Per Petterson

Pferde stehlen

Roman
Cover: Pferde stehlen
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446207349
Gebunden, 247 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Norwegen im Sommer 1948: Der fünfzehnjährige Trond verbringt die Ferien in einer Hütte nahe der schwedischen Grenze. Als in der Nachbarsfamilie ein schreckliches Unglück geschieht, entdeckt der Junge das wohlgehütete Lebensgeheimnis seines Vaters. In den Kriegsjahren hatte dieser zusammen mit der Nachbarin politisch Verfolgte über den Fluss gebracht. Und sich dabei für immer in diese Frau verliebt. Noch ahnt Trond nicht, dass er seinen Vater nach diesem gemeinsamen Sommer nie wiedersehen wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.07.2006

Eine "geradezu provozierende Langsamkeit" attestiert Kristina Maidt-Zinke diesem Roman über die Erinnerungen an einen norwegischen Sommer, den Per Petterson vorgelegt hat. Langweile stellt sich bei ihr allerdings keine Sekunde ein. Die Geschichte des 67-jährigen Trond Sander, der das Stadtleben aufgibt, um in der Stille der skandinavischen Natur in sich hineinzuhören, scheint einen eigenartigen Sog zu entwickeln, dem sich die Rezensentin nicht entziehen kann. Zumal dann, als Sanders Einsamkeit durch die Begegnung mit einem Jugendfreund gestört wird, die in ihm Erinnerungen weckt an einen gemeinsam verbrachten Sommer, der in Schrecken endete. Beeindruckt hat Maidt-Zinke auch Pettersons "ruhige, kraftvolle, niemals angestrengte Prosa".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.07.2006

Christoph Schröder hat Per Pettersons Roman über einen Mann, der in der Einsamkeit Ostnorwegens auf den Tod wartet, sehr gefallen. "Pferde stehlen" sei ein "unaufgeregtes und lebenskluges" Buch, meint der Rezensent, in dem das alltägliche Leben des 67-jährigen Aussteigers detailgesättigt beschrieben wird, unterbrochen von Erinnerungen. Immer wieder ist der Mann mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Personen aus seiner Jugend tauchen wieder auf und damit unangenehme Erinnerungen. Die Passagen, in denen Trond aber ganz alleine mit seinen Gedanken ist, hält der Rezensent für die besten. Schröder lobt außerdem die "einfache, klare und schnörkellose" Sprache des Autors, dem es gelungen ist, einen großartigen Roman zu schreiben, der bewegt, ohne pathetisch zu sein.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.04.2006

Christoph Bartmann ist ergriffen: "Eindringlicher als Per Petterson kann man von Leuten in ihrer Landschaft nicht erzählen", so lautet das kritische Fazit seiner mit Heideggerschen Untertönen versehenen Rezension. In der Sprache Pettersons sei die "Weite", "Härte", "Schönheit" und "Gleichgültigkeit" der norwegischen Natur eingefangen, so der Rezensent, und in der Umsetzung bedeutet das, dass Pettersons Sprache eine "rhythmische, frei atmende, manchmal wehmütige und fast schmerzhaft konkrete Sprache" ist. Erzählt wird in dieser Sprache vom alten Trond, 67, der sich, an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt, an die Ereignisse der Kriegszeit erinnert: Wie sein Vater ein Verhältnis hatte mit der Nachbarsfrau, wie die beiden gemeinsam im Untergrund gegen die nationalsozialistischen Besatzer operierten, wie der eine Sohn der Nachbarn aus Versehen den anderen erschoss. Von solcher Zeit von "Idyll und Drama" erzählt Petterson "zutiefst und willentlich unwitzig, ja sogar ideenarm", wie Bartmann feststellt. Denn anstatt sich, wie die modernen Medien, in der Darstellung von Ideen zu verstricken, erzählt der norwegische Autor lieber "von den tatsächlichen Verrichtungen arbeitender Menschen im ländlichen Raum". Das sei selten, und also, folgert Bartmann, sei es poetisch. Den geschilderten Ereignissen eigne eine ganz eigene Evidenz, "so ruhig und so leuchtend" komme das alles daher.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.02.2006

Bei Petterson könne man "weise" werden, schreibt Andreas Breitenstein voller Ehrfurcht. Der Roman erzähle aus der Ich-Perspektive des 67 Jahre alten Trond Sander, der sich bewusst in die Einsamkeit im Osten Norwegens zurückgezogen habe. Tronds Natursehnsucht ziele auf eine Art "mystische Umarmung", die er zuletzt immer mehr herbeiwünscht. Petterson, so der Rezensent, lasse seinen Helden aber "lebendig zurück" und erzähle gerade dort von der "Würde des Sterbens", wo Trond in aller Not, mit seiner Situation umzugehen, gezeigt wird. Aus Sicht Breitensteins besteht die ganz besondere Kunst Pettersons darin, sowohl die "Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit", als auch zwischen Innenwelt und äußerer Natur "fließend" zu halten. Sprachlich sei der Roman "unspektakulär" gehalten, schließt der Rezensent, doch enthalte er eine "betörende Poesie des Werdens und Vergehens".
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