehr zufrieden ist.

Besprochen wird Zufit Simons Inszenierung von "The Fight Club" zur Eröffnung des Best OFF Festival Freier Theater in Hannover (taz), Marta Górnickas Inszenierung von "Kassandra" am Maxim Gorki Theater (FAZ), Jorinde Dröses Inszenierung von Caren Jeß' Stück "Bookpink New Arrivals" am Deutschen Theater Berlin (taz), Marc von Hennings Inszenierung seines Stücks "Unruhe am Rand der Schöpfung" im Theater am Leibnizplatz in Bremen (taz) und Paloma Muñoz' Choreografie "Im Mohnfeld" im Mainzer Staatstheater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2026 - Bühne

"Kassandra". Foto: Magda Hueckel.


Das Maxim-Gorki-Theater verabschiedet sich mit Marta Górnickas "Kassandra or Songs of the Canaries" von der Intendanz Shermin Langhoffs. Es wird politisch, es wird rhythmisch, es wird anklagend, wie Nachtkritikerin Elena Philipp beobachtet: "Mit Druck und ungemein präzise skandiert das 24-köpfige Ensemble seine Anklage an ein so selbstgefälliges wie selbstmitleidiges Deutschland, das die eigene Gewaltneigung im Nahraum ebenso negiert wie die schuldhafte Komplizenschaft in internationalen Angelegenheiten. Waffen in alle Welt exportieren, aber sich verstecken, sobald es unangenehm wird: Laut Allensbach Institut möchten 90 Prozent der Deutschen alles Schlimme am liebsten ignorieren. Doch immerhin sind 'wir' Weltmarktführer in 'Er-in-ner-ungs-kul-tur'! - 'You Are All Idiots' kommentiert das Debbie Arega, ein junges Mitglied des wie üblich altersgemischten Górnicka-Chores, auf ihrem knallroten T-Shirt. Aber das ist okay, sagt sie uns noch: 'I accept it.'" Philipp wird auch ein bisschen konkreter, nennt die Stichwörter "Documenta", "Genozid", und "es versteht ohnehin jede*r, wovon hier die chorische Rede ist".
 
Für Susanne Messmer in der taz geht es um das "Prinzip des Ungehörtseins selbst", das hier wie auf einem "grobschlächtgem Punkkonzert" angeklagt wird: "Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen, Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als trifft - und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist kein Chor, der - wie im antiken Theater - kommentiert, sondern einer, der eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig. Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf - nicht als Argument, sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über Abschiebungen, das Stadtbild oder den Bundestag als Zirkuszelt so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der SZ.

Weiteres: Auf deutschen Bühnen wird viel gestorben, konstatiert Boris Motzki für die FAZ.

Besprochen werden: Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" wird von Tobias Kratzer an der Staatsoper Hamburg zusammen mit Alexander Zemlinskys Einakter "Eine florentinische Tragödie" aufgeführt (FR), die Gruppe Wunderbaum bringt am Schauspielhaus Bochum "Die Kunst des Deals" auf die Bühne (Nachtkritik), Stas Zhyrkov inszeniert mit "Nach dem Leben" die Bühnenfassung eines Films von Hirokazu Koreeda am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Bettina Jahnke inszeniert Yasmina Rezas Roman "Der Gott des Gemetzels" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2026 - Bühne

Der Fußballer Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, feiert seinen 66. Geburtstag mit einem Auftritt auf der Bühne des Bürgerhauses Stollwerck in Köln, und Hubert Spiegel widmet diesem Abend der "Selbstheroisierung und Selbstentblößung" den Feuilletonaufmacher der FAZ. Denn Litti hat ihn bestens unterhalten. Auch SZ-Kritiker Alexander Menden verbringt einen "erfreulich bizarren Abend". 

Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons "Bluets" beim Berliner FIND-Festival (taz, mehr hier), Andrea Breths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" (Welt, mehr hier) und Theresa Thomasbergers Inszenierung von Anna Neatas "Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik) und Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ionescos "Der König stirbt" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Stichwörter: Littbarski, Pierre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2026 - Bühne

"Seichte" Unterhaltung kam für das FIND-Festival an der Berliner Schaubühne in diesen Zeiten nicht in Frage, bemerkt Patrick Wildermann (Tsp) - und das bestätigt ihm auch Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade. Und so stellt sich der Kritiker auf ein düsteres Programm ein: "Sucht und Suizid, Rassismus und Flucht - das sind nur ein paar der schwerwiegenden Themen, die das FIND diesmal mit Arbeiten aus Kanada, Brasilien, Norwegen oder Italien bearbeitet." Unter anderem wird die brasilianische Theatermacherin Janina Leite in ihrem Stück "Stabat Mater" Sex mit einem Pornodarsteller haben, angeleitet von ihrer eigenen Mutter, verrät Wildermann.

Szene aus "Bluets". Foto: Gianmarco Bresadola

Den Anfang aber macht die britische Regisseurin Katie Mitchell mit ihrer Adaption von "Bluets", Maggie Nelsons Prosaminiaturen über Liebeskummer und andere Tragödien, vor allem aber über die Farbe Blau. Vor einer Videoarbeit des Filmemachers Grant Gee, der die Kamera durch Berlin gleiten lässt, spielen drei Akteurinnen die Szenen nach - und nachtkritikerin Esther Slevogt erlebt in diesem "süffigen Stadtporträt" in erster Linie eine "Etüde des Sehens", etwa wenn "in einem Video riesengroß einmal eine Biene in das Zentrum einer knallroten Mohnblume fliegt, während eine Stimme erklärt, dass die Biene selbst hier gerade einen klaffenden bläulich-lila Mund wahrnimmt. (...) Es wird von Goethes Farbenlehre berichtet, von der Kathedrale von Chartres und ihrem somnambulen Blau. Von Billie Holiday und dem Blues. Von Menschen, die sich die Schneidezähne durch Lapislazuli ersetzen ließen." "Theatralisch unauffällig", aber von "sinnlicher Prägnanz", nennt Simon Strauss in der FAZ den Abend, während Ulrich Seidler (BlZ) mit wenig Hoffnung nach Hause geht: "Suff, Sex, Trauer, Schmerz, Leere und Einsamkeit werden von diesem seltsamen Blau verschleiert. Man findet also nirgends Halt in dieser kalten Theaterapparatur der Selbstvergessenheit."

Weitere Artikel: In der SZ bemerkt Egbert Tholl anhand von Elisabeth Stöpplers Stockhausen-Inszenierung "Michaels Reise" an der Hamburger Staatsoper, wie gut Kinderopern funktionieren können.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2026 - Bühne

Szene aus "Frauenliebe und -sterben". Foto: Matthias Baus

"So geht Musiktheater, das gar nicht aufregender sein kann", jubelt Egbert Tholl (SZ), der kaum weiß, was ihn mehr umgehauen hat: Tobias Kratzers Inszenierung "Frauenliebe und -sterben" an der Hamburger Staatsoper, die Robert Schumanns Liedzyklus "Frauenliebe und -leben" mit Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" und Alexander Zemlinskys einaktiger Oper "Eine florentinische Tragödie" zu einer Befragungen von Frauenbildern verknüpft? Kate Lindseys "betörend intime" Interpretation der Schumann-Lieder? Oder doch Karina Canellakis' Dirigat? "Tatsächlich ist ihr Dirigat an diesem Abend absolut berückend. Musikantisch, klanglich ist eh alles von perfekt emotional aufgeladener Klarheit, was da aus dem Graben tönt, doch Canellakis überwölbt das noch mit einem unglaublichen Theaterinstinkt. Im 'Blaubart' kennt sie jede Silbe, jede Nuance, jedes kleinste inhaltliche Detail, das da gesungen wird. Wie sie Judith, also Annika Schlicht, mit dem Riesenapparat begleitet, das hat alles von gemeinsamen Atmen, Verstehen im Moment, die Musik wird symbiotisch vereint mit dem Ausdruck der Sängerin."

Ähnlich urteilt Axel Weidemann in der FAZ: "Alles was passiert, sieht man in der Musik fast mehr, als das man es hörte - und auch das ist das Grandiose an diesem Abend, der sein Publikum mitten hinein in eine Horrorerzählung gelockt hat." Nur Nachtkritiker Falk Schreiber räumt ein: "Ein bisschen stößt einem angesichts dessen unangenehm auf, wie ein männlich gelesener Regisseur sich hier dazu aufschwingt, den Feminismus ins Musiktheater zu tragen (und dass ein männlich gelesener Kritiker das bemängelt, darf ebenfalls problematisiert werden)."

Weitere Artikel: Comics auf der Bühne? Passt ganz hervorragend, findet ein hingerissener Jakob Hayner (Welt), der mit Anna Marboes "Liv, Love, Laugh Strömquist" am Wiener Volkstheater und Katrin Plötners "Das Orakel spricht" über Selbstoptimierung und Sinnsuche am Schauspielhaus Graz gleich zwei herausragende Adaptionen nach Vorlagen der schwedischen Comiczeichnerin Liv Strömquist gesehen hat. Besprochen wird außerdem Carola Moritz' Inszenierung des "Faust 1" im Frankfurter Kulturhaus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2026 - Bühne

Simon Strauß zeigt sich in der FAZ ziemlich fassungslos darüber, dass die Chemnitzer SPD sich dafür ausgesprochen hat, das örtliche Sprechtheater und das Opernhaus zusammenzulegen. Einem "kulturpolitischen Kahlschlag in ungewöhnlichem Ausmaß" redet die SPD hier das Wort, meint Strauß. "Die Entscheidung, künftig kein eigenes Schauspielhaus mehr zu unterhalten, wäre nicht nur ein peinliches Armutszeugnis für eine Kulturhauptstadt, sie ginge auch auf Kosten der kulturellen Konkurrenzfähigkeit von Chemnitz, einer Stadt, die wegen mangelnder infrastruktureller Anschlussfähigkeit (es gibt nach wie vor keine ICE-Strecke nach Chemnitz!) sowieso schon mit Statusproblemen zu kämpfen hat. In einer Zeit, in der Machtfragen zunehmend im kulturellen Bereich aufgeworfen werden, wäre das eine Weichenstellung von fataler Fahrlässigkeit." In der BlZ kommentiert Ulrich Seidler.

Szene aus "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic

Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem beschäftigt sich in der FAZ noch einmal mit dem Bochumer Theaterskandal um Tiago Rodrigues' Stück "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten" - bei der Bochumer Premiere wurde ein Schauspieler, der einen Rechtsextremisten darstellte, von Zuschauern tätlich angegriffen (mehr hier). Griem möchte den Vorfall in eine Tradition der "Parabasis" eingeordnet sehen, also der direkten Ansprache des Publikums von der Bühne aus. Eine vorschnelle Verurteilung des intervenierenden Publikums lehnt sie aus dieser - einigermaßen abstrakten - Perspektive ab: "Vielleicht liefert die Bochumer Inszenierung von 'Catarina' aber nach der mancherorts willkommenen Gelegenheit zur Publikumsbeschimpfung bei genauerer Betrachtung doch eher einen Anlass, eine vielfach totgesagte bürgerliche Institution dafür zu feiern, dass sie sich gerade nicht zwischen Repräsentation und Partizipation entscheiden muss und damit auf der Höhe einer Gegenwart bleibt, in der populistische Publikumsansprachen auf vielen medialen Kanälen effizient praktiziert werden."

Außerdem: Wilhelm Sinkovicz ruft in der Presse dem Musikwissenschaftler, Publizisten und Opernfreund Heinz Irrgeher nach.

Besprochen werden die auch in anderen Medien fleißig bejubelte Franz-Schreker-Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" am Opernhaus Halle (nmz - "Fabrice Bollon und die Staatskapelle Halle übertreffen sich selbst"), Thomas Birkmeiers Bühnenfassung des Hitler-Romans "Er ist wieder da" von Timur Vermes am Wiener Renaissancetheater (Standard - "Die Realität hat dem Stoff längst seine satirischen Qualitäten entzogen") und Rebekka Davids Inszenierung "Zeit für Monster" nach Franz Kafkas "Der Bau" am Theater Braunschweig (taz - "Ein schlaues Vergnügen").