Efeu - Die Kulturrundschau

Ich werde mich entschlossen verirren

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25.11.2019. Schon wieder tolles Theater in München: SZ und Nachtkritik feiern Leonie Böhms Befreiung von Schillers Räuberinnen, die FAZ erlebt bei Bastian Kraft, wie Lulu gegen ihr tragisches Schicksal aufgebehrt. Die NZZ würde betrübt auf den Niedergang der ägyptischen Filmindustrie blicken, sofern in Kairos Misr-Studio überhaupt das Licht anginge. Das Berliner Festival "Right the Right" eröffnet der taz alternative Konzepte zu Urheberrecht und Überfluss-Kapitalismus. Und noch mehr Handke.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 finden Sie hier

Bühne

Leonie Böhms "Räuberinnen" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Judith Buss

Schon wieder ein grandioses Theaterwochenende in München. Im Residenztheater bracht Bastian Kraft Frank Wedekinds "Lulu" auf die Bühne, in den Kammerspielen Leonie Böhm Schillers "Räuber" in rein weiblicher Besetzung. In der SZ beobachtete Christiane Lutz mit Begeisterung, wie die Franz und die Karl riesige Wolken voller schlechter Laune und ungefährer Ideale über die Bühne schaufelten: "Wenn er/sie nur wüsste, welche genau das sind? Ohne groß darauf herum zu kauen verweist Böhm damit auf winzige Probleme einer narzisstischen Gesellschaft, die sie 'Bienensorgen' nennt, und die Trägheit jener, die keine Ahnung haben, für welche Werte sie eine Räuberbande gründen würden. Solche Schlaglichter wirft das Ensemble mühelos auf den Stoff und entlocken ihm damit fast beiläufig Gegenwärtigkeit und Relevanz. Dass hier ganz offensichtlich die Frauen im Mittelpunkt eines Männerstücks stehen und mit Amalia, eine der langweiligsten Liebenden der Literaturgeschichte, überhaupt nur eine Frau im Stück vorkommt, ist hier lässige Randnotiz statt feministischer Ausgangspunkt."

In einen wahren Befreiungstaumel gerät Nachtkritiker Maximilian Sippenauer, der hier nie profanen Feminismus gegen Schillers eigentlich freiheitsdurstigen Text in Stellung gebracht sieht: "Vergesst Konkurrenzdenken, Gefallsucht und Einsamkeit. Weg mit den deutschtümeligen Treckingsandalen und Wollsocken. Davon die restlichen Klamotten und hinein in die Freiheit der Böhmischen Wälder. Die vier knieen nieder zum Räuberschwur, planschen in den Pfützen der Gewitterwolke, die sich verzogen hat, deobjektivieren kurzerhand ihre Körper, führen selbstermächtigt mit ihren Brüsten ein Laserpistolen-Battle und läuten auf ihnen hernach die Siegermelodie Freiheit kündender Glocken."

Untragisch und dreigeteilt: Bastian Krafts "Lulu" am Residenztheater. Foto: Birgit Hupfeld

Gut angekommen ist bei Lutz auch Krafts "Lulu", die sich nicht auszieht, vor niemanden auf die Knie geht und auch nicht zu sterben bereit ist. "Chapeau", ruft Sabine Leucht in der Nachtkritik. In der FAZ freut sich Teresa Grenzmann, wie Lulus Aufbegehren die "Monstretragödie" in eine Komödie verwandelt: "Wedekinds Lulu ist nicht länger Projektionsfläche von Männerphantasien. 'Sehen Sie nicht, wie viel Kraft es kostet, hier die ganze Zeit gegen mein Schicksal als tragische Figur anzukämpfen?' Also kappt sie alles Tragische und schlüpft selbst in jede einzelne männliche Figur, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Schließlich sabotiert sie den letzten Akt und damit ihren eigenen Tod. Sie habe keine Lust zu leiden, trotzt sie dem Drama, entlässt alle Figuren und feiert sich selbst als 'modernen Mythos', phantasiert sich zur gefürchteten Männermörderin."

Weiteres: Mia Edlhiuber lässt sich mit großer Freude für ein Standard-Interview von Sophie Rois zum Tee einladen. Der Standard meldet auch die Verleihung der Nestroy-Preise unter anderem an Andrea Breth, Steffi Krautz und Steven Scharf.

Besprochen werden Markus Dietz' Inszenierung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" am Nationaltheater Mannheim (FR), "Alles ist Material" zu Hans-Thies Lehmann vor zwanzig Jahren erschiebenem Standardwerk "Postdramatisches Theater" im HAU (Tsp), Stephan Kimmigs Euripides-Sampler "Hekabe - Im Herzen der Finsternis" am Deutschen Theater in Berlin (Tsp), She She Pops "Kanon" im Berliner HAU (Nachtkritik), Jacques Offenbachs schräge Zauberoper "König Karotte" an der Wiener Volksoper (Standard), Malte Kreutzfeldts "Faust"-Inszenierung in Heilbronn (Nachtkritik).
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Film

Betrübliches hat Susanna Petrin aus Kairo zu berichten: Blühte auf dem Gelände des Studios Misr einst die ägyptische Filmindustrie auf, lässt sich dort nur noch Verfall beobachten - sofern überhaupt das Licht angeht, schreibt Petrin in der NZZ. Während die Bevölkerung des Landes rasant gewachsen ist, befindet sich die Filmproduktion mengenmäßig im freien Fall. Die Gründe: Keine Subvention, wenig verkaufte Kinotickets, Streaming, hohe Steuern und außerdem eine repressive Politik und deren Zensur. "Bei den wenigen Filmen, die überhaupt noch herauskommen, versuchen deren Macher meist, auf Nummer sicher zu gehen: mit Actionfilmen oder Komödien nach bekannten Mustern. Wo es schon der Mainstream schwer hat, ist die Lage für Independent-Filme fast hoffnungslos. Weil es in Ägypten für unabhängige Filmschaffende kaum etwas zu holen gibt, beantragen diese Fördergelder im Ausland. Doch das führe zu einer Art Umkehrproblem der Zensur, wie der Filmkritiker Adham Youssef beobachtet: 'Filmemacher wissen, dass ein eingereichtes Skript bei den europäischen Institutionen bessere Chancen hat, je mehr es deren Erwartungen entspricht.' LGBT-Themen und soziale Diskriminierung etwa kämen gut an. 'Nichts gegen diese Themen! Aber so entsteht ein einseitig verzerrtes Bild Ägyptens, basierend auf einem Außenblick.'"

Besprochen werden mit "The Report" mit Adam Driver und "Official Secrets" mit Keira Knightley zwei Whistleblower- und Aufdeckungsdramen (Welt), Richard Linklaters "Bernadette" mit Cate Blanchett (SZ, critic.de, unsere Kritik hier), Florian Koerner von Gustorfs "Was gewesen wäre" (Freitag), die Serie "Modern Love" (Freitag), die Serie "His Dark Materials" (Presse) und Hans Petter Molands Verfilmung von Per Pettersons gleichnamigem Roman "Pferde stehlen" (FAZ).
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Kunst

Etwas befremdet zeigt sich taz-Kritiker Patrick Guyton von der Ausstellung der Münchner Fotografin Ann-Christine Woehrl, die im Museum Fünf Kontinente recht verklärend kolumbianische Ex-Guerillas im Alltag dokumentiert: "Das ist Macho-Guerilla-Geprotze auf weiblich." Monopol hat die Top100 des Kunstjahres 2019 gekürt: "Hans Haacke auf Platz eins, Nan Goldin auf Platz zwei, Arthur Jafa und Hito Steyerl in den Top Ten." Absolut einverstanden ist Ingeborg Ruthe in der FR mit den Platzierungen, auch im Vergleich zur Liste Power100 der britischen Art Review.

Besprochen werden eine Ausstellung in der Sammlung Berggruen, in der sich der Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz nicht wirklich Pablo Picasso annähert (SZ), eine Ausstellung der sehr angesagten Hito Steyerl im Neuen Berliner Kunstverein (taz), zwei Norbert-Bisky-Ausstellungen in Berlin (Tsp) und Raphaela Vogels Schau "Bellend bin ich aufgewacht" im Kunsthaus Bregenz (FAZ).
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Stichwörter: Haacke, Hans

Literatur

"Das Klügste, was der Autor der 'Publikumsbeschimpfung' tun könnte, wäre der geordnete Rückzug und die Aufgabe unhaltbarer Verteidigungslinien", schreibt der Literaturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk im Standard. Das Argument, dass Autor und Werk zu trennen sei (dass sogar von Nobelpreis-Honoratioren vorgebracht wird), sei gerade bei Peter Handke nicht zu halten: "In der Tat sind die Intention des Autors und seine Biografie für die Interpretation seines Werkes nicht relevant. Aber Autor und Werk bedingen einander. Das Werk macht den Autor. Im Falle Handkes lässt sich zudem konstatieren, dass der gesamte Jugoslawien-Komplex (30 Jahre!) - von 'Die Wiederholung' über die Pamphlete bis hin zu Texten wie 'Die morawische Nacht' oder 'Die Kuckucke von Velika Hoca' - Teil des literarischen Werkes ist."

"Ich habe keine Chancen gegen die, und diese Leute haben keine Chancen gegen mich", sagt Peter Handke in einem Interview für die Kleine Zeitung, die das Gespräch allerdings hinter einer Paywall versteckt. Via Agentur zitiert die Presse immerhin einige Passagen daraus. Im wesentlichen wiederholt der umstrittene Nobelpreisträger offenbar seine Position, seine Texte aus und über Jugoslawien seien Interventionen gegen den damaligen Konsens in der Berichterstattung gewesen. "Dass er sich in dieser Sache verirrt habe, glaube er nicht, so Handke: 'Mein Spruch ist: Ich werde mich entschlossen verirren. Das steht am Ende eines Journalbandes. Es gibt nichts Fruchtbareres, als sich entschlossen zu verirren. Aber wenn das jemand zu Jugoslawien sagt, dann haue ich ihm links und rechts eine herunter. Ich habe mich im Leben ordentlich verirrt, manchmal auch mit Vorsatz, aber im Schreiben nicht.'"

Weiteres: Der Zwischenbuchhändler Libri hat sein Angebot von einer Million auf 750.000 Titel reduziert und dabei vor allem kleine Verlage aussortiert, berichtet Jens Uthoff in der taz nach einem entsprechenden Appell der Kurt-Wolff-Stiftung und stellt klar, dass die Bücher durchaus lieferbar sind, nur eben nicht über Libri. Hannah Bethke berichtet in der FAZ von einem Anti-Brexit-Abend in Berlin mit den vier britischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern Ken Follett, Kate Mosse, Jojo Moyes und Lee Child (hier zum Nachhören). Im Standard würdigt Wolf Scheller den Nobelpreisträger André Gide, der vor 150 Jahren auf die Welt kam. Im Literatur-Feature für den Dlf Kultur erinnert Helmut Böttiger an die "Neue Frankfurter Schule" und die westdeutsche Literatur nach 1968.

Besprochen werden Annie Ernauxs "Die Frau" (Tagesspiegel), Roberto Bolaños "Monsieur Pain" (Zeit), Fran Ross' im Original bereits 1974 erschienener Roman "Oreo" (Tagesspiegel), Garry Dishers Krimi "Hitze" (FR), Martin Walsers "Mädchenleben" (online nachgereicht von der FAZ), Christoph Poschenrieders Roman "Der Unsichtbare" über den Schriftsteller Gustav Meyrink (SZ), Jackie Thomaes "Brüder" (Presse), Slobodan Šnajders' "Die Reparatur der Welt" (Standard), ein Luxusband mit den farbigen Sonntagsseiten des Comicklassikers "Krazy Kat" (Tagesspiegel) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Ole Könneckes Western "Desperado" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Johann Wolfgang Goethes "Lasst mich weinen!":

"Lasst mich weinen! umschraenkt von Nacht,
In unendlicher Wüste.
Camele ruhn, die Treiber desgleichen,
..."
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Musik

Beim Berliner Festival Right the Right ging es ums Urheberrecht, berichtet Julian Weber in der taz. Unter anderem stellte die australische Juraprofessorin Weatherhall ein Splitting-Konzept mit einer "radikalen Fristenänderung" vor, bei dem Investoren zunächst an Künstlertantiemen mitverdienen sollen. Doch das "Urheberrecht an Werken solle bereits nach zehn Jahren verwirken und jeweils neu verhandelbar sein, um dann in einer zweiten Phase vollumfänglich den Künstlern zugeschlagen zu werden. Das ungleiche Kräfteverhältnis im 'Plattform-Zeitalter' müsse dringend reformiert werden, sagte Weatherall. Das öffentliche Interesse an Kultur wiege mehr als die Technologisierung kultureller Praktiken, die die großen Internetkonzerne unter Geheimhaltung vorantreiben. Hier müsse regulatorisch eingegriffen werden. Angesichts der fehlenden Transparenz von Internetdiensten wie Spotify, definierte die Australierin deren 'Blackbox-Geschäftsgebaren' als Überfluss-Kapitalismus (overabundance capitalism). Man müsse sich gegen das Fluten aller Medienkanäle mit guter Musik wehren." So recht vom Hörer her gedacht klingt das aber auch nicht gerade.

Weiteres: Nicholas Potter erkundigt sich für die taz nach der Lage weiblicher DJs. Michael Stallknecht (SZ) und Laszlo Molnar (FAZ) berichten von der musica viva in München, dessen "Happy New Ears"-Preis in diesem Jahr an den Würzburger Komponisten Klaus Ospald ging. Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass blindes Vorspielen für Orchesterstellen gegenüber Bewerberinnen doch nicht fairer sei, berichtet Marc Neumann in der NZZ. In seinem Klassiker-Blog berichtet Manuel Brug von seinen Musik-Streifzügen durch New York. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Oliver Camenzind über Taxis "Campari Soda".

Besprochen werden das Debütalbum der Wiener Band Dives (Standard), das Solodebüt des Rammstein-Sängers Till Lindemann (Tagesspiegel) und Thom Zimnys in voller Länge auf Youtube gestellter Dokumentarfilm "The Gift" über Johnny Cash (SZ).
 
Archiv: Musik